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Tomke König: Familie heißt Arbeit teilen

Cover Tomke König: Familie heißt Arbeit teilen. Transformationen der symbolischen Geschlechterordnung. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2012. 250 Seiten. ISBN 978-3-86764-355-9. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Der größte Teil des Buches ist im Rahmen eines Forschungsprojekts entstanden, das vom Schweizer Nationalfond finanziert wurde. Die Universität Basel hat die Autorin mit einem Förderstipendium und diversen Lehraufträgen materiell unterstützt.

Thema und Zielsetzung

Anhand zahlreicher qualitativer Interviews mit Paaren analysiert die Verfasserin, wie Familien die anfallenden Arbeiten organisieren, wie sie sich darüber verständigen und in welche Arrangements diese Auseinandersetzungen münden (S.11) Es geht darum herauszufinden, ob eine paradoxe Gleichzeitigkeit von Persistenz und Wandel der Geschlechterverhältnisse besteht, Familienformen sich vervielfältigen, neue Formen der (innerfamilialen) Arbeitsteilung entstehen, aber auch Beharrungsmomente hervortreten, die eine geschlechtstypisierende Arbeitsteilung nach wie vor als Geschlechternorm perpetuieren.

Wenn man so will, ist dieses Buch eine empirische Überprüfung der Analyse von P. Bourdieu zur „Theorie der männlichen Herrschaft“, den dort ausformulierten Überlegungen zur Reproduktion männlicher Herrschaft und die Herausbildung eines geschlechtsspezifischen Habitus, aber auch die Frage nach den Bedingungen für dessen Wandel.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in fünf themenbezogene Hauptkapitel:

  1. Eine interpretative Analytik von Geschlechterarrangements. Gesellschaftliche Hintergrund – theoretische und methodologische Überlegungen
  2. Hausarbeit sichtbar gemacht. Arbeitsteilung jenseits von Selbstverständlichkeit und Naturalisierung
  3. Die Sorge um die Kinder im Privaten. Mütter und Väter in einer geschlechtlich differenzierten und differenzierenden Welt
  4. Ein lebenswertes Leben Alle nach Fähigkeiten und Bedürfnissen
  5. Ordnung familialer Geschlechterarrangements. Die Verbindung von Wandel und Persistenz in der Lebenspraxis von Paaren

Ad I: Zur Untersuchungsmethode

Die Autorin interviewte 25 Paare in Westdeutschland und in der deutschsprachigen Schweiz. Die sieben in der Schweiz durchgeführten Interviews sind bereits schon vor einigen Jahren im Rahmen einer Studie am Zentrum Gender Studies der Universität erfolgt und bereits 2004 (in: König/Maihofer) publiziert worden. Etwa zwei Wochen nach dem Paarinterview wurden zusätzlich Einzelinterviews mit den jeweiligen Partner/innen geführt. Grundlage war für beide Gesprächsrunden ein komplexer Leitfaden, der im Anhang abgedruckt ist.

Die Verfasserin hält fest: „Die Grundgesamtheit des Samples ist durch drei Merkmale definiert: das Alter der Kinder, die Milieuzugehörigkeit der Paare und die Erwerbsbeteiligung der Partner_innen. [Diese Schreibweise wird von der Autorin durchgehend für das Buch praktiziert und wird bei Originalzitaten deshalb auch von mir übernommen, F.V.]. Da sich die Anforderungen an die Arbeitsteilung im Zuge der Familiengründung verändern, werden Paare ausgewählt, deren Kinder zum Zeitpunkt der Interviews nicht älter als zehn Jahre waren“ (S.27).

Die Grundlage war also keine Zufallsstichprobe, vielmehr wurden die Probanden anhand theoretischer Überlegungen ausgewählt, die gewährleisten sollten, dass durch die Interviewten vielfältiges Material zum „Wandel und Persistenz der Geschlechterverhältnisse in den Lebensarrangements von Paaren“ (S27) geliefert würde.

Hinsichtlich des zweiten Merkmals, der Milieuzugehörigkeit, variieren die Befragten systematisch und in Bezug auf klassische soziologische Ansätze zur Stratifikation wurden drei berufliche Milieus unterschieden:

  • Drei Paare aus dem Bereich klassisch-körperlicher Arbeit in der industriellen Produktion und im Dienstleistungssektor,
  • Zwölf Paare mit Berufen im mittleren Niveau (etwa Facharbeiter_innen und Sozialarbeit_innen)
  • Zehn Paare mit Berufen, die eine hohe Qualifikation bzw. akademische Abschlüsse voraussetzen (Lehrer_innen und Professor_innen, Ärzte und Ärztinnen, Therapeut_innen und Anwält_innen).

„Außerdem variiere die Erwerbsbeteiligung der jeweiligen Partner_innen systematisch. Es wurden sowohl Paare rekrutiert, in denen nur eine Person erwerbstätig ist (zehn Paare), als auch solche, in denen beide Geld verdienen (15 Paare)“ (S.28).

Im Sinne des „theoretical samplings“ von Glaser/Straus/Corbin systematisch entwickelt, wurden die ersten Fallrekonstruktionen dazu verwandt, nicht nur die Strukturhypothesen zu verdichten, sondern die Auswahl der Interviewten zu erweitern. Es ging vor allem um die geschlechtliche Zusammensetzung der Paare, es wurden in einer zweiten Interviewphase vier gleichgeschlechtliche Paare , die mit Kindern zusammenleben, befragt und die Relation des (Aus-)Bildungsniveaus wurde dahingehend modifiziert, dass drei Paare interviewt wurden, bei denen die Frau deutlich höher qualifiziert war.

Das Sample wurde durch Interviews mit weiteren zehn Paaren ergänzt, die im Rahmen eines anderen Forschungsprojekts zum Wohnen von Paaren erfolgten. Hier wurden allerdings die Partner_innen jeweils einzeln befragt. Dennoch konnte diese Befragung nach Auffassung der Autorin herangezogen werden, da hier insbesondere die Ergebnisse der Interviews mit in dem Sample Unterrepräsentierten (niedrig oder gar nicht Qualifzierte; Paare, bei denen eine_r von beiden arbeitslos ist, gleichgeschlechtlich Paare mit Kindern) miteinflossen oder einen Kontrast zu den geführten Interviews boten (z.B. ältere Paare).

Die empirische Auswertung erfolgte in Anlehnung an Dreyfus/Rabinow (1987) als „interpretative Analyse“ und ist nicht einem spezifischen methodischen Verfahren oder einer Technik der Auswertung geschuldet.

Da zwischen dem Untersuchungsgegenstand und der wissenschaftlichen Darstellung kein unmittelbares Abbildungsverhältnis bestünde, die „Wirklichkeit [...]von Wissenschaftler_innen nicht erblickt oder wiedergespiegelt“ (S.30) [hier so geschrieben, F.V.] werden könne, gehe es um die Systeme der Repräsentation, also um das, „was in den Redeereignissen der Interviews geschieht und welche Selbstverständlichkeiten und Machtverhältnisse die Logik des Geschehens konstituiert und abstützt. Statt nach Ursachen und (mono)kausalen Zusammenhängen zu suchen, wird vom Hier und Jetzt der Äußerungen auf die Praxisgenerierung geschaut“( S.31 f.).

Die leitende Frage sei, „wie bestimmte Normen die Praxis der sozialen Akteur_innen regulieren“(S.33) .

Dabei gehe es „weniger um die repressive Funktion von Normen, sondern um ihre Produktivität, um Mechanismen der Normalisierung und Disziplinierung.[…] Ausgehend hiervon[so die Autorin] werde ich in meinem Material Normen daraufhin befragen, ob und wie sie die Arbeitsteilung in der Familie regulieren und dabei auch Frauen und Männer auf bestimmte Weise positionieren: Bilden sich über die klassische Positionen der ´guten Hausfrau und Mutter` und des `Ernährers` hinaus neue regulative Ideale heraus?“ (S.33). Es geht aber auch im Anschluss an Foucault um Brüche, Widersprüchliches und Ungleichzeitiges. Dieser Umgang mit Widersprüchen, Paradoxien und historischen Ungleichzeitigkeiten ist für die Autorin ebenfalls von zentraler Bedeutung.

Ad II: Ergebnisse zu: Hausarbeit sichtbar gemacht

Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht die Hausarbeit und die Frage, wer sie wann und warum erledigt. Dabei lassen sich bei der Rekonstruktion wissenschaftlicher Diskurse zur Hausarbeit drei Ideale herausarbeiten, die in den letzten Jahrzehnten die arbeitsteilige Praxen von Paaren reguliert haben:

  • die `gute Hausfrau`
  • die `gerechte Arbeitsteilung` und die
  • `flexible Arbeitskraft`.

Vor etwa 40 Jahren sorgten Soziologinnen dafür, die von Frauen im Privaten geleistete Hausarbeit sichtbar zu machen. Dabei zielte die feministische Forschung der 1970er-Jahre auch auf ein angemessenes Verständnis der Tätigkeiten, die im Haushalt verrichtet werden. Dem folgte in den 90er-Jahren die Erkenntnis, dass Hausarbeit überwiegend von Frauen verrichtet wird und das Ideal der gerechten Arbeitsteilung nicht der gesellschaftlichen Realität entspreche. Die vorliegenden Studien bestätigten damals, dass die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in der familiären Arbeitsteilung nicht aufgehoben wurde, auch nicht in bestimmten (gehobenen) sozialen Milieus. Koppetsch und Burkart (1999) nannten ihre Studie „Die Illusion der Emanzipation“.

Weitere 10 Jahre später ist in der Soziologie von der „Krise der Reproduktionsarbeit“ die Rede.

Das Leben wird für Männer und Frauen erwerbsarbeitszentriert. Dies bedeutet nicht nur längerer Verbleib am Arbeitsplatz auf unterschiedlichen hierarchischen Stufen, sondern auch erhöhte Anforderungen an Flexibilität und Mobilität der Arbeitskräfte. Offensichtlich „rücken in den Analysen zu Beginn des 21. Jahrhunderts strukturelle Zwänge und die Bedingungen der materiellen Reproduktion in den Mittelpunkt, aufgrund derer die Individuen mit geschlechtlichen Idealen und Rollen in der Familie brechen müssen“ (S.49).

Zwar wandelt sich die Wahrnehmung der Hausarbeit von einem Liebesdienst als unsichtbare Hausarbeit zur sichtbaren Hausarbeit, getragen von der Idee der Gleichheit zwischen den Geschlechtern, so bricht sich dies an der Realität: „Reproduktionsarbeit bleibt eine gesellschaftlich wenig anerkannte Tätigkeit, die vor allem von Frauen verrichtet wird“. Offensichtlich ist das zentrale Merkmal für beide Geschlechter das der Flexibilität, mit der entscheidenden Differenzierung „Während das Ideal der `guten Hausfrau` nur das Leben von Frauen reguliert, gilt das Ideal der `flexiblen Arbeitskraft` für Männer und Frauen“ (S.49).

So ist die Neuzeit von der Gleichzeitigkeit alter und neuer geschlechtlicher Praxen und vom Strukturwandel der Hausarbeit geprägt und von wachsender Unzufriedenheit begleitet. Für viele Frauen ist die Geburt eines Kindes ein signifikanter Einschnitt: „Es gibt immer noch viele Paare, die spätestens mit der Geburt ihres ersten Kindes die in der Familie anfallende Arbeit geschlechtstypisierend teilen.“ (S.61).

Dennoch gibt die Studie Hinweise, dass die Erwartungshaltung, wer wann und wie Hausarbeit erledigt, nicht mehr eindeutig sei. Es schimmert auch auf, dass die Reproduktionsarbeit von Frauen und Männern als Relativierung und Korrektiv zur herrschenden Erwerbsarbeitszentrierung gesehen werden kann. Die „natürliche Ordnung“ löst sich auf. Die Gleichzeitigkeit alter und neuer Normen ist für die gegenwärtige Situation charakteristisch. Die Arbeitsteilung wird Verhandlungssache, es geht um das Aushandeln, was durchaus mit Konflikten einhergeht, aber auch zu einer Bedeutungsverschiebung der Hausarbeit führt, sie wird eher anerkannt und verliert tendenziell ihren monotonen Charakter, wenn sie nicht nur als verpflichtende Tätigkeit ausgeübt wird.

Ad III: Die Sorge um die Kinder im Privaten

Auch die Sorge um die Kinder wird nicht mehr als alleinige und zentrale Aufgabe der Frauen angesehen. Dennoch ist die Arbeit im Privaten „weiblich konnotiert und deshalb weniger wert als die in der männlich konnotierten Berufswelt geleistete“ (S.96). Die soziale Welt ist nach wie vor vergeschlechtlicht, die Autorin spricht aufbauend auf Bourdieu (2005) von der geschlechtlichen „Kategorisierung“.

Hier greift die Verfasserin den Diskurs um das Elterngeld kritisch auf. Allerdings stützt sie sich hier nicht auf ihr Interviewmaterial, da die Interviews 2006 schon größtenteils bei der Einführung des Kindergelds durchgeführt waren.

Dennoch kann die Autorin herausarbeiten, dass die geschlechtliche Kategorisierung der Sphären der Existenzweisen von Frauen und Männern bedeutsam ist. Das Private wird weiblich kategorisiert und das berufliche männlich, so dass es für „Frauen und Männer etwas Unterschiedliches ist, sich in diesen Sphären aufzuhalten, – selbst dann, wenn die sozialen Akteur_innen nicht von einer natürlichen Zuständigkeit der Frauen für Kinder und Männer für den Erwerb ausgehen (S.152).

Ad IV: EIN LEBENSWERTES LEBEN

In diesem Kapitel baut die Verfasserin auf der bisherigen Analyse der Hausarbeit, der Fürsorgearbeit und der Erwerbsarbeit auf und arbeitet heraus, wie Frauen und Männer den Wechsel zwischen diesen unterschiedlichen Tätigkeiten erleben und was es ihnen bedeutet.

Das Stichwort ist das der „doppelten Vergesellschaftung“. Hier setzt sich die Autorin mit Regina Becker-Schmidt auseinander, die dieses Konzept zur Beschreibung der Situation von Frauen im Beruf und als Partnerin und Kinderbetreuerin, anhand von Interviews mit Fabrikarbeiterinnen in den 80ger-Jahren entwickelt hat. In einem weiteren Schritt legt sie ihr Material auf dieses Konzept und betrachtet fokussiert Frauen und Männer, die alle Formen der Arbeit ausüben „wollen“.

Becker-Schmidt hat in ihrer Analyse verdeutlicht, dass eine befriedigende Gleichzeitigkeit von Familie und Beruf auszuschließen sei. Es sei wahrscheinlicher, dass die binäre Geschlechterordnung dazu beitrage, dass Frauen und nicht Männer das unauflösbare Dilemma bewältigen müssen. Auch aus eigenem Interesse schaut die Autorin auf ihre Interviews, da sie erkennen will, was ein befriedigendes und lebenswertes Leben ausmacht.

Sie erkennt Auflösung der binären Logik, die sich in den letzten Jahrzehnten fortgesetzt habe, aber auch Widersprüchliches: „Statt einer Lösung des Problems der Doppelbelastung weitet sich diese auf beide Partner_innen aus“ (S.200).

Die widersprüchliche Logik der beiden Bereiche ist schwer zu bewältigen, außerdem sei die binäre Logik fundamental in der Gesellschaft verankert. Deshalb kann sich eine Veränderung nicht in dem Diskurs um „Vereinbarkeit“ erschöpfen. Jenseits einer „Vereinbarkeitslogik geht es also vor allem um die Frage, wie Menschen ihre Arrangements gestalten können, indem sie die notwendigen und von ihnen gewünschten Arbeiten auf befriedigende Weise erledigen. Was muss, will oder kann man selbst machen? Welche Arbeiten lassen sich delegieren und bei welchen geht das nicht? Und wie können all diese Arbeit in der zur Verfügung stehenden (Lebens)Zeit bewältigt werden“ (S.202 f.).

Ad V: Ordnungen familialer Geschlechteerarrangements

In diesem Kapitel werden die zentralen Befunde der Studie(n) zusammengefasst, die Veränderungen und Beharrlichkeiten der Lebenspraxis, ihre Logik und (Ir-)Rationalität verdeutlicht. Es geht um die Paradoxien der Geschlechterordnung und im abschließenden kurzen Unterkapitel um die Auswirkungen auf die zukünftige Gesellschaftsordnung.

Strukturbildend für die heutigen familialen Konstellationen ist offensichtlich das Oszillieren um Wandel und Persistenz in der Lebenspraxis. Es entständen „neue“ Praxen neben den alten, König erkennt eine Transformation der symbolischen Geschlechterordnung. Die Zweigeschlechtlichkeit als natürlicher Grund der familialen Arbeitsteilung werde brüchig. Die Reflexivität der sozialen Akteur_innen nähme zu, sie haben Vorstellungen, welche Handlungsweisen und normative Vostellungen geschlechtliche Arbeitsverteilung aufrecht erhalten und welche strukturellen Bedingungen einen Wandel ermöglichen würden.

Bourdieu ging davon aus, dass die Herausbildung eines geschlechtsspezifischen Habitus als zentraler Mechanismus männlicher Herrschaft zu verstehen sei. Doch werden die Männer auch „von ihrer Herrschaft beherrscht“, hier zitiert die Autorin Bourdieu (2005:122).

Doch König erkennt noch zweierlei: 1. Der Mechanismus, der dazu führt, dass Männer Weibliches abwehren müssen und Frauen Männliches zur Aufrechterhaltung ihrer Geschlechtsidentität tritt immer mehr ins Bewusstsein aller. Sie werden sich der „Unerreichbarkeit geschlechtlicher Ideale bewusst“ und 2. Sie spüren „deutlicher den Preis, den sie in dem Bestreben zahlen müssen, bestimmten Idealen gerecht zu werden. Sie merken, dass sie all das verwerfen müssen, was den Idealen nicht entspricht oder sie infrage stellt“ (S.209).

Die binäre Geschlechterlogik löst sich auf und stößt nach wie vor an strukturelle Grenzen. „Das Private und das Berufliche, so zeichnet sich das nicht nur in meiner Studie ab [so die Autorin], sind nach wie vor geschlechtlich kategorisiert“ (S.212).

Abschließend geht die Autorin knapp darauf ein, ob die Geschlechterverhältnisse ein Motor gesellschaftliche Entwicklung sein können. Dies setze eine gleichwertige Gewichtung der verschiedenen Arbeiten im Privaten wie in der Erwerbsarbeit voraus. Doch dies sei noch weitgehend eine Utopie. Hier würde es auch um angemessene Bezahlung der unterschiedlichen Erwerbsarbeiten gehen, so z.B. im Pflege- und Gesundheitsbereich, Dienstleistung und Bildung.

Diskussion und Fazit

Ein gut strukturiertes und informatives Buch zum Thema (Haus-)Arbeit und dem Wandel der Geschlechterordnung. In ihren Strukturhypothesen geht die Autorin vorsichtig über bisherige Erklärungsansätze der innerfamilialen Rollenteilung und der Bedeutung der Erwerbsarbeit für Frauen und Männer hinaus. Dieses Buch ist ein guter Beitrag zur Wahrnehmung der Beharrlichkeit von Männer und Frauenrollen aber auch den Veränderungen im Verhalten zueinander und der Mitwirkung bei Erziehung der Kinder und der Aufgabenteilung in und um das Haus.

Inwiefern das Sample hinreichend unterschiedliche Milieus abbildet und auch in diesen die unterschiedlichen Lebenskonstellationen (Alleinerziehende, Patchworkfamilien/ Stieffamilien, getrennt lebende Paare und Geschiedene, Living-apart-together) aber auch die differenzierten sozialen Milieus (Vgl. Sinusstudien), dies sei dahingestellt. Dennoch geben die dargestellten, kontrastierenden Fälle eine Fülle von Hinweisen auf Persistenz und mögliche Veränderungen.

Verwirrend finde ich die Darstellung und den Einbau der unterschiedlichen herangezogenen Samples. Der Leitfaden zur „Wohnungsstudie“ ist nicht abgedruckt worden; dass hier Einzelinterviews stattfanden, wird nur knapp erwähnt, ähnlich wie die Erweiterung des Samples. Und auch die zahlenmäßige Aufteilung der Interviews zu den einzelnen Milieus wird kaum begründet. Es deutet sich nur an, dass ein bias zu Gunsten höherer Bildungsschichten bestand, der dann noch durch zusätzliche Interviews kompensiert wurde. Vielleicht müsste der explorative Charakter der Studie stärker betont werden. Selbst wenn prägnante Typen abgebildet wurden, so ist zu fragen, ob hier genügend Kontrasttypen erfasst wurden, um eine angemessene Typologisierung vornehmen zu können auf dem Wege vom Einzelfall zum Typus?

Sehr knapp ist der abschließende Teil zur möglichen gesellschaftlichen Transformation geraten. Hier wäre ein Blick auf unterschiedliche Arbeitszeitmodelle und sich verändernde frühkindliche Betreuungsbedingungen als Voraussetzung für neue Formen der Relation von Familie und Erwerbssektor und der familialen Arbeitsteilung sinnvoll. Außerdem wären sicherlich auch die Folgen und Auswirkungen der Netzwerkgesellschaft (Castells u.a.) auf die Arbeit insgesamt, so nicht zuletzt das Eindringen in die Privatsphäre, diskussionswürdig.

Aber: Ein Buch, das nachdenklich stimmt und sich gut für den Diskurs in Seminaren (aber vielleicht auch zuhause) eignet.


Rezension von
Prof. Dr. Friedhelm Vahsen
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Zitiervorschlag
Friedhelm Vahsen. Rezension vom 01.08.2012 zu: Tomke König: Familie heißt Arbeit teilen. Transformationen der symbolischen Geschlechterordnung. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2012. ISBN 978-3-86764-355-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12776.php, Datum des Zugriffs 28.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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