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Hermann Mückler, Gerald Faschingeder (Hrsg.): Tradition und Traditionalismus

Cover Hermann Mückler, Gerald Faschingeder (Hrsg.): Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2012. 280 Seiten. ISBN 978-3-85371-343-3. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR.

Reihe: Edition Historische Sozialkunde - Internationale Entwicklung.
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Das Wiedererwachen der Tradition

Es ist schon erstaunlich – oder auch nicht? – dass in den Zeiten der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt, in der sich kulturelle und zivilisatorische Trends angleichen, und in der konsumtive Tendenzen der Jeansisierung, der MacDonaldisierung und Cocacolisierung globale und scheinbar unaufhaltbare Ausmaße angenommen haben, dass Traditionen, gepaart mit Individualismen (und Egoismen), eine zunehmende Bedeutung und Aufmerksamkeit erlangen. Es braucht nicht der etwas platten, fingerzeigartigen Einschätzung, dass man sich nur darauf verlassen solle, bewährtes Vergangenes auch in der Gegenwart und Zukunft zu denken und zu tun – „Das haben wir schon immer so gemacht!“; vielmehr bedarf es des Nachdenkens darüber, wie sich traditionelles Denken und Handeln in der jeweiligen kultur- und mentalitätsgeschichtlichen Situation der Menschen darstellt und als Identität wirksam ist.

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Weil Traditionen sich in vielfältigen Formen zeigen und kontextuell auftreten, sind die wissenschaftlichen Zugänge zu der Frage was Traditionen sind und sich als Traditionalismen verdeutlichen, interdisziplinär zu betrachten, wobei die anthropologischen und ethnologischen Aspekte gewissermaßen Leitfunktionen haben können. Die Selbst- (und durchaus auch die Fremd-)identifikationen bei der Beschreibung und Zuordnung zu einer Tradition, etwa einer Volksgruppe oder Nation, hat sowohl identitätsstiftende, als auch ab- und ausgrenzende Bedeutung: „Ethnische Identität (ist) immer das Produkt externer und interner Definition“.

Der Wiener Verein für Geschichte und Sozialkunde und die entwicklungspolitische NGO, Südwind, haben den Sammelband initiiert. Das verweist darauf, dass die Auseinandersetzungen über Traditionen und Traditionalismen sowohl lokal, als Abgrenzung und Selbstdefinition, als auch global, als Vielfalt der Menschheit, geführt werden müssen. Die Herausgeber des Diskursbandes zum Thema Tradition und Traditionalismus, der Kultur- und Sozialanthropologe der Universität Wien und Präsident der Anthropologischen Gesellschaft Wien, Hermann Mückler und der Direktor des Paulo-Freire-Zentrums für transdisziplinäre Entwicklungsforschung und dialogische Bildung in Wien, Gerald Faschingeder, lassen, wie Mückler im einführenden Text „Tradition und Traditionalismus – Zur Rolle und Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts“ verdeutlicht, „VertreterInnen möglichst vieler Fachdiziplinen zu Wort kommen…, (die) geeignet sind, um der Komplexität des Themas gerecht zu werden“.

Aufbau und Inhalt

Es sind, neben den beiden Herausgebern, 11 Autorinnen und Autoren, die fachspezifisch und wissenschaftssystematisch die Thematik zu den Bereichen Europäische Ethnologie, Entwicklungsforschung, Kultur- und Sozialanthropologie, Wirtschafts- und Sozialgeschichte diskutieren und so ein Kompendium vorlegen, das geeignet ist, historisch und aktuell auf die Entstehung und Instrumentalisierung von Traditionen aufmerksam zu machen, sowie die lokalen und globalen Phänomene eines „Wiedererwachens der Tradition“ aufzugreifen.

Der wissenschaftliche Leiter der Österreichischen Gesellschaft für politische Bildung, Hakan Gürses, setzt sich in seinem Beitrag „Verzeitlichung – Entzeitlichung“ mit der Rolle der Texthermeneutik bei der Konstruktion von Traditionen auseinander. Er arbeitet dabei unterschiedliche Bedeutungsebenen des Traditionsbegriffs heraus und zeigt auf, dass „der politisch-hermeneutische Kreis zwischen Tradition, Kommentar und Kritik ( ) heute als Gradmesser (fungiert), um Gesellschaften zu taxieren“, und zugleich zu universalisieren und zu legitimieren.

Gerald Faschingeder thematisiert „religiöse Traditionalismen“ und zeigt auf, dass „Religionen ( ) jenes soziale Feld zu sein (scheinen), auf dem Traditionen und Traditionalismen an besten gedeihen“. An historischen und aktuellen Beispielen im Hinduismus, Islam und Christentum des 19.Jahrhunderts zeigt er auf, dass „die religiösen Traditionalismen des 20. und 21. Jahrhunderts ( ) wiederum auf jenen des 19. Jahrhunderts (fußen)“ und eine Verdoppelung des Traditionalismus darstellen.

Der Wirtschafts- und Sozialgeschichtler der Universität Innsbruck, Andreas Exenberger, reflektiert „wandelbare Traditionen“, indem er diskutiert, „wie Benennungen Identitäten und historische Realitäten schaffen“. Dabei plädiert er für eine Umdeutung von Geschichte als Menschheitsgeschichte und zeigt auf, dass „Geschichte…täglich in einem von Machtfragen durchzogenen diskursiven Prozess neu geschrieben (wird)“.

Der Wiener Ethnologe Franz Grieshofer bezieht sich in seinem Beitrag auf den „Umgang der Volkskunde / Europäischen Ethnologie mit dem Begriff ‚Tradition?“. Er zeigt die traditionellen Zugangsformen, Wertorientierungen und überlieferten Ordnungen in der Volkskunde auf und weist auf den Paradigmenwechsel hin, der sich in vier Phasen vollzieht und dabei die zeitlichen, volkstümlichen, kulturellen und wandelbaren Phänomene einbezieht.

Der am Innsbrucker Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie tätige Andreas Oberhofer erklärt in seinem Text „Traditionen um ‚Anno neun“ und ihr Zusammenhang mit gängigen Tirol-Klischees“, warum Andreas Hofer niemals UNESCO-Weltkulturerbe werden wird. Weil der Mythos ein Gemachter, ein „Making of Tradition“ ist und somit nicht zu den „authentischen“ Traditionen gerechnet werden kann.

Eric Pfeifer berichtet über seine Studienarbeiten der Internationalen Entwicklung an der Wiener Universität, indem er „Traditionalisierungsprozesse im Spannungsfeld von Kolonialismus und Nationalismus“ in den Jahren 1871 bis 1943 darstellt. An zahlreichen historischen Beispielen aus der deutschen Kolonial- und Nationalismus-Geschichte zeigt er auf, „dass sich Nationalismus und Kolonialismus in einer komplexen Weise teils bedingten und gegenseitig verstärkten, teils aber auch widersprachen“.

Hermann Mückler setzt sich auseinander mit „Tradition und Traditionalismus in der Kultur- und Sozialanthropologie“, indem er Zugänge, Perspektiven und ein Beispiel aus Ozeanien vorstellt. Die Auseinandersetzung mit überliefertem Wissen steht dabei im Vordergrund, und die Theorien und Methoden als beschreibende, vergleichende und reflexive Forschungsansätze bestimmen die kultur- und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen.

Gabriele Weichart, Wiener Kultur- und Sozialanthropologin, stellt in ihrem Beitrag „Indigene Kunst, Kultur und Tradition in Australien“ einen Wandel in der in- und ausländischen Aufmerksamkeit für das künstlerische Schaffen der „Aborigines“ fest. Die vielfach auf dem „Dreaming“ und der traditionellen Kosmologie beruhenden kunsthandwerklichen und künsterischen Werke unterliegen zwar nicht mehr dem „exotischen“ Blick der in- und ausländischen Kunstinteressenten; doch die Ab- und Ausgrenzungen, wie auch die zögerlichen Integrationsbemühungen der (Fremd-)Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Indigenen bestehen weiterhin. Die spirituelle Ablösung der Kunstprodukte von der Tradition und die Marktsituation jedoch trägt nur in Ausnahmefällen dazu bei, dass sich eine Pan-Aboriginal Identität entwickeln könnte.

Nikolaj Grilc spricht von „Jugonostalgie“, wenn er die „Erinnerungskultur in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und in der Diaspora“ thematisiert. Exemplarisch untersucht er in seinem Beitrag zum einen „die postsozialistische Nostalgie als Reaktion auf den Systemwechsel und zweitens als Reaktion auf die gesellschaftlichen Veränderungen“. Dabei sieht er sowohl Chancen für eine Identitätsbildung und Versöhnungspolitik, aber auch die Gefahren bei diesem kollektiven nostalgischen Erinnern.

Der Wiener Sinologe Richard Trappl reflektiert „Theorie und Praxis zwischen Traditionalismus, Wertewandel und Instrumentalisierung“ am Beispiel der „Anti-Konfuzius-Kampagne“ bis zur (derzeitigen) Gründung von „Konfuzius-Instituten“ in China. In diesem (Modernisierungs-)Prozess erkennt der Autor auch „ein Know-how im chinesischen Kulturkreis, das aus einer jahrtausendelangen Kulturtradition schöpft, … das sowohl zentristisch genug ist, Bestand zu bewahren…, als auch aufnahmefähig genug ist, die unterschiedlichsten Impulse von außen zu integrieren“.

Die am Wiener Institut für Kultur- und Sozialanthropologie tätige Marie-France Chevron betrachtet „Traditionalisierungen im Alltag zwischen Ökonomie und Identitätsfindung“, indem sie verdeutlicht, welche Einflüsse, Habhaftwerdungen und Identitätsprozesse beim „Streben nach dem Anders-Sein und nach dem Sich-Selbst-Sein“ wirksam werden, und sie weist darauf hin, dass die „zunehmende Ambivalenz und Mehrdeutigkeit der Welt ( ) immer mehr zu einer Flucht von Individuen in imaginäre Welten (führt), weil sie die undurchschaubare Polyfonie der globalisierten Wirklichkeit mit ihren Beliebigkeiten und Widersprüchlichkeiten nicht mehr ertragen“.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am deutschen Institut für Japanstudien in Tokio, Susanne Klien und der Historiker der Universität Bern, Patrick Neveling, beschließen den Diskursband, indem sie über „die Dekonstruktion von Traditionen als Macht- und Klassenfrage“ sprechen und damit auf das „Erfindungsparadigma“ hinweisen. Sie nehmen dabei Bezug auf die verschiedenen, theoretischen Rollenmodelle, wie sie zur „Erfindung der Tradition“ im wissenschaftlichen Diskurs diskutiert werden und sich bei den verschiedenen Identitäts-„Erfindungen“ zeigen. Das Autorenteam macht dabei „auf den unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem gesellschaftspolitischen Umgang mit und der Wahrnehmung von Traditionen und dem jeweiligen Zeitalter“ aufmerksam.

Fazit

Die Unterschiedlichkeiten von Tradition und Traditionalismus zeigen sich in Realitäten und Realitätsverkennungen. Traditionelles Denken und Handeln kann sich sowohl in Fehldeutungen und -einschätzungen, als Einbildung, Immagination, Erdichtung, Fiktion, Trugbild oder Wunschtraum darstellen, als auch als stabile Werthaltung und Weitergabe von Handlungsmustern, Überzeugungen, Glaubensvorstellungen… zeigen. In der sich radikal wandelnden, scheinbare Gewissheiten produzierenden und Ungewissheiten schaffenden (Einen?) Welt sind Menschen auf Traditionen angewiesen, wie sie auch in die Falle von Gewohnheiten und „Wahrheiten“ tappen können.

Anthropologisch sind Traditionen (Identitäts- und Macht-)Funktionen, um Legitimität zu erzeugen und Werte- und Verhaltensnormen einzuüben. Falschen Traditionen aufzusitzen kann individuelle, kulturelle und gesellschaftliche Identitäten fehlleiten oder gar zerstören. Es ist deshalb verdienstvoll und im wissenschaftlichen Diskurs weiterführend, wenn die aus verschiedenen Disziplinen und Theorie- und Denkansätzen argumentierenden Expertinnen und Experten zur Instrumentalisierung des Identitätskonzepts „Tradition“ Positionen beziehen und Anstöße zur Auseinandersetzung mit Traditionalismus, lokal und global, vermitteln.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.08.2012 zu: Hermann Mückler, Gerald Faschingeder (Hrsg.): Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts. Promedia Verlagsgesellschaft (Wien) 2012. ISBN 978-3-85371-343-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12770.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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