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Rosemarie Tüpker: Musik im Märchen

Cover Rosemarie Tüpker: Musik im Märchen. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2011. 312 Seiten. ISBN 978-3-89500-839-9. D: 39,80 EUR, A: 41,00 EUR.

Reihe: Zeitpunkt Musik. Forum Zeitpunkt.
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Autorin

Prof. Dr. Rosemarie Tüpker studierte Musikwissenschaft, Psychologie, Philosophie, Musik, Musikpädagogik und Musiktherapie. Sie leitet den Masterstudiengang Klinische Musiktherapie an der Philosophischen Fakultät der Universität Münster, und betreut Promotionen. Ihre Forschungstätigkeit umfasst Musiktherapie, Morphologie, Psychoanalyse, Wissenschaftstheorie, Entwicklung qualitativer Forschungsmethoden, Praxeologie – im Schnittfeld von Musik, Kultur- und Tiefenpsychologie. Sie veröffentlichte umfangreiche Literatur zu allen genannten Themen.

Entstehungshintergrund

Das Interesse der Autorin an der Darstellung von Musik im Märchen begann vor vielen Jahren, als ihr Studenten die Sammlung „Musikmärchen“ von Leander Petzold schenkten. Das vorliegende Buch nun ist das Ergebnis ihrer mehr als 10 Jahre dauernden Forschung, in der sie sich mit dem Musikbegriff und der Bedeutung von Musik in den europäischen Volksmärchen auseinandersetzt.

Aufbau und Inhalt

Welche Bedeutung hat die Musik in den europäischen Volksmärchen? Welche Musik kannten die einfachen Menschen? Was wurde gespielt und wer spielte welche Instrumente? Welchen historischen (?) Musikbegriff vermitteln die Märchen und wie unterscheidet der sich vom heutigen Musikbegriff? Solchen und anderen Fragen geht das Buch nach. Unter Musikbegriff versteht Tüpker, was eine Kultur an Musik versteht und ausführt – und was wir zu einer bestimmten Zeit und in einer bestimmten Kultur als Musik begreifen und konzipieren.

Das Buch ist in einen einleitenden Teil und zwei Hauptteile gegliedert.

1. Einleitender Teil: Grundlagen der Märchenforschung, Psychologie und Musik.

Diese Grundlagen folgen einer ausführlichen Literatur- bzw. Forschungsrecherche.

1.1 Märchenforschung: Im europäischen Raum beginnt die Märchenforschung im 16. Jh. Die damit beginnende Verschriftlichung der Märchen bedeutete ein Ende der Erzähltradition. Mit dem 20. Jh. ist Märchenforschung integriert in volkskundliche Erzählforschung und Literaturwissenschaft. In diesem Teil werden kommunikationswissenschaftliche, anthropologische und musikwissenschaftliche Fragestellungen angesprochen, die im weiteren Verlauf beleuchtet werden.

1.2 Märchenforschung und Psychologie: Der Beitrag der Psychologie zur Märchenforschung impliziert einen Wandel der Seherfahrung: Märchen werden als Ausdruck von inneren Konflikten, Krisen und Verwandlungen des Menschen, besonders während seiner Entwicklung vom Kindes- zum Erwachsenenalter verstanden. Diese Sichtweise begegnet uns in der Geschichte von den Mythen des Altertums bis zur Entwicklung der tiefenpsychologischen Schulen. Die Autorin beschreibt, wie der psychoanalytische Blick auf Märchen in Kunst und Literatur, aber auch in Pädagogik und den Erziehungswissenschaften integriert ist.

1.3 Musik in der Märchenforschung: Ein kurzer Überblick von der ersten kulturgeschichtlichen Auseinandersetzungen (von Leopold Schmidt 1950) bis zu Märchenvertonungen.

2. Teil: Tiefenpsychologische Analysen

2.1. Zur Methodik: Die ausführlichen qualitativen Analysen folgen der intersubjektiven Methode der morphologischen Psychologie, die hier erstmals an Märchentexten erprobt wird. Sie geht vom individuellen Erleben der Hörenden aus, nutzt dieses zu einer möglichen psychologischen Deutung und versucht damit, aktuelle Bezüge zum Verständnis der Märchen in unserer Zeit zu schaffen. Die angewandte Methodik wird ausführlich dargestellt. Es folgen drei tiefenpsychologische Märchenanalysen. Dabei werden in dieser Besprechung nur die behandelten Aspekte denen die Analyse folgt aufgeführt, weil jeder Versuch, sie inhaltlich zu beschreiben dem Inhalt nicht gerecht würde (das muss dem Leser überlassen bleiben). Eingangs werden die Märchen jeweils vollständig zitiert.

2.2. Die Erschaffung der Geige oder: Wie die Musik entstand – eine psychologische Frage. Aufbau der Analyse: Erste Eindrücke – Wendungen anhand der Einzelmotive - Musikalische Improvisationen über das Märchen – Falldarstellung. Es folgen vergleichbare Erzählungen: Die Entstehung der Syrinx (Panflöte) – Die Entstehung der Pferdekopfgeige. Die Geige

2.3. Das Laute spielende Eselein – ein Märchen der Brüder Grimm, dessen Entstehung sich weit ins Mittelalter verfolgen lässt. Aufbau der Analyse: Die Geschichte eines behinderten Kindes – Identitätsfindung und Selbstwerdung - Deutungen in der Literatur – Vergleich – Die Rolle der Musik

2.4. Der Sohn kämpft gegen den Vater – ein spät aufgezeichnetes Roma-Märchen. Aufbau der Analyse: Musik versus Heldentum – Differenzierungen und Drehungen – Jenseits der Geschichtenlogik – Libido und Todestrieb – Jenseits von Libido und Todestrieb – Die Rolle der Musik

3. Teil: Vergleichende Untersuchung

3.1. Ein Überblick über Material und Methode. Material sind die europäischen Volksmärchen, einschließlich russischer und Zigeunermärchen. Zur Methode gehört u.a., dass im übernächsten Abschnitt (3.3.) auf genaue Quellenangaben verzichtet wird, um den Lesefluss zu erleichtern.

3.2. Es folgt eine kulturhistorische Perspektive: Im Verlauf der Forschung hat sich herausgestellt, dass die Märchen Einblicke in musikgeschichtliche Perspektiven jenseits der herrschenden Klasse aufzeigen bzw. Einblicke in die äußere soziale Realität in das Leben des Volkes geben – denn Märchen erzählen auch etwas davon, wie Musik im Laufe der Geschichte bis ins 19.Jh. hinein unterschiedlich erlebt und gelebt wurde. Hier werden die Quellen ausführlich zitiert und mit Abbildungen veranschaulicht. Diese Perspektiven umfassen im Einzelnen: Musikinstrumente und Gesang – Musik als Beruf – Unterschiedliche Traditionen – Typische Spielsituationen – Geschlechterverteilung - Formenbildung

3.3. Den psychologischen Perspektiven liegen textanalytisch vergleichende Analysen von 329 Volksmärchen zugrunde, in denen Musik eine Rolle spielt. Der Blickwinkel der Analyse ist geprägt vom psychoanalytischen Denken sowie von der Morphologischen Psychologie nach Wilhelm Salber, der Gestaltpsychologie und der beschreibenden Psychologie (Wilhelm Dilthey). Diese vergleichenden Analysen folgen keiner vorgegebenen Kategorisierung, sondern einer von der Autorin gebildeten Typisierung, die sich aus der Beschäftigung mit dem Material ergeben hat: Musik als Bewegende – Musik als innerlich Bewegende – Die Entstehung eines seelischen Raums – Musik als Verbindende zweier Welten – Musik als das Fremde – Musik als Begehrte - Musik und Heilung -Musik verwandelt – Musik als Zeugin – Musik und Identität. Es werden immer wieder Bezüge zu heutigen Umgang mit Musik, zum Musikverständnis und zu psychologischen Fragestellungen und Gegebenheiten hergestellt. Dabei werden einzelne Zitate oder Märchenfragmente zur Verdeutlichung angeführt, die dem Leser Ideen zu eigenem Weiterdenken und Assoziieren an die Hand geben.

In der Zusammenfassung folgt ein wunderbarer Abriss über die Bedeutung, die Musik im Märchen sowohl kulturgeschichtlich als auch im individuellen Leben spielt, was sie bewirkt, für was sie steht.

Das Buch ist angereichert mit Abbildungen von musizierenden Menschen aus vielen Kulturen, aus alten Märchen, von Instrumenten. Am Ende des Buches finden sich ein ausführliches Literaturverzeichnis, ein Quellenverzeichnis der Märchen, sowie die Liste der untersuchten Märchen. Zu jedem dieser 329 aufgeführten Märchen sind neben dem Titel auch Instrumente, Herkunft, Quelle und die zitierte Seitenzahl angegeben.

Diskussion

Rosemarie Tüpker untersuchte über dreihundert europäische Volksmärchen auf der Spur des Musikerlebens früherer Zeiten, wie sie im Volk zunächst mündlich und später verschriftlicht weitergeben wurden – jenseits der Höfe und Paläste. Alle Analysen werden mit Aussagen und Erfahrungen relevanter Psychologen veranschaulicht, aber auch aus Forschungsarbeiten und Verzeichnissen von Musikwissenschaftlern und Märchenforschern.

Da ihre Forschung auf einem tiefenpsychologischen Verständnis der Märchen liegen und dabei der Frage nachgeht, welche Erfahrungen im Umgang mit Musik im Märchen beschrieben sind, kann sie Ähnlichkeiten und Unterschiede zur heutigen Musikerfahrung und zum heutigen Musikverständnis aufzeigen. Ihre Typisierung der Märchen zeigt deutlich, wie aktuell die Märchenerzählungen auch heute noch sind und wie sie sich zu therapeutischem und pädagogischem Arbeiten sowie zum Selbstbehandeln nutzen lassen.

Die Untersuchungen zeigen eine große Vielfalt des Musikbegriffs und deutliche Spuren kulturhistorischer Veränderungen. Historisch gesehen erscheint Musik zunächst als eine Macht, z.B. als eine zum Tanz bewegende Macht, wobei die Kraft im Instrument liegt und derjenige, der es spielt, hat die Macht. Später begegnet uns Musik als Ausdruck der Gefühle, als Mittlerin zwischen Welten und Menschen, Vergangenheit und Gegenwart – sie lässt uns Grenzen überwinden, erweckt Innerlichkeit und Spielraum und kann dadurch von äußeren Zwängen befreien. Die Märchen zeigen auf, dass sich Gefühle erst entwickeln und der Mensch dadurch zu einem Subjekt wird. Dies führt zu einem größeren Maß an Freiheit. Auch wenn wir wenig über die Musik im Märchen selbst erfahren, wie sie klingt, wie sie gestaltet ist – erfahren wir viel über das Erleben. Denn Märchen greifen unsere eigenen Erfahrungen auf, bieten eine Gestaltung und Fassung für Lebenskonflikte und -fragen und vermitteln ein Gefühl von Verstanden-Werden.

Fazit

Mit dem abschließenden Register der 329 untersuchten Märchen legt Rosemarie Tüpker die umfassendste Sammlung europäischer Märchen vor, in denen Musik vorkommt. Damit ist das Buch eine Fundgrube für Märchenforscher, Musikwissenschaftler und Psychologen. Aber auch, wer Märchen einfach spannend findet und sich für Musik begeistert, kann mit diesem Buch auf eine aufregende Entdeckungsreise gehen.

Es ist ein hoch wissenschaftliches und zugleich ungemein spannend und lebendig zu lesendes Buch, das den Leser in seinen Bann zieht. Die Autorin zeigt auf, dass Märchen lebendig und aktuell sind und die Beschäftigung damit zu Freude, Hilfe und Bereicherung führen kann.


Rezensentin
Dr.sc.mus. Monika Nöcker-Ribaupierre
Dipl. Musiktherapeutin DMtG, Vorstand Freies Musikzentrum München, Vice President der International Society for Music in Medicine ISMM.
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Zitiervorschlag
Monika Nöcker-Ribaupierre. Rezension vom 15.03.2013 zu: Rosemarie Tüpker: Musik im Märchen. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-89500-839-9. Reihe: Zeitpunkt Musik. Forum Zeitpunkt. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12856.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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