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Eva-Maria Trüdinger: Reformszenarien im deutschen Wohlfahrtsstaat [...]

Cover Eva-Maria Trüdinger: Reformszenarien im deutschen Wohlfahrtsstaat aus Sicht der Bevölkerung. Wertvorstellungen als Reformkorridor? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. 310 Seiten. ISBN 978-3-8329-6786-4. 49,00 EUR, CH: 69,90 sFr.

Reihe: Studien zur Wahl- und Einstellungsforschung - Band 19.
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Thema

Die Arbeit verfolgt untersucht, welche Präferenzen die Bundesbürger in den Politikfeldern Gesundheit, Rente und Familie haben und ob diese Präferenzen aus den Werthaltungen der Bevölkerung resultieren.

Autorin

Eva-Maria Trüdinger ist seit 2004 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Stuttgart. Seit Anfang 2012 ist sie Geschäftsführerin der nationalen Studie Deutschland im Rahmen des Projekts European Social Survey.

Entstehungshintergrund

Bei der Arbeit handelt es sich um die Dissertation von Eva-Maria Trüdinger an der Universität Stuttgart. Die Publikation ist das Ergebnis des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekts. „Der Einfluss des politischen Vertrauens auf die Unterstützung der Reform des Sozialstaates in Deutschland“. In einer bundesweit repräsentativen Erhebung Ende 2007 wurden 1814 Personen in Deutschland zu ihren Einstellungen im Bereich der Renten-, Gesundheits- und Familienpolitik befragt.

Aufbau

  • Kapitel 1 gibt als Einleitung einen Überblick über Untersuchungsproblem, enthält aber auch die Beschreibung der Datengrundlage und der verwendeten Methoden.
  • Kapitel 2 benennt relevante Dimensionen und Konzepte der Einstellungsforschung und fasst die Ergebnisse bisheriger Studien zur Bevölkerungseinstellung zu Reformen des Wohlfahrtsstaates zusammen.
  • Kapitel 3 beschreibt die Charakteristika und Entwicklungen der drei untersuchten Politikfelder.
  • Kapitel 4 präsentiert die Einstellungen der Bevölkerung gegenüber Reformen in den Politikfeldern und beantwortet somit die erste Leitfrage.
  • Kapitel 5 bis 7 bereiten die Beantwortung der zweiten Leitfrage vor, indem sie wertebasierte Ansätze in der Wohlfahrtsstaatenforschung vorstellen, die Wertestruktur der deutschen Bevölkerung ermitteln und Hypothesen ableiten.
  • Kapitel 8 liefert dann die Ergebnisse zur zweiten Leitfrage, inwiefern die sozialpolitischen Präferenzen aus den Wertehaltungen der Bevölkerung resultieren.
  • Kapitel 9 fasst die zentralen Aussagen der Arbeit zusammen.

Inhalte

Als im Jahre 2003 die Proteste gegen die Agenda 2010 auf ihrem Höhepunkt waren, nahmen an dem Aktionstag der Gewerkschaften 90.000 Teilnehmer in 14 Städten an den Demonstrationen teil. Das Ergebnis dieser Proteste war die Spaltung und Abwahl der SPD, der auch noch ein Jahrzehnt später der Verrat an ihren eigenen Werten vorgeworfen wird.

Im März 2010 wurde in den USA die Gesundheitsreform von Präsident Obama verabschiedet, die in der Folge Proteste breiter Bevölkerungskreise nach sich zog. Die Versicherungspflicht wurde als Sozialismus abgelehnt und Obamas Demokraten verloren bei den Kongresswahlen im November 2010 ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus.

Während sich der Protest in dem einen Land an einem Rückbau des Wohlfahrtsstaates entzündete, ging die Bevölkerung in dem anderen Land wegen eines Ausbaus des Wohlfahrtsstaates auf die Straße. Auf der Suche nach Antworten auf dieses Rätsel landet man sehr schnell bei den Wertvorstellungen der Bevölkerung in Bezug auf den Wohlfahrtsstaat. Diesem Aspekt wendet sich Eva-Maria Trüdinger in ihrer Arbeit zu. Ihre zentrale Arbeitshypothese lautet:

„Langfristig stabile Werthaltungen der Bürger geben einen Spielraum für Reformbestrebungen (mit neuen Prinzipien wie Individualisierung etc.) im Sinne eines Korridors für wohlfahrtsstaatliche Reformpolitik vor“ (S. 29). Werte, so die Argumentation, seien grundlegende, situationsunabhängige Orientierungen. Gerade aufgrund der Komplexität vieler Reformthemen würden die Bürger ihre Einstellungen in Bezug auf sozialpolitische Themen auf Basis Ihrer Wertüberzeugungen treffen. Da Wertehaltungen relativ stabil sind, ist wohlfahrtsstaatliche Reformpolitik von den in einer Gesellschaft herrschenden Überzeugungen abhängig.

Diese Hypothese versucht Trüdinger in ihrer Arbeit für die Bundesrepublik Deutschland zu überprüfen. Sollte diese Annahme zutreffen, so müssten sich die Werteorientierungen der deutschen Bevölkerung in ihren sozialpolitischen Einstellungen wiederfinden. Für den Nachweis wurden die Antworten einer repräsentativen Erhebung ausgewertet, in der die Teilnehmer um eine Beurteilung verschiedener Reformvorhaben gebeten wurden. Im Gegensatz zu vielen früheren Studien wurde nicht nach quantitativen Reformdimensionen gefragt (mehr oder weniger Wohlfahrtsstaat), sondern nach qualitativen Aspekten, d.h. es wurden konkrete Reformvorschläge zur Abstimmung gestellt. Diese bezogen sich auf die Politikfelder Gesundheit, Alterssicherung und Familienpolitik. Diese Auswertung, die Auskunft über die erste Leitfrage nach den Einstellungen der Bevölkerung zu Reformszenarien gibt, lieferte interessante Ergebnisse. Im Gegensatz zu der breiten medialen Ablehnung, die das Betreuungsgeld der Bundesregierung erfährt, wird ein solches Programm in Westdeutschland gerade einmal von 17 Prozent der Bevölkerung abgelehnt (in Ostdeutschland von 35 Prozent). Bei den Fragen zur Bürgerversicherung bzw. zur Kopfpauschale im Gesundheitswesen kommt heraus, dass die Bevölkerung eindeutig die Bürgerversicherung bevorzugt. Interessant ist, dass die Präferenzen der Bevölkerung politikfeldbezogen sind und nicht über die drei Politikfelder miteinander verknüpft sind, wie Trüdinger mithilfe einer Faktorenanalyse nachweisen kann.

Auf Basis dieser Einstellungserhebung kann die Autorin mittels einer Faktorenanalyse vier Wertedimensionen nachweisen, die den Werteraum der deutschen Bevölkerung aufspannen: Egalitarismus, Individualismus, Askriptivismus und Konservatismus. Diese Grundwerte sind entscheidend für die sozialpolitischen Präferenzen der deutschen Bevölkerung und geben somit einen Handlungskorridor für Reformmaßnahmen vor. Während familienpolitische Fragen in erster Linie durch die gesellschaftspolitischen Werthaltungen beeinflusst werden, sind in den Politikfeldern Alterssicherung und Gesundheit vor allem verteilungspolitische Überzeugungen von Bedeutung.

Diskussion

Die Arbeit untersucht Einstellungen der Bevölkerung zum Wohlfahrtsstaat und stellt somit gewissermaßen eine Zusammenführung von Einstellungs- und Wohlfahrtsstaatenforschung dar. Angesichts des wissenschaftlichen Hintergrundes der Autorin verwundert es nicht, dass der Schwerpunkt auf der Analyse der Einstellungen liegt. In diesem Bereich hat die Arbeit sicherlich ihre größten Stärken, da sie methodisch versiert interessante Ergebnisse gut aufbereitet. Wer sich von der Arbeit theoretische Impulse für die Wohlfahrtsstaatenforschung erhofft, wird nicht fündig. Sich aufdrängende Frage nach dem theoretischen Nexus zwischen Einstellungen, Wahl- und Regierungsverhalten werden nicht weiter thematisiert. Bereits in der Einleitung wird jedoch deutlich, dass dies nicht das Ziel der Arbeit gewesen ist. Stattdessen darf man der Autorin konstatieren, dass sie die Analyse erstaunlich fundiert in den Kontext der Wohlfahrtsstaatenforschung einbettet. Dies macht die Arbeit in einem hohen Maße anschlussfähig für die Wohlfahrtsstaatenforschung – was für Arbeiten der Einstellungsforschung keine Selbstverständlichkeit ist.

Fazit

Bei der Arbeit handelt es sich um ein sehr lesenswertes Werk, das methodisch-versiert den Einfluss von Wertvorstellungen auf die sozialpolitischen Präferenzen der Bevölkerung nachweist. Aus Sicht der Wohlfahrtsstaatenforschung sind diese empirischen Ergebnisse sehr interessant und dank der guten Kenntnisse der Autorin in diesem Bereich für die eigene Forschung anschlussfähig.


Rezension von
Volquart Stoy
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Zitiervorschlag
Volquart Stoy. Rezension vom 25.05.2012 zu: Eva-Maria Trüdinger: Reformszenarien im deutschen Wohlfahrtsstaat aus Sicht der Bevölkerung. Wertvorstellungen als Reformkorridor? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. ISBN 978-3-8329-6786-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12840.php, Datum des Zugriffs 26.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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