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Klaus Harter: Begegnungsmodelle in der Entwicklung des Menschen

Rezensiert von Mag.a Dr.in Marianne Forstner, 14.03.2012

Cover Klaus Harter: Begegnungsmodelle in der Entwicklung des Menschen ISBN 978-3-8280-2953-8

Klaus Harter: Begegnungsmodelle in der Entwicklung des Menschen. Optimale Entfaltung durch adäquate Begleitung. Frieling Verlag (Berlin) 2012. 446 Seiten. ISBN 978-3-8280-2953-8. 30,00 EUR.

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Thema

Dieses Buch handelt von Begegnungsmodellen und -Konstellationen, die sich in der menschlichen Entwicklung ergeben und förderlich oder hemmend auf die Entwicklung auswirken können. Der Autor Klaus Harter entwirft dazu ein eigenes Entwicklungsschema, nach der menschliche Entwicklung seiner Erfahrung nach abläuft. In seiner auf die Gedanken und Theorien von C.G. Jung zurückgehenden Klassifikation beschreibt er die menschliche Entwicklung in 13 Entwicklungsepochen zu jeweils vier Phasen. Dem/Der Entwicklungspartner/in stehen nach seiner Theorie BegegnungspartnerInnen gegenüber, die diese Entwicklung adäquat begünstigen können oder inadäquat in Beziehung treten, was negative Auswirkungen nach sich ziehen kann. Das von Harter in langjähriger praktischer und theoretischer Arbeit beobachtete Entwicklungs- und Begegnungsmodell wird in diesem Buch ausführlich dargelegt und durch mythologische Hintergründe und Fallbeschreibungen verdeutlicht.

Autor

Doktor Klaus Harter, Jahrgang 1944, wurde in Bad Hall geboren und absolvierte in Wien das Lehrerseminar. Daneben studierte er Philosophie, Psychologie und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Wien, wo er auch als Assistent im 2. Philosophischen Institut nach seiner Promotion tätig war. Nach einem Forschungsstipendium lebte er ab 1972 in der Schweiz, wo er als Psychologe in unterschiedlichen sozialpädagogischen und sozialtherapeutischen Institutionen mit Jugendlichen und Erwachsenen arbeitete und aktuell arbeitet.

Entstehungshintergrund

Dieses umfangreiche Buch entstand über viele Jahre neben der konkreten psychologischen und therapeutischen Arbeit des Autors Klaus Harter und stellt das Ergebnis langer empirischer Fallstudien dar, die Klaus Harter in seiner psychologisch therapeutischen Laufbahn begegneten.

Aufbau

Dieses Fachbuch gliedert sich in acht Abschnitte beziehungsweise Kapitel, die zum Verständnis des von Harter entwickelten Entwicklungs- und Begegnungsschemas und seiner damit verbundenen Theorie adäquater Begegnungsmodelle im Sinne einer förderlichen Entwicklung beitragen sollen.

Nach einleitenden Worten geht Harter auf die, wie er sie nennt, „existenziellen Grundbegrifflichkeiten“ (2012, S. 11) ein und verdeutlicht diese im Sinne seiner Entwicklungsidee.

Schließlich definiert er in einem weiteren Abschnitt seine Definition des Begriffes „Archetyp“ und unterscheidet dabei in Entwicklungsarchetypen und Begegnungsarchetypen.

Darauf folgend setzt er sich mit der Bedeutung der Beziehungsqualität auseinander um anschließend in einem weiteren Abschnitt auf die Entwicklungsdynamik beim Menschen einzugehen und sein Schema der Entwicklung mit seinen Phasen und Epochen und seinen Entwicklungszielen darzulegen.

Um seine Theorie umfassend verdeutlichen zu können, geht Harter im sechsten Abschnitt auf die Entstehung und Bedeutung von Symbolen ein und beschreibt die auf den Theorien von C.G. Jung basierenden Annahmen des Übergangs vom Symbol zum Archetyp.

Der siebente Abschnitt stellt den Hauptabschnitt dieses Fachbuches dar. Hier werden Archetypen in ihrer Entstehung, Wirkung und Erscheinung beschrieben und schließlich abwechselnd als die Begegnungsarchetypen und Entwicklungsarchetypen der vier Phasen in einer Entwicklungspoche beschrieben.

Im letzten Abschnitt des Buches, im Nachwort, stellt Harter zusammenfassend seine Annahmen zur nach seiner Meinung nach einem Schema ablaufenden Entwicklung des Menschen und den damit verbundenen Begegnungsmodellen dar und verdeutlicht dies mit einer Grafik, die die beiden Archetypen, den Entwicklungs- und den Begegnungsarchetypen einander gegenüber stellt.

Inhalt

Harter verdeutlicht seine Grundüberlegungen zur menschlichen Entwicklung und meint: „Jedes Leben entfaltet sich im Rahmen eines partnerschaftlichen Gefüges“ (Harter 2012, S. 7). Dieses partnerschaftliche Gefüge stellt nach Harter (2012) die „Matrix dar, innerhalb der Leben entsteht und in aufeinanderfolgenden Entwicklungsepochen und deren Entwicklungsphasen“ ablaufe (S.7). Harter verweist hier auch auf die Entwicklungstheorien Klaus Hurrelmanns (2002), welcher die Bedeutung der Umwelt in den frühen Entwicklungsphasen betont (S. 24 f.). Harter legt hier auch sein Ziel seiner Arbeit dar, wenn er den Nachweis antreten will, „dass die Begegnungsqualität der adäquat vollzogenen Entwicklungspartnerschaften eine optimale Entwicklungsqualität für alle Beteiligten gewährleistet, während inadäquat vollzogene oder nicht entwicklungsspezifisch korrelierende Partnerpositionen […] die Entwicklungsqualität für alle Beteiligten beschränken oder sogar verhindern (2012, S. 8).

Der Autor Klaus Harter fasst seine Beweggründe für dieses Buch damit zusammen, dass er meint, er wolle hier zeigen, „dass die partnerschaftlichen Begegnungskonstellationen, in deren Rahmen sich der Persönlichkeitsaufbau des Menschen gestaltet, nach einer kollektiv gültigen, entwicklungsgesetzlichen Abfolge wirksam und von beobachtbaren Erwartungs-, Empfindungs- und Verhaltensmodalitäten geprägt“ werde (Harter 2012, S. 437).

Harter erläutert seine Grundgedanken zur menschlichen Entwicklung und den, wie er sie nennt, „Grundbefindlichkeiten“ (2012, S. 11). Er führt er folgende vier Grundbefindlichkeiten an, die sich in den vier Entwicklungsarchetypen ausdrücken und geeignet beantwortet werden wollen:

  1. Jene „des totalen Geborgenseins“, welches mit dem Anspruch auf „unmittelbare Akzeptanz“ seitens der begegnenden Umwelt korrespondiert. Dieses Bedürfnis drücke sich im Archetyp „inhärenter Partner“ aus (Harter 2012, S. 11).
  2. Folglich die Grundbefindlichkeit „des spielerischen Seins“, welches dem Bedürfnis nach „fördernder Behütung des lustvollen Tuns“ entspreche und sich im Entwicklungsarchetyp „Kind“ ausdrücke (Harter 2012, S.11).
  3. Der Grundbefindlichkeit „des eigenwilligen Soseins“ entspreche wiederum das Bedürfnis nach „fordernder Begrenzung im Sinne realer Konfrontation“ und drücke sich im Entwicklungsarchetyp „Widerstrebend“ aus (Harter 2012, S. 11).
  4. Der Grundbefindlichkeit „des erfüllenden Bestimmt-Seins“ entspreche schließlich das Bedürfnis nach „selbstverantwortlichen Frei-Lassen im Sinne der Erfahrung von Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung“ und drücke sich im Entwicklungsarchetyp „Held/in“ aus (Harter 2012, S. 12).

Diese vier Grundbefindlichkeiten liegen somit gemäß Harter den vier Entwicklungsphasen, die nach Harter jeweils circa 1 ¼ Jahre dauern, zugrunde und konstellieren sich mit den Begegnungsarchetypen. „Je adäquater die begegnende Umwelt den Primärbedürfnissen des Heranwachsenden entspricht, desto harmonischer, ausgeglichener und mit seinen natürlichen Rhythmus übereinstimmender reift das sich stetig entwickelnde Individuum“ (Harter 2012, S. 13).

Ziele der Entwicklungsepochen und Entwicklungspartnerschaften

Hier führt der Autor Klaus Harter die unterschiedlichen Ziele seiner 13 definierten Entwicklungsepochen an:

  • Ziel der ersten Entwicklungsepoche (Befruchtung – 4 ¼ Jahre) sei die „emotionale Ichzentrierung“, die der Mensch im Begegnungsarchetyp „Mütterlichkeit“ durchzuführen habe (Harter 2012, S. 41). Hier beschreibt der Autor auch die mythologischen Archetypen mit den förderlichen und hemmenden Ausprägungen (uroborische Göttin, gute Königin, böse Königin, Stiefmutter, alte Weise und Hexe)
  • Ziel der zweiten Entwicklungsepoche (4 ¼ – 9 ¼ Jahre) sei die „rationale Ich-Zentrierung, die der Mensch im Begegnungsarchetyp „Väterlichkeit“ durchzuführen habe (Harter 2012, S. 42). Auch hier führt der Autor die verschiedenen förderlichen und hemmenden mythologischen Begegnungsarchetypen an, wie den uroborischen Vatergott, den König, den Chaot, den Tyrann, den Räuberhauptmann, den Richter, den Menschenfresser, den Riesen, den alten Weisen und den Magier.
  • Ziel der dritten Entwicklungsepoche (9 ¼ – 14 ¼ Jahre) sei die „psychosexuelle Ich-Zentrierung“, die der heranwachsende Mensch in der Begegnungsdynamik mit der unter „Eltern“ archetypisierten Umwelt durchzuführen habe (Harter 2012, S. 44). So müsse dieser in der ersten Phase „geborgen, in der zweiten behütet, in der dritten konfrontiert, in der vierten [sich] freigelassen fühlen“ (Harter 2012, S. 44). Hier betont der Autor die Elternschaft als sozialen Faktor „von gewaltiger Bedeutung, sowohl für das Leben des Individuum wie der Gemeinschaft“ (Harter 2012, S. 44).
  • Ziel der vierten Entwicklungsepoche (14 ¼ – 19 ¼ Jahre) sei die „soziodynamische Ich-Zentrierung“, die der heranwachsende Mensch „in der wechselseitigen Begegnungsdynamik mit der unter dem Archetyp „Gruppe der Gleichaltrigen“ begegnenden Umwelt durchzuführen“ habe (Harter 2012, S. 45). Auch hier betont Harter wiederum den bergenden, behütenden, konfrontierenden und freilassenden Aspekt der Gruppe.
  • Ziel der fünften Entwicklungsepoche (19 ¼ – 24 ¼ Jahre) sei die „partnerschaftliche Ich-Zentrierung“, die der heranwachsende Mensch in der Begegnungsdynamik, die sich im Archetyp „gegengeschlechtlicher Partner“ ausdrücke, durchzuführen habe (Harter 2012, S. 46). Hier trete der Mensch aus seiner eigenen Entwicklungsaufgabe erstmals heraus, trete in Beziehung innerhalb einer Partnerschaft und setze sich mit der Zeugung des Nachwuchses auseinander. Auch die Partnerschaft sei in den vier Phasen der Entwicklung von der Grundbefindlichkeit der „Geborgenheit“, des „Behütet-Seins“, des „eigenwilligen So-Seins“ und des Bedürfnisses nach „Freilassen“ geprägt (Harter 2012, S. 46 f.).
  • Ziel der sechsten Entwicklungsepoche (24 ¼ – 29 ¼ Jahre) sei „die volks-bewusste Ich-Zentrierung“, die der heranwachsende Mensch in der Begegnungsdynamik mit der unter dem Archetyp „ Stamm, Volk, Nation“ begegnenden Umwelt durchzuführen habe (Harter 2012, S. 47). In dieser Epoche, die von Themen wie beruflicher Ausbildung, Stabilisierung, partnerschaftlicher Festlegung und Familiengründung geprägt sei, werde auch „die Frage aktuell, welchen Stellenwert der Heranwachsende seinem Heimatbewusstsein zuordnet“ (Harter 2012, S. 47).
  • Ziel der siebenten Entwicklungsepoche (29 ¼ – 34 ¼ Jahre) sei die „weltanschauliche Ich-Zentrierung“, die der Mensch in der Begegnungsdynamik mit dem Archetyp „Geist, Sinn, Selbst“ entwickle (Harter 2012, S. 48). So sei diese Epoche mit Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Weltanschauung, der Religion und dem Glauben geprägt. Auch hier beschreibt der Autor gelingende und zerstörerische Entwicklungstendenzen mit all ihren Ausprägungen und meint: „Erst der Mensch, der durch die Phase der Anfechtung und des Widerspruchs, des Zweifelns und Ringens, der kritischen Auseinandersetzung mit würdigen und fähigen Vertretern der jeweiligen weltanschaulichen Instanz gegangen ist, kann die Grundbefindlichkeit des erfüllenden Bestimmt-Seins voll erleben […]“ (Harter 2012, S. 49 f.).

Zusammenfassend führt Harter schließlich an, dass die erste Lebenshälfte „generell als die Periode des Ich-Aufbaus, der Auseinandersetzung mit der Umwelt und Profilierung der individuellen Persönlichkeit“ liege und „der Sinn der zweiten Lebenshälfte [darin bestünde], das Erreichte anderen weiterzugeben, bildend im Bewusstsein voranzugehen“ (Harter 2012, S. 436).

Literatur und Quellen: Hurrelmann, Klaus (2002): Einführung in die Sozialisationstheorie. Beltz Studium

Diskussion

Klaus Harter hat mit diesem Fachbuch einen übersichtlichen Versuch der Komplexitätsreduktion zur Vorstellung menschlicher Entwicklung unternommen. Sein von ihm dargestelltes Entwicklungsschema erscheint nachvollziehbar und schlüssig. Jedoch ist zu bedenken, dass schematische Vorstellungen zur menschlichen Entwicklung vermutlich nie ganz das Wesen des/der Einzelnen und die speziellen individuellen Voraussetzungen zu berücksichtigen vermögen können. Die Zeiträume der Phasen in den einzelnen Epochen erscheinen somit beim ersten Blick starr eingeteilt, werden jedoch im Verlauf der Erklärungen relativiert, wenn Harter meint: „Die für die Phasen- und Epocheneinteilung verwendeten Zeitangaben entsprechen erfahrungsgemässen Durchschnittswerten. In der individuellen Entwicklung können die zeitlichen Dimensionen der Phasen störungsfrei variieren“ (Harter 2012, S. 39). Immer wieder führt der Autor äußerst nachvollziehbare und verdeutlichende Falldarstellungen an, die seine Ausführungen untermauern helfen. Lediglich der Umstand, dass Harter sein Entwicklungsschema mit der dreizehnten Entwicklungsepoche unter dem Thema „Groß-Mütterlichkeit“ enden lässt wirkt verkürzt, da ja der Mensch mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von rund 80 bis 90 Jahren in unseren Breiten noch ein weites Entwicklungsfenster im Alter besitzt.

Fazit

Dieses Fachbuch stellt einen klar strukturierten und ausführlichen Rahmen für Betrachtungen der menschlichen Entwicklung und seiner förderlichen und hemmenden Beziehungen im Rahmen seiner Begegnungspartnerschaften dar. Auch LeserInnen mit wenigen Vorkenntnissen in Jung'scher Psychologie können von diesem übersichtlichen Fachbuch profitieren, da die wesentlichen Fachbegriffe verständlich und deutlich mit Zitatbezügen zur Quellenliteratur dargelegt werden.

Da ausreichend Fallbeispiele und Bezüge zur Mythologie und Sagenwelt dargelegt werden, ist dieses Buch abwechslungsreich zu lesen. Vor allem die Beschreibungen der förderlichen Beziehungsgestaltungen in den jeweiligen Entwicklungsphasen, die unter einem archetypischen Thema zu stehen scheinen, sind für pädagogisch therapeutisch interessierte LeserInnen fachlich fundiert dargelegt.

Somit spricht der Autor dieses Buches sowohl interessierte Laien als auch Fachpublikum an.

Rezension von
Mag.a Dr.in Marianne Forstner
Lehrende und Lehrgangseiterin FHOÖ, Lehrgang Sozialpädagogik und Erlebnispädagogik, Supervisorin und Mal- und Gestaltungstherapeutin
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Es gibt 14 Rezensionen von Marianne Forstner.

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Zitiervorschlag
Marianne Forstner. Rezension vom 14.03.2012 zu: Klaus Harter: Begegnungsmodelle in der Entwicklung des Menschen. Optimale Entfaltung durch adäquate Begleitung. Frieling Verlag (Berlin) 2012. ISBN 978-3-8280-2953-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12865.php, Datum des Zugriffs 08.12.2022.


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