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Michael Poerner: Chinesisch in der Fremde

Cover Michael Poerner: Chinesisch in der Fremde. Interkulturelles Rezeptwissen, kollektive Identitätsentwürfe und die internationale Expansion chinesischer Unternehmen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. 312 Seiten. ISBN 978-3-8309-2563-7. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.

Reihe: Münchener Beiträge zur interkulturellen Kommunikation - 24.
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Thema

Mit einem überzeugenden Zitat von Popper und einem weniger plausiblen von Hesse eröffnet die Buchfassung seiner „leicht modifizierte(n)“ (S. 9) Doktorarbeit der Universität Mainz. Das Vorwort (9) berichtet über zwei Auszeichnungen, die der Arbeit von der Universität verliehen wurden. Es positioniert das Forschungshandeln des Verfassers an die Schnittstelle verschiedener akademischer Disziplinen unter Einschluss der Sinologie und behandelt den Wandel Chinas während der vergangenen zweihundert Jahre.

Aufbau und Inhalt

Die Einleitung nennt China ‚Werkbank der Welt‘ (11) und die „Internationalisierung chinesischer Unternehmen“ (12) als Fragestellung des Buches.

  1. Teil 1 (17-32) liefert „eine wissenschaftstheoretische Positionsbestimmung“ (13),
  2. Teil 2 (33-54) beschreibt „die Neuausrichtung der chinesischen Außenwirtschaftspolitik“ und die Schwierigkeiten chinesischer Unternehmen in Industriestaaten (13).
  3. In Teil 3 (55-135) stellt „das Forschungsfeld interkulturelle Kommunikation“ (13) vor und zeigt dessen Leistungsfähigkeit.
  4. Teil 4 (137-239) präsentiert nach dem Wortlaut der Einleitung „mögliche Formen des kulturellen Selbstverständnisses in ökonomischen Handlungsbereichen“ (14) und schließt mit einem „Fallbeispiel: Der chinesische Homo oeconomicus – Management mit chinesischen Charakteristika“ (202).

Nach der Lektüre der Einleitung erwartet der Leser eine eher wirtschaftspraktische Arbeit etwa in der Art, wie Poerner sie schon 2009 mit offenbar guten Erfolg publiziert hat. Wer sich dafür nicht eigentlich interessiert, endlich das Buch aber doch liest, wird durch die Lektüre reich belohnt, da der Inhalt besser ist als seine „Verpackung“. Hier handelt es sich um eine sozialwissenschaftlich hochrelevante Arbeit zur Zeitgeschichte und Kultursoziologie (und vielleicht auch, aber nicht in erster Linie um ein Manager-Handbuch!)

Teil 1: Die einleitenden Seiten (17-24) enthalten die Selbstreflexion des Wissenschaftlers zum erkenntnistheoretischen Standort seiner Problemstellung im Anschluss an Dilthey, Max Weber, Jaspers und Popper. Darauf folgt (24-32) die Positionierung des Textes an der „Schnittstelle zwischen gegenwartsorientierter Chinawissenschaft und kulturwissenschaftlich ausgerichteter Translationswissenschaft“ (25). Ziel Poerners ist es, weder „Sinologie“ in der Tradition der Jesuitenmission fortzuführen, noch moderne „China-Studien“ zu betreiben. Er versucht, diese Dichotomie „zu transzendieren und zusammenzuführen“ (25).

Teil 2: Die Seiten 46 und 47 enthalten zwei graphische Darstellungen zu Auslandsinvestitionen Chinas. Poerner berichtet auch von Kompetenzproblemen im Umgang mit Partei und Bürokratie (51). In Deutschland getätigte Investitionen sind aus der Sicht Chinas geringfügig im Vergleich zu den weltweiten Aktivitäten des Investors.

Teil 3: Auf den Seiten 58-71 skizziert der Verfasser die Vorgeschichte der Forschung zu interkultureller Kommunikation in den U.S.A. (Ruth Benedict, Margaret Mead) und mit dem Hinweis auf die von dem Niederländer Geert Hofstede bei IBM durchgeführten empirischen Untersuchungen. Weiter diskutiert er die Nationalcharakterforschung (72). Er wirft die Frage auf, ob die Untersuchungen zu Fragen, die „intercultural“ sind, tatsächlich in den Händen einer Forschergemeinschaft liegen, die selbst „intercultural“ zusammengesetzt ist (73).

Poerner beschreibt die wissenschaftliche Bearbeitung interkultureller Fragestellungen in China. (84ff.) und erwähnt die 1995 erfolgte Gründung der ‚Association for Intercultural Communication‘ in China: Auch die Vereinigung ist ausgerichtet auf Englisch und auf die U.S.A.

Der Verfasser formuliert eine Kritik des Forschungsstandes und erwähnt die Schwächen der Vorstellungen von einem „Kultur-Container“ im Anschluss an Ulrich Beck. Unzeitgemäß ist auch eine Beschränkung auf „nationalkulturelle Unterschiede“ (z.B. im Vergleich U.S.A. – China) (91f.). Poerner skizziert Charakteristika chinesischer Kultur (94f.), bringt einen Vergleich Chinas und mit dem Westen (94-108), und beschreibt den „Blick zurück“ als stets notwendig standpunktgebunden.

Beginnend auf Seite 108 präsentiert Poerner ein Fallbeispiel zu „interkulturelle(m) Rezeptwissen.“ Er vermitteln einen Eindruck von der Ratgeberliteratur: „Wie verhalte ich mich… gegenüber Ausländern“ (111-116). Von Chinesen geschriebene und an den chinesischen Geschäftsreisenden gerichtete Passagen, die man je nach Stimmung als grotesk oder amüsant lesen kann, belehren ihre Leser: Wie man sich „im Westen“ benehmen muss, Händedruck etc. Körperhygiene. (119). Es folgt ein Unterricht im Händeschütteln (120), zur korrekten Überreichung der Visitenkarte (121) und um Verhalten bei Geschäftsverhandlungen (122-126). Wie man während eines Geschäftsessen Messer und Gabel verwendet und dass man die Schuhe nicht ausziehen solle (126-129). Der Verfasser berichtet auch über eine chinesische Darstellung deutscher Geschäftsleute (129-132): Ihr Auftreten sei formell, kühl und überheblich (130). Zu Verhandlungen in Deutschland (132-134) und über die Zusammenarbeit im Kreise deutscher Geschäftsleute berichten chinesische Ratgebertexte, die Deutschen haben eine militärischen Arbeitsstil (134-135), seien aber zuverlässige und ehrliche Leute.

Teil 4: Die Herausforderung des Fremden (136-239) darf wohl – nicht nur wegen seines Umfangs – als der wichtigste und wissenschaftlich interessanteste Teil dieses Buches gesehen werden. Poerner macht durch seine Skizze der neueren Geschichte Chinas im 19. und 20. Jahrhundert plausibel, warum der Sowjet-Kommunismus sich bei chinesischen Intellektuellen gegenüber Liberalismus und Demokratie im westeuropäischem Denken durchsetzte und warum die vehemente Zerstörungsabsicht gegenüber der eigenen Kulturtradition unter Mao zahlreiche Anhänger finden konnte. Wie es schien, hatte die Treue zu den alten Texten zu Demütigungen, internationaler Bedeutungslosigkeit und militärischer Schwäche geführt. Das erleichterte die Rechtfertigung – und gewaltsame Durchsetzung – der Ziele der Kulturrevolution. Vor dem Hintergrund der gleichen Argumentation mit umgekehrten Vorzeichen kehrt das zur wirtschaftlichen und militärischen Weltmacht aufgerückte China des 21. Jahrhunderts zu Konfuzius und Laozi zurück.

Der Verfasser widmet daher die weiteren Teile seines Buches (183-201) der Debatte über „gegenwärtige Rückbesinnungstendenzen in den verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen“ und lässt dann eine Fallstudie folgen, die als Konstruktion „einer explizit ‚chinesischen‘ Managementlehre dem wirtschaftlichen Handeln chinesischer Kaufleute gesteigerten Erfolg bescheren soll“ (202-239). Das Literaturverzeichnis füllt die Seiten 245-307!

Fazit

Poerners eigenes Fazit (241-243) spricht von der Erwartung von Auftraggebern für geisteswissenschaftliche Forschung der Gegenwart, dass die Ergebnisse nützlich sind. Das genau ist wohl das Problem dieses Buches. Wissenschaftliche Einsichten in Geschichte und Kultur des Menschen, die vorgetragen werden müssen, sei es gelegen oder ungelegen, begeben sich hier in die Verpackung der Anwendungsforschung, um sich besser verkaufen zu lassen. Es wäre dem Buch sehr zu wünschen, dass dies gelingt, damit es möglichst weit gestreut gelesen wird. Es gehört in die Hände von Sinologen, Wirtschaftswissenschaftlern, Historikern, Politologen und Soziologen.


Rezension von
Prof. Dr. Horst Jürgen Helle
Ludwig-Maximilians-Universität München
Institut für Soziologie
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Zitiervorschlag
Horst Jürgen Helle. Rezension vom 25.06.2014 zu: Michael Poerner: Chinesisch in der Fremde. Interkulturelles Rezeptwissen, kollektive Identitätsentwürfe und die internationale Expansion chinesischer Unternehmen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. ISBN 978-3-8309-2563-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12808.php, Datum des Zugriffs 07.12.2021.


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