socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Michaela Kaplaneck: Unterstützte Selbsthilfegruppen von Menschen mit Demenz

Cover Michaela Kaplaneck: Unterstützte Selbsthilfegruppen von Menschen mit Demenz. Anregungen für die Praxis. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2011. 100 Seiten. ISBN 978-3-86321-021-2. D: 12,90 EUR, A: 13,30 EUR, CH: 18,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Obwohl das Thema der Selbsthilfe und der Selbsthilfegruppen in gesundheitspolitischen Diskussionen und Gesprächen stets erörtert wird und die Randständigkeit der Selbsthilfe sowohl bei der finanziellen Förderung als auch bei der Angebotsvielfalt ein Ende gefunden hat, so gibt es gleichwohl noch genügend Aufgaben und Herausforderungen für die professionellen Förderer in den Selbsthilfekontaktstellen und in den Selbsthilfebüros sowie in den sozialen und gesundheitlichen Einrichtungen und Diensten. Mit dem Thema der Selbsthilfe bei Menschen mit Demenz wird ein solches zukünftig noch wachsendes und an Bedeutung zunehmendes Aufgabenfeld der Selbsthilfearbeit angesprochen. Aber es geht hier nicht, wie man denken könnte, um die Unterstützung und Förderung der Angehörigen, für die es zahlreiche und erprobte Gruppenangebote insbesondere bei den Wohlfahrtsverbänden gibt, auch geht es nicht um die vielfältigen Gruppenangebote in den ambulanten und stationären Einrichtungen für Menschen, die an Demenz leiden, sondern es geht um die Bildung von Selbsthilfegruppen, bei denen Selbstbestimmung und selbstbewusstes Handeln der an Demenz erkrankten Menschen handlungsleitende Prinzipien sind. Auf die naheliegende Frage, für wen dieses Angebot gedacht ist und wie eine solche Gruppenarbeit aussehen kann, gibt das kleine und wichtige Buch Auskunft.

Autorin

Michaela Kaplaneck war zehn Jahre als Krankenschwester tätig, bevor sie Soziale Arbeit studierte und sich theoretisch und praktisch mit der Lebenssituation von Menschen mit beginnender Demenz sowie mit der Frage beschäftigte, wie die soziale Arbeit hier unterstützen könnte. Sie hat mehrere Selbsthilfegruppen für Menschen mit beginnender Demenz initiiert und begleitet. Kompetenz und Praxistauglichkeit, die bei einem solchen Thema nicht fehlen dürfen, sind also gegeben.

Aufbau und Inhalt

Der erste Teil des Buches führt den Leser in das Thema ein: Bisher sind es überwiegend berufliche Experten, die aus ihrer eigenen beruflichen Perspektive über das urteilen, was für die Gruppe der an Demenz erkrankten Menschen notwendig ist. Es wird also über die Erkrankten gesprochen, und sie werden so ein Objekt des Planens und Handelns anderer. Man kann sagen, dass Betreuung bisher das Paradigma der Arbeit ist. Betreuung geht, so wissen wir seit langem, oftmals mit Formen der Bevormundung und Entrechtlichung einher. Hier sollte also ein Wechsel im Denken und Handeln der professionellen Helfer stattfinden, indem der an Demenz erkrankte Mensch als Subjekt angesehen und behandelt wird. Er soll frei über sich selbst bestimmen und alle seine Rechte in Anspruch nehmen können.

Gerade bei der Demenzerkrankung ist ein solcher Perspektivwechsel von besonderer Bedeutung und Vorbildlichkeit, da Demenz und Selbstbestimmung auf den ersten Blick konträr zueinander stehen. Doch hört der Anspruch auf Selbstbestimmung und Würde nicht mit der Erkrankung und dem Verlust oder der Einschränkung kognitiver und intellektueller Fähigkeiten auf, sondern bedarf im fortschreitenden Verlust der Leistungsfähigkeit nur der strikten Beibehaltung und Annahme einer personalen, auf Selbstbestimmung und Würde beruhenden Perspektive.

Aber Michaela Kaplaneck stellt sich zunächst dem Problem der Selbstbestimmung pragmatisch, da sie sich denjenigen besonders zuwendet, die erst am Beginn der Diagnose stehen und sich mit dieser Diagnose bewusst auseinandersetzen möchten.Für diese bisher stark vernachlässigte Gruppe ist die Idee der Unterstützten Selbsthilfe gedacht, die etwas anderes ist als Betreuung, Beschäftigung, Therapie oder Psychoedukation.

Im zweiten Teil des Buches wird das Konzept der Unterstützten Selbsthilfegruppe vorgestellt: In unterstützten Selbsthilfegruppen stehen die unmittelbar Betroffenen mit ihren Wünschen und ihrer Perspektive im Zentrum. Ihre Themen bestimmen die Gruppentreffen. Der Haltung, die die professionellen Helfer als Unterstützer, Initiatoren und Moderatoren einnehmen, kommt eine hohe Bedeutung zu, gilt es doch jede Art von Fremdbestimmung der Betroffenen zu vermeiden. Empowerment, Orientierung an der spezifischen Bedarfssituation der Teilnehmer und Respekt gegenüber den Betroffenen als Experten ihrer Lebenswelt – das sind die Grundqualifikationen, mit denen gearbeitet werden muss. Bis auf den assistierenden Helfer gibt es nur direkt Betroffene in der freiwillig aufgesuchten Gruppe, die ein geschützter Raum ist, in dem jeder frei reden kann und in seiner Individualität geachtet wird.

Ein dritter Teil gibt Anregungen für die konkrete Umsetzung dieses Konzeptes: eine Art Checkliste zum Starten. Auch eine bemerkenswerte Aufstellung von Wünschen und Forderungen ist beigefügt, die an Demenz erkrankte Menschen gegenüber Partner, Familie, Freunden, Öffentlichkeit, Ärzten und Fachkräften formuliert haben. Ein Beweis für die Fruchtbarkeit dieses Ansatzes sozialer Arbeit.

Zum guten Schluss sind zentrale Adressen und Links, Literatur und DVDs angegeben, so dass man für weitere Studien gerüstet ist.

Fazit

Vor allem sind es zwei Gründe, die zu einer Lektüre und Umsetzung des Konzeptes auffordern:

  1. wird mit der Verbindung von Selbsthilfe und Demenz beispielhaft eine bisher wenig bis gar nicht thematisierte Handlungsmöglichkeit zur Diskussion und zur Verwirklichung gestellt.
  2. wird indirekt zu einem Perspektivwechsel von der Betreuung zur Autonomie in der Sozialen Arbeit aufgerufen und gezeigt, wie anspruchsvoll und ertragreich eine solche Grundierung der Hilfekultur ist.

Rezensent
Dr. Alexander Brandenburg
E-Mail Mailformular


Alle 78 Rezensionen von Alexander Brandenburg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 26.06.2012 zu: Michaela Kaplaneck: Unterstützte Selbsthilfegruppen von Menschen mit Demenz. Anregungen für die Praxis. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2011. ISBN 978-3-86321-021-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12847.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung