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Byung-Chul Han: Transparenzgesellschaft

Cover Byung-Chul Han: Transparenzgesellschaft. Matthes & Seitz (Berlin) 2012. 96 Seiten. ISBN 978-3-88221-595-3. D: 10,00 EUR, A: 10,30 EUR, CH: 14,90 sFr.

Kleine Reihe.
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Durchsichtigkeit macht nicht hellsichtig

Die Wilhelm von Humboldtsche Formel in seinem Werk „Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts“ (1836) will ja, wie dies auch Sigmund Freud, Richard Sennet (vgl.: Richard Sennet, Respekt im Zeitalter der Ungleichheit, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1692.php) und andere Autoren zum Ausdruck bringen, die Freiheit des Menschen gesichert wissen, etwas Nicht-Verstehen zu können (und es auch zu wollen). Wir sind bei der Ausleuchtung der Frage nach dem Verstehen und Nicht-Verstehen, wie dies in der Philosophie mit der Synhesis als moralische Urteilskraft (Aristoteles) benannt wurde und sich in den Kategorien der Ethik ausdrückt, als Balance der menschlichen Vernunft – und als Transparenz. Jean Baudrillard hegt in seinem Buch „Die fatalen Strategien“ (1983/91) Zweifel an der dialektischen Sichtweise: „Das Universum ist nicht dialektisch – es ist auf Extreme gerichtet und nicht auf das Gleichgewicht, es unterliegt einem radikalen Antagonismus“.

Entstehungshintergrund und Autor

Symbole und Begriffe sind Anschauungs- und Deutungsmuster für Ideologien, Meinungen und Programmatiken für menschliches Denken und Verhalten; sie können aber auch Blendwerk und Sackgassen sein. Der Begriff „Transparenz“ gilt in der Politik als demokratische Grundlage für Freiheit der Bürger und deren Mitbestimmungs- und Mitwirkungsrechte am politischen und gesellschaftlichen Diskurs. Als das Berliner Reichstagsgebäude, das von 1884 – 1894 im Stil der Neorenaissance errichtet wurde und bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Sitz des Reichstags des Deutschen Kaiserreichs und bis zum Beginn des Nationalsozialismus das Parlament der Weimarer Republik war, ab 1991 zum Sitz des Deutschen Bundestages wurde, sollte mit der baulichen Umgestaltung auch ein Symbol für nationale Einheit und demokratische Transparenz gesetzt werden. Nach langen Auseinandersetzungen wurde schließlich der Entwurf des englischen Architektenbüros Foster verwirklicht, eine gläserne, begehbare Kuppel auf das Reichstagsgebäude zu setzen und damit auch politische Transparenz zu symbolisieren. Politische Transparenz wird in mehreren Ländern, etwa in Schweden, als Verfassungsrecht postuliert; die Forderung nach „Glasnost“ hat zur „Perestroika“, zum Wandel in der Weltpolitik geführt (Michail Gorbatschow, Perestroika. Eine neue Politik für Europa und die Welt, 1987), und mit Transparency International hat sich eine Initiative gebildet, die Machtmissbrauch und Korruption aufspießt und transparent macht.

Weil Begriffe aber immer auch mehrdeutig sind und sachgemäß oder auch manipuliert unterschiedliche Symbolik ausdrücken, stellt die Analyse von Begriffen immer auch eine intellektuelle Herausforderung dar. Den Begriffsbildungen, wie sie sich im politischen Diskurs zur „Transparenz“ vollziehen und insbesondere mit den demokratischen Forderungen nach Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit in Verbindung gebracht werden, stehen allerdings in der philosophischen und politische Diskussion auch Gegenpositionen gegenüber; wie etwa die Bedenken, dass die Forderung nach Transparenz den „gläsernen Menschen“ schaffe. Der Wissenschaftler Rohan Samarajiva aus Sri Lanka / Delft (NL) etwa sieht in der Transparenz „die arme Verwandte der Menschenrechte“ (UNESCO-Kurier 3/2001, S. 13), weil sie die Privatsphäre des Menschen gefährde.

Der aus Südkorea stammende, an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung lehrende Philosoph und Medientheoretiker Byung-Chul Han, hat sich schon mehrmals in den gesellschaftlichen und öffentlichen Diskurs eingemischt (siehe dazu auch: Byung-Chul Han, Topologie der Gewalt, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12785.php). In der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 12. 1. 2012 hat er mit dem Titel „“Transparent ist nur das Tote“ eine Provokation veröffentlicht, die, wohl aufgrund der Leseraufmerksamkeit und des kontroversen Diskurses über den Artikel, den Berliner Verlag Matthes & Seitz veranlasste, den Beitrag als Büchlein in der kleinen Reihe zu veröffentlichen.

Inhalt

Das Bild vom „gläsernen Menschen“, der in der digitalisierten Welt durchleuchtet und durchschaut wird, den Ansprüchen nach Öffentlichkeit und Transparenz mehr oder weniger machtlos ausgeliefert ist, den wirklichen wie vermeintlichen ökonomischen, administrativen und sicherheitspolitischen Herausforderungen anheim fällt, die privaten Daten freiwillig wie unbewusst preisgibt und dadurch missbraucht und ausgebeutet wird, ist eine Vorstellung, die eher nicht im Mainstream der öffentlichen Meinung liegt. Die „Transparenzgesellschaft“ wird im gesellschaftlichen Diskurs eher als „Positivgesellschaft“ dargestellt, Werte wie „Nähe“ als Verwertungsgut verkauft und „Zurückhaltung“ als negative Eigenschaft ausweist und gewissermaßen den „Transparenzzwang“ selbstverständlich macht. Der Autor hingegen fordert eine neue Aufklärung darüber, „dass es positive, produktive Sphären des menschlichen Daseins und Mitseins gibt, die der Transparenzzwang regelecht zugrunde richtet“. Der Button „Gefällt mir“, als einfache und leichte Fingerbewegung, wird zur unverbindlichen Nicht-Sage. Das Ich wird zum Ausstellungsstück und „in der ausgestellten Gesellschaft ist jedes Subjekt sein eigenes Werbe-Objekt“. In der Aufzählung der verschiedenen Formen einer Transparenzgesellschaft erläutert der Autor die Lust-, Spiel- und letztlich Denkfeindlichkeit und charakterisiert sie als „Evidenz“, – „Porno“-, „Beschleunigungs“, „Intim“- (narzisstische), „Informations“- und schließlich „Kontrollgesellschaft“, als Pro und Contra zu herrschenden, traditionellen Meinungen und Entwicklungen. Die Kennzeichnung der Transparenzgesellschaft als „digitales Panoptikum“, bei dem die Menschen „selbst an seinem Bau und an seiner Unterhaltung aktiv mitarbeiten, indem sie sich selbst zur Schau stellen und sich entblö(t)ßen“, ist schließlich die Konsequenz dafür, dass, wer sich ausleuchtet, sich der Ausbeutung und damit auch der Unfreiheit ausliefert.

Fazit

Die Forderung nach totaler Transparenz ist, so Byung-Chul Han, nicht mehr und nicht weniger als Tyrannei, die mit dem moralischen Anspruch auf Durchsichtigkeit auftritt, aber nicht hellsichtig und verstand-sichtig, sondern egoistisch und einsam macht. Es ist immer wieder notwendig, hilfreich und einsichtig, scheinbar eindeutige Begrifflichkeiten, die zu gesellschaftlichen Wirklichkeiten mutieren, gegen den Strich zu reflektieren. „Ganz transparent ist nur das Tote“; ein echtes, „gutes“ Leben im aristotelischen Sinne eines eu zên, eines sittlich guten und autarken Lebens aber braucht mehr als Transparenz. Han gibt mit seinem kulturkritischen Aufsatz dazu einige Hinweise und zeigt Gedankenwege dafür auf!

Die Bonner Poetin Nora Bossong gibt zu der Frage nach unserem Mitdenken und Mitwirken am gesellschaftlichen und politischen Geschehen ihre Antwort: „Alte Tante Politik / Sie wohnt feudal, doch im Nebenraum: / Nationalgalerie, zweiter Stock links. Dort / steckt sie fest in einem Bild von sich selbst, / kommt nicht heraus, nicht vor, nicht zurück / … Doch sie bleibt und da hängt sie: Raum zwölf, zweite / von rechts. Das ist ihr Aufstand nach Vorschrift“ (DIE ZEIT, Serie: Politik & Lyrik, vom 29. 12. 2011, Nr. 1, S. 7).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.05.2012 zu: Byung-Chul Han: Transparenzgesellschaft. Matthes & Seitz (Berlin) 2012. ISBN 978-3-88221-595-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12799.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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