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Barbara Birkhan: Foucaults ethnologischer Blick

Cover Barbara Birkhan: Foucaults ethnologischer Blick. Kulturwissenschaft als Kritik der Moderne. transcript (Bielefeld) 2012. 440 Seiten. ISBN 978-3-8376-1955-3. D: 34,80 EUR, A: 35,80 EUR.

Reihe: Edition Kulturwissenschaft - 17.
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Foucault als Ethnologe der eigenen Kultur

Über die Einordnung des französischen Philosophen, Psychologen, Historikers, Soziologen und Begründers der Diskursanalyse, .Michel Foucault [1926 – 1984) als Poststrukturalist, gibt es zahlreiche, auch kontroverse Literatur und Interpretationen. Sie zeigen sich insbesondere in seiner Kritik an der Moderne und seinen Positionen zur Macht- und Widerstandsfrage, also, inwieweit Macht auch Widerstand hervorruft, gewissermaßen Formen der Resistenz erzeugt, die sich in vielfältiger Weise ausdrücken und zu Tage treten – „mögliche, notwendige, unwahrscheinliche, spontane, wilde, einsame, abgestimmte, kriecherische, gewalttätige, unversöhnliche, kompromissbereite, interessierte oder opferbereite Widerstände“ (vgl. dazu: Daniel Hechler / Axel Philipps, Hrsg., Widerstand denken. Michel Foucault und die Grenzen der Macht, Bielefeld 2008, in: www.socialnet.de/rezensionen/8131.php). Den soziologischen, sozialwissenschaftlichen und anthropologischen Positionen sind ethnologische Fragestellungen und Reflexionen zugeordnet, die jedoch bisher nur am Rande der Forschungsdiskussion stehen.

Entstehungshintergrund und Autorin

Es geht also darum, der intensiven Rezeption der sozial- und kulturanthropologischen Arbeiten Foucaults mit dem „Blickwechsel zwischen Anthropologie und Philosophie … als eine spezifische Epistologie der (Foucaultschen) Kultur- und Sozialwissenschaften …(zuzuordnen), die philosophisch als Kritik der Moderne Gewicht bekommt“.

Die Forschungsarbeit von Barbara Birkan beruht auf einer Dissertation, die sie im Fach Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien vorgelegt hat. Sie analysiert dabei insbesondere Foucaults Primärliteratur, insbesondere die epistemologischen Schriften „Die Ordnung der Dinge“, „Archäologie des Wissens“, „Die Ordnung des Diskurses“. „Wahnsinn und Gesellschaft“, u. a. Bedeutsam für den genannten Forschungskomplex ist dabei die Fundstelle: „Foucault distanziert … kritisch jeden Glauben an eine Entwicklungslogik und analysiert … den funktionalen Stellenwert dieser Strukturierung der Gesellschaft“. Das ist deshalb wichtig, weil mit Foucaults Aussage, er sei ein Ethnologe der eigenen Kultur, eine „ethnologische Verortung“ möglich erscheint. Es sind nämlich die kontrovers und teils aggressiv-ablehnend diskutierten Positionen Foucaults, etwa durch Axel Honneth, die das Forschungsinteresse bestimmen und nach Antworten suchen lassen, wie in der Anthropologie Foucaults Theoriebildungen zur kulturellen Differenz wirksam und in der Ethnologie so wenig deutlich werden.

Aufbau und Inhalt

Zur Diskussion über das Forschungsinteresse zur Bedeutung von Foucaults ethnologischem Standort und der kritischen Nachfragen dazu, gliedert die Autorin das Buch in zwei Kapitel: Im ersten analysiert sie insbesondere sein Denken und seine Positionen anhand von zwei Büchern: „Wahnsinn und Gewalt“ und „Die Ordnung der Dinge“. Es ist das „Verschwinden des Subjekts“ in der Moderne, das in der Foucaultschen Interpretation zum Ausdruck kommt und in der Rezeption seiner Arbeiten immer wieder zu wissenschaftlichem Gelächter wie zu veritablen Angriffen, aber auch zu begeisternden Aufnahmen seines Denkens und seiner Theorien geführt hat. Es ist insbesondere seine Ablehnung, dass Struktur und Wandel Entwicklungsfortschritt bedeute. Es ist vielmehr die (westliche, moderne) „Un-Vernunft“, die den Wahnsinn des menschlichen Daseins schafft und der sprachlos ausgesprochen werden muss: Unvernunft ist der eigentliche Wahnsinn! Wo aber kommt humane, gesellschaftliche und kosmische Ordnung her? Es ist die „universelle Ähnlichkeit“ der Dinge, die zu der in der Moderne entdeckten „Doppeldeutigkeit des Menschen“ führt: „Der Mensch ist in der Moderne … eine empirisch-transzendentale Dublette“.

Die Humanwissenschaften, allen voran die traditionelle Philosophie, sind gefangen im Denken des „anthropologischen Vierecks“ (Raum, Fläche, Linie und Punkt), das es zu zerstören gilt durch die Hervorhebung der strukturalistischen Wissenschaften der Ethnologie, Psychoanalyse und Linguistik; sich öffnend in eine Denkstruktur, „die nicht mit dem Rücken zur Grenze steht und das Ziel verfolgt, diese zurückzudrängen, den Raum der Präsentation auszudehnen oder etwas Dahinterliegendes zu erreichen, sondern dass sie sich den Grenzziehungen zuwendet

Im zweiten Kapitel entwickelt die Autorin eine „ethnologische Perspektive“, indem sie in „Ordnung der Dinge“ nachschaut, wie Foucault sie, die westliche Vernunft, „das Gleiche bestimm(en)“ lässt. Die Auseinandersetzung mit Foucaults Wissenschaftsbegriff, markiert vor allem durch seine Frontstellung zu den Human-, insbesondere den Geisteswissenschaften, verdeutlicht dabei die in der Diskursanalyse ausgewiesenen Paradigmen vom „Widerstand im Gegenstand“, die es ermöglichen sollen, „eine Dynamik (zu) induzieren, welche die westliche Theoriebildung subversiv unterwandert, indem sie das archäologische Gebiet des Wissens in den Blick bekommt“. Es ist das Bestreben, auch in der Theoriebildung „soziale (politische) Praxis“ zu schaffen. Sie zeigt sich im Dispositiv, nämlich der Gesamtheit der gesellschaftlichen Diskurse, Institutionen, Architektur, rechtliche Regelungen, usw.

Um Foucaults Denkstrukturen habhaft zu werden, ist es hilfreich, in den Kontroversen nachzuschauen, die sich an seiner Kritik der Moderne verdeutlichen und gewissermaßen Foucault mit Adorno, mit Bakthin, mit Bourdieu, mit Chomsky, mit Darwin, mit Fox Keller, mit Gadamer, mit Kuhn, mit Luhmann, mit Lyotard, mit Weber… und natürlich immer wieder mit Habermas zu lesen; vor allem wenn es um die Fragen der Differenz, der Fragmentierung und dem „Stellenwert der Anderen“ geht. Denn der Diskurs und die Auseinandersetzungen, wie sie sich in den Denkprozessen und Theoriebildungen des Ethikers Foucault mit denen des Moralphilosophen Habermas verdeutlichen, bringen Leerstellen und Defizite zutage, die von der Autorin geschickt benutzt werden, Foucaults ethnologischem Blick zu verdeutlichen und die Kontrapunkte zur Diskussion um die Moderne darzustellen.

Es gelingt der Autorin nämlich aufzuzeigen, dass die vielfältige Kritik an und die Ablehnung von Foucaults insbesondere negativ gedeuteten Positionen und Theoriebildungen des Konstruktivismus des Diskurses und seiner Kritik an der Moderne, vor allem verbunden mit dem Vorwurf, Foucault biete keine Zukunftsperspektiven, sich mit der Foucaultschen Veränderungs- und Artikulationsmodalität – Neues erwächst nicht aus Bestehendem von sich heraus – erledigt.

Fazit

Die Rezeption von Foucaults wichtigsten Texten, Verlautbarungen, Interviews, Gegenpositionen und seinem „wilden Denken“, die Barbara Birkhan vornimmt, hat zum Ziel, den ethnologischen Blick des Ethikers zu verdeutlichen, insbesondere aufzuzeigen, „inwieweit Foucaults Konzeption einer Gegenwissenschaft – durch die Ethnologie inspiriert – subversive Kraft gewinnt“ und seine „Ethnologie der eigenen Kultur“ Richtungsweiser für eine globale Moderne haben kann. Zu betonen ist dabei, was die Autorin gewissermaßen als Synopsis formuliert: „Zu beurteilen war nicht, ob Foucaults Diskurs wahr ist, sondern welchen strategischen Wert er haben kann und inwiefern er Konsistenz und Plausibilität besitzt!. Denn es bleibt in der sich immer interdependenter und entgrenzender (ideologisierender) (Einen?) Welt die menschheitsexistentielle Frage, wie sich das Bewusstsein von Humanität, Gerechtigkeit, Friedlichkeit, Differenziertheit, Vielfältigkeit und kritischer Transformationsfähigkeit in der menschlichen Entwicklung gestaltet – eine Frage, die nicht zuletzt für die Sozial- und Kulturanthropologie von Bedeutung ist.

Die Arbeit von Barbara Birkhan liefert vielfältige Bausteine und Argumentationsgerüste für den interdisziplinären, wissenschaftlichen Diskurs um die „Zivilisationstatsachen Kultur“.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.03.2012 zu: Barbara Birkhan: Foucaults ethnologischer Blick. Kulturwissenschaft als Kritik der Moderne. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-1955-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12832.php, Datum des Zugriffs 26.09.2020.


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