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Oekom e.V. - Verein für Ökologische Kommunikation (Hrsg.): Bürgerbeteiligung 3.0

Cover Oekom e.V. - Verein für Ökologische Kommunikation (Hrsg.): Bürgerbeteiligung 3.0. Zwischen Volksbegehren und Occupy-Bewegung. oekom Verlag (München) 2011. 145 Seiten. ISBN 978-3-86581-283-4.

Reihe: [Politische Ökologie ] Politische Ökologie - Band 127. Jg. 29.
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Thema und Entstehungshintergrund

Ist dies nun ein Buch, eine Broschüre, eine Zeitschrift, ein Traktat, eine Handreichung? Es spielt keine Rolle: Die Druckschrift, die der oekom-Verein im oekom-Verlag zum Thema „Bürgerbeteiligung 3.0“ herausgegeben hat, ist von allem etwas. Sie trägt eine ISSN-Zeitschriften- und eine ISBN-Buchnummer, sie ist attraktiv layoutet wie Zeitschriften, trägt sperrige Themen mit Hilfe knackiger Schlagzeilen („Wir sind Menschen, keine Produkte“, „Empört euch“, „Ökosteuer schlägt Volksabstimmung“) vor und bietet trotz dieser unkonventionellen Verpackung seriöse Informationen hochkarätiger Autoren. Es ist eine Streit- und Denkschrift für „Querdenker und Vordenkerinnen“, die sich über Bürgerbeteiligung zwischen Volksbegehren und Occupy orientieren wollen, denn Partizipation liegt im Trend. Nicht nur in Deutschland wird die Stimme des Volkes lauter, auch in den USA, in Spanien und Israel finden Kundgebungen und Demonstrationen statt. Der Unmut der Bevölkerung äußert sich bei Occupy und Stuttgart 21, in sozialen Netzwerken und auf der Straße. „Einer der Hauptgründe für das Misstrauen gegenüber der Politik ist die wachsende Undurchschaubarkeit der politischen und ökonomischen Vorgänge, wie sie sich in der zurückliegenden Finanzkrise gezeigt hat“, sagte Heiner Geißler in seinem Schlichterspruch zum Bahnprojekt Stuttgart 21 im November 2010.

Die Autorinnen und Autoren der kritischen Zeitschrift „politische ökologie“ „machen sich auf die Suche nach einer neuen Balance zwischen staatlicher Handlungsfähigkeit und demokratischer Mitbestimmung“, schreibt Anke Oxenfarth für die Herausgeber. „Ziel ist ein moderner Staat, der seine Bürger(innen) ernst nimmt und ihnen echte Beteiligungsmöglichkeiten anbietet“.

Herausgeber und Herausgeberinnen, Autoren und Autorinnen

  • Prof. Dr. Claus Leggewie ist Politikwissenschaftler, Co-Direktor des Käte-Hamburger-Kollegs an der Universität Duisburg-Essen und Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) in Essen und Professor für Politikwissenschaft.
  • Prof. Dr. Hans J. Lietzmann ist Jean-Monnet-Professor für European Studies und Prodekan der Universität Wuppertal. Er ist Jurist, Politk- und Sozialwissenschaftler.
  • Prof. Dr. Herbert Kubicek ist Professor für Informationsmanagement an der Universität Bremen.
  • Prof. Dr. Klaus Selle lehr seit 2001 Planungstheorie und Stadtentwicklung an der RWTH Aachen und unterstützt Initiativen, Kommunen und Verbände bei kommunikativen Planungsprozessen.
  • Prof. Dr. Felix Ekart ist Jurist, Philosoph und Soziologe und leitet die Forschungsgruppe Nachhaltigkeit und Klimapolitik.
  • Dr. Anton Hofreiter ist Biologe und Bundestagsabgeordneter der Grünen. Seit 2011 leitet er den Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Der Wasserwirtschaftler Rüdiger Herzog ist sein wissenschaftlicher Mitarbeiter
  • Gesine Schulze arbeitet als Stadt- und Regionalplanerin in Berlin im Programm Soziale Stadt.
  • Alexandra Kast ist Sozialwissenschaftlerin und Quartiersmanagerin in einem Gebiet der Berliner „Sozialen Stadt“.
  • Michael Zschiesche ist Volkswirt und Jurist und leitet das Unabhängige Institut für Umweltfragen e.V. in Berlin.
  • Peter Rottner ist Fachanwalt für Verwaltungsrecht und Landesgeschäftsführer des Bund Naturschutz in Bayern e.V.
  • Daniel Boese arbeitet als Online-Redakteur beim Kunstmagazin „art“.
  • Christian Hillengaß ist Autor des Buchs „Atomkraft und Protest“.
  • Bettina Hennig ist Juristin und promoviert zur rechtlichen Steuerung der Ambivalenzen energetischer Biomassenutzung. Sie ist Mitglied der Forschungsgruppe Nachhaltigkeit und Klimapolitik an der Universität Rostock und stellvertretende Sprecherin des Arbeitskreises Umweltethik.
  • Dr. Thymian Bussemer ist Autor („Die erregte Republik“), Politikberater und Manager.

Aufbau

Bürgerbeteiligung 3.0 ist in vier Kapitel mit den Überschriften „Rumoren“, „Aufbegehren“, „Aufbruchsstimmung“ und „Impulse“ eingeteilt. Ergänzt wird es von Beiträgen zur Nachhaltigkeit.

Kapitel I „Rumoren“

„Bürger und Bürgerinnen, hinein in die Parteien“, ruft Claus Leggewie, nachdem die Leser zuvor kluge Sätze von Thomas Jefferson, Mahatma Gandhi, Max Frisch und Heiner Geißler zur Aufklärung, zum bürgerlichen Ungehorsam und zur Befreiung aus der unverschuldeten Unmündigkeit lesen durften. Es sind Verführungen zur Partizipation: „Demokratie heißt, dass sich die Leute in ihre eigenen Angelegenheiten einmischen.“ (Max Frisch). Abgeschlossen wird der Wandzeitungsvorspann von einem Occupy-Knigge, bevor Leggewie klassisch kontert: „Vieles scheint derzeit für eine Repolitisierung der Bürgerschaft zu sprechen, und zwar in einer dramatischen Krisensituation, in der ein aus dem Ruder gelaufener globaler Finanzmarkt und die Herausforderungen des Erdsystems durch Klimawandel und Ressourcenverknappung die Chancen und Lebensbedingungen junger und künftiger Generationen massiv bedrohen.“ (21) Leggewie lobt die Reaktion der deutschen Politik auf Fukushima und erläutert, dass die deutsche und die europäische Energiewende in die richtige Richtung zeigten. Sein Lob gilt der klassischen parlamentarischen und Regierungspolitik. Gleichzeitig ruft er dazu auf, „ein realistisches Bild vom tatsächlichen Niveau der Partizipation in liberalen Demokratien“ (21) zu zeichnen. Man dürfe „nicht bei der Feier des empörten Wutbürgers stehen bleiben“ (21). Gleichzeitig warnte er davor, dass Wutbürgertum „leicht zur selbstgefälligen Pose erstarren“ (21) und „sich auch gegen sinnvollere Infrastrukturprojekte wenden“ könne (21). So deutlich hat das schon lange kein partizipativ orientierter Politikwissenschaftler mehr gesagt. Leggewie ist aber nicht nur Wissenschaftler, sondern als Begleiter von Stadtentwicklungsprojekten auch erfahrener Praktiker. Er will „Wutbürger zu Mutbürgern zivilisieren“ (21), plädiert für einen neuen Gesellschaftsvertrag und verlangt im Kern einen gestaltenden Staat mit mehr Bürgerbeteiligung. Realistisch kommentiert er: „Die Ermächtigung der Bürgergesellschaft ohne gleichzeitige Stärkung des Staates und der intermediären Instanzen wie Parteien und Verbände führte nur zur völligen Überforderung der Aktivbürger(innen), von denen es nur sehr wenige gibt – realistisch betrachtet drei bis vier Prozent der Bevölkerung.“ (20) Und so schwimmt Leggewie gegen den Strom, bricht eine Lanze dafür, ein „erprobtes Arsenal an Beteiligungsmöglichkeiten [zu] nutzen“ (22) und „Mitsprache, Mitbestimmung und Mitwirkung“ (20) zu einer Konstante in einem gestaltenden Staat zu machen – wobei er den klassischen Volksparteien die Erneuerung kaum zutraut, „den verstreuten Keimen und Kernen, den fluiden Netzwerken nachhaltigen Wirtschaftens auch ohne feste Mitgliedschaften den notwendigen Entfaltungsraum zu bieten.“ (23) Aber Parteien sollen es schon sein, etwa eine „Volkspartei neuen Typs“ (24), die „reale wie virtuelle Kommunikationsgemeinschaften, die in einem wenigstens indirekten Sinne politisch aktiv sind“ (24), einbindet. Leggewies unkonventionelles Fazit: Es sei heute sehr viel einfacher als früher, in Parteien in Entscheidungspositionen zu gelangen. Deshalb empfiehlt er gegen den Trend: „Bürger(innen), tretet massenhaft den Parteien bei!“ (25) Schon dieser Aufsatz lohnt den Kauf der Streitschrift.

Kapitel 2 Aufbegehren“

Im Kapitel „Aufbegehren“ beschreibt Hans J. Lietzmann unter dem Titel „Auf zum nächsten Level“ Bürgerbeteiligung im Wandel der Zeit (28-35). Schlüssig plädiert er für „eine neue Gewaltenteilung“ (34). Er beruft sich auf die „gewachsene Kompetenz der Bürgerschaft, ihr Überblickswissen und ihre Alltagserfahrung“ (34) sowie die „gesellschaftlichen Informationspotenziale der Wissensgesellschaft“. (34) Wie Leggewie vertraut auch Lietzmann den klassischen Institutionen, wenn sie sich neu aufstellen: „Diese Bürgerbeteiligung wird die Parlamente nicht ersetzen. Die Gremien behalten ihre wichtige Rolle bei der routinierten Bewältigung de Tagespolitik! Aber die Parlamente brauchen eine neue gewaltenteilige Ergänzung und Unterstützung; sie werden ihr Handlungspotenzial durch Bürgerbeteiligung verstärken und ihren Spielraum erweitern.“ (34)

Gesine Schulze und Alexandra Kast stellen Formen informeller Beteiligung „Von A wie Agendakonferenz bis Z wie Zukunftswerkstatt“ (36-41) vor.

Michael Zschiesche kritisiert, dass die Aarhus-Konvention zur Bürgerbeteiligung im Umweltschutz, die die Rolle der Zivilgesellschaft stärken sollte, in Deutschland zum Vorwand genommen wurde, „Bürgerbeteiligung ordentlich zurückzustutzen.“ (42) Dies sei gegen den Geist der europäischen Konvention, die nicht nur die Beteiligung erhöhen, sondern auch die Demokratie stärken sollte. Stattdessen seien die Deutschen bei der Umsetzung in nationales Recht formalistisch vorgegangen, ohne dem Grundanliegen gerecht zu werden. „Man könnte auch sagen, Deutschland ist trotz Aarhus-Konvention in der Summe in Sachen Bürgerbeteiligung im Umweltschutz zurückgefallen, weil Deregulierung und Verfahrensbeschleunigung seit zwei Jahrzehnten die bundesdeutsche Politik prägen. Und aus dem Mangel an Beteiligung entstehen Proteste und in der Folge hitzige öffentliche Debatten wie die zum Bahnhofsprojekt Stuttgart 21“ (44). Statt die Aarhus-Konvention zum Bollwerk gegen mehr Beteiligung zu machen, indem man dort Standards abbaue, wo sie europarechtlich (noch) nicht gefordert wurden, sei es notwendig, „die Konvention endlich ernst zu nehmen“ (42).

Der BUND-Jurist Peter Rottner beklagt „zu kurze Klagefristen, horrende Verfahrenskosten, Verwaltungswillkür“ (49) bei Einsprüchen gegen Großvorhaben und verlangt, dass die Bürgerinnen und Bürger „Auf Augenhöhe mit dem Goliath“ (49) streiten dürfen. Wenn „automatisch alternative Standorte überprüft werden müssten oder Bürgeranwälte informationsgeizigen Behörden auf die Finger klopfen könnten, klänge Volkes Stimme im Gerichtssaal schon lauter“ (49) Deshalb fordert Rottner „mehr Waffengleichheit“ (50), verbesserte Raumordnungsverfahren, faire Regeln für die Bürgerbeteiligung, Bürgeranwälte „zur Sicherung der Verfahrensgerechtigkeit“ (51), eine Verbesserung der Rechtskontrolle und Kostendämpfung“ (52) und die Einführung von Volks- und Bürgerbegehren auf allen Politikebenen.

Herbert Kubicek analysiert die „Kommunikationswege der politischen Partizipation“ (55) von der Online-Umfrage bis zur Zeitungsanzeige, vom Pressebericht über den Dagegen-Button im Netz bis zur Veranstaltung und kommt zum erwarteten Ergebnis: „Der Mix machts“ (55). Politische Kommunikation sei nur „im Medienverbund wirksam.“ (57) Der Mythos der überlegenen digitalen Kommunikation wird als falsch entlarvt: „Eine ausschließlich digitale Partizipation mit dem Internet als einzigem Medium ist nicht effektiv und politisch nicht vertretbar“. (60)

Daniel Boese setzt in der Klimadiskussion auf „Globalen Jugendwiderstand“ (62), weil er nicht einsieht, dass „Menschen jenseits der Fünfzig über Dinge verhandeln, die sie nie erleben werden, weil sie 2050 längst tot sind“ (64). Im Gegensatz zu Kubicek setzt er fast ausschließlich auf das Internet als globalen Kommunikationsraum der Jugend. „Es geht nicht darum, ein Facebook der Klimaaktivist(inn)en zu bauen, sondern darum, politischen Handlungsraum zu schaffen.“ (65) So unterschiedlich können die Ansätze und die Schwerpunkte in einem Sammelband sein.

Christian Hillengaß fragt: „Wie viel Einfluss liegt auf der Straße“ (67) und analysiert den Anti-Atomkraft-Protest in Frankreich, Schweden und Deutschland. Während in Frankreich der Protest gebrochen („Massiver Polizeieinsatz bricht französischen Widerstand“, 68), in Schweden moderiert wurde („Schwedische Politik nimmt den Gegnern den Wind aus den Segeln“, 70), hat die deutsche Protestbewegung durch die Institutionalisierung und Parlamentarisierung den größten Erfolg erzielt. Das Fazit des Autors „Die Kombination aus hohem außerparlamentarischem Druck und eigenständiger Anknüpfung im Parteiensystem scheint die wirkmächtigste Strategie für Protest zu sein“. (69) Damit knüpft Hillengaß an Leggewie („Bürger(innen), tretet massenhaft den Parteien bei!“) und Lietzmann („die Parlamente brauchen eine neue gewaltenteilige Ergänzung und Unterstützung“) an.

Kapitel 3 „Aufbruchstimmung“

Brillant ist die Analyse des Planungsprofis Klaus Selle zur politischen Kultur bei der Umsetzung von Großprojekten: Sie landet oft „Unterm Schaufelbagger“, wie es der Titel seines Artikels prägnant zusammenfasst. Schon bei der Klärung der Ausgangslage von Großprojekten nimmt Selle kein Blatt vor den Mund: „Schöngerechnete Bilanzen, im Akteursgestrüpp verschwundene Verantwortlichkeiten und wolkige Versprechungen verhindern häufig eine offene und fachliche Auseinandersetzung mit Großprojekten“ (74). Als Einstieg für die „Kollision eines Großprojekts mit dem Volkszorn“ (74) wählt er das heftig umstrittene Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“. Dabei kommt er zu einem überraschend klaren Befund: „Die Erklärung, hier hätte die Kommunikation versagt, ist zu kurz gesprungen.“ (74) Er lässt noch gelten, dass die Häufung von Kommunikationsfehlern vielleicht extrem sei, zufällig sei sie aber nicht. Gerade bei Großvorhaben sei es oft systemimmanent, dass die Initiatoren insbesondere in der frühen Phase der Projektentwicklung gar kein Interesse an Transparenz und offener Diskussion hätten. Stattdessen würde „offene und öffentliche Erörterungen“ (74) gemieden. Sie seien „wenig sensibel, wenn es um lokale Demokratie geht“. (74) Klassischerweise gingen die Initiatoren von Großprojekten nach dem Motto DAD („Decide – Announce – Defend“, 75) vor, nicht nach dem positiven Gegenmodell EDD („Engage – Deliberate – Decide“, 75). Glasklar benennt den Mix aus Interessen und Machtspielen: „Mit den Projekten sind mächtige politische und ökonomische Interessen und Akteure verbunden. Sie haben sich bereits in einer frühen Phase der Projektentwicklung ihrer Zusammenarbeit versichert und Vorfestlegungen getroffen.“ (75) Stuttgart 21 sei ein Musterbeispiel für diesen Typ. „Kommt es dann zur Projektpräsentation nach außen, werden nicht diese konkreten Interessen und Akteure benannt, sondern vorrangig die erwarteten Effekte des Projekts für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung (Arbeitskräfte, Folgeinvestitionen, Steuereinnahmen) in Stadt und Region sowie ergänzend weitere zustimmungsfähige Wirkungen (Stadtentwicklung, Umwelt) herausgestellt. Dass diese Effekte auf andere Weise erreichbar wären, wird ausgeschlossen“. (75) Der Planungsprofi Selle kennt sein Metier und seine Kolleg_innen aus dem Effeff und kommt zum nicht allzu überraschenden Schluss: „Insofern gilt das Projekt als ‚alternativlos?.“ (75) Dies sei „des Planers liebstes Wort“ (75) In Wahrheit gehe es nicht um die Effekte, die in „feierliche[r] Unschärfe“ (75) zelebriert würden, sondern um knallharte ökonomische Interessen, die nicht selten durch „strategische Verfälschungen, also Lügen“ (77) kaschiert würden. Das betreffe nicht nur Stuttgart 21, sondern zahlreiche Großprojekte, die sich von den Menschen unabhängig machten und irgendwann einer „alternativlosen“ Eigendynamik folgten: „Hinter vermeintlichen Sachzwängen und der Rede von der ‚einmaligen Chance? verbergen sich fest miteinander verwobene Interessen und Vorentscheidungen, an denen jede Forderung nach Alternativen oder substanziellen Modifikationen des Vorhabens abprallt.“ (78) Als großes Problem sieht Selle die Rolle von Gesellschaften und Unternehmen, die privatrechtlich organisiert, aber in öffentlicher Hand sind und den Eindruck besonderer Seriösität erwecken, während sie Bodenvermarktung und Projektentwicklung betreiben. „Sie alle scheinen zwar öffentliche Aufgaben wahrzunehmen, entwickeln aber in der Regel ein erhebliches Eigenleben. Im Ergebnis kann dies dazu führen, dass einzelne dieser (öffentlichen) Unternehmen die Macht- und Kontrollverhältnisse auf den Kopf stellen.“ (79) Selle plädiert für ein Alternativmodell: Er will „frühe, öffentliche und ergebnisoffene Diskussionen“ (81) und im Sinne des Schlichters Heiner Geißler eine Verstärkung der unmittelbaren Demokratie. Das deliberative Modell EDD (Engage-Deliberate-Decide) sei ein guter Ansatz, um auch große Projekt vernünftig und fair zu erörtern. Dabei bedürfe es „nicht eines grundlegenden Systemwechsels von der repräsentativen zur unmittelbaren Demokratie“. (82) Es gebe eine Fülle von Instrumenten, die sich stärken und erweitern ließen.

„Mehr Öffentlichkeitsbeteiligung wagen!“ verlangen Anton Hofreiter und Rüdiger Herzog folgerichtig, wenn sie „Zutaten für einen modernen Planungsprozess“ (84) präsentieren.

Dass der profilierte Philosoph Felix Ekart „Grenzen der Partizipation“ aufzeigt, ist sinnvoll, notwendig und schlüssig. Unter dem Titel „Ökosteuer schlägt Volksabstimmung“ (89) geht er sogar soweit, die direkte Beteiligung als echte Option in der Umweltpolitik nur als Ergänzung zu einer strengeren Umweltpolitik zu akzeptieren. „Denn Gewohnheit, Eigennutzen und Kurzsichtigkeit prägen nicht nur die Bürger(innen), sondern auch die Politiker(innen).“ (92) Im Kern seien die Bürger nicht besser als die Politiker. Erschwert werde dies noch durch den zunehmenden „Trend zur Medien- und Stimmungsdemokratie“ (92), wobei die Medien „immer weniger an Sachthemen und abgewogener Berichterstattung interessiert“ (92) seien und sich stattdessen mehr für Konfrontationen und Human-Touch-Stories begeisterten. Ekarts Fazit stellt bisherige Annahmen zu den Chancen der Partizipation provokativ auf den Kopf und hinterfragt sogar erweiterte Klageoptionen. Umweltstandards könnten dadurch in der Regel nicht verbessert werden. Die meisten Aktivitäten dieser Art seien in einem Fiasko geendet. „An einer inhaltlich strengeren Umweltpolitik führt deshalb kein (Partizipations-)Weg vorbei.“ (93)

Auch Bettina Hennig stellt die „Frage nach dem Nutzen“ für die Nachhaltigkeit der Politik. Thymian Bussemer widersteht der aktuellen Neigung, die digitale Web-Demokratie mit Ja-Nein-Buttons zur Lösung aller Probleme zu machen. Er plädiert stattdessen „Wider die binäre Ja/Nein-Demokratie“ (101) und begründet dies auch schlüssig. Er wehrt sich gegen eine „Privatisierung der Demokratie“ (102), wie sie der Mainzer Rechtsphilosoph Uwe Volkmann treffend beschrieben hat und kritisiert wie Selle und andere Autoren kaschierte Eigeninteressen. „Wortadel nutzt Protest für eigene Zwecke“ (102) schreibt Bussemer. Er setzt sich dafür ein, die „Demokratie wieder schätzen [zu] lernen“ (105) und kommt zum Fazit: „Die Demokratie revitalisiert sich nicht durch die Selbstabdankung der Politik und die Machtrückgabe an die Wähler“. (104)

Den Abschluss der Beiträge bildet ein Interview mit dem Partizipationsforscher Roland Roth zur Zukunft der Demokratie unter dem Motto: „Die Erfahrung realer Ohnmacht muss nicht unbedingt progressive Folgen haben.“ (108)

Kapitel 4 „Impulse“

Hier finden sich Kurzbeiträge mit Impulsen und Ideen zur Bürgerbeteiligung vom Bürgerpanel bis zum Bioenergiedorf.

Diskussion und Fazit

Ein ausgesprochen erfrischendes, gut zu lesendes Sachbuch/Handbuch/Traktat mit erfreulich offenen Worten von Theoretikern und Praktikern – sehr lesenswert, sehr gut zu verstehen, aber nicht immer kompatibel zur herrschenden Meinung: für Quer- und Mitdenker eben.


Rezension von
Dr. Armin König
Bürgermeister der Gemeinde Illingen, Verwaltungswissenschaftler. Dozent an der Fachhochschule für Verwaltung des Saarlandes (FHSV).
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Zitiervorschlag
Armin König. Rezension vom 20.07.2012 zu: Oekom e.V. - Verein für Ökologische Kommunikation (Hrsg.): Bürgerbeteiligung 3.0. Zwischen Volksbegehren und Occupy-Bewegung. oekom Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-86581-283-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12828.php, Datum des Zugriffs 20.10.2021.


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