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Heinrich Popitz: Allgemeine soziologische Theorie

Cover Heinrich Popitz: Allgemeine soziologische Theorie. Konstanz University Press (Paderborn) 2011. 418 Seiten. ISBN 978-3-86253-018-2. 49,90 EUR, CH: 66,90 sFr.

Reihe: Kup-Archiv. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jochen Dreher und Andreas Göttlich.
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Thema

Das Buch ist die Veröffentlichung von Heinrich Popitz' Vorlesung „Allgemeine Soziologische Theorie“ und soll eine Antwort auf die grundlegende Frage geben: „Wie ist Gesellschaft möglich?“. Ziel ist also die Entwicklung einer Theorie der Gesellschaft. Um ein solches analytisches Modell vorschlagen zu können, geht Popitz den sozialen Normen auf den Grund. Normen sind für den Soziologen verbindliche Regelungen von Handlungssituationen. Das macht sie zum Basiselement jeglicher Form von Vergesellschaftung und damit gleichzeitig zum zentralen Ansatzpunkt für eine Gesellschaftsanalyse.

AutorIn oder HerausgeberIn

Heinrich Popitz (1925-2002) studierte in Heidelberg, Göttingen und Oxford. Nach seiner Habilitation war er bis 1959 Privatdozent an der Universität Freiburg, wo er die Vorlesung über Allgemeine Soziologische Theorie abhielt, die dem hier vorliegenden Buch zugrunde liegt. 1964-1992 war er Professor für Soziologie an der Universität Freiburg. Heinrich Popitz gilt als ein moderner Klassiker der Soziologie, dessen Werk mit dem vorliegenden Buch um ein weiteres Stück erschlossen ist.

Jochen Dreher und Andreas Göttlich sind wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Konstanz und Mitglieder der dort angesiedelten Forschungsgruppe Wissenssoziologie.

Entstehungshintergrund

Die Publikation „Allgemeine Soziologische Theorie“ konnte im Rahmen eines Projektes an der Universität Konstanz aus dem Nachlass des deutschen Nachkriegssoziologen entstehen. Die Grundlage des Buches ist ein 343-seitiges Typoskript der Vorlesung aus dem Wintersemester 1966/67, als Popitz die „Allgemeine Soziologische Theorie“ erstmals an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg hielt. Die Tonbänder sind verschollen, und die Abschrift selbst ist von Popitz nicht redigiert worden. Die beiden Editoren haben daher beispielsweise in den Text eingegriffen, wo sich Schreibfehler fanden, Satzumstellungen nötig waren oder auch Literaturverweise eingefügt werden konnten. Im Jahr 2010 ist bereits die Vorlesung „Einführung in die Soziologie“ von Heinrich Popitz bei Konstanz University Press erschienen (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/10624.php).

Aufbau

Das Buch ist in insgesamt 24 Vorlesungen gegliedert, die der Autor vom 2. November 1966 bis zum 22. Februar 1967 hielt. Daneben enthält der Band editorische Anmerkungen der beiden Herausgeber sowie ein Interview mit Heinrich Popitz, welches das Milgram-Experiment sowie Popitz' Expertise zu Macht und Autorität thematisiert.

Die Vorlesung selbst ist in zwei Teile gegliedert: Teil 1 umreißt die Problemstellung und thematisiert das Phänomen Gesellschaft sowie die Relativität und Universalität sozialer Normen. Teil 2 entwickelt ein analytisches Modell zu einer Theorie der Gesellschaft und geht dazu auf die „Komponenten der Normgeltung“ sowie auf „Normstrukturen“ ein.

Inhalt

Die Vorlesung soll einen Einführungscharakter besitzen. Der Autor will mittels einer Analyse der sozialen Normen, ihrer Geltung, Verinnerlichung und Strukturen der Frage nach der Grundlage für Vergesellschaftung nachgehen.

Sein Ausgangspunkt sind sozialanthropologische Grundannahmen, die die Instinktreduziertheit des Menschen annehmen und daraus eine Kultur- und Institutionenbedürftigkeit ableiten (Arnold Gehlen). Popitz geht davon aus, dass Handlungssituationen durch Normen und soziale Verhaltens­regelmäßigkeiten organisiert sind, die damit soziales Handeln erwart- und berechenbarer machen. Normen wirken sozialintegrativ, indem sich in Vergesellschaftungsprozessen Normstrukturen und Normsysteme stabilisieren. Eine Norm ist definiert als „ein Sollen, das auch versucht wird durchzusetzen, indem nämlich auf eine Abweichung negative Reaktionen erfolgen“ (S. 69). Der Autor macht Normfelder aus, die universal sind. Unter Rückgriff auf ethnologische Forschung weist er nach, dass bestimmte Problemfelder in jeder Gesellschaft verbindlich geregelt werden müssen (z.B. die Ordnung sexueller Beziehungen im Hinblick auf Verwandtschaftsverhältnisse sowie die Pflicht zur Fürsorge für Neugeborene und Erziehung der Kinder durch bestimmte Personen). Die ethnologischen und sozialanthropologischen Befunde ordnet der Autor soziologisch ein und kommentiert sie im Hinblick auf soziologische Grundbegriffe wie Familie, Rolle, Kultur und soziale Differenzierung.

Aus diesen Vorüberlegungen im ersten Teil der Vorlesung entwickelt er sodann ein analytisches Modell zur Untersuchung gesellschaftlicher Normsysteme. Zunächst geht er auf die Komponenten der Normgeltung ein und erläutert dazu unterschiedliche Formen von sozialen Verhaltensregelmäßigkeiten, um seinen Normbegriff zu definieren. Anschließend geht er auf Sanktionen ein, die den Vollzug der Normen regulieren sollen. Normen nämlich sind „Verhaltensregelmäßigkeiten, von denen man im allgemeinen nicht abweichen kann, ohne daß Reaktionen erfolgen, oder Verhaltensregelmäßigkeiten, die durch ein Sekundärhandeln geschützt sind“ (S. 145). Weiterhin geht er auf die freiwillige Normkonformität durch Internalisierung, also Verinnerlichung der Normen ein. Schließlich weist er darauf hin, dass Normen auf ganz bestimmten Wertentscheidungen einer Gesellschaft beruhen. Diese Werte haben verschiedene Gewichte, so dass eine Hierarchie der Normwerte entsteht, wie z.B. die Überordnung von „Du sollst nicht töten!“ vor „Du sollst nicht lügen!“.

Anschließend entwickelt Popitz unter der Überschrift Normstrukturen ein Modell der Normsysteme. Soziale Normen haben eine Geltungsstruktur: Es gibt drei Möglichkeiten, sich in einer bestimmten Situation zu verhalten. Man verhält sich entweder normkonform (Verhaltensgeltung einer Norm), oder man verhält sich nicht konform, wird aber sanktioniert (Sanktionsgeltung der Norm); oder drittens, man verhält sich nicht konform und die Sanktion bleibt aus (Nichtgeltung der Norm) (vgl. S. 295). Die Fälle der Nichtgeltung werden noch einmal unterschieden in Fälle, in denen der Normbrecher zwar bekannt ist, aber nicht sanktioniert wird; weiterhin in Fälle, wo der Normbruch bekannt ist, aber nicht der Normbrecher; und schließlich in Fälle, wo weder der Normbruch noch der Normbrecher bekannt sind, wie z.B. bei einem unentdeckten Diebstahl. Die Darstellung dieser Geltungsstrukturen sozialer Normen ist eine Grundlage für Popitz' Analyse des Normwandels, den er nicht als ein Auftauchen neuer und ein Verschwinden alter Normen, sondern bereits als eine Veränderung der Geltungsstruktur sozialer Normen begreift. Jedes Normensystem ist permanent Veränderungen ausgesetzt. Der Autor blickt hier insbesondere auf den Zusammenhang von Normen und Macht. Die Institutionalisierung von sozialer Ordnung hat nämlich auch mit Spannungen und Konflikten, Interessensgegensätzen und Machtkämpfen zu tun, die für eine soziologische Analyse von Interesse sein dürften.

Diskussion

Mit der Veröffentlichung von Popitz' Vorlesung wird ein wichtiger Teil seines Werkes zugänglich. Sein rechtssoziologischer Ansatz, Vergesellschaftung und Gesellschaft zu verstehen und zu erklären, ist theoriegeschichtlich interessant, denn er fällt in die zweite Hälfte der 1960er-Jahre. Nicht nur die Bundesrepublik, sondern auch die Soziologie in Deutschland befand sich in einer Phase des Aufbaus, und beide standen vor der durch die 68-er Bewegung eingeleiteten zeitgeschichtlichen Wende. Auch wenn die Vorlesung fast 50 Jahre alt ist, so bleibt sie doch bemerkenswert aktuell. Die systematische Analyse ist als ein Lehrstück angelegt und löst diesen Anspruch ein. Die Vorlesung ist durch gliedernde Fragen, Zusammenfassungen und Zugriffe auf plausible Beispiele didaktisch gut aufbereitet. Die von Popitz häufig genutzten Tafelbilder sind rekonstruiert und in das Buch aufgenommen worden und verdeutlichen so das zuvor Gesagte bzw. Geschriebene. Die wortgetreue Abschrift der Vorlesung, also die Übertragung der mündlichen Sprache in einen Buchtext macht das Lesen bisweilen mühsam. Gleichwohl ist dadurch ein Zeitdokument und ein Einblick Popitz' Wirken als Hochschullehrer verfügbar. Heute wird unter dem Vorlesungstitel „Allgemeine Soziologische Theorie“ in der Regel wohl ein anderer, um einige Theoretiker ergänzter, weniger rechtssoziologisch zugeschnittener Einblick gegeben. Dieses Buch ist auch nicht als Einführungsbuch für Studierende in den ersten Semestern gedacht und zu gebrauchen. Die aufwändige Gestaltung mit einer hochwertigen Bindung und einem relativ hohen Preis legt das auch nicht nahe. Die „Allgemeine Soziologische Theorie“ ist eine theoriegeschichtlich interessante Vorarbeit für Popitz' „Normative Konstruktion von Gesellschaft“ (1980), die nun dem Fachpublikum zur Verfügung steht.

Fazit

Das Buch ist das Transkript von Heinrich Popitz' Vorlesung „Allgemeine Soziologische Theorie“ aus dem Wintersemester 1966/67. Es ist der Leserin und dem Leser aufgrund der zum Teil sperrigen wortgetreuen Wiedergabe nicht immer gut zugänglich und nicht als einführendes Lehrbuch für Studierende gedacht und geeignet. Der Band ist ein theoriegeschichtlich interessantes Dokument, weil Popitz hier ein analytisches Modell zur Erklärung von Vergesellschaftung entwirft, das noch heute zentraler Ansatzpunkt für Gesellschaftsanalyse sein kann. Es richtet sich an ein Fachpublikum, das nicht nur einen tieferen Einblick in das Werk des Autors, sondern auch in sein Wirken als Hochschullehrer erhalten will.


Rezension von
Dr. Yvonne Niekrenz
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Yvonne Niekrenz. Rezension vom 24.01.2013 zu: Heinrich Popitz: Allgemeine soziologische Theorie. Konstanz University Press (Paderborn) 2011. ISBN 978-3-86253-018-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12824.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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