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Sascha Dickel: Enhancement-Utopien

Cover Sascha Dickel: Enhancement-Utopien. Soziologische Analysen zur Konstruktion des neuen Menschen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. 354 Seiten. ISBN 978-3-8329-6364-4. 44,00 EUR, CH: 62,90 sFr.

Schriftenreihe "Wissenschafts- und Technikforschung" - Band 7.
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Thema

Die klassischen Utopien der neuzeitlichen Tradition richteten ihren Fokus stets auf die ungerechten und leidvollen sozialen Verhältnisse, unter denen die Menschen ihr Dasein zu fristen hatten. In der Utopia von Thomas Morus (1516), die der gesamten Gattung ihren Namen gab, entzündet sich die Kernauseinandersetzung an der Frage, wer Schuld trägt für die wachsende Zahl an Dieben und Bettlern in England. Angesichts der schreienden Ungerechtigkeit, mit der der einfachen Landbevölkerung zunächst die Existenzgrundlage entzogen wird und sie anschließend als Straffällige mit dem Galgen bedroht werden, lässt Morus seine Hauptfigur formulieren: „Was anderes (…) als Diebe züchtet ihr, um sie dann zu hängen?“

Weder Ursache noch Lösung der herrschenden Übel wurden in den klassischen Utopien bei der defizitären Natur des Menschen gesucht, vielmehr in den ihn umgebenden Verhältnissen: den korrupten Institutionen, den ungerechten Rechtsverhältnissen, der sozialen Ungleichheit. Es war die Grundhoffnung und der Grundoptimismus aller Utopien, dass sich die Menschen zum Besseren wandeln werden, sobald sie aus ihren unterdrückten Verhältnissen befreit sind. Diesem Optimismus waren wenig Grenzen gesetzt: In der Zukunftsvision von William Morris‘ Roman „News from Nowhere“ (1890) bedarf es z.B. keiner Strafgesetze, Gerichte oder Gefängnisse mehr.

Angesichts dieser elementaren Konzentration auf die gesellschaftlichen Bedingungen überrascht – zumindest auf den ersten Blick – die Selbstverständlichkeit, mit der die biologische und technische Optimierung des Menschen, unter dem Terminus „Enhancement“ inzwischen allgemein etabliert, in der vorliegenden Untersuchung als Verlängerung dieser klassischen Tradition verwaltet wird. Die Fortschritte auf dem Gebiet der Bio-, Neuro- und Nanotechnologie, Designerdrogen, die die kognitive Leistungsfähigkeit erhöhen, genetisch optimierte Eigenschaften des Menschen oder die Digitalisierung des menschlichen Bewusstseins – sofern dies die Zukunft des utopischen Denkens beschreibt, handelt sich mindestens um einen signifikanten Bruch, um einen Paradimenwechsel, für den in der Wissenschaftsgeschichte gern die Bezeichnung von der „kopernikanischen Wende“ bemüht wird.

Eine solche Wendung ist im Verlauf der Utopiegeschichte freilich schon des Öfteren diagnostiziert worden, etwa beim Umschlag von der Raum- zur Zeitutopie gegen Ende des 18. Jahrhunderts als Louis-Sébastien Mercier mit seinem Roman „Das Jahr 2440“ erstmals die utopische Fiktion in die Zukunft verlegte. Dann erneut, als sich mit dem Wandel vom positiven Zukunftsbild zu einem warnenden Schreckensszenario eine radikale Funktionsverschiebung offenbarte, so wie es die Dystopien eines Jewgenij Samjatin (Wir), Aldous Huxley (Brave New World) oder George Orwell (1984) exemplarisch vor Augen führen. Auch für die „Versöhnung des Menschen mit der Natur“, sprich die Etablierung des ökologischen Utopiediskurses in den 1970er Jahren, ist die Formel von der „kopernikanischen Wende“ herangezogen worden. Und für die feministische Stoßrichtung gilt dies kaum weniger.

Stets aber sind solcherart ausgemachte Wenden und Umbrüche kleiner als es die Rhetorik des Paradigmenwechsels vermuten lässt. Bereits Kopernikus wollte bekanntlich nicht die ptolemäische Astrologie revolutionieren, sondern dessen Richtigkeit durch Änderung eines einzigen Parameters retten, um es in Übereinstimmung mit den messbaren Daten zu bringen. Insofern mag es gute Gründe geben, die auch im vorliegenden Fall für eine begriffliche Anbindung sprechen.

Entstehungshintergrund und Autor

Das Buch ist eine soziologische Dissertation, die im Jahr 2010 von der Universität Bielefeld angenommen wurde. Der Autor studierte Politikwissenschaft und Soziologie in Marburg, Frankfurt/M. und Bielefeld und ist seit 2006 Mitglied des Graduiertenkollegs „Auf dem Weg in die Wissensgesellschaft“ an der Universität Bielefeld.

Aufbau und Inhalt

Ob man die Realisierung der futuristischen Visionen eines Neuen Menschen nun mehr erhoffen oder befürchten sollte, darauf, so stellt der Autor bereits in seinem Vorwort (S. 7) klar, liefert das Buch keine Antwort. Genauso wenig will Dickel das „Geschäft der Prognostik“ (S. 20) betreiben, also zu klären versuchen, wie wahrscheinlich es im Einzelfall ist, dass bestimmte Enhancement-Visionen zu einer zukünftigen Wirklichkeit werden. Worauf es ihm ankommt, ist vielmehr die Aufschlüsselung der gegenwärtigen Funktionalität von sog. „Enhancement-Utopien“.

Kapitel 1, gleichsam Einleitung (S. 13-24), liefert zunächst einen Überblick zum Forschungsinteresse und zum Aufbau der Arbeit. Dickel stellt dazu einleitend fest, dass im Rahmen des nachstehend analysierten visionären Diskurses „unheimliche Deutungsverschiebungen“ stattfänden: „einst religiös codierte Visionen der Unsterblichkeit werden zu ingenieurwissenschaftlichen Programmen, genetische Optimierungen werden als Möglichkeiten zur politischen Emanzipation propagiert und das Ende des Menschen wird als dessen eigentlicher Anfang verkündet.“ (S. 14)

Kapitel 2 (S. 25-80) versucht den wissenssoziologischen Ansatz der Studie zu klären. Dem Abschnitt gehen einige Befunde voraus. Der erste lautet, dass Soziologie und Utopieforschung in den aktuellen Diskursformationen nur wenige Berührungspunkte aufweisen, obwohl die Soziologie zweifellos „Wesentliches und Grundsätzliches“ zur Utopieforschung beizutragen habe (S. 27.). Das Terrain werde vielmehr aus der Perspektive der Literatur-, Geschichts- und Politikwissenschaft bearbeitet (S. 27 f.). An späterer Stelle bemerkt Dickel außerdem, dass die intensivsten Auseinandersetzungen über die Enhancement-Thematik nicht im Rahmen der Soziologie, sondern im Bereich der Philosophie, nämlich im Kontext der Bioethik-Debatte geführt werden (S. 136 f.). Hinzu tritt die Diagnose, dass für das angestrebte Vorhaben einer „Soziologie des Utopischen“ (nicht einer „soziologischen Utopie“) überhaupt kein angemessener Utopiebegriff „auf dem aktuellen Stand der (wissens-) soziologischen Theorieentwicklung (…) zur Verfügung stand“ (S. 26). Folglich widmet sich der Autor im 2. Kapitel zunächst einer „wissenssoziologischen Fundierung“ seiner Utopiekonzeption (S. 26).

Als leitende Prämisse einer originär soziologischen Variante der Utopieforschung gilt Dickel, dass die Analyse utopischen Denkens stets Rückschlüsse auf gesellschaftliche Strukturen erlaube, weil in den Utopien zum Ausdruck komme, „welche ganz andere Wirklichkeit in der aktuellen sozialen Wirklichkeit“ für möglich oder erstrebenswert gehalten werde (S. 29). Weil es sich bei Utopien also um eine wichtige soziale Wissensform, um eine Form der Beobachtung und Deutung der Gesellschaft handele, sei die Soziologie des Utopischen immer ein wissenssoziologisches Vorhaben (S. 29).

Der mit Abstand einflussreichste Beitrag zur Utopiedebatte aus dem Feld der Wissenssoziologie stammt von Karl Mannheim. Mit dessen Utopiebegriff aber hatte die Forschung seit jeher große Schwierigkeiten, nicht zuletzt weil die Utopie bei Mannheim ihren Nachweis erst durch das spätere Wirklichwerden antritt. Erst was sich als realisierbar herausgestellt hat, verdient nach Mannheim das Etikett Utopie. Dieses Begriffsmuster widerspricht freilich allen üblichen Konnotation – von der Etymologie (oú-tópos = Nicht-Ort) bis hin zum Alltagsverständnis; und es musste sich nicht zuletzt für jede (gegenwärtige) Forschung als unpraktikabel erweisen, weil ja erst die Zukunft den Gegenstand (Utopie) belegen konnte. In dieses schwierige Fahrwasser gerät Dickels Studie indes nicht, zum einen, weil er diesem Aspekt nicht sein Schwerpunktinteresse widmet, zum anderen, weil er seine Begriffsapparatur keineswegs sklavisch an Mannheim orientiert (z.B. S. 31-36, 71-74).

Der ursprüngliche Anspruch der Wissenssoziologe war, eine wertfreie Weltanschauungsforschung zu ermöglichen, indem die sozialen (gruppen- oder schichtabhängigen) Determinanten des Denkens und damit die (ideologischen) Gründe einer verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung offengelegt werden sollten. Weil aber auch die Wissenssoziologie keinen standortungebundenen Status beanspruchen konnte, musste sie letztlich an diesem performativen Selbstwiderspruch scheitern (S. 35).

Aus diesen Überlegungen heraus, werden Utopien schließlich als spezifische Formen der Kommunikation betrachtet, die ihre Position außerhalb der gesellschaftlichen Wirklichkeit einnehmen, um von diesem Standpunkt aus als „Ideologiekritik“ aufzutreten. Diesen Aspekt verbucht Dickel im Rahmen seines Analyserasters unter „Sozialdimension“. Als weitere utopische Semantiken gelten ihm eine bestimmte Form der utopischen Erwartung, nämlich „Hoffnung“ (Zeitdimension) sowie die „Differenz von negierter Wirklichkeit und alternativer Möglichkeit“ (Sachdimension) (S. 48).

Kapitel 3 (S. 81-109) rekonstruiert die „Ideenevolution utopischer Semantiken“ (S. 23), indem die Geschichte der Sozialutopie insbesondere mit Blick auf die Idee des Neuen Menschen in den Blick genommen wird. Das Vorhaben stellt nicht den Anspruch, eine eigenständige Utopieforschung zu betreiben, sondern begnügt sich mit einer Auswertung der Sekundärliteratur (S. 82). Entscheidende Linien des utopischen Diskurses der Moderne sollen dabei im theoretischen Rahmen des zugrunde gelegten Konzepts vor allem mit Blick auf die später folgenden empirischen Analysen reflektiert werden. Dickel konzentriert sich dabei auf drei Entwicklungslinien: Heilserwartungen als Überschreitungen der Welt, Raumutopien als Überschreitungen des Hier; Zeitutopien als Überschreitungen des Jetzt. Während in christlichen Heilserwartungen die Ankunft der neuen Welt und die Erlösung des Menschen primär als jenseitige Zustände und als Werk Gottes konstruiert wurden, sei beides in den Raumutopien der Renaissance erstmals ins Diesseits, auf eine entfernte Insel, verlegt worden. Mit der Wende zur Zeitutopie und einem sich entwickelnden Fortschrittsdenken sei die Geschichte der Menschheit schließlich selbst als „Prozess der Perfektionierung“ (S. 96) begriffen worden.

Kapitel 4 (S. 110-130) widmet sich der Krise des utopischen Denkens in der Moderne. Dickel zitiert dabei zunächst ausführlich die Totengesänge auf die Utopie nach dem Ende des Realsozialismus und deutet die Entwicklung seit Beginn des 20. Jahrhunderts letztlich als einen Abschied von den „großen Erzählungen“. Gleichwohl will er sich die These vom „Ende der Utopie“ nicht zu eigen machen, und spricht daher lieber von einer „Krise des Utopischen“ (S. 115). Als kleinsten gemeinsamen Nenner der aktuellen Debatte macht er den Grundsatz aus: „Die Utopie müsse sich transformieren, um zukunftsfähig zu sein“ (S. 116), sich also etwa davon verabschieden, als Negation einer gesamtgesellschaftlichen Wirklichkeit aufzutreten; und sich stattdessen mit dem Anspruch begnügen, als Negationen gesellschaftlicher Segmente zu fungieren. Die Krise der modernen Utopie beschreibt Dickel als einen Zweifel aus dem Geist der Kontingenz. Er bedient sich dazu erneut seiner drei „Sinndimensionen“, die zur Diagnose führen: „Hoffnungsenttäuschung ohne Hoffnungserwartung“ (Zeitdimension), weil die Wünschbarkeit der Utopie fraglich geworden sei; „Negation ohne Alternative“ (Sachdimension), weil die Realisierbarkeit utopischer Alternativen in Zweifel gezogen werde; sowie „Ideologiekritik ohne Utopie“ (Sozialdimension), weil Gesellschaftskritik nur noch auf Werte und Zustände rekurriere, die in der Gesellschaft bereits etabliert seien (S. 119-130).

Kapitel 5 (S. 131-149) umreißt schließlich Enhancement-Utopien als Forschungsgegenstand. In Form einer Arbeitshypothese wird als entscheidende Differenz bzw. als Abgrenzungskriterium formuliert, dass Enhancement-Praktiken nicht auf die Wiederherstellung des gesundheitlichen Normalzustands zielen, sondern auf eine Veränderung dieses Normalzustands. Ihnen geht also weder die Identifikation eines pathologischen Problems voraus noch sind sie als Therapie zu verstehen (S. 132). Damit fallen sie kaum unter die medizinische Logik, da es nicht um medizinische Ziele geht, sondern höchstens um den Einsatz medizinischer Mittel mit dem Ziel einer Verbesserung des gesundheitlichen Normalzustands. Enhancement orientiert sich somit nicht am Schema von Krankheit und Gesundheit. „Im Gegensatz zur Therapie ist Enhancement immer steigerbar“ (S. 299). Zwei weitere Abgrenzungen kommen hinzu: „Technik vs. Eigenleistung“, also etwa Doping statt sportliches Training; sowie „körperintern vs. körperextern“, also etwa das Implantieren eines Nachtsichtchips statt der Nutzung eines Nachtsichtgeräts (S. 133). Dickels Perspektive gilt nun freilich nicht Enhancement im Allgemeinen, sondern „Enhancement-Utopien“, d.h. er konzentriert sich (1.) auf Kommunikationen und nicht auf Praktiken; (2.) auf die Thematisierung künftiger Möglichkeiten und nicht auf die aktuelle Gegenwart von Enhancement; und (3.) interessiert ihn Enhancement nur als „Gegenstand utopischer Hoffnung“ (S. 134), d.h. er macht das subjektive Wünschen des Autors zur Bedingung. Für die nachfolgende empirische Untersuchung sind seine Objekte damit auf die „Analyse textförmiger, affirmativer, technikfuturistischer Enhancement-Zukünfte“ (S. 135) eingegrenzt.

Kapitel 6 (S. 151-290) wird vom Autor selbst als „empirisches Herzstück“ (S. 24) der Studie gekennzeichnet. Der Abschnitt untersucht verschiedene Schlüsseldokumente (Texte von Alfred Ploetz, Valerian Murav'ev, Jonathan Glover, Robert Ettinger), die recht unterschiedliche Themen behandeln. Sie berichten z.B. vom Konflikt zwischen Humanismus und Darwinismus, plädieren für die Möglichkeit des ewigen Lebens durch Kälteschlaf oder fordern die Möglichkeit zu individueller technischer Selbstgestaltung. Mit Hilfe dieser Quellen werden die unterschiedlichen Positionen von Enhancement-Utopien (kollektive Eugenik, Kosmismus, liberale Eugenik, Transhumanismus) systematisiert (S. 151-290). Die Skala reicht dabei von der kollektiven Eugenik, der es um die Optimierung einer Rasse oder eines Volkes geht; über das Grundprinzip liberaler Eugenik, wonach prinzipiell Eltern (und nicht staatliche Instanzen) über die genetische Konstitution der Kinder entscheiden sollen; bis hin zur gemeinsamen Überzeugung im Transhumanismus, der die Überwindung der biologischen Grenzen zum erstrebenswerten Ziel erklärt und den Menschen den Weg zu einer posthumanen Existenz ermöglichen will.

Das 7. und letzte Kapitel (S. 291-316) bilanziert die Ergebnisse und skizziert abschließend offene Forschungsfragen. Im Enhancement-Utopismus diagnostiziert Dickel dabei allgemein ein „gespaltenes Verhältnis zur Evolution“, das letztlich „teleologisiert“ werden soll. Zudem werde die Gegenwart stets als „Zeitenwende“ wahrgenommen, weil nunmehr der Mensch zum „Agenten der Evolution“ werde (S. 292). Der Mensch selbst werde dabei nicht mehr als sozial bedingtes Wesen, sondern von seiner biologischen Konstitution her gedacht (S. 300). Den sozialen Sinn jeder Enhancement-Utopie sieht Dickel im „öffentlichen Protest gegen die Natur“ (S. 292). Enhancement-Utopien seien außerdem in ihren Konstruktionen höchst flexibel, sowohl technisch wie moralisch und ihrer Logik zufolge prinzipiell immer steigerbar, weil jede Hoffnungserfüllung stets geeignet sei, weitere Hoffnungen zu wecken (S. 299).

Diskussion

Dickels Buch ist eine hochinteressante, teilweise spannend zu lesende und theoretisch reflektierte Studie. Sie profitiert von ihrer klaren Fragestellung und einem klaren methodischen Bewusstsein. Der Autor argumentiert innerhalb seines kontextuellen Rahmens stringent; und nicht zuletzt die im abschließenden Kapitel präsentierten Ergebnisse liefern den Nachweis, dass das intendierte Vorhaben als gelungen bewertet werden kann.

Zugleich ist Dickels Studie auch eine Arbeit am Begriff, am Utopiebegriff. Die „Idee der Transformation des menschlichen Körpers“ begreift er ausdrücklich als eine „Transformation des Utopischen“ (S. 15), wobei nicht Staat und Gesellschaft, sondern der menschliche Körper ins Zentrum utopischer Phantasien rücke (S. 22). Wie der Brückenschlag, der oben als eine kategoriale Wende angedeutet wurde, in der Studie nun theoretisch bewältigt wird, soll im Folgenden mit Hilfe einiger kritischer Nachfragen diskutiert werden.

1. Die erste Anmerkung bezieht sich auf die Eingrenzung des empirisch untersuchten Materials auf „affirmative“ Enhancement-Visionen (S. 135), und damit an das Kriterium subjektiver Wünschbarkeit. Diese Einschränkung unterläuft fast unterschwellig (und im Grunde unnötigerweise) eine zentrale Einsicht der Utopieforschung. Utopien nämlich lassen sich keineswegs auf reine Wunschbildkonzeptionen verkürzen; sie sind oftmals Gedankenexperimente, die die bestehende Wirklichkeit aber schon dadurch relativieren, dass sie diese mit dem Porträt einer anderen möglichen Wirklichkeit konfrontieren. Um ein besonders auffallendes Beispiel zu wählen: Morus beschreibt in seiner Utopia ein allein auf Vernunft gegründetes, heidnisches und kommunistisches Staatswesen, während der Autor aber zugleich ein tieffrommer Christ und ein Verteidiger des Privateigentums war. Das fiktive Gegenbild bleibt gleichwohl als Verweisungshorizont und als Kritikfolie gegenwärtiger Sozialstrukturen erhalten. Auf den Gegenstand von Dickels Untersuchung angewendet, hätte das zu bedeuten: Sein Gegenstand käme nicht nur dann in den Blick, wenn etwa das „Ende des Alterns“ oder die technischen Verbesserungen kognitiver Leistungsfähigkeiten des Menschen von den jeweiligen Autoren prinzipiell bejaht werden, sondern auch dann, wenn diese Möglichkeiten lediglich als potenzielle Wirklichkeiten abgebildet werden. Auch dann bleiben sie nämlich als Möglichkeiten (und damit auch als Ferment der Diskussion) erhalten. Es gibt ein Beispiel, an dem Dickel dieses Problem explizit macht. Im Rahmen der Rekonstruktion der liberalen Eugenik bespricht der Autor Jonathan Glovers Text „What Sort of People Should there Be“ (S. 225-238). Dabei wird es letztlich als „Postmodernisierung“ (S. 237) der Utopie gewertet, dass sich Glover nicht vollständig mit den von ihm beschriebenen utopischen Möglichkeiten identifiziere (S. 238). Gerade das wird als Abgrenzungskriterium zur Utopie verstanden, denn „Utopien, die sich selbst unter Vorbehalt stellen“ würden dadurch „ihren Status als Utopien eigentlich torpedieren“ (S. 293). Mit diesen Kriterien muss man freilich bei Morus zu seltsamen Schlussfolgerungen gelangen: Auch seine Utopia würde demnach ihren Status als Utopie bereits unterlaufen (der Mustertext des Genres wäre allenfalls noch ein exotischer Sonderfall); und sie stehe geradezu exemplarisch für eine „Postmodernisierung der Utopie“. Daran aber kann etwas nicht richtig sein: Entweder liegt das Problem in der Lesart der Utopia, weil sie als Idealstaatsvorstellung des Autors missverstanden wird; oder es liegt daran, dass die Selbstreflektion des utopischen Entwurfs eben kein exklusives Merkmal der modernen Krise des utopischen Denkens ist.

2. Die zweite kritische Nachfrage zielt auf das Verständnis, inwieweit Enhancement-Praktiken auf das Grundmotiv der klassischen Utopie, die Kritik und den Veränderungswillen sozialer Verhältnisse zurückgebunden werden. Das ureigenste Merkmal aller Utopien ist ihre sozialkritische Stoßrichtung. Es ist im Grunde sogar das einzige Kriterium, das in der Vielzahl divergierender Utopiekonzepte als allgemein konsensfähig gelten kann. Eine Voraussetzung dafür, dass Enhancement-Visionen also überhaupt dem Utopiediskurs zugerechnet werden können, ist, dass etwas vom normativen Anspruch ihrer klassischen Vorläufer spürbar werden muss. Die Imagination rein technischen Fortschritts verbleibt jenseits des Utopischen, solange sie keinerlei soziale oder politische Implikationen besitzt. (Das ist im Grunde nichts anderes als die gültige Unterscheidung von Utopie und Science Fiction.) Es spricht für den Autor und seine Studie, dass er sich dieses Problem ausdrücklich zur Klärung vorgelegt hat. Bei Dickel ist nun allerdings die Rede von einer „‘Entsozialisierung‘ des Utopischen in der Enhancement-Utopie“ (S. 109) und davon, dass etwa in der liberalen Eugenik „Enhancement in hohem Maße entpolitisiert“ (S. 237) werde. Beides schmeckt bereits nach einer Art Entutopisierung der Utopie. Die zentrale Feststellung zum Enhancement-Utopismus lautet schließlich: „Die utopische Kritik wird daher nicht primär als Gesellschaftskritik (…), sondern als Kritik natürlicher Begrenzungen formuliert.“ (S. 296 f.) Spätestens hier, so muss man intervenieren, handelt es sich aber um gar keine Utopie mehr. Dickel schlägt indes eine interessante Brücke vor: Er sieht eine kritische Sozialdimension, weil „den Anhängern einer Bewahrung der gegenwärtigen (menschlichen) Natur eine ideologische Stabilisierung des Status quo im Lichte zukünftiger Möglichkeiten“ (S. 297) unterstellt werden kann. Wie dem auch sei: Es bleibt in jedem Fall ein sehr dünner Faden, der hier zu einem Medium zurückgebunden wird, das seinen Impetus stets aus einer radikalen Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse gezogen hat.

3. Die begriffliche Anbindung der Enhancement-Visionen an den Utopiediskurs kennt freilich noch ein weiteres starkes Argument. Es lautet, dass letztlich alle Utopien die „Schaffung eines neuen Menschen“ (S. 81) bereits im Auge hatten. Die Leitfrage, die der Autor deshalb an die Geschichte der Sozialutopien richtet, heißt: „Bringt die neue Gesellschaft den Neuen Menschen erst hervor oder ist nicht ein anderer – vom utopischen Altruismus erfüllter – Mensch bereits die notwenige Basis für die Realisierung einer utopischen Gesellschaft?“ (S. 105) Der Lösungsversuch besteht – mit Hilfe von Niklas Luhmann – letztlich darin, dass das Bild einer neuen sozialen Ordnung in Eins gesetzt wird mit der Vorstellung eines Neuen Menschen. Die zentrale Aussage lautet, dass beides (also der „Neue Mensch und die neue Gesellschaft“) von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert immer schon zusammengedacht wurde (S. 105). Dieser Versuch aber kann nicht restlos überzeugen, weil er die Kausalitäten verwischt. Die Perspektive der Sozialutopie war unbestreitbar auf die sozialen Verhältnisse gerichtet; der bessere Mensch galt als das Ergebnis ihrer Veränderung. Nachhaltig greifbar wird die Perspektive dadurch, dass sich in den klassischen Utopien eben gerade keine Appelle an das moralische Verhalten der Menschen finden. Die „Henne-oder-Ei“-Frage wird daher eindeutig beantwortet. Das Problem, dass die Umsetzung der neuen Ordnung am alten Menschen scheitern müsste, ist richtig erkannt (S. 108); aber es ist ein praktisches, eines der politischen Realisierung, nicht aber ein solches der gedankenexperimentellen Perspektive.

4. Die Ausrichtung des Forschungsinteresses auf den „Neuen Menschen“ führt mitunter – nicht zuletzt im Kontext der historischen Rekonstruktion der Sozialutopien – zu höchst missverständlichen Deutungen: So wenig wie sich in Francis Bacons Nova-Atlantis (1624, nicht 1642) die „Konstitution eines neuen Menschentyps“ (S. 93) findet, so wenig lebt auf der Insel Utopia von Morus eine „neue Gattung“ Mensch, die sich „fundamental von den realen Europäern“ unterscheidet (S. 89). Die Utopier diskutieren die gleichen philosophischen Grundfragen, sie lesen die gleichen Bücher, ziehen ihren Lustgewinn aus den gleichen Dingen und kennen mitunter sogar die gleichen destruktiven Energien (siehe Kriegspolitik).

5. Nicht ausgeschlossen ist schließlich, dass sich auch die These von der großen Krise der Utopie in der Moderne, die Dickel im 4. Kapitel ausbreitet, nur als eine eher kurzfristige Momentaufnahme erweist. Schon heute lassen sich die ausführlichen Niedergangsbeschreibungen problemlos mit der gleichen Zahl an Stellungnahmen konfrontieren, die nicht weniger vehement die Renaissance der Utopie beschwören. Bereits das Aufkommen der Dystopien wurde einst als notwendige Entwicklung auf dem Sterbensweg der Utopie beschrieben, als das Aufzehren sämtlicher positiv-utopischer Energien, ehe das Genre dann allerdings in den 1970er Jahren eine erstaunliche Wiederauferstehung mit ökologischen und feministischen Themen (und in gleichsam klassischer Gestalt) feierte.

Wenngleich sich nicht allen Thesen vorbehaltlos folgen lässt und die begriffliche Anbindung der „Enhancement-Utopien“ nicht restlos überzeugt, so bleibt Dickels Soziologie des Utopischen dennoch widerspruchsfrei innerhalb seines gewählten Analyserahmens. Es handelt sich um eine genuin soziologische Studie – was einerseits eine gewisse Freiheit des Forschungsdesigns legitimiert, andererseits fast zwangsläufig auch die terminologische Anschlussfähigkeit zur etablierten Utopieforschung etwas erschwert.

Eine abschließende Bemerkung sei hinzugefügt: Wenngleich es Tendenzen geben mag, eine Renaissance der Utopie mit Hilfe der Enhancement-Debatte nachzuweisen, so ist gleichwohl vor einer derartigen Monopolisierung des Diskurses zu waren. Auch die neuen Möglichkeiten der Optimierung der Menschennatur lösen grundsätzlich nicht das Problem sozialer Ungleichheit, Benachteiligung, Desintegration usw. Sie werden es vermutlich sogar deutlich verschärfen. Die klassische Sozialutopie hat ihr Objekt damit keineswegs eingebüßt. Folglich sieht Christopher Coenen sogar eine entscheidende „Aufgabe für das utopische Denken des 21. Jahrhunderts“ darin, „neue Bilder gesellschaftlichen Zusammenlebens und politischer Ordnung zu entwerfen, die dazu angetan sind, zumindest einige Blicke der in die Zukunft gerichteten Blicke vom metallischen Glanz der transhumanistischen Maschinenwelt abzuziehen“ (zit. nach Dickel, S. 316).

Fazit

Dickel hat ohne Zweifel ein hochinformatives Buch geschrieben, das einen beachtlichen Schritt für die neuere, wissenssoziologische Utopieforschung bedeuten dürfte. Empfehlen lässt es sich freilich – zumindest vorbehaltlos – nur einem eher begrenzten Expertenkreis.


Rezension von
Dr. rer. pol. Thomas Schölderle
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Zitiervorschlag
Thomas Schölderle. Rezension vom 16.03.2012 zu: Sascha Dickel: Enhancement-Utopien. Soziologische Analysen zur Konstruktion des neuen Menschen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. ISBN 978-3-8329-6364-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12826.php, Datum des Zugriffs 20.09.2021.


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