Günter Becker: Kohlberg und seine Kritiker
Rezensiert von Michael Lehmann-Pape, 16.02.2012
Günter Becker: Kohlberg und seine Kritiker. Die Aktualität von Kohlbergs Moralpsychologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 436 Seiten. ISBN 978-3-531-17647-5. 49,95 EUR.
Thema
Der amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg wählte im Rahmen seines Ansatzes für eine moralpsychologische Theorie Mitte der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts einen entwicklungspsychologischen Zugang mit dem Schwerpunkt einer theoretischen Erläuterung, wie sich moralische Urteile im Lebenslauf eines Menschen verändern.
Kohlbergs Arbeiten stießen von Beginn an, vor allem dann aber in den 70er Jahren, auf eine breite Rezeption im Bereich der Moral- und Entwicklungspsychologie. Zugleich aber fanden (und finden) sich aus diversen Richtungen ebenso energische Kritiker seiner Theorien. Im besonderen die kritische Rezeptionsgeschichte Kohlbergs nimmt Günter Becker zum Schwerpunkt seiner Untersuchungen, verwehrt sich dabei vor allem gegen eine Verortung Kohlbergs allein in der Forschungsgeschichte und eröffnet in diesem Zusammenhang eine weiterhin bedeutsame Kraft Kohlbergscher Theorie und Forschung, die an den verschiedenen Richtungen und Stufen vor allem der Kritik zu diskutieren und zu schärfen ist. Mithin bildet das Buch ein breites und umfassendes Kompendium sowohl der Kohlbergschen Arbeit als auch der wichtigsten kritischen Rezeptionen.
Autor
Dr. Günter Becker setzt einen seiner Schwerpunkte in die psychologische Moralforschung und in die schulische Förderung moralischer und sozialer Fähigkeiten.
Entstehungshintergrund
Dr. Günter Becker setzt zum einen das Ziel, Missverständnisse gerade in der Rezeption der Kritiker aufzuzeigen und aufzulösen und wehrt sich im Weiteren energisch (und erfolgreich) gegen das „Abschieben“ des Kohlbergschen Ansatzes rein in eine Forschungsgeschichte (und damit für die aktuelle Diskussion Bedeutungslosigkeit) hinein. Mithin versucht Becker, breit und umfassend zu verdeutlichen, wie fruchtbar der Ansatz Kohlbergs auch für die gegenwärtige Forschung ist und das so manche Kritik auf Missverständnissen auch beruht.
Aufbau und Inhalt
Im Rahmen einer breiten Einleitung stellt Becker zunächst den Kern der Kohlbergschen Moralpsychologie dar und verortet ebenfalls die Arbeit Kohlbergs in die größeren Zusammenhänge der Zeit und anderer Strömungen, wie er zudem den Einfluss der Theorie Kohlbergs durch die Jahrzehnte hindurch knapp benennt. Vor allem der Name Piaget ist hier für die Anfangszeit der Entwicklung der Kohlbergschen Moralpsychologie zu nennen, der demgemäß einen breiten Platz zu Beginn des Buches auch beansprucht.
Umfassend, kleinteilig und ausführlich, vor allem aber gründlich, legt Becker sodann die wichtigen kritischen Betrachtungen der Moralpsychologie nach Lawrence Kohlberg dar und diskutiert diese im Einzelnen. Hierbei folgt das Buch einem chronologischen Aufbau und setzt folgerichtig an der Auseinandersetzung mit Piagets Theorien bereits Ende der 50er Jahre an. Wie jedes weitere Kapitel auch schließt dieser erste Blick auf eine kritische Rezeption mit Beckers Darlegungen neuerer Versuche der Integration zwischen Kritik und Kohlbergs Theorie. Sei es wie hier im Rahmen der Theorien von Piaget, sei es im Folgenden im Blick auf die psychoanalytische oder lerntheoretische Kritik, im Blick auf die psychometrische Kritik oder jene durch Bereichstheorien, in allen Kapiteln gelingt Günter Becker eine breite Darlegung der Verbindungen, aber auch der zumindest offen benannten Widersprüche verschiedener Forschungsrichtungen an Lawrence Kohlberg. Die in späteren Jahren hinzutretenden Kritiken durch soziokulturelle Theorien, hier unter anderem auch die feministische Kritik an Kohlbergs Stufenmodell des Gerechtigkeitsurteils, schließen gemeinsam mit einem Blick auf die Kritik durch Kohlberg-Anhänger selbst und neuere Ansätze wie jene der Informationsverarbeitung oder der modernen humanistischen Psychologie den darstellenden Teil des Buches ab, gefolgt von einem Fazit Beckers.
Diskussion
Den Ausführungen im Buch folgend wird schon nach kurzer Lektüre deutlich, dass zumindest die Bedeutung Kohlbergs und die durchaus nachweisbare Aktualität seiner Forschungsergebnisse es fast verbieten, diese prägende moralpsychologische Theorie an den „Rand des Vergessens“ zu verorten. Es gelingt Günter Becker durchaus (und nicht nur hier und da) zum einen die kritische Rezeption einerseits ein stückweit zu entschärfen und andererseits fruchtbar für die Entwicklung der Kohlbergschen Theorie zu nutzen. Zudem legt Becker ausführlich dar, wie aktuell in vielen Bereichen Kohlbergs Ansatz auch für die Gegenwart nutzbar ist und Phänomene menschlicher Moralbildung zutreffend beschreibt.
Besonders hilfreich zum Verständnis der gesamten Diskussion zeigt sich die systematische Strukturierung und Diskussion der Kritik an Bohlberg im Buch durch eine grobe Subsumierung in vier Ebenen von Kohlbergs Analyse. Der Annahme empirischer Werte, seinem methodischen Verfahren, der theoretischen Definition der einzelnen Urteilsstufen und an Kohlbergs übergreifend formuliertem Entwicklungskonzept. Diese vier Hauptbereiche der Kritik an Kohlberg werden im Buch immer wieder verdeutlicht und ausführlich diskutiert. Im Rahmen dieser Diskussion gelingt es Becker fundiert darzulegen, dass vor allem radikale Formen der Kritik Kohlberg in keiner Weise gerecht werden. Viel eher steht im Raum, dass Kohlberg im Rahmen seines breiten, durchaus forschungsoffenen Ansatzes eine Reihe von Fragen schlichtweg unbeantwortet gelassen hat, die eine Weiterarbeit auf allen Ebenen nachgerade notwendig nach sich ziehen sollten. Jene „Forschungsoffenheit“ durch Kohlberg selbst ist es, die bei vielen Kritikern und kritischen Rezeptionen zu wenig gesehen wurde,
In welcher Weise eine weitergehende Entwicklung und ein konstruktiver Umgang mit den Ansätzen Kohlbergs wissenschaftlich auch für die Zukunft sinnvoll wäre, auch dies erläutert Günter Becker auf den letzten Seiten des Buches und eröffnet so eine intensive Diskussion und Bearbeitung der psychologischen Moraltheologie nach Lawrence Kohlberg.
Fazit
Im Gesamten gelingt gelingt Becker auf der Blaupause der jeweiligen Kritik nicht nur der Erweis einer andauernden Evidenz des Kohbergschen Ansatzes. Zudem stellt Becker im Licht der verschiedenen Richtungen der Kritik den Ansatz Kohlbergs und dessen Entwicklungen durch Kohlberg selbst detailliert dar. Und liefert ein aus seinen Darlegungen folgendes und differenziert dargelegtes integratives psychologisches Modell der Moral und ihrer Entwicklung, welches auf der Basis der Erkenntnisse Kohlbergs für die gegenwärtige Diskussion von hohem Nutzen sein kann.
Trotz des eher eingeschränkten Themas ist das Buch nicht nur für jene eine sinnvolle Lektüre, die sich direkt mit der Arbeit Kohlbergs beschäftigen, sondern bietet in der Breite einen Einblick in den umfassenden Bereich der psychologischen Moralforschung durch die verschiedenen Stufen der Entwicklungen hinweg und aus Sicht diverser psychologischer Ansätze. So bildet das Buch zugleich eine Würdigung Kohlbergs, eine Aktualisierung seiner Theorie für die gegenwärtige Diskussion, ein Kompendium der kritischen Rezeption Kohlbergs und eine Darstellung der differenzierten Entwicklung der psychologischen Moraltheorie der letzten 60 Jahre.
Rezension von
Michael Lehmann-Pape
Pfarrer
Es gibt 23 Rezensionen von Michael Lehmann-Pape.





