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Christine Lachmund: Der alte Straftäter

Cover Christine Lachmund: Der alte Straftäter. Die Bedeutung des Alters für Kriminalitätsentstehung und Strafverfolgung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2011. 165 Seiten. ISBN 978-3-643-11381-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 39,90 sFr.

Reihe: Studien zu Kriminalität - Recht - Psyche - Band 4.
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Thema

Aufgrund des Titels „Der alte Straftäter – Die Bedeutung des Alters für Kriminalitätsentstehung und Strafverfolgung“ würde man eher eine klassische Forschungsarbeit im Feld der Kriminologie erwarten, die tendenziell statische Prädiktoren (bspw Alter) behandelt bzw. abarbeitet.

Entgegen dieser entwickelt Christina Lachmund eine Forschungsidee, sich davon abhebt. So lässt sie schon in der Einführung auf einen Forschungszugang hoffen, der gängige Rollenbilder, mit denen die Kriminologie in der Regel arbeitet („Juvenilität“, „Milieuzugehörigkeit“, „Schicht- und/oder Klassen“, „Tatort“ u. a.) durchaus reflexiv in den Blick nimmt. Sie fragt in der Tat anfangs nach konventionellen Interpretationsfolien, nach epistemologischen Mustern, mit deren Hilfe „StraftäterInnen“ zur Forschungskategorie der Kriminologie werden anhand des von ihr thematisierten Problems „Alte Menschen als Opfer – ein überholtes Rollenbild“ und der von ihr attestierten „stiefmütterlichen Behandlung“ des Themas.

Aufbau und Inhalt

Sie skizziert eingangs eine Reihe von Metaphern, die Einzug halten in die kriminalwissenschaftliche Befassung (bspw jene von den „angepassten Alten entgegen der jungen Rebellen“, S. 16) und arbeitet die Relevanz ihres Forschungsthemas mithilfe präziser demographischer Prognosen (S. 19 – 24) heraus. Die Tatsache, dass sich die Altersstruktur der industrialisierten Gesellschaften zugunsten der Gruppe älterer und alter Menschen verändert, lässt erwarten, dass auch die Zahl derer in Hinkunft ansteigen wird, die im Alter zu Täterinnen bzw. zu Verurteilten werden, so die Ausgangsthese der Autorin.

An dieser Stelle sind ihre Berechnungen und ihre einschlägige, multiperspektive Befassung mit dem selbst formulierten Handlungsproblem folgerichtig und umfassend dargestellt. Frau Lachmund zitiert aus den Alterspyramiden des vergangenen Jahrhunderts, aus den Bevölkerungsprognosen für die BRD mit Bezug zu Mortalität, Fertilität und Wanderungsbewegung. Sie legt Schaubilder der zu erwartenden Altersstruktur an und stellt darauf fußend – und analog des amerikanischen Vorbilds vom Bild der „Greying Criminality in a Greying Society“ – eine exakte und umfassende quantitativ empirische Annäherung zur registrierten Delinquenz alter Menschen an. Dabei bezieht sie sich auf solche Merkmale, die in der Polizeilichen Kriminalstatistik, der Strafverfolgungsstatistik und eigener statistischer Erhebungen (anhand staatsanwaltschaftlicher Einstellungen von Verfahren gegen ältere/alte Verdächtige) mithilfe unterschiedlicher Merkmale und Merkmalskombinationen (Deliktsverteilung, Geschlecht, Beendigungsarten, Alter, Tatobjekte, Familienstand, Beruf, vorgetragendes Tatmotiv u. a.) zur Anwendung kommen.

Damit liefert sie ein Bild derjenigen registrierten Kriminalität so genannter „alter Menschen“, das in dieser Zusammenschau vermutlich für die BRD bislang noch nicht vorlag. Auch gelingt die Bestätigung Ihrer Ausgangsthesen weitgehend, wonach die Kriminalität von Menschen ab einer bestimmten Altersgruppe in der Regel und im öffentlichen Diskurs sowie in der herrschenden Spruchpraxis unterschätzt werde.

Darüber hinausgehend versucht sich die Autorin auch in einer „Ursachenanalyse“ – vorwiegend auf Basis i bisheriger qualitativer Befunde aus den Fachdiskursen der Nahtstelle Soziologie, Kriminologie und Psychologie. Aus verschiedenen Quellen - vorzugsweise aber aus quantitativ-empirischen Befunden trägt sie Arbeiten und Forschungsberichte zusammen und interpretiert bspw folgendermaßen: „Nicht ausschließlich physische Motivationen, wie z. B. Hunger, Durst oder sexuelle Befriedigung, sondern allen voran das Bestreben nach sozialer Anerkennung und Zugehörigkeit, sowie das Ausleben von Individualbedürfnissen, spielen bei der Motivation alter Menschen zu kriminellem Verhalten die entscheidende Rolle. Nach der Maslowschen Bedürfnishierarchie werden fünf aufeinander folgende Grundbedürfnisse des menschen, die den Entwicklungscharakter der menschlichen Motivation darstellen sollen, unterschieden. (…) Ein älterer Mensch, der zum Zeitpunkt seines Eintritts in den Ruhestand in der Regel bereits alle Stadien dieser Grundbedürfnisse durchlaufen hat, konzentriert sich notgedrungen wieder verstärkt auf die Bedürfnisse der niedrigeren Stufen“ (S. 119).

Diskussion

Dieser dargestellte und andere Exkurse unternimmt die Autorin, um die Weite ihres Forschungsfeldes abzustecken und nicht nur Berechnungen über Häufigkeiten und Verbreitung anstellen sondern auch vermeintlich ätiologische Dimensionen zu strapazieren. Dabei wäre sie gut beraten gewesen, sich auch anderer Interpretationsfolien als jener einer unterkomplexen „Bedürfnispyramide“ zu bedienen, bspw auch attributionstheoretische Modelle oder Zugänge des Labelling-Approachs in ihre Deutungen einzubeziehen. Mithilfe der gewählten Ansätze sitzt sie genau jener Problematik auf, die sie eingangs doch treffsicher problematisiert: Die der Tabuisierung der Kriminalität älterer Menschen (S. 14-25) , die „Furcht der Menschen vor dem Alterungsprozess“ (ebd.) insgesamt, die „weißen Flecken in der kriminologischen Landschaft“ (ebd.), was Alterskriminalität und ihre Erklärung anlangt.

Über bestimmte Etappen des vorliegenden Berichts gelingt Frau Lachmund die Argumentation dieses Bogens, über die weitesten Strecken aber substanzialisiert sie hoch voraussetzungsvolle Begriffe wie „Devianz“, „Kriminalität“, „Alter“, „Jugend“, „Resozialisierung“ ohne einen Bezug zu denjenigen Institutionen herzustellen, welche diese erschaffen. Sie argumentiert vor dem schlichten Hintergrund klassisch-rationalistischer Kriminalitätstheorien und nimmt damit ihrer akribischen sekundär- und primäranalytischen Rechenarbeit das originäre Profil sowie den kriminalpolitischen Handlungsauftrag, mit dem man die Erkenntnisse verbinden könnte. Auch ist ihr Bild über das Alter als „Grenzstruktur des sozialen Lebens zum Organischen“ (Reiterer 2003:55) nur in der Andeutung existent. Am Beginn thematisiert sie knapp auflistend verschiedene Begriffe des Alters, um sich dann im weiteren Verlauf der Arbeit ausschließlich auf Fragen des Lebensalters nach kategorialen Zuordnungen zu konzentrieren.

„Typische Lebensumstände alter Menschen“ grundsätzlich zu formulieren, welche „kriminelles Verhalten“ begünstigen, erscheint an dieser Stelle und vor dem Hintergrund des von der Autorin gewählten theoretischen Bezugsrahmens Maslowscher Provenienz doch zu dürftig, um dem selbstgewählten Anspruch, den „Besonderheiten des Alters“ (S. 119) gerecht werden zu können. Auf diese Weise bleiben die „gewonnenen Erkenntnisse und Schlussbetrachtung“ (ab S. 91) zumeist inhaltsleer und lösen den eigens gesteckten Wissensanspruch tendenziell nicht ein.

Fazit

Wertschätzende Würdigung verdient die Arbeit aufgrund ihrer kompetenten Aufarbeitung des bestehenden Datenmaterials, weisen doch zahlreiche Untersuchungen auf die immensen Probleme bei der Sichtung der unübersichtlichen Datenbestände, der nicht akkordierten Datenbanken und der höchst unterschiedlichen Aufzeichnungspraxis auch innerhalb der Nationalstaaten hin. Zu Gute zu halten ist Frau Lachmund weiters, dass sie sich eines Themas von hoher Handlungsrelevanz annimmt und dass ihre Arbeit eine große Menge an relevanten anwendungsbezogenen Rückschlüsse für Verfolgungsbehörden, Betreuungsagenturen, Vollzugsinstanzen u. a. wohlfahrtsstaatliche AkteurInnen ermöglichen würden.

Die Verzahnung von empirisch-quantitativer Erkenntnis und soziokulturellen sowie alterssoziologischen Werkzeugen anstelle des Versuchs einer „Ursachenanalyse für kriminelles Verhalten im Alter“ (S. 93) hätte der Arbeit eine Perspektive gewährt, die dem Gestaltwandel der sozialen Frage, die dem Mega-Trend der demographischen Veränderung sowie der zunehmenden Bedeutung sozialer Unterschiede quer über Klassen, Gruppen, Kohorten, „Zielgruppen“ gerecht geworden wären. Die Arbeit wäre ein guter Ausgangspunkt hierfür.

Literatur

  • Reiterer, Albert (2003): Gesellschaft in Österreich. Struktur und soziale Wandel im globalen Vergleich. Wien

Rezension von
Mag. Dr. Manuela Brandstetter
Homepage www.sozialraum.at
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Zitiervorschlag
Manuela Brandstetter. Rezension vom 12.03.2013 zu: Christine Lachmund: Der alte Straftäter. Die Bedeutung des Alters für Kriminalitätsentstehung und Strafverfolgung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2011. ISBN 978-3-643-11381-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12837.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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