Gerhard Nissen: Psychische Störungen im Kindesalter und ihre Prognosen
Rezensiert von Dr. Christian Brandt, 03.08.2004
Gerhard Nissen: Psychische Störungen im Kindesalter und ihre Prognosen. Schattauer (Stuttgart) 2004. 112 Seiten. ISBN 978-3-7945-2305-4. 24,95 EUR. CH: 46,70 sFr.
Einführung in die Themenstellung
Zu den psychotherapeutischen und psychiatrischen Aufgaben gehört die Aufklärung Betroffener und Angehöriger über den vermutlichen Verlauf einer psychischen Störung oder Erkrankung. Fachlich können entsprechende Auskünfte in der Regel nur als Wahrscheinlichkeiten formuliert werden, die im Einzelfall keine Gewissheit bieten. Oft genug müssen die Betroffenen sich mit relativen Aussagen begnügen, bei denen beispielsweise ein zu erwartender "natürlicher", unbehandelter Verlauf mit einer Behandlungsprognose verglichen wird. Bei multiproblematischen und instabilen Lebenslagen ist eine Prognose häufig kaum zu stellen, und es können stattdessen nur die wichtigsten Faktoren durchgesprochen werden, von denen zu erwarten ist, dass sie auf den weiteren Verlauf der Störung einwirken.
Prognostisches Wissen basiert auf Längsschnittbeobachtungen, die Aufschluss über störungstypische Verläufe und Einflussfaktoren geben. Für den Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie liegen bereits einige große epidemiologische Verlaufsstudien vor, in denen die psychosoziale Entwicklung von Bevölkerungsstichproben oder ausgewählten Risikogruppen systematisch über mehrere Erhebungswellen beobachtet wurde. Hinzu kommt eine große Zahl kleinerer Katamnesestudien zum Entwicklungsverlauf von Kindern und Jugendlichen, die aufgrund einer bestimmten psychischen Störung behandelt wurden. Diese störungsbezogenen Verlaufbeobachtungen sind schon aufgrund ihrer Anzahl für den einzelnen nicht mehr zu überblicken, zudem weisen sie sehr unterschiedliche methodische Qualität auf, die bei der Interpretation berücksichtigt werden sollte.
Aufbau und Inhalte
Ein Buch, in dem sich Gerhardt Nissen als Herausgeber ausdrücklich der Prognose psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter zuwendet, muss daher fachliches Interesse erwecken. Tatsächlich wartet hier eine ungeheure Menge empirischer Information auf eine integrierende Bearbeitung und Bewertung. Die 19 vertretenen Autoren, wie der Herausgeber vorwiegend Ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Psychiatrie, nehmen sich dieser Aufgabe in sehr verschiedenem Umfang an. Etwa die Hälfte der Beiträge ist auf einzelne Störungsbilder bezogen, die andere Hälfte ist im weitesten Sinne grundlagenorientiert. Unter den störungsbezogenen Artikeln erfüllen die beiden Würzburger Arbeiten von Warnke und Wewetzer die vom Titel des Buches geweckten Erwartungen am weitesten.
- Andreas Warnke & Claudia Mehler-Wex setzen sich in knapper Form, sehr gut integriert mit Schizophrenen Psychosen im Kindes- und Jugendalter und ihrer Prognose auseinander;
- Christoph Wewetzer, Thomas Jans & Uwe Hemminger ziehen klare prognostische Schlussfolgerungen aus einer eigenen Studie zum Langzeitverlauf der juvenilen Zwangsstörung.
- Sehr souverän wirkt auch der auf den Ergebnissen der Kurpfalz-Studie und der Mannheimer Risikokinderstudie aufbauende Artikel von Martin H. Schmidt zu den Verlaufcharakteristika von Störungen des Sozialverhaltens.
- Aufgrund der fundierten Darlegung hervorzuheben ist der Artikel von Gunther Klosinski zu den psychischen Auffälligkeiten, die auf eine beginnende Borderline-Störung hinweisen können.
- Götz-Erik Trott widmet sich der Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung.
- Zwei Beiträge setzen sich mit den langfristigen Folgen sexueller Traumatisierung auseinander (Hertha Richter-Appelt; Reiner Frank).
Die grundlagenorientierten Beitrage stecken ein weites Feld ab.
- Nissen führt im ersten Abschnitt in die elementaren Grundlagen prognostischen Wissens ein.
- Gerhard Wolff beschreibt wichtige Befunde zur Genetik psychischer Störungen, er gibt dabei auch einen kurzen, aber detaillierten Einblick in die Methodik genetischer Analysen. Wünschenswert wären noch einige Anmerkungen zu den vermuteten pathophysiologischen Vermittlungsprozessen zwischen identifizierten Genotypen und den phänotypischen Störungsbildern gewesen.
- Peter Kutter gibt einen Überblick über klassische und aktuelle psychoanalytische Entwicklungskonzepte.
- Drei Beiträge (Hubert Speidel; Roland Kuhn; Albrecht Schottky). setzen sich ausgehend von literarischen Beschreibungen mit der Bedeutung von Kindheitserinnerungen auseinander; darunter natürlich Marcel Prousts unvermeidliche "Madeleine".
- Herbert Csef geht auf Risiko und Schutzfaktoren in der psychischen Entwicklung ein;
- Rudolf Klußmann widmet seinen Beitrag der Bedeutung des Vaters im seelischen Entwicklungsprozess, Bernhard Küchenhoff den Kindern psychotisch erkrankter Eltern.
Zielgruppe und Fazit
Zielgruppe des Buches sind Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeuten. Ein Teil der störungsbezogenen Beiträge löst die vom Titel geweckten Erwartungen ein und wird in diesem Leserkreis, der praxisrelevante und belastbare Informationen benötigt, wahrscheinlich uneingeschränkte Anerkennung finden. Die grundlagenorientierten Beiträge sind in der Regel gut zu lesen, wirken aber etwas zersplittert. Eine Integration zu größeren Einheiten hätte die Lektüre erleichtert.
Rezension von
Dr. Christian Brandt
Psychologischer Psychotherapeut, Diplom Soziologe,
Kinder- und Jugendpsychiatrie am Zentrum für Psychiatrie Weinsberg
Mailformular
Es gibt 39 Rezensionen von Christian Brandt.





