socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Eva-Maria Graf, Yasmin Aksu u.a. (Hrsg.): Beratung, Coaching, Supervision

Cover Eva-Maria Graf, Yasmin Aksu, Sabine Rettinger, Ina Pick (Hrsg.): Beratung, Coaching, Supervision. Multidisziplinäre Perspektiven vernetzt. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 261 Seiten. ISBN 978-3-531-17965-0. 34,95 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Es ist nicht so, dass PraktikerInnen in Supervision, Coaching und Beratung nicht seit Jahren wüssten, welche Kommunikations- und Interventions"strategien" wirksam sind und welche eher nicht. Das ist Praxiswissen, weitergegeben – wie beispielsweise im Handwerk – vom Meister zum Auszubildenden. Die gegenseitige Anreicherung in der Community und die gemeinsame Reflexion beraterischen Handelns in Publikationen, Kontrollsupervision, Kollegialen Beratungen etc. überprüft das weitergereichte Wissen kontinuierlich und sorgt für eine professionelle Beratungsleistung. Dieses Modell der Wissensorganisation galt jahrelang als hinreichend.

Mittlerweile erhält "Professionalität" eine Bedeutungserweiterung: Es geht nicht mehr nur um reflektierte und meisterhafte Anwendung von Wissen und Können, sondern darum, dass sich Beratungsformate auf den Weg machen, eine "Profession" zu werden. Dazu gehören neben einem gesellschaftlichen Mandat auch akademische Forschungs- und Ausbildungswege. Seit einer Weile befasst sich die Wissenschaft mit diversen Beratungsformaten vor allem unter dem Aspekt der Wirksamkeitsforschung, überwiegend mit quantitativen Erhebungsmethoden. An der Ludwig-Maximilians-Universität München wurde LOCCS gegründet: "The Linguistics of Coaching, Consulting and Supervision" (Näheres unter www.loccs.uni-muenchen.de) mit dem "Ziel, die Lücke zwischen Theorie und Praxis in diesen Beratungsformaten durch wissenschaftlich fundierte Ergebnisse zu schließen" (ebd.). dabei arbeitet LOCCS sowohl transuniversitär als auch interdisziplinär. Der vorliegende Band dokumentiert wesentliche Aspekte der Arbeit dieser ForscherInnnengruppe.

Herausgeberinnen

Eva Maria Graf ist Assistenzprofessorin an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, ihr Forschungsschwerpunkt ist die Diskursanalyse von Coaching und anderen Beratungsformaten. Sie ist auch selbst als Coach und Beraterin tätig. Yasmin Aksu ist als Dozentin und Coach tätig und promoviert mit einer gesprächsanalytischen Studie zur Einzelsupervision. Ina Pick arbeitet an einer Promotion zu Mandantengesprächen von Anwälten. Sabine Rettinger lehrt an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe Angewandte Linguistik und promoviert zum Erstgespräch im Coaching. (Alle weiteren AutorInnen werden bei den entsprechenden Kapiteln vorgestellt.)

Aufbau und Inhalt

Nach einer Hinführung von Aksu und Graf folgen sechs thematische Gruppen, zunächst: Theoretische Diskurse über Beratung.Ein (jedenfalls für Insider) ausgesprochen spannender Beitrag von Beate Fietze unter der Überschrift "Profilbildung und Statuskonkurrenz. Zur Bedeutung der Distinktionsstrategien im Professionalisierungsprozess von Supervision und Coaching" eröffnet den Band. Fietze zeichnet die unterschiedlichen Strategien von Supervision und Coaching nach, den eigenen Marktanteil nachhaltig zu sichern: von Seiten der Supervision (z.B. der DGSv) wird inzwischen die weitgehende Identität der beiden Formate personbezogener Beratung betont, die Vertreter des Coaching dagegen markieren eher die Unterschiede (so zuletzt DGfC und DCV). Fietze hält es für das Projekt einer Professionalisierung für aussichtsreich, die Expertise, die sich in den verschiedenen Formaten gebildet hat, zusammenzuführen und "nach anderen Konkurrenten ausschau(zu)halten, gegenüber denen eine klare Grenzziehung … leichter möglich scheint." (S. 33)

Siegfried Greif ist Diplompsychologe und Professor an der Universität Osnabrück, sein Arbeitsschwerpunkte sind Changemanagement und Coaching. Er beschreibt unter dem Titel "Qualitative und quantitative Methoden der Coachingforschung – Methodenstreit zwischen unversöhnlichen Wissenschaftsauffassungen?" Interessant für Praktiker ist allemal, dass sich (fast) alle darin einig sind, dass Coaching nützlich ist. (S. 41)

Yasmin Aksu überschreibt ihren Beitrag mit "Die Gesprächsanalyse in der Supervisionsforschung". Die bisherige Supervisionsforschung (z.B. Petzold et.al.) hat vor allem Team- und Gruppensupervisionen untersucht, überwiegend unter dem Aspekt der Wirksamkeit. Die Einzelsupervision dagegen ist bisher weitgehend unerforscht. Aksu widmet sich der Analyse der Interaktionen zwischen Supervisor und Supervisand. In einem ähnlichen Feld forscht Ina Pick, sie referiert die "Praxisnahe Erforschung von (Beratungs-)Gesprächen".

Ein Beitrag von Elke Berninger-Schäfer und Carmen Wolf widmet sich dem Thema "Qualitätssicherung im Coaching – Was sich die Praxis von der Forschung wünscht." Berninger-Schäfer ist Praktikerin: als Diplompsychologin ist sie Senior Coach DBVC und Lehrcoach sowie Supervisorin BDP. Wolf ist akademische Mitarbeiterin im Institut für Berufspädagogik am Karlsruher Institut für Technologie. Drei Perspektiven bestimmen diesen Artikel: die Perspektive praktizierender Coachs, die praktizierender Coaching-Pool-Anbieter und die praktizierender Coaching-Weiterbildungsanbieter. Aus diesen drei Perspektiven werden konkrete Wünsche an die Forschung formuliert.

Die zweite Gruppe von Beiträgen ist explizit der "Professionalisierung von Beratung" gewidmet. Sie beginnt mit einem Beitrag von Michael Scherf : "Herausforderung der empirischen Erforschung der Organisationsberatungsinteraktion." Dabei schildert er vor allem auch die Faktoren, die einer Professionalisierung der Organisationsberatung im Wege stehen, wenngleich sie ein interessantes Feld für die Forschung darstellt.

Cornelia Maier-Gutheil fragt in ihrem Beitrag "Zwischen Potentialorientierung und Instruktion - „Existenzgründungsberatung“ aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive", wie sich in solchen Beratungsformaten die pädagogischen Interventionen mit den beraterischen vertragen.

Die nächste Gruppe steht unter dem Thema "Kommunikative Praktiken im Coaching". Eva Graf untersucht einen zentralen Begriff des Coaching, nämlich: Veränderung, unter der Überschrift: Wirksamkeitsforschung und authentische Gesprächsdaten: Ist „Veränderung“ im Coaching mittels diskursanalytischer Methoden analysierbar?". Die sprachwissenschaftliche Analyse legt diesen Zentralbegriff unter die "linguistische Lupe" und kann so eine Antwort geben auf die Frage, was "Veränderung" für den jeweiligen Coachingprozess bedeutet.

Sabine Rettinger untersucht "Das Coaching-Erstgespräch: „Handlungsidentitäten“ in der Beziehungsgestaltung zwischen Coach und Klient". So sehr Konsens darüber besteht, dass die Gestaltung der Arbeitsbeziehung die entscheidende Basis für einen guten Verlauf des Coachingprozesses darstellt, so wenig ist dieses Detail bislang erforscht. Rettinger versucht, dieses Defizit zu füllen.

Die vierte Gruppe steht unter der Überschrift "Modelle zur segmentierenden Analyse von Coaching". Harald Geißler stellt unter der Überschrift "Empirische Rekonstruktion von Coachingprozessen" zunächst fest, der Fülle konzeptionell-normativer Theoriebildung auf der einen stehe ein erhebliches Defizit an empirischer Forschung auf der anderen Seite gegenüber. Nur durch eine solche Forschung sei aber eine "allgemeine empirisch fundierte Coaching-Theorie" zu rekonstruieren. Dazu schlägt der Autor ein entsprechendes Kategoriensystem vor.

Henrike Schneider, Diplompsychologin, und Simone Kauffeld, Diplompsychologin und Professorin an der TU Braunschweig schreiben zum Thema "Einflussnahme in Beratungssituationen? Entwicklung des Beobachtungs- und Analyseverfahrens act4strategies". Einflussstrategien seien nicht nur z.B. in Verkaufsberatungen oder Arzt-Patienten-Gesprächen, sondern auch im Coaching anzutreffen.

Eine letzte Beitragsgruppe widmet sich dem Thema "Metaphern in der Beratung und im Coaching". Julia Schröder schreibt einen Beitrag zum Thema "Metaphorische Konzepte für Beratung". Ihre Ausgangsthese ist die, "dass insbesondere komplexe Bereiche der sozialen Interaktion, wie sie in der Beratung vorkommen, nur via Metapher von den Subjekten begriffen werden können." (S. 206) Anhand einer Sequenz aus einem Beratungsgespräch in der Männer- und Gewaltberatung zeigt sie die strukturierende Wirkung einer durchgängig gebrauchten Metapher auf. Schröder ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hildesheim.

Judith Schrauf und Hans-Jörg Schmid haben zum Thema "Konzeptualisierung von Führung: Metaphern in der Personalentwicklung" gearbeitet. Schrauf ist "Manager Corporate Communication BASF SE und assoziierte Forscherin der Arbeitsgruppe LOCCS, Schmid bekleidet eine Professur mit den Forschungsschwerpunkten Kognitive Linguistik, englische Morphologie, Wortbildung und Semantik an der LMU München. Eine Veränderung der Metaphorik kann zu einer Lösung von Begrenzungen führen, was für die Verwendung einer hohen Metaphernpluralität in der Personalentwicklung und im Coaching spricht.

Im abschließenden Ausblick stellen Ina Pick und Sabine Rettinger die Vernetzung der im Band vertretenen (und darüber hinausführenden) interdisziplinären Vernetzungen unter verschiedenen Perspektiven dar: Gesamtvernetzung, Vernetzung der Beratungsformate, Vernetzung der Untersuchungsperspektiven etc.

Diskussion

Eine Tatsache mag Bände sprechen: Ich habe das Rezensionsexemplar bekommen, in Teilen gelesen, mit KollegInnen diskutiert, in Weiterbildungen eingebracht – und ihm einen prominenten Platz in meinem Bücherregal eingeräumt, um über der Arbeit mit dem Buch beinahe zu vergessen, dass ich es eigentlich rezensieren sollte. Das dürfte ein starker Hinweis auf die Praxistauglichkeit und zugleich wissenschaftliche Attraktivität des Buches sein! Mittlerweile habe ich es ganz gelesen, und das habe ich gern getan.

Nun ist es durchaus nicht so, dass diese Publikation den (reflektierenden) Praktiker mit Ergebnissen überrascht, die die gesamte bisherige Praxis von Supervision und Coaching völlig auf den Kopf stellt. Es bleibt bei dem anfangs Gesagten: PraktikerInnen hatten auch bisher schon ein recht umfangreiches und gut begründetes Wissen über wirksame und weniger wirksame Interventionen. Was ist also der Erkenntnisgewinn? Plausibilität in der Praxis ist die eine Sache, empirische Überprüfung eine andere. Die Weitergabe praktischen Wissens und theoretischer Reflexion im Verlauf von Ausbildung und kollegialem Austausch ist die eine Sache, die genaue Diskursanalyse, linguistische Untersuchung von Interaktionsverläufen und die empirisch fundierte Wirksamkeitsforschung eine andere. Nun könnte man über Wissensmodelle streiten und ebenso über Wissenschaftskonzepte. Man wird aber wohl kaum an der Tatsache vorbeikommen, dass die gesellschaftlich institutionalisierte Form wissenschaftlichen Arbeitens die akademische ist.

Wenn also Beratungsformate wie Supervision und Coaching sich auf den Weg machen, eine Profession im eigentlichen Sinn zu werden, und wenn als wesentliche Merkmale einer Profession wissenschaftliche Expertise und ein gesellschaftliches Mandat gelten, dann tun Beratungspraktiker und Beratungsfunktionäre gut daran, die ausgestreckte Hand der Wissenschaft zu ergreifen und eine möglichst produktive Kooperation anzustreben. Die Erforschung des schon Gewussten (dass im Erstgespräch die Rollen von Coach und Klient geklärt werden, ist keine besonders große Überraschung) ist keineswegs überflüssig, sondern dient der Professionalisierung, die Scherf so beschreibt: „Professionalisierung wird … als sich im Gelingen zu beweisende Handlungspraxis betrachtet“. (S. 102) Das ist keineswegs eine abgehobene, sondern im Gegenteil eine von der Praxis ausgehende und zu ihr hinführende Wissenschaft. Pick und Rettinger schreiben dazu: „Eine herausfordernde Aufgabe, zugleich aber die Conditio sine qua non wird es sein, auch Praktiker/innen in dieses Netz aufzunehmen.“ (S. 244) Ich verstehe den vorliegenden Band als eine solche Einladung: PraktikerInnen mögen sich einen Überblick verschaffen über die Fragestellungen, die empirische Forschungen im Feld von Supervision und Coaching gegenwärtig beschäftigen, und dann als kompetente GesprächspartnerInnen die eigene Sicht und die eigenen Erfahrungen in den Diskurs einbringen. VertreterInnen von Verbänden sind eingeladen, die ForscherInnen dadurch zu unterstützen, dass sie bei der Beschaffung von Material behilflich sind.

Fazit

Ein Buch für alle, denen die tradierte Evidenz von Coaching- und Supervisionswahrheiten nicht ausreicht und die sich eine durch empirische Wissenschaft fundierte Begründung wünschen!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
E-Mail Mailformular


Alle 122 Rezensionen von Peter Schröder anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 09.07.2012 zu: Eva-Maria Graf, Yasmin Aksu, Sabine Rettinger, Ina Pick (Hrsg.): Beratung, Coaching, Supervision. Multidisziplinäre Perspektiven vernetzt. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17965-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12819.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Kinderbetreuer/in (m/w/d), Sankt Augustin

Abteilungsleitung (w/m/d) Berufliche Bildung, Wuppertal

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung