Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Theo Peters, Argang Ghadiri: Neuroleadership

Rezensiert von Prof. Dr. Rüdiger Falk, 09.03.2012

Cover Theo Peters, Argang Ghadiri: Neuroleadership ISBN 978-3-8349-2901-3

Theo Peters, Argang Ghadiri: Neuroleadership. Grundlagen, Konzepte, Beispiele ; Erkenntnisse der Neurowissenschaften für die Mitarbeiterführung. Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler (Wiesbaden) 2011. 179 Seiten. ISBN 978-3-8349-2901-3. 34,95 EUR.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Autoren

Professor Dr. Theo Peters lehrt an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, Argang Ghadiri hat einen B.sc. an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg erworben und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Dr. Peters.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund des Buchs ist nicht ganz nachzuvollziehen; die Autoren sprechen zwar von zwei Jahren intensiver Forschungsarbeit, ein konkretes Projekt wird aber nicht genannt.

Aufbau

Der Aufbau ist der eines Lehrbuchs. Es sind kurze Exkurse eingefügt, ein Glossar zum Nachschlagen angelegt, nach jedem Hauptkapitel finden sich Zusammenfassungen und Kapitel 7 sind Fragen zur Kontrolle und Vertiefung. Neben einem kurzen Vorwort und den üblichen Verzeichnissen finden sich sechs inhaltliche Kapitel, die allerdings sehr unterschiedlich umfangreich sind.

Inhalte

Kapitel 1 widmet sich der „Einordnung von Neuroleadership“. Dieses bedeutet, die Bezüge zur Neuroökonomie herzustellen und den Versuch, den Begriff zu definieren. Neuroleadership ist demnach die Schaffung einer „gehirngerechten Umgebung“ auf der Basis der vier Grundbedürfnisse – was immer unter einer solchen Umgebung zu verstehen ist. Es folgt die Darstellung sogenannter „Menschenbilder“, was im Prinzip richtig ist, aber in der Umsetzung doch eher fragwürdig erscheint.

Kapitel 2 lautet „Neurowissenschaftliche Grundlagen im betriebswirtschaftlichen Kontext“, wobei offen bleibt, was hieran betriebswirtschaftlich ist. Oder muss Gehirndoping (2.8.2) zukünftig auch von einem Anti-Doping-Labor überwacht werden, um Ungleichheiten bei der Leistungsbeurteilung auszuschließen? Man fragt sich, ob die in den Büchern zu Neuro&(-marketing, -ökonomie etc.) zu findenden, meist sehr rudimentären Darstellungen des Gehirnaufbaus und der Botenstoffe notwendig sind oder ob nicht ein Verweis auf die Neurowissenschaften hier genügt hätte.

Kapitel 3 nähert sich dann dem eigentlichen Thema, den „Neurowissenschaften und Führung von Mitarbeitern“. Leider erschöpft sich dieses Kapitel in einer kurzen Darstellung einiger Forschungsansätze der Neuroökonomie – es gibt zugegebenermaßen in Deutschland auch nicht viele – und versucht dann, sie zu würdigen.

Kapitel 4 ist der „Neurowissenschaftliche Ansatz menschlicher Grundbedürfnisse“, ein etwas verwirrender Titel. Die Basis ist das konsistenztheoretische Modell des Psychotherapeuten Klaus Grawe, das ausführlich referiert wird. Ob und inwieweit es Erkenntnisse für eine Betriebswirtschaftslehre erbringt, bleibt offen. Zumal auch der Bezug zu den Neurowissenschaften nicht ohne weiteres zu erkennen ist.

Kapitel 5 sind „Organisations- und Personalansätze aus neurowissenschaftlicher Sicht“, was sicherlich ein hoher Anspruch ist. Zunächst einmal suggeriert dieses einen Positionswechsel, nicht mehr Neuroerkenntnisse in die Betriebswirtschaft zu integrieren, sondern umgekehrt, Ansätze der BWL aus dieser Sicht zu beurteilen. Ganz erschließt es sich die Überschrift nicht, denn zunächst werden kurz die Wirkungen von Botenstoffen dargestellt und dann die altbekannten „off-on-etc.-job-Modelle“ referiert.

In Kapitel 6 wenden sich die Autoren mit ihrem „AKTIV-Modell“, benannt als „Handlungsempfehlungen für die Praxis“, der konkreten Beratung zu. Es werden fünf Schritte aufgezeigt, die dann transformiert werden und einen „Go- oder No-Typ“ von Mitarbeiter ergeben. Das erinnert doch verblüffend an die X-Y-Theorie von Douglas McGregor von 1960. Dass die sehr allgemein gehaltenen Anforderungen an einen „Neuroleader“ mit den mehr als umstrittenen Erkenntnissen von Eric Berne enden, mag man ja noch akzeptieren. Aber im sogenannten PERFEKT-Schema hat der Rezensent, mit Verlaub, keine neurowissenschaftlichen Bezüge finden können und seine Erkenntnisse gingen auch nicht über die hinaus, die bereits Russel L. Ackoff vor vielen Jahren zum „perfekten Manager“ formuliert hat.; ganz ohne Neurowissenschaften.

Diskussion

Es scheint ein Zeichen der Zeit zu sein, dass die redaktionelle Lektorierung kaum noch erfolgt. So zumindest der Eindruck des Rezensenten bei vielen der in den letzten Jahren erschienen Publikationen. Selbst bei einem überschlägigen Lesen werden immer wieder Fehler offensichtlich. Leider ist das hier nicht anders, was bei so einem renommierten Verlag wie Gabler enttäuscht. Zwei Beispiele: Im Vorwort steht „… zahlreichen Fachtermini der Neurowissenschaften und Betriebswirtschaftliche …“ und bei der Nennung wichtiger Autoren erhält Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth den Vornamen des Kollegen Hüther, nämlich Gerald.

Kommen wir zum Inhalt: Als der australische Unternehmensberater David Rock den Begriff Neuroleadership im Jahr 2006 einführte, schrieb Jena McGregor in der Business Week vom 23. Juli 2007, es wäre nur alter Wein in neuen Schläuchen. Lediglich geeignet, Beratern neue Einnahmequellen zu erschließen. Das sehen die beiden Autoren des rezensierten Werks dagegen naturgemäß anders. Sie meinen, mit diesen Erkenntnissen „ein gänzlich neues Menschenbild in den Wirtschaftswissenschaften“ konzipieren zu können. Vilfredo Paretos „homo oeconomicus“ hätte also ausgedient. Dies ist allein schon deshalb vermessen, weil sie sich gar nicht mit den staatsphilosophischen Menschenbildern auseinandersetzen, sondern als Menschenbilder jenes Berater-Kauderwelsch vom Economic Man bis zum Brain-Directed Man bezeichnen.

Renommierte Forscher im Grenzgebiet naturwissenschaftlicher Neuroforschung und geisteswissenschaftlicher Betriebswirtschaft, in Deutschland fallen meist die Namen Elger, Falk, Hüther und Roth, sind da weitaus vorsichtiger. Derzeit geht es eher um die Verifikation psychologischer und wirtschaftswissenschaftlicher Konstrukte und Theorien, indem nach deren innerer Repräsentanz im Gehirn geforscht wird. Ob die – oft im Rahmen medizinischer Therapien gemachten Erkenntnisse – tatsächlich einen neuen Erkenntnisstand generieren, kann nur im Einzelfall beurteilt werden. Bestimmte Erklärungen zu Marketingfragen oder generell zu ökonomischen Entscheidungen scheinen nach derzeitigem Kenntnisstand eine gewisse Stabilität aufzuweisen, etwa das das Gehirn ein „soziales Organ“ ist. Zu einer Metatheorie des Menschen – und sei sie noch so vereinfachend – reicht dieses Wissen derzeit bei weitem nicht aus.

Fazit

In der komplexen Materie der Neuro- und Wirtschaftswissenschaften kann es ja durchaus angebracht sein, populärwissenschaftlich ein kaum eingrenzbares Thema wie „Neuroleadership“ vereinfachend darzustellen. Ein solches „Sachbuch“ mit der thematischen Aufbereitung für Laien macht durchaus Sinn. Und es gibt viele Beispiele amüsanter und sehr erfolgreicher Sachbücher; man denke nur an die Schriften zu Motivation oder Psychotests. Aber man sollte dann nicht den Anspruch erheben, ein Fachbuch, gar ein Lehrbuch und mithin ein Standardwerk geschrieben zu haben. Genau dieser Eindruck drängt sich aber dem Rezensenten auf – oder spielt mir mein Gehirn hier einen Streich? Hat es, das Gehirn, nicht schon längst entschieden, dass es sich um ein Sachbuch handelt und ich habe es nur noch nicht begriffen. Denn um einen weiteren renommierten Hirnforscher, John-Dylan Haynes, zu zitieren: Wer weiß schon, ob er noch Herr im eigenen Haus ist – „Der Mensch denkt, das Gehirn lenkt“. In dem Sinne kann auch alles ganz anders sein und ein verwirrter Rezensent verlässt den noch verwirrteren Leser.

Rezension von
Prof. Dr. Rüdiger Falk
em. Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Human Resource Management und Berufsbildung sowie Sportmanagement an der Hochschule Koblenz
Mailformular

Es gibt 172 Rezensionen von Rüdiger Falk.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Rüdiger Falk. Rezension vom 09.03.2012 zu: Theo Peters, Argang Ghadiri: Neuroleadership. Grundlagen, Konzepte, Beispiele ; Erkenntnisse der Neurowissenschaften für die Mitarbeiterführung. Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-8349-2901-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12788.php, Datum des Zugriffs 30.01.2023.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht