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Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit Rottenburg und Tübingen (Hrsg.): Misslingen des Anderen im Asperger-Syndrom

Cover Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit Rottenburg und Tübingen (Hrsg.): Misslingen des Anderen im Asperger-Syndrom. Psychoanalytische Näherungen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2011. 258 Seiten. ISBN 978-3-86099-880-9. 24,90 EUR.

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Thema

Der Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit mit Sitz in Rottingen und Tübingen führt immer wieder Tagungen zum Thema psychoanalytische Sozialarbeit durch. Parallel dazu gibt es bis heute ein Heim für autistisch-psychotische Kinder und Jugendliche, was in der Trägerschaft des Vereins auch eine praktische Begleitung und Umsetzung erfährt. Hinzu kommen Beratungen in Einzelsettings, Schulbegleitung etc.

Aufbau und Inhalt

Die Jahrestagung 2010 fand unter dem Titel „Misslingen des Anderen – über autistische Phänomene, besonders das Asperger-Syndrom“ statt. In dem Band sind die Tagungsbeiträge dieser Tagung versammelt. Insgesamt handelt es sich um 15 Beiträge, die alle einige allgemeinere Ausführungen zu Psychoanalyse und Autismus machen (allerdings jeweils sehr punktuell), um dann anhand von Kasuistiken diverse Vorgehensweisen zu erläutern. Der Band ist nicht weiter untergliedert, so dass alle Beiträge der Reihe nach abgedruckt sind. Allerdings weisen die Herausgeber in ihrem Vorwort auf eine implizite Gliederung hin:

  • Den ersten drei Beiträgen liegen allgemeinere Grundgedanken zugrunde, die teilweise durch Fallgeschichten noch ergänzt werden.
  • Dann folgen zwei ausführliche Falldarstellungen in ihren vielfältigen Facetten.
  • Die folgenden vier Beiträge nehmen insbesondere den psychoanalytischen Blickwinkel Lacanscher Prägung ein.
  • Zwei Beiträge greifen das (auch in anderen Beiträgen immer wieder vorkommende) Thema Schule auf, sowie ein weiterer Beitrag dem Übergang ins Arbeitsleben.
  • Die letzten drei Beiträge wenden sich spezifischen (psychoanalytischen) Einzelfragen zu.

Diskussion

Da es sich bei den meisten Beiträgen um (mehrere) Fallbeispiele handelt, sind diese in einer Rezension schwierig zu kommentieren. Einiges zeigt sich aber durchgängig (wieder):

  • Ein Grundthema bei Asperger-Autisten ist Angst. Angst vor sozialen Beziehungen bzw. sozialen Anforderungen mit den Folgen der Erfahrung des (mehrfachen) Scheiterns. Dieses prägt biographisch enorm und erfordert therapeutisch enorme Mühe, diese wenigstens soweit in den Hintergrund zu rücken, dass neue Erfahrungen und Wege überhaupt möglich sind.
  • Ein weiteres Thema (und quasi mit der Angst verbunden) sind stabile emotionale Beziehungen. Diese müssen nicht unbedingt an den Eltern ausgerichtet sein, Lehrer und Therapeuten können es (vorübergehend) ebenfalls sein. Die vielen Fallbeschreibungen sind überwiegend von diversen Beziehungsabbrüchen gekennzeichnet, was das Thema Angst und auffällige Verhaltensweisen noch deutlich verstärkt oder sogar hervorgerufen hat.
  • Ein drittes Thema, was wiederum mit den beiden anderen Themen eng verbunden ist, ist die pädagogische Haltung. Gerade bei Autismus-Spektrum-Störungen sind die „klassischen“ Haltungen (Empathie, Authentizität, Wertschätzung) per se nicht wirksam, weil sie nicht reziprok funktionieren (was wir aus anderen pädagogischen Begegnungen stets erhoffen). Es kommt also im Wesentlichen darauf an, eine offene, erwartungsfreie Haltung einzunehmen und vor allen Dingen ((psychoanalytisch) die Zeichen zu deuten, die sich in der Nicht-Offensichtlichkeit zeigen. Das heißt nicht, dass die Rogerschen Variablen hier überflüssig sind, aber sie dürfen nicht mit Erwartungen verknüpft sein.
  • Ein vierter Aspekt lässt sich ebenfalls in allen Beiträgen wiederfinden: allen Berichten geht es um den Menschen, nicht um die Diagnose, nicht um die Anamnese, nicht um Settings und nicht um Konzepte. Das sind alles Momente und Aspekte, die sich erst ergeben; davor steht das Bemühen um das Erkennen und Verstehen des Anderen, weshalb auch dieser Tagungstitel gewählt wurde.

Exemplarisch dazu ein Zitat aus dem Beitrag von Gottfried Maria Barth: „Gelingt es (dem Analytiker), immer eine Ahnung von den tiefen, hinter dem unangepassten Verhalten liegenden Ängsten im Hinterkopf zu behalten, wird ihm dieses das entscheidende Korrektiv sein, geeignete Haltungen einzunehmen und Interventionen zu wählen… Dann geht der suchende Blick nicht mehr ins Leere, er findet einen Anderen, der niemanden mehr in der Einsamkeit verhungern lässt und dessen Appell ankommt… Mit geeigneter therapeutischer Aktivität lässt er sich dann aufsuchen – aber nicht herauszerren – und kann sich auch auf Nähe einlassen, in der er sich auch als emotionaler und beziehungsfähiger Mensch erlebt“ (s. 51).

Schwierig bleibt nach wie vor, dass es immer erst entsprechender Diagnosen bedarf, bevor Hilfen beginnen können unabhängig vom individuellen Bedarf. Und so zeigt sich in manchen Beiträgen auch, wie fließend die Übergänge sein können: vom Asperger-Syndrom zu psychotischen Auffälligkeiten mit teilweisem Wahnerleben und (neuerdings) ADHS. Das alles darf aber nicht darüber hinwegtäuschen: „In der Praxis besteht der Wert von Diagnosen und zugehörigen Krankheitsmodellen vor allem in der Bereitstellung eines besseren Verstehens des individuellen Erlebens und Reagierens. Dies gilt auch dann, wenn Diagnosekriterien gerade nicht erfüllt werden“ (S. 54).

Fazit

Das Buch setzt voraus, dass der Leser in der psychoanalytischen Terminologie ziemlich kundig ist. Die ersten drei Beiträge sind auch für Nicht-Experten gut nachvollziehbar, aber sobald es um spezifische psychoanalytische Fragestellungen geht, werden viele Mitarbeiter aus Heimen, Ambulanzen, Schulen und Arbeitsgelegenheiten die Ausführungen nicht nachvollziehen können. Allerdings machen die vielen Fallbeispiele einiges wieder wett: an deren Erläuterungen werden sich viele Mitarbeiter wiederfinden mit ähnlichen Erlebnissen, mit eigenen Erfahrungen des Scheiterns wie auch des Gelingens.

Das Buch bestätigt mit seinen generellen Aussagen (s.o.) das derzeitige Verständnis von Autismus-Spektrum-Störungen und speziell von Asperger-Autismus. Die damit im Zusammenhang stehenden Grundhaltungen sind unabhängig von therapeutischen Auffassungen zu sehen. Das Misslingen des Anderen immer im Blick: den Königsweg hat noch niemand gefunden; aber das Bemühen um den Anderen darf nie aufhören.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 17.07.2012 zu: Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit Rottenburg und Tübingen (Hrsg.): Misslingen des Anderen im Asperger-Syndrom. Psychoanalytische Näherungen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2011. ISBN 978-3-86099-880-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12845.php, Datum des Zugriffs 02.12.2020.


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