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Winfried Böhm (Hrsg.): Hauptwerke der Pädagogik

Cover Winfried Böhm (Hrsg.): Hauptwerke der Pädagogik. UTB (Stuttgart) 2011. 488 Seiten. ISBN 978-3-8252-8464-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 41,90 sFr.

Reihe: UTB - 8464.
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Thema

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, in die Pädagogik einzuführen. Man kann ihre Grundbegriffe klären, ihre Grundfragen erörtern, ihre Ideengeschichte erzählen, ihre theoretischen Richtungen diskutieren, ihre zentralen Vertreter porträtieren oder ihre Hauptwerke vorstellen. Den letzteren Weg haben die drei Herausgeber eingeschlagen. Zuletzt hat auch Klaus Prange diese Option verfolgt („Schlüsselwerke der Pädagogik“, 2 Bde., 2008/09), allerdings als alleiniger Autor für insgesamt 40 Werke.

Im Vorwort erläutern die Herausgeber ihre Absicht wie folgt: „Dieser Band … versteht unter pädagogischen ‚Hauptwerken' … solche Schriften, in denen ein bestimmtes Problem oder mehrere zentrale pädagogische Probleme auf eine besonders ursprüngliche, originelle, präzise, einsichtige, vor allem aber praxisrelevante Weise dargestellt und erörtert werden. Es müsste von daher als müßig und zweitrangig erscheinen, über die hier getroffene Auswahl der Hauptwerke streiten oder gar rechten zu wollen. Die Absicht der Herausgeber ist nämlich alles andere als der Versuch, einen erweiterten Katalog von Klassikern der Pädagogik abzuliefern oder einen verbindlichen Kanon von ‚heiligen' Büchern festzuschreiben. Auch liegt es ihnen fern, einen Aufguss dessen anzubieten, was man als das sog. pädagogische ‚Grundwissen' bezeichnet. Ihre Intention zielt vielmehr darauf, die historische Tiefe und systematische Breite des pädagogischen Denkens und Argumentierens … sichtbar zu machen und … den pädagogischen Horizont sowohl zu weiten als auch zu vertiefen.“ (XVI)

Herausgeber und Autoren

Winfried Böhm, Prof. Dr. Dr. h.c., inzwischen emeritiert, war von 1974 bis 2005 Ordinarius für Pädagogik an der Universität Würzburg und Gastprofessor an verschiedenen Universitäten in Europa, Südamerika und den USA und ist Autor des in der 16. Auflage vorliegenden „Wörterbuchs der Pädagogik“. Birgitta Fuchs, PD Dr., vertritt z.Zt. einen Lehrstuhl am Institut für Bildungsphilosophie, Anthropologie und Pädagogik der Lebensspanne an der Universität Köln. Sabine Seichter, PD Dr., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Universität Frankfurt. Zusammen mit diesen drei Herausgebern, die auch Hauptwerke vorstellen, haben 122 Autoren an dem Buch mitgewirkt.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Werk ist die durchgesehene und erweiterte Paperback-Ausgabe des gleichnamigen gebundenen Buches aus dem Jahre 2009 und entsprechend preisgünstiger.

Aufbau

Die Beiträge sind alphabetisch nach den Verfassern der Hauptwerke geordnet. Im Inhaltsverzeichnis kann der Leser dazu schnell einen Überblick gewinnen. Ihm folgt ein Verzeichnis der Mitarbeiter des Bandes mit deren Funktionen, akademischen Graden und Namen und den Institutionen, für die sie tätig sind – fast immer Hochschulen. Hinter dem Vorwort der Herausgeber, das sich anschließt, finden sich ein Abkürzungsverzeichnis und eine Chronologie der Hauptwerke mit Verfassern, Titeln und Jahren.

Inhalt

In „Hauptwerke der Pädagogik“ werden auf jeweils zwei bis drei Seiten 182 Werke von 178 Verfassern von der Antike bis in die Gegenwart referiert. In jedem Beitrag werden zuerst der Autor mit Tag und Ort der Geburt und meist des Todes und der Titel der Schrift mit Jahr und Ort der Entstehung und/oder Erstveröffentlichung verzeichnet. Im Anschluss an die Darstellung werden verschiedene Ausgaben des Werks und Literatur dazu angegeben.

Die Klassiker Comenius, Pestalozzi und Herbart und der zeitgenössische Soziologe Luhmann sind mit je zwei Werken vertreten. Die meisten Werke stammen aus den letzten Jahrhunderten und sind in deutscher Sprache (Deutschland, Österreich und Schweiz) verfasst worden. Es sind aber seit dem Ende des Lateinischen als der Gelehrtensprache in Europa immerhin 63 fremdsprachige Werke aufgeführt: 23 französisch- (Belgien, Frankreich und Schweiz), 19 englisch- (USA und England), 9 italienisch-, je zwei holländisch-, polnisch-, russisch- und spanischsprachige und je eine tschechisch- und schwedischsprachiges. Zwei Werke sind außerhalb Europas, und zwar in Südamerika und in brasilianischer und spanischer Sprache verfasst worden.

Nicht alle Schriften sind im engeren Sinne Hauptwerke der Pädagogik. Es finden sich darunter erstens pädagogisch relevante philosophische (z.B. Platon, Aristoteles, Seneca, Pico della Mirandola, Francis Bacon, René Descartes; Gotthold Ephraim Lessing, Johann Gottfried Herder, Wilhelm von Humboldt, Johann Gottlieb Fichte, Immanuel Kant, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Georg Friedrich Wilhelm Hegel; Friedrich Nietzsche, Martin Buber, Eugen Fink, Theodor W. Adorno, Christoph Wulf; Antonio Rosmini Serbati, Ralph Waldo Emerson, Giovanni Gentile, Alfred North Whitehead, Bertrand Russel, Jacques Maritain, Emmanuel Mounier, Israel Scheffler, Richard S. Peters, Nel Noddings) und rhetorische (Isokrates, Cicero, Quintilian, Giambattista Vico), psychologische (z.B. William James, Edward Lee Thorndike, William Stern, Anna Freud, Erik H. Erikson, Jean Piaget, Carl Rogers, Burrhus J. Skinner) und soziologische (z.B. Auguste Comte, Émile Durkheim, Niklas Luhmann) sowie theologische (z.B. Aurelius Augustinus, Benedikt von Nursia, Hugo von St. Viktor, Thomas von Aquin, Ignatius von Loyola, Martin Luther, Philip Abraham Kohnstamm) Texte. Zweitens werden auch Werke nicht der, sondern einer Pädagogik aufgeführt, sei es der historischen (z.B. Friedrich Paulsen, Paul Barth, Werner Jaeger, Josef Dolch,) oder vergleichenden Pädagogik (Friedrich Schneider), der Schul- (z.B. Marie Jean Antoine de Concordet, Tuiskon Ziller, Otto Willmann, Georg Kerschensteiner, Franz Xaver Eggersdorfer, Wolfgang Klafki, Martinus Langeveld), Sozial- (z.B. Heinrich Pestalozzi, August Aichhorn,) oder Sonderpädagogik (Jean Marc Gaspard Itard, Edouard Séguin, Ludwig von Strümpell). Und drittens werden auch literarische Schriften vorgestellt: Essais (z.B. Michel Montaigne, Alain, George Steiner) und Romane (z.B. François Rabelais, Johann Wolfgang von Goethe, Miguel de Unamuno), Fabeln (z.B. Juan Luis Vives) und Satiren (z.B. Erasmus von Rotterdam).

An Hauptwerken der Pädagogik im engeren Sinne verbleiben die klassisch-pädagogischen, die modern-reformpädagogischen und die modern-erziehungswissenschaftlichen Schriften. Bei ersteren ist die Vielfalt der Textsorten bemerkenswert: Briefe (Ernst Moritz Arndt, John Locke, Friedrich Schiller) und Romane (François Fénelon, Jean Jacques Rousseau, Anton Semjonowitsch Makarenko), Vorlesungen (Immanuel Kant, Ernst Moritz Arndt, Johann Friedrich Herbart, Friedrich Schleiermacher) und Lehrbücher (Pseudo-Plutarch, Johann Bernhard Basedow, August Hermann Niemeyer, Friedrich Heinrich Christian Schwarz, Christian Gotthilf Salzmann, Johann Michael Sailer, Vindenz Eduard Milde, Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg, Joseph Göttler), Programme (Johannes Sturm, Wolfgang Ratke, Comenius, August Hermann Francke, Joachim Heinrich Campe, Heinrich Pestalozzi) und Monographien und Traktate (Pier Paolo Vergerio; Ernst Christian Trapp, Heinrich Pestalozzi, Johann Gottfried Herbart, Jean Paul, Friedrich Immanuel Niethammer, Johann Baptist Graser, Friedrich Wilhelm August Fröbel, Friedrich Eduard Beneke, Johann Karl Friedrich Rosenkranz, Karl Volkmar Stoy, Wilhelm Dilthey, Wilhelm Rein; Claude Adrien Helvétius, Herbert Spencer, John Dewey).

Die meisten der verzeichneten modern-reformpädagogischen Schriften sind in den zwei Jahrzehnten zwischen 1887 und 1922 erschienen (Berthold Otto, Julius Langbehn, Ellen Key, Ludwig Gurlitt, Maria Montessori, Hermann Lietz, Hans Blüher, Gustav Wyneken, Hugo Gaudig, Janusz Korczak, Rudolf Steiner, Adolphe Ferrière), andere in den 1920/30er (Eugène Dévaud, Célestin Freinet) und 1960er Jahren (Alexander Sutherland Neill, Paulo Freire).

Bei den modern-erziehungswissenschaftlichen Schriften ist weniger die Vielfalt an Textsorten als die Varianz an Denkrichtungen von Interesse. Es finden sich darunter mehr philosophisch und mehr wissenschaftlich ausgerichtete Werke. Die philosophischen Texten sind von Neukantianern wie Paul Natorp, Richard Hönigswald, Jonas Cohn, Alfred Petzelt und Wolfgang Fischer, Existenzphilosophen wie Eberhard Grisebach und Theodor Ballauff, Phänomenologen wie Otto Friedrich Bollnow, Martinus Jan Langeveld, Klaus Schaller und Jan Patocka und Personalisten wie Friedrich Wilhelm August Förster, Martin Buber, Romano Guardini, Juan Mantovani, Luigi Stefanini, Winfried Böhm und Guiseppe Flores d'Arcais verfasst worden. Die wissenschaftlichen Werke sind hermeneutisch-geisteswissenschaftlich (Eduard Spranger, Max Frischeisen-Köhler, Theodor Litt, Hermann Nohl, Wilhelm Flitner, Robert Ulich, Wolfgang Klafki, Klaus Mollenhauer, Dietrich Benner), deskriptiv-naturwissenschaftlich (Aloys Fischer, Ernst Meumann, Ernst Krieck, Peter Petersen, Raymond Buyse, Èmile Planchard, Rudolf Lochner, Giovanni Maria Bertin, Heinrich Roth, Wolfgang Brezinka, Gaston Mialaret, Raffaele Laporta) oder kritisch-sozialwissenschaftlich (Pavel Petrovic Blonskij, Paul Oestreich, Siegfried Bernfeld, Bogdan Suchodolski, Georges Lapassade, Herwig Blankertz, Heinz-Joachim Heydorn, Samuel Bowles/Herbert Gintis) ausgerichtet.

Diskussion

Die Chronologie der Hauptwerke, die den historischen Zugriff auf die Schriften erlaubt, wäre am Ende des Buches besser platziert, mit vorangestellten Jahreszahlen augenfälliger und mit Epochenzwischenschriften übersichtlicher gewesen. Für das Inhaltsverzeichnis, zugleich ein alphabetisches Autorenverzeichnis, wären andererseits den Titeln angehängte Jahreszahlen hilfreich gewesen. In den einzelnen Beiträgen sind, je nach Vorkenntnis unterschiedlich, Hinweise zum Leben der Autoren zu vermissen. Es hätten wenige gereicht, auch wenn sie zu Lasten des werkbezogenen Textes gegangen wären.

Bei jeder Auswahl von Hauptwerken fragt man sich natürlich, ob alle genannten Werke als Hauptwerke deklariert werden können und ob das ein oder andere Hauptwerk fehlt. Zur ersten Frage wird sich kaum Einigkeit erzielen lassen, zur zweiten vielleicht schon eher. Wenn man Klaus Pranges „Schlüsselwerke der Pädagogik“ (2008/09) als Referenz heranzieht, fehlen nur ganz wenige Autoren (Thomas Elyot, Roger Ascham, Harm Paschen). Dafür ist die Wahl der Werke bei einzelnen Autoren (Plato, Goethe, Fichte, Hegel, Natorp, Dewey, Bollnow, Mollenhauer) aber unterschiedlich ausgefallen. Im Vergleich mit den von Hans Scheuerl 1979 und von Heinz-Elmar Tenorth 2003 herausgegebenen „Klassikern der Pädagogik“ bleiben einzelne Humanisten (Juan de Maldonado), Reformatoren (Philipp Melanchthon), Philanthropen (Friedrich Eberhard von Rochow) und Reformpädagogen (Paul Geheeb, Kurt Hahn, Lev Nicolaevic Tolstoj), einzelne Psychologen (Jerome Bruner, Sigmund Freud) und Soziologen (Karl Marx), einzelne Schulpädagogen (Hans Aebli, Ludolph von Beckedorff, James S. Coleman, Friedrich Wilhelm Dörpfeld, Friedrich Dittes, Torsten Husén, Saul B. Robinsohn, Martin Wagenschein), Sonderpädagogen (Charles Michel de l'Epée, Samuel Heinicke) und Sozialpädagogen (Jane Addams, Robert Owen, Alice Salomon) sowie die Erwachsenenpädagogen insgesamt (z.B. Adolf Reichwein) unbenannt.

Fazit

„Hauptwerke der Pädagogik“ ist ein umfangreiches, auch international konzipiertes und hochwertige Beiträge einschlägiger Fachleute beinhaltendes Nachschlagewerk zu klassischen Schriften der oder zur Pädagogik.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 03.02.2012 zu: Winfried Böhm (Hrsg.): Hauptwerke der Pädagogik. UTB (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-8252-8464-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12789.php, Datum des Zugriffs 22.01.2021.


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