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Irmgard Vogt (Hrsg.): Auch Süchtige altern

Cover Irmgard Vogt (Hrsg.): Auch Süchtige altern. Probleme und Versorgung älterer Drogenabhängiger. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2011. 413 Seiten. ISBN 978-3-940087-81-2. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR.

Reihe: Fachhochschulverlag - Band 34.
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Thema

„Sucht und Alter“ ist ein Thema, das im Verborgenen virulent ist. Lange meinte man, dass sich Süchtige gesundheitlich derart ruinieren, dass sie gar kein kalendarisches Alter von 65 Jahren erreichen könnten. Beim Alkohol führten die allgemein besseren gesundheitlichen Standards zuerst dazu, dass man in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom „überlebenden Trinker“ sprach (was in den Lehrveranstaltungen des Rezensenten immer Heiterkeit auslöste). Nun haben auch bei Drogenkonsumenten Substitutionsbehandlung und Antiretroviral-Therapie (gegen HV- und HC-Viren) die Raten älterer Drogenabhängiger in die Altersgruppen 40plus und 50plus geführt. Von „Alt-Junkies“ ist die Rede. Wie begegnet die Soziale Arbeit dieser neuen, wenn auch zahlenmäßig kleinen Klientengruppe von etwa 0,1 Prozent der infrage stehenden Altersjahrgänge, die vorwiegend in Großstädten anzutreffen ist? Irmgard Vogt hat im Fachhochschulverlag Frankfurt den 414seitigen, mit 15 Beiträgen umfangreichen Sammelband „Auch Süchtige altern“ herausgegeben, der eine Fülle von Gesichtspunkten zum CaseManagement, zur Lebenshilfe, zu psychotherapeutischen Hilfen und institutionellen Innovationen zugunsten älterer Süchtiger enthält.

Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

Herausgeberin Professorin Dr. phil. Irmgard Vogt lehrt als Psychologin an der Fachhochschule Frankfurt am Main Soziale Arbeit und Suchthilfe und leitet das dortige Institut für Suchtforschung. Neben vielen Praktikern der Suchtkrankenhilfe mit ihren Aufbau- und Erfahrungsberichten kommen die bekannten Psychiater Facharzt Dr. med. Dieter Geyer, Fredeburg, Professor Dr. med. und Dr. phil. Rolf Dieter Hirsch, Bonn, und Facharzt Dr. med. Dirk K. Wolter, Wasserburg/Inn, mit eigenen Beiträgen zur psychotherapeutischen Hilfe bei Älteren zu Wort.

Allgemeine Inhalte

Der Schwerpunkt der Erörterungen des Bandes „Auch Süchtige altern“ liegt auf den Problemen alternder Drogenabhängiger. Suchtverhalten bei Alkohol und Zigaretten wird vor allem im Zusammenhang von begleitendem Suchtkonsum Drogenabhängiger besprochen. Süchtige altern ein bis zwei Jahrzehnte früher als die suchtfreie Bevölkerung.

Bei Drogenabhängigen ergibt sich eine belastende Gemengelage. Vor allem bei jenen, die in Irmgard Vogts Süchtigen-Typologie aus maßvollen Konsumenten, abstinent Gewordenen und Späteinsteigern (hier sind Alkohol- und Medikamenten-Abhängige stärker vertreten) dominieren: Diejenigen, für die die Droge zum Lebensthema geworden ist. Hier belasten Begleiterkrankungen wie Hepatitis, HIV-Immunschwäche, Arthritis, Hochdruck, Krebs (Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse), Diabetes, Depression, Demenz und Angstzustände. Pflegebedürftigkeit tritt früher ein als bei der Normalbevölkerung. Sozial leiden die Klienten unter Ausgrenzung, Stigmatisierung, Isolation, Rückzug, Überschuldung, Strafverfolgung, Gewaltandrohung, Arbeitslosigkeit, Wohnungsproblemen, Vermüllung, mangelnder Tagesstrukturierung und Einkommensproblemen.

Medizinischer Standard ist heute die Substitutionsmedikation durch ärztliche Verordnung, da eine Suchtabkehr nur unter großen, kaum durchzuhaltenden Entzugsbelastungen zu erreichen wäre. Mit Antiretroviral-Therapie werden die chronischen Infektionen der Leber und die Störung des Immunsystems abgewehrt. Dadurch kann sich die Lebensdauer selbst bei weiterem Opiat- und Opioid-Konsum um Jahrzehnte erhöhen. Durch Vorschädigungen und Schwächung müssen aber wesentlich früher als bei der Normalbevölkerung Kranken-, Pflege und Hauswirtschafts-Hilfen einsetzen. Eine Unterbringung dieser Klientel, die sich um das 50. Lebensjahr herum befindet, in Altenpflegeheimen wäre kohorten- und lebenslagen-spezifisch eine Fehlplatzierung. Die Betroffenen wehren ihre Unterbringung in Altenheimen auch ab.

So deuten sich in der schwierigen Gemenge-Problemlage Angebote versierter ambulanter Dienste und Betreuter Wohngruppen an. Wenn sich auch keine Wissenschafts-Disziplin für die Hilfen für ältere Drogenabhängige speziell anbietet, wie Dirk K. Wolter in seinem Beitrag bemerkt, so stellen doch die vielen Schilderungen von Initiativen vor Ort aus Berlin, Hamburg, Bremen, Unna (mit westlichem Westfalen), dem Rhein-Main-Gebiet, München und der Schweiz das sozialarbeitliche CaseManagement besonders heraus.

Spezielle Inhalte

Besonders gelungene Beispiele wohnlicher und pflegerischer Versorgung werden aus Berlin mit den gemeinnützigen GmbH's „Zuhause im Kiez“ ZIK und dem spezialisierten Pflegedienst FELIX geschildert. Viele Wohngruppen haben den Charakter von Therapeutischen Wohngemeinschaften TWG bzw. von Betreutem Einzelwohnen BEW. Beispielhaft erscheint das Wohnprojekt R 129 (Reichenberger Straße 129 in Berlin-Kreuzberg) mit Leistungen nach SGB V, SGB XI und SGB XII mit 23 Plätzen in Appartements. Im dortigen Orangerieprojekt besteht eine Begegnungs-, Kultur- und Gastronomiestätte mit tätiger Eingliederung der Bewohnerschaft in ihre Umgebung.

Andere Beiträge stellen die Schnittstellenprobleme zwischen beteiligten Institutionen und Diensten (Kliniken, Ärzte, Verwaltung, häusliche Pflege) heraus und zeigen Möglichkeiten auf, wie Pflege- und (Drogen-)Sozial-Arbeit voneinander lernen können und sollen.

Für die psychotherapeutische Hilfe der Klientel stellt Dieter Geyer in seinem Beitrag besonders auf das Eröffnen von Teilhabe und die Aufarbeitung von Traumata und von Verlusten Nahestehender ab. Rolf Dieter Hirsch betont in seinem Aufsatz als Therapieziele die Zufriedenheit mit dem Leben, die Akzeptanz des alternden Körpers, die Entwicklung lebenspraktischer Kompetenz und die Einsicht in die Endlichkeit des Lebens.

Ein Kapitel zur Sozialen Sicherung älterer Süchtiger von Rüdiger Lenski schildert im Zusammenhang sozialrechtliche Ansprüche auf Behandlung, Pflege, Einkommen und Rente durch die vorgelagerten Sozialversicherungsträger und die nachrangige Fürsorge.

Diskussion

Der Band „Auch Süchtige altern“ ist als Sammelband nicht aus einem Guss geraten. Dafür bietet er einen breiten Überblick über mannigfache und engagierte Problemlösungen in deutschen Landen und in der Schweiz. Die Beiträge sind von unterschiedlicher Güte und reichen in der Diktion vom nicht sonderlich gut strukturierten Arbeitspapier über die Schilderung des institutionellen Aufbaus von Wohnmöglichkeiten und Therapieplätzen in unterschiedlichen organisatorischen Ausprägungen bis zu empirischen Untersuchungen. Diese sind mit ihren kleinen Grundgesamtheiten von nur rund 50 Betroffenen (und fragwürdigen prozentualen Hochrechnungen von ein- und kleineren zweistelligen Nennungen) von begrenzter Aussagekraft.

Enorm beeindruckend ist der hohe ethische Ernst, mit dem hier am Wohlergehen und an der entfaltungsgeneigten Selbstbestimmung einer Minorität auf der Schattenseite des Lebens gearbeitet wird: Ein Sonnenstrahl im stürmischen Gewölk.

Fazit

Der Band „Auch Süchtige altern“ richtet den Blick auf die Klientengruppe alternder Drogenabhängiger, die noch nicht allzu sehr im Fokus stehen, aber die Hilfeagenturen künftig stärker beschäftigen werden. Es werden beispielgebende Modellhilfen aufgezeigt, die sich mit viel Geschick im Ressourcendschungel von Rechtsansprüchen und Therapierichtungen bewegen.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 04.04.2012 zu: Irmgard Vogt (Hrsg.): Auch Süchtige altern. Probleme und Versorgung älterer Drogenabhängiger. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 2011. ISBN 978-3-940087-81-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12838.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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