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Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (Hrsg.): Kinder vor der Kiste

Rezensiert von Dorothea Dohms, 14.06.2012

Cover  Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (Hrsg.): Kinder vor der Kiste ISBN 978-3-86764-368-9

Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (Hrsg.): Kinder vor der Kiste. Was sie sehen und wie sie damit umgehen. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2012. 120 Seiten. ISBN 978-3-86764-368-9. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Vorbemerkung

Das Magazin „tv diskurs“ wird herausgegeben von der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) mit Sitz in Berlin. Verantwortlicher Chefradakteur ist Prof. Joachim von Gottberg. Der gemeinnützige Verein besteht aus 18 privaten Mitgliedssendern und etwa 100 ehrenamtlichen Prüfern, die aus Bereichen der Pädagogik und Medienkritik stammen. Gegründet wurde er 1993. Seitdem arbeitet ein unabhängiges Kuratorium an den Prüfungsgrundsätzen und Kriterien für die Programmbeurteilung. Seine derzeit 16 Mitglieder arbeiten ebenfalls auf den Gebieten der Pädagogik und Kommunikationswissenschaften oder im praktischen Jugendschutz. Die Einschätzung dreier Wirkungsrisiken spielt, ähnlich wie bei der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft), bei der Beurteilung des Angebots für Kinder und Jugendliche eine zentrale Rolle:

  1. Nachhaltige und übermäßige Ängstigung,
  2. Förderung und Befürwortung von Gewalt und
  3. sozialethische Desorientierung.

Inhalt

Deutschland als „Kinderfernsehparadies“ (Tilmann P. Gangloff) bietet heute dem Nachwuchs mit über 400 Stunden Programm und drei großen Kinderkanälen (Ki.Ka, Super RTL und Nickelodeon) ein stolzes Angebot. Doch liegt der Durchschnittswert der Zeit, die die Kleinen vor dem Fernseher verbringen, seit Jahren konstant bei rund 90 Minuten. Und die nostalgisch geprägte Frage nach der Qualität und dem Stellenwert der Programme früherer Fernsehzeiten im Vergleich zum heutigen Angebot will nicht verstummen. Vor 40 Jahren wetteiferten zwei öffentlich-rechtliche Lager um die „rechte Lehre“ beim kindgerechten Angebot: hie die Fraktion der pädagogisch Bewegten (ab 1972 „Die Sesamstraße“), dort die vor allem im WDR von Gert K. Müntefering, mit Dieter Saldecki einer der Väter der „Sendung mit der Maus“, vertretene Ansicht, auch Kinder hätten ein Recht auf Unterhaltung. Unzweifelhaft hatte das Fernsehen dieser über die Jahre ausgetragenen Grundsatzdiskussion, die am Ende in einen Kompromiss mündete, viel zu verdanken. Gut 15 Jahre später, mit der Einführung des kommerziellen Fernsehens, sanken die Quoten bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Für Super RTL, dominiert von der Walt Disney Company, und Nickelodeon, ebenfalls Ableger eines amerikanischen Mutterkonzerns, spielte die Frage nach dem Marktanteil die entscheidende Rolle, nicht aber die nach der Qualität. Erst mit der Gründung eines eigenen Kinderkanals 1997 gewann die Qualitätsgarantie in der Medienlandschaft ihre Bedeutung zurück.

Welche Programme sind eigentlich geeignet für Kinder unter 3, bzw. von 3 bis 5 und später dann zwischen 10 und 13 Jahren? Sollten Kinder unter 3 Jahren überhaupt fernsehen? Diesen und weiteren Fragen zum Fernseh-Verhalten und -Angebot geht Joachim von Gottberg im Gespräch mit Maya Götz nach. Einfache Handlungen und kurze Erzählsequenzen sind bei den Kleinsten gefragt („Caillou“), Tiere als Projektionsflächen beliebt („Der kleine Eisbär“). Mit zunehmendem Alter dann entsteht der Wunsch nach Abenteuer und Action („Pippi Langstrumpf“), und etwa ab dem 10. Lebensjahr werden Sendungen wie „Hannah Montana“ oder „Die wilden Hühner“ interessant, die ihren Beitrag leisten zur Identitätsfindung der jugendlichen Zuschauer. Die Zeit des „Erwachsenenfernsehens“ beginnt vorrangig als Familienfernsehen und ihre Favoriten sind schnell auszumachen. Sie heißen DSDS („Deutschland sucht den Superstar“), GZSZ („Gute Zeiten, schlechte Zeiten“) und GNTM („Germany's next Topmodel“) und spiegeln eine „Herausforderung wider, die unsere Kinder nicht nur in der Schule bewältigen müssen“. Vor allem die Castingshows mit ihren oft rüden Protagonisten Bohlen und Klum, mit ihre Fokussierung auf das äußere Erscheinungsbild, auf die „Präsentation des eigenen idealen Körpers“ und mit ihren Ritualen der Anpassung und Unterordnung erlauben offenbar eine starke Identifizierung, deren Wert es zu hinterfragen gilt. Auch die vielen sogenannten Script-Reality-Formate, allen voran die Pseudo-Doku-Soaps über Familienkonflikte, die die Gerichte beschäftigen, müssten sich einer kritischeren Betrachtung stellen, denn immerhin denken etwa 30 % der Kinder und Jugendlichen, die „Familien im Brennpunkt“ sehen, das sei dokumentiert. Das allzu oft präsentierte „Gut-Böse-Schema“ ist als „nachhaltiges Konfliktmanagement“ für ältere Jugendliche ebenso wenig geeignet, wie eine oftmals „weichgespülte Welt…, die nicht wirklich ihre emotionale Realität trifft“.

Immer noch, so stellen Sabine Feierabend und Sascha Blödorn fest, hat das Fernsehen, allen Unkenrufen zum Trotz, im Zeitalter der Computerspiele und „Social Communities“ die höchste „Alltagsrelevanz“, wobei das Wochenende nach wie vor die „Fernsehzeit Nummer eins“ bleibt – und Mädchen mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen als Jungen. Super RTL, Ki.Ka und Nickelodeon, die zusammen etwa drei Viertel des täglichen Angebots bereitstellen, sind somit bei den jugendlichen Konsumenten die erfolgreichsten Sender. Und „Wickie und die starken Männer“, der Eurovision Song Contest und die Fussball-WM die erfolgreichsten Sendungen.

Hingegen bedauert Ole Hofmann, dass ein beachtlicher Teil des Programmangebots vor allem für die Jüngsten als „Angebot zur falschen Zeit konträr zur realen Nutzungszeit der Kinder“ gesendet wird. Bei den dritten Programmen mit ihren oft anspruchsvolleren Sendeformaten sind es bis 9.15 Uhr bereits 70 % ! Zwischen 18.00 Uhr und 20.30 Uhr, der „Primetime“ für Kinder, bietet fast ausschließlich nur noch der Ki.Ka Kinderprogramme an. Ab dann beginnt die „Familien(fernseh)-zeit“. Der gesellschaftliche Auftrag, den sich die Sender so gerne auf ihre Fahnen schreiben, kann mit einem solchen Programmschema wohl kaum erfüllt werden, und ihr Ehrgeiz, als Vollprogramme wahrgenommen zu werden, läuft ins Leere.

Bei seinem kurzen Ausflug in 40 Jahre DDR-Kinderfernsehen, das von Beginn an gleich 4 Maximen unterworfen war (sozialistische Erziehungsleistung, unterhaltsam, künstlerisch wertvoll und der Konkurrenz aus dem Westen überlegen), lässt Sven Hecker noch einmal die damals bekannten Fernsehlieblinge wieder auferstehen: Den kleinen Kobold Pittiplatsch und die Kasperlefiguren Flax und Krümel, Clown Ferdinand und Professor Flimmrich, Meister Nadelöhr – und natürlich das unsterbliche Sandmännchen, das seit 1959 die Westkonkurrenz zu Recht niemals fürchten musste.

In den Niederlanden (Claudia Mikat im Gespräch mit Cathy Spierenburg) versucht man seit einiger Zeit, etwas auf die Beine zu stellen, was nach Ansicht aller Autoren in unserem Land dringend notwendig wäre: in Form der Onlinedatenbank „mediasmarties“ ein vor allem der Elterninformation dienendes „Empfehlungssystem für positiv wirkende Kindermedien“. Dieses System soll – neben dem unter Jugendschutzgesichtspunkten entwickelten Klassifizierungssystem „Kijkwijzer“, das über mögliche Gefährdungen von Sendungen informiert – sich vor allem der „Eignung“ von Kindersendungen widmen. Themen, Inhalte und Altersphasen spielen in diesem unabhängigen Bewertungssystem, das von Studierenden, angehenden Lehrern, Sozialarbeitern und Erziehern entwickelt und betreut wird und sich über das Fernsehangebot hinaus auch um Filme, DVDs, Spiele, Webseiten und Apps kümmert, eine vorrangige Rolle. Die Finanzierung hat zunächst das Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft übernommen, doch ist fraglich, ob das ehrgeizige Projekt mit einem eigenen Geschäftsmodell und eigener PR der bisher eher schleppenden Nachfrage bei Eltern, Lehrern und Erziehern wird entgegenwirken können.

Zum Ende hin darf natürlich auch ein Überblick über die amerikanischen Highlights und Dauerbrenner (Lothar Mikos u.a.) nicht fehlen. Allen voran die auch bei uns geliebten klassischen Disney-Vertreter, die Cartoons (Tom und Jerry, Die Flintstones) und Märchenfilme (Snow White, Pinocchio, Cinderella), und später dann die Animationsserien (Popeeye) und Comic-Helden (Superman, The Incredible Hulk, Sheena, Queen of the Jungle). Nicht zu vergessen die besondere Rolle, die im US-amerikanischen Fernsehen die vermenschlichten Tiere (etwa Bugs Bunny) spielen, in deren Verhalten sich menschliche Eigenschaften, Lebens- und Denkweisen auf überspitzt parodistische oder einfach nur komische Weise widerspiegeln. Doch trotz des scheinbar vielfältigen amerikanischen Angebots an Kinderserien lässt sich auch hier nicht übersehen, dass es die vielbeschworene, abwechslungsreiche Angebotspalette eigentlich nicht gibt, die Programme der einzelnen Sender sich mehr und mehr einander annähern, das US-Kinderfernsehen von Wiederholungen geprägt ist.

Hierzu passt für deutsche Verhältnisse auch die Feststellung von Klaus-Dieter Felsmann, dass „ästhetische Maßstäbe“ hinter „technologisch determinierte Größenordnungen“ zurücktreten müssen, dass in einer Programmgestaltung, die vom formatierten Gestaltungsschema bestimmt wird und als „reines Wirtschaftsgut“ zu funktionieren hat, ambitionierte Kinderfilmproduktionen so gut wie chancenlos bleiben müssen und zudem dem Druck der Quote kaum werden standhalten können. „Formatierte Eintönigkeit langweilt“, stellt der Autor fest. Doch die Suche nach Alternativen gestaltet sich schwierig, derweil die „lieben Kleine“ sich eher vor einer DVD mit einem beliebten Kinderklassiker vergnügen, als sich durchs „ewig fließende Häppchenfernsehen“ zu zappen – auf der Suche nach Formaten, die „ihnen gut tun“.

Fazit

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die vorliegende Schrift eher im Gewand einer besseren, soll heißen: ambitionierten Zeitschrift einher kommt, deren Artikel, Interviews, persönliche Statements, Buchbesprechungen, Empfehlungen und werbeaffinen Unterbrechungen den ihnen übergeordneten Titel hin und wieder vergessen lassen. Ein eher lockerer Einstieg also in eine ernst zu nehmende Thematik. Eltern und ErzieherInnen lernen einmal mehr: Es muss sich etwas ändern auf dem Gebiet der Medienkompetenz und dem Medienschutz vor allem der Kinder. Die so oft beschworene Programmvielfalt bedeutet keineswegs Programm-Individualität oder gar -Innovation. Und schon gar nicht bedeutet sie Qualität. Die Zwänge der Marktwirtschaft und des formatierten Produktionsschemas erzeugen Eintönigkeit und die von Fremdproduktionen bestimmten Angebote der Privatsender haben dem Niveau der Kindersendungen aus den Anfangsjahren des (öffentlich-rechtlichen) Fernsehens nur geschadet. Was sich ändern müsste, wird, wie schon in den vergangenen Jahrzehnten, weiterhin Sujet von endlosen, kontrovers geführten Diskussionen sein, deren Kapitulation vor der Macht des Marktes voraussehbar bleibt.

Rezension von
Dorothea Dohms
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Zitiervorschlag
Dorothea Dohms. Rezension vom 14.06.2012 zu: Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen e.V. (Hrsg.): Kinder vor der Kiste. Was sie sehen und wie sie damit umgehen. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2012. ISBN 978-3-86764-368-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12774.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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