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Irmgard Eisenbach-Stangl, Christine Reidl u.a.: Notquartier und Spritzentausch

Cover Irmgard Eisenbach-Stangl, Christine Reidl, Gabriele Schmied: Notquartier und Spritzentausch. Die Wiener Drogenszene im Gespräch. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2011. 153 Seiten. ISBN 978-3-643-50321-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 31,90 sFr.

Reihe: Soziologie - Band 70.
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Thema

Die Wiener Drogen-Szene ist, dem allgemeinen sozialpolitischen Klima Wiens folgend, gut ausgebildet und komplex organisiert (vgl. die im Anhang 3 aufgeführten Einrichtungen). Sie wurde in den letzten Jahren mehrfach unter unterschiedlichen Forschungsaspekten zumeist qualitativ orientiert untersucht.

Im hier vorliegenden Forschungsbericht hat das in Wien ansässige Europäische Zentrum, finanziert durch die gemeinnützige GmbH ‚Sucht- und Drogenkoordination Wien? in enger Zusammenarbeit mit dem Wiener Drogenkoordinator in den Jahren 2008 bis 2010 die Situation der im öffentlichen Raum Wiens anzutreffenden Suchtkranken untersucht, auch, um Schwachstellen des Hilfesystems aufzufinden.

Aufbau und Inhalt

In einer ersten Phase versuchte man mit Hilfe von offiziellen „Schlüsselpersonen“ in einem halbtägigen Workshop und mit Hilfe von zum Teil nicht ganz einfachen 42 Telephon-Interviews diejenigen öffentliche Orte, Gruppen und Szenen aufzuspüren, an denen sich mindestens drei Mitglieder von Alkoholikern und/oder Drogenabhängigen aufhalten. Die etwa 550- 1000 Suchtkranken verteilten sich auf ca 55 Gruppen (vgl. die Übersicht dieser Orte auf S.27-32), die zu zwei Dritteln aus Alkoholkonsumenten mit einer insgesamt größeren Randständigkeit bestanden, während sich die – sich davon deutlich abhebenden – Drogenkonsumenten weithin auf dem zentralen ‚Karlsplatz? versammelten oder sich „mobil“ entlang bestimmter U-Bahn-Linien bewegten (36).

In der zweiten Forschungs-Phase befragte man mit Hilfe von auf Tonband aufgenommenen qualitativen Interviews 77 Betroffene ausschließlich aus der illegalisierten Drogen-Szene (i.w.S.), die überwiegend von Mitarbeitern aus 9 Einrichtungen der Drogenhilfe benannt und in einem hierfür jeweils bereit gestellten Raum mit einer Prämie von 7 EUR von Mitarbeitern des Forschungsteams interviewt wurden. Der Versuch, auch sonstige Betroffen an öffentlichen Orten anzusprechen, stieß auf einen teilweise auch aggressiven Widerstand, so dass nur 11 Personen in das Sample aufgenommen werden konnten. Diese Betroffenen waren überwiegend zwischen 20 und 40 Jahren alt, zu 75% männlich und zu 72% ohne eigene Wohnung. Bis auf 3 Interviewte nahmen alle an einem Substitutionsprogramm teil und hatten überwiegend weitere Betreuungskontakte. Völlig „Unbetreute“ konnten nicht erreicht werden, zumal selbst die nach entsprechenden Hinweisen Befragten hierfür keine bekannten Personen benennen konnten.

Der den Aussagen dieser Betroffenen gewidmete zweite Hauptteil bietet – „Praxis“- orientiert, also ohne weitere theoretische Überlegungen – eine beeindruckende Zusammenstellung über deren selbst berichtete Lebens-Situation, also zu deren Wohnsituation, sozialen Kontakten und Tagesablauf, zu deren Substitutions-Verhalten, Drogenkonsum und -handel, zum gesundheitlichen Zustand, psychosozialen Problemen und Stigma-Erfahrungen, wie zu ihren positiven und negativen Erlebnissen und Wünschen mit und gegenüber ihren Betreuungs-Einrichtungen. Aus der Fülle dieser Berichte erschüttern – jeweils mit nur wenigen Ausnahmen – die Erfahrungen der Obdachlosigkeit, das fehlende soziale Netz, das sich weithin auf die zumeist als positiv erlebten Kontakte zu den Betreuern und Substitutions-Ärzten (incl. zu der in Wien privat organisierten Bewährungshilfe) beschränkte, und die fehlende Tages-Strukturierung, die sich überwiegend alleine auf das Substitutions-Programm und die notwendigen Ämter-Kontakte bezog, und die sich – vor allem in sommerlicher Zeit – im Aufenthalt in der „Bekannten“-Szene erschöpfte. Erschreckend wird einmal mehr ihr gesundheitlicher Zustand deutlich, der Hintergrund ihrer erlebten psychosozialen Probleme und vor allem ihre nur selten abgewehrten Stigma-Erfahrungen, die ins eigene Selbstbild übernommen oder durch Hinweis auf die noch weiter verelendete Gruppe der Alkoholiker kompensiert werden.

In einem zusammenfassenden Vergleich mit früheren Untersuchungen betonen die Autorinnen die wachsende Verelendung dieser Suchtkranken, deren wachsende „Randständigkeit“, als Folge der seit der Jahrtausendwende „zunehmenden Zerschlagung öffentlicher Drogenszenen“ (124), die sich auch auf deren letztes Refugium, den – inzwischen zu einem Einkaufszentrum umgewidmeten – ‚Karlsplatz? auswirken, und die durch die verbreiteten Substitutions-Programme alleine nicht zureichend aufgefangen werden können.

Als Ergebnis auch aus den Diskussionsergebnissen mit den einschlägigen Professionellen regen die Autorinnen zunächst eine Verbesserung der Schlaf- und Wohnsituation sowie der bisher weithin fehlenden Tagesstrukturierung an, die laut Vorwort des Wiener Drogenkoordinators und des Drogenbeauftragten der Stadt Wien auf Grund dieser Befunde inzwischen, insbesondere durch eine Ausweitung der Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen, auch in Gang gesetzt wurde. Auf Grund auch der positiven sozialen Kontakt-Erfahrungen der Betroffenen vor allem in den Einrichtungen des ‚Ganslwirts? und mit dem Streetwork am ‚Karlsplatz? empfehlen sie zudem, „alle Einrichtungen, die Suchtkranke im öffentlichen Raum betreuen“ mit „geschulten Mitarbeitern auszustatten, die nicht nur als Bezugspersonen dienen können, sondern auch als Verbindungspersonen zur Außenwelt.“ (133), die, wie sich allerdings die Betroffenen wünschen, möglichst auch eigene Erfahrungen durchlebt haben sollten (109). Schließlich schlagen sie „geschützte integrierte Drogenkonsum-Räume“ vor, die, unverständlicher Weise, in Wien ebenso fehlen wie die so notwendigen Heroinvergabe-Programme.

Fazit

In einer Zeit, in der das ‚Drogen-Problem? angesichts anderer Zeit-aktueller Probleme zunehmend in den Hintergrund tritt bzw. sich in allgemeineren, relativ hilflosen ‚Präventions-Bemühungen? verflüchtigt, ohne jedoch auf die fortdauernde Repression zu verzichten, lohnt es sich, einmal wieder diese Betroffenen selber zu hören, die wir nur allzu gerne als „menschlichen Abfall“ (Zygmund Bauman) aus den Augen verlieren wollen (130).


Rezensent
Prof. Dr. Stephan Quensel
Mitherausgeber der Zeitschrift Monatsschrift für Kriminologie
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Zitiervorschlag
Stephan Quensel. Rezension vom 21.02.2012 zu: Irmgard Eisenbach-Stangl, Christine Reidl, Gabriele Schmied: Notquartier und Spritzentausch. Die Wiener Drogenszene im Gespräch. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2011. ISBN 978-3-643-50321-3. Reihe: Soziologie - Band 70. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12793.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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