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Markus Pohlmann, Hristina Markova: Soziologie der Organisation

Rezensiert von Prof. Dr. Yolanda Koller-Tejeiro, 04.05.2012

Cover Markus Pohlmann, Hristina Markova: Soziologie der Organisation ISBN 978-3-8252-3573-4

Markus Pohlmann, Hristina Markova: Soziologie der Organisation. Eine Einführung. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2011. 200 Seiten. ISBN 978-3-8252-3573-4. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 25,90 sFr.
Reihe: UTB - 3573.

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Autor und Autorin

Die AutorInnen arbeiten am Max-Weber-Institut für Soziologie der Universität Heidelberg, Markus Pohlmann als Professor für Organisationssoziologie, Management- und Karriereforschung und Hristina Markova als wissenschaftliche Mitarbeiterin.

Thema

Die Veröffentlichung will zum „organisationssoziologischen Denken“ einladen, denn Organisationen bestimmen „zu einem erheblichen Maße unser Leben und unseren Alltag.“ (Einleitung, 11) Sie will „zentrale Begriffe und Perspektiven organisationssoziologischen Denkens vorstellen, um den Blick für die soziologische Perspektive zu schärfen, so dass diese von betriebswirtschaftlichen, psychologischen oder pädagogischen Herangehensweisen hinreichend unterscheidbar wird“ (15). Dabei beschränkt sie sich auf drei Theorieansätze: „die Theorie rationaler Wahl, die neue Institutionentheorie und die Systemtheorie … weil sie für grundlegende Perspektiven einer Soziologie der Organisation stehen“ (16).

Dem Klassiker der Soziologie, Max Weber (1864-1920), an dem als einem „Begründer der modernen Organisationssoziologie“ keine Abhandlung zu diesem Thema vorbeikommt, ist in der Einleitung eine lange Infobox gewidmet, die u.a. darüber informiert, dass er bei einer USA-Reise im Jahre 1904 überaus beeindruckt war von dem rationellen Verarbeitungsprozess in den Schlachthöfen von Chicago , die das Fließband – Inbegriff der Industrieproduktion der Modernde - nutzten, „lange bevor es mit Henry Ford Einzug in die Automobilindustrie hielt.“ (13)

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist inklusive Einleitung in acht Kapitel gegliedert.

Jedes Kapitel beginnt mit der kurzen Nennung der drei wesentlichen inhaltlichen Punkte, die unter der direkten Ansprache an die Leserin / den Leser: „In diesem Kapitel erfahren Sie“ aufgelistet sind. Der Text ist aufgelockert durch Einschübe: „Infobox“ (genauere Erläuterungen und Exkursionen), „Begriffsboxen“ (knappe Definitionen), „Leitbeispiele“ sowie Tabellen und Abbildungen. Die Kapitel enden mit einer Zusammenfassung, Fragen zur Vertiefung sowie Übungen und Arbeitsaufgaben. Aktuell die modernen Informationsmedien nutzend steht am Ende des Kastens „Übung zu Kapitel…“ nach den Arbeitsaufgaben der Hinweis: „Exemplarische Antworten auf die Fragen zur Vertiefung sowie einen Lösungsvorschlag zur Übung finden Sie im Internet unter www.utb.de/soziologie-der-organisation. Die über 16-seitige Literaturliste umfasst alle relevanten Publikationen zum Thema und das 2-seitige Schlagwortverzeichnis ganz am Ende rundet das hervorragend aufgebaute Lehrbuch ab.

Das 2. Kapitel erläutert am Beispiel der Mafia als „sehr erfolgreiche und zugleich beständige kriminelle Organisation“ (21) das soziologische Verständnis von Organisation. Die spezifischen Merkmale der Organisation werden in idealtypischen Vergleichen mit „anderen sozialen Gebilden wie Gruppen, totalen Institutionen, sozialen Netzwerken und Märkten“ (16) in Tabellen (S. 31-35) verdeutlicht und in der Zusammenfassung hervorgehoben: frei gewählte Zwecke, vertraglich geregelter Ein- und Austritt (formale Mitgliedschaft), nur teilweise Beanspruchung der Person (Partialinklusion), prinzipielle Austauschbarkeit des Personals, formale Hierarchie mit Über- und Unterordnung (Herrschaftsform). Demnach ist die Mafia keine Organisation im sozialwissenschaftlichen Sinn, „sondern eine traditionelle Vergemeinschaftungsform“. (36)

In Kapitel 3 werden „Zentrale Ansätze der Organisationssoziologie“ behandelt. Am historischen Negativbeispiel der Konzentrationslager als totaler Institution mit absoluter Machtausübung sollen „rationale bürokratische Organisationen“ im Sinne Max Webers verdeutlich werden. Denn diese haben „nicht an Bedeutung verloren, sondern sich viel eher überall weiter ausgebreitet“. (44) Im 2. Abschnitt erfolgt ein Vergleich organisationssoziologischer Ansätze – der Theorie rationaler Wahl, der neuen Institutionentheorie und der Systemtheorie – in Bezug auf die Weberschen Rationalitätsannahmen und das Verständnis von Organisation. Eine Tabelle bietet einen Überblick (46), und ein Leitbeispiel dient der Veranschaulichung (Gründung einer freien Universität, die schließlich in einem teuren MBA mündet, 47-50). Weitere Abschnitte befassen sich mit der „Organisation als korporativer Akteur“ (3.3) mit den „Institutionen der Gesellschaft (3.4) sowie der „Organisation als System“ (3.5), wobei das Leitbeispiel weiter zur Illustration herangezogen wird.

Standen bisher strukturelle Merkmale im Fokus, beschäftigt sich Kapitel 4 mit dem „Zusammenhang von Organisation, Person und Motivation“ (65ff.) Am Anfang steht ein Zitat von Samantha, einer Protagonistin der der auch hierzulande überaus populären US-amerikanischen TV-Serie „Sex and the City“, ein Aufhänger, um das Soziale der Person im Vergleich zum psychologischen Verständnis zu verdeutlichen: „…die gesellschaftliche Konditionierung von Ausdrucksmöglichkeiten der Person sowie von Erwartungen, die sich an sie richten.“ (65) Das soziologische Verständnis wird in Abschnitt 4.1 am Leitbeispiel des Minenunglücks in Chile vom 5. August 2010 genauer erläutert. Das Beispiel dient auch zur Veranschaulichung in Abschnitt 4.2 zur soziologischen Bestimmung von Personal: „Die Perspektive der instrumentellen Nutzung von Personen sowie ihre Verfügbarkeit als Ressourcen“ (75). Das beinhaltet auch die Austauschbarkeit des Personals in Organisationen und den Handel über Märkte. „In kapitalistischen Organisationen“ stehen „Kosten-Nutzen sowie Marktkalküle“ im Vordergrund (Humankapital). (76) Abschnitt „4.3 Motive“ weist darauf hin, dass sich die Soziologie „auf die Erscheinungsformen von Motiven“ konzentriert (80), da sie sich „nicht mit dem Menschen als Ganzes, sondern mit seiner sozialen Seite“ beschäftige (84).

Kapitel 5 geht auf die Rolle von Macht und Geld als entscheidende „Medien in Organisationen“ ein. (18) Betont wird, dass Macht kein „Attribut von Personen“ ist, sondern „an soziale Beziehungen oder soziale Systeme gebunden“. Bei Geld sei „nicht so sehr der Besitz entscheidend“, sondern seine Bedeutung als „Beziehungsmittel“ (87). Mit Geld allein seien jedoch kein „dauerhafter Motivationsschub oder eine fortgesetzte Identifikation mit der Organisation oder eine Veränderung ihrer Kultur…zu erreichen“, sondern eher mit anderen Mitteln: Sozialisation, Corporate Identity, nicht materielle Anreizstrukturen, Personalentwicklung. (87f.) Macht wird im ersten Unterabschnitt (5.1.1) an einem bereits klassischen und sehr plastischen Beispiel (Liegestühle auf einem Kreuzfahrerschiff) zum Prozess der Machtbildung von Heinrich Popitz von 1968 verdeutlicht. In weiteren Unterabschnitten werden die die Erklärungsansätze der Theorie rationaler Wahl, der Machttheorie von Crozier/Friedberg sowie der Systemtheorie von Luhmann (Tab. 5.1, 101 als Überblick) dargestellt. Der Abschnitt zu Geld nimmt das Beispiel der Liegestühle auf und stellt in einer Infobox „Ausgewählte ökonomische Erklärungen für hohe Managementgehälter in Unternehmen“ dar (104f).

Kapitel 6 beschäftigt sich mit „Management, Führung und Strategie“. Entsprechend dem modernen Managementverständnis geht es um Positionen in einer Organisation sowie die Funktionen, die damit verknüpft sind. Für die Soziologie interessant sind auch die „Personen, die diese Stellen besetzen“ (131). Zu Beginn des Abschnitts „Führung und Strategie“ wird die „Meuterei auf der Bounty“ als „Leitbeispiel“ dargestellt (120f.). Im soziologischen Verständnis geht es bei Führung immer um ein Beziehungsverhältnis: „…gelingende Führungsbeziehungen passen sich den wechselseitigen Führungserwartungen und Führungssituationen an“. (125) Strategie wird wieder im Vergleich der 3 theoretischen Ansätze dargestellt (Tab. 6.2, 127).

Als wesentliche Bedeutung der Organisationskultur (Kapitel 7) wurde in der Einleitung (18) die Vermeidung von „Konflikten und Störungen“ genannt. Zur Verdeutlichung wird zum Beginn des 7. Kapitel auf das in Kapitel 6 eingeführte Bsp. der „Meuterei auf der Bounty“ eingegangen. Im weiteren werden behandelt: die Frage von „Kultur als veränderbare Variable“ (7.1), Kultur als Regelwerk der „Wahrnehmung und Interpretation“ (7.2) und der Einfluss der Kultur für Organisationsveränderungen (7.3). Den Abschluss bildet ein Theorienvergleich zum „Verständnis von Organisationskultur“.

„Moral und Korruption“ in Organisationen ist Thema des achten Kapitels, denn nach der Diskussion in „den Medien und im öffentlichen Diskurs“ sollen Organisationen „heute nach gängigen gesellschaftlichen Moralstandards agieren oder gar nicht.“ (155) Im ersten Abschnitt erfolgt die theoretische Bestimmung des Verhältnisses von „Organisation, Moral und Ethik“ (155) in einem Theorienvergleich (Tab., 158) und mit Verweis auf Wirtschaftsunternehmen einerseits und andererseits auf „auf Moral spezialisierte Organisationen in modernen Gesellschaften“ wie Amnesty International, Greenpeace, Transparency International, UNO, WHO (160). Der zweite Abschnitt (8.2) befasst sich mit Normen und aktiver Korruption mit dem Leitbeispiel der Unternehmenskorruption der Firma Siemens AG. Unterabschnitte befassen sich mit Korruption „als Risikokalkulation“ (8.2.1), als „Anpassung und Nachahmung“ (8.2.2) und „als ‚brauchbare Illegalität?“ (8.2.3). Dieser von Luhmann geprägte Begriff bedeutet, dass aktive Korruption für „die Bestandserhaltung der Organisation als ‚notwendig? erachtet wird.“ (170) Der letzte Abschnitt (8.3) beschäftigt sich mit „CSR, Moral und die Bekämpfung von Korruption“, wobei CSR (Corporate Social Responsibility) als allgemein bekannt unterstellt wird und erst im Text die Auflösung des Kürzels erfolgt. Der Theorienvergleich führt dann in der Zusammenfassung (8.4) zu der Einschätzung: „Der Zugang der Soziologie zu der Frage, wie Organisation und Moral zusammenhängen, ist amoralisch, d.h. sie unterwirft die Analyse nicht den eigenen ethischen oder moralischen Standards.“ (177)

Diskussion

Kritisch ist anzumerken, dass die Ausführungen häufig abstrakt und theoretisch eher traditionell bleiben, was auf die relativ enge Bindung an die drei ausgewählten Theorieansätze – die Theorie rationaler Wahl, die neue Institutionentheorie und die Systemtheorie – zurückgeführt werden kann. Ökonomischer und sozialer Wandel und die Organisationsentwicklung der Postmoderne werden demgegenüber vernachlässigt, z.B. Globalisierung und Verschärfung der Konkurrenzsituation von Unternehmen und für ArbeitnehmerInnen. Neben der Unterbelichtung des komplexen Verhältnisses von gesellschaftlicher Entwicklung und Organisationsentwicklung wird ein (m.E. wesentliches) Kapitel zur Organisationsstruktur (Aufbau-, Ablauf-/Prozess- und Kommunikationsstruktur) vermisst, auch wenn punktuell Hinweise dazu auftauchen. Damit gemeint sind u.a. Lean Administration und Lean Management, mit der Abflachung von Hierarchien und Bildung von Teamstrukturen einerseits und zunehmender Ökonomisierung des Privaten und Vereinnahmung der ganzen Person für Unternehmenszwecke („Arbeitskraftunternehmer“, Voß/Pongratz) andererseits. Auch die Modernisierungsbemühungen der öffentlichen Verwaltung (New Public Management), die für die Entwicklung der demokratischen Gesellschaft entscheidende durchführende Organisation des Politischen, wird nicht behandelt. Kritisch anzumerken ist auch der Hinweis (Fußnote 3, 16), dass mit der ausschließlichen Verwendung der männlichen Form auch die „weibliche Darstellungsform gemeint ist“. Dies ist veraltet und vereinfachend und wird der Komplexität sozialer Verhältnisse nicht gerecht.

Fazit

Wie eingangs ausgeführt, ist die Veröffentlichung gut gegliedert und interessant aufgebaut, eine gute theoretische Einführung in die Organisationssoziologie, die jedoch ergänzt werden sollte durch neuere Entwicklungen, u.a. Erkenntnisse der Industrie- und Arbeitssoziologie.

Rezension von
Prof. Dr. Yolanda Koller-Tejeiro
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), Fakultät Wirtschaft & Soziales; Lehre in Soziologie mit Schwerpunkt Organisationssoziologie

Es gibt 7 Rezensionen von Yolanda Koller-Tejeiro.

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ISSN 2190-9245