socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Marion Bär: Demenzkranke Menschen im Pflegeheim besser begleiten

Cover Marion Bär: Demenzkranke Menschen im Pflegeheim besser begleiten. Arbeitshilfe für die Entwicklung und Umsetzung von Pflege- und Betreuungskonzepten. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2004. 269 Seiten. ISBN 978-3-87706-897-7. 32,00 EUR, CH: 54,00 sFr.

Herausgegeben vom Diakonischen Werk Württemberg. Mit Fachbeiträgen von Volker Fenchel und Lothar Marx.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-89993-254-6 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Zur Thematik des Buches

Die Demenzpflege in der stationären Altenhilfe ist in den letzten Jahren tief greifenden Wandlungsprozessen ausgesetzt. Das bisherige Leitkonzept einer integrativen Versorgung Demenzkranker zusammen mit kognitiv nicht beeinträchtigen Bewohnern geriet angesichts der positiven Erfahrungen und Erkenntnisse über homogene Versorgungsansätze zunehmend unter Legitimationsdruck. Es zeichnet sich gegenwärtig ab, dass das Versorgungskonzept Demenzwohngruppe in den Heimen als das Konzept der ersten Wahl aufgefasst wird.

Dieser Paradigmenwechsel ist jedoch mit einer Vielzahl von Neuorientierungen und Umstrukturierungen verbunden, denn dieser Einstellungswandel muss konkret vor Ort in entsprechende neue Versorgungs- und Betreuungsmodelle umgesetzt werden.

Das vorliegende Buch trägt den in vielen Einrichtungen zu beobachtenden Veränderungsabsichten und auch schon praktizierten Umstrukturierungsmaßnahmen Rechnung, indem es als Arbeitshilfe für die Entwicklung und Umsetzung von Pflege- und Betreuungskonzepten für demenzkranke Bewohner geplant ist. Entstanden ist diese Publikation im Rahmen des Projektes "Neue Betreuungsmodelle für Demenzkranke", das vom Diakonischen Werk Württemberg in 22 Alten- und Pflegeheimen von Oktober 1999 bis März 2001 durchgeführt und vom Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg wissenschaftlich begleitet wurde.

Autoren

  • Marion Bär (Gerontologin und Musiktherapeutin) ist Mitarbeiterin am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg.
  • Volker Fenchel (Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und Gerontologie) arbeitet als Dozent an der Hans-Weinberger-Akademie der Arbeiterwohlfahrt in München.
  • Lothar Marx hat ein eigenes Architekturbüro mit dem Schwerpunkt Bauen für alte und behinderte Menschen in München.

Inhalt

Das Buch ist in drei Teile untergliedert: Grundlagen, Leitfaden zur Projektgestaltung und Fachbeiträge.

  • Im Teil Grundlagen werden im ersten Kapitel "Demenzkranke begleiten - Ziele und Grundsätze für Pflege und Betreuung" das Rahmenmodell von Krohwinkel, die Besonderheiten der Demenzpflege und Aspekte der Grundhaltung im Umgang mit dieser Bewohnergruppe vorgestellt, wobei auf Konzepte der Mäeutik und des Kitwood'schen Ansatzes zurückgegriffen wird. Im zweiten Kapitel stehen die Anforderungen und der Aufbau eines Konzeptes für die Demenzpflege im Heim im Mittelpunkt, wobei das "Hamburger Modell" ("besondere stationäre Dementenbetreuung in Hamburg") und das Schema eines Pflege- und Betreuungskonzeptes erläutert werden. Das dritte Kapitel hat die Thematik Konzeptentwicklung als Projekt im Heim zum Inhalt. Hierbei werden die Modalitäten für die Implementierung eines Projektes zur Einrichtung eines Wohngruppenkonzeptes beschrieben.
  • Im Teil Leitfaden zur Projektgestaltung werden in fünf Kapiteln die folgenden Aufgaben recht detailliert und mit vielen Praxisbeispielen versehen expliziert: Projektvorbereitung - Grundlegende Weichenstellung für die Zukunft, Projektaufbau - Die ersten Schritte auf dem Weg zum neuen Konzept, Definitionsphase - Etappen auf dem Weg zum endgültigen Projektziel, Konzeptentwurf erarbeiten - Maßnahmen planen und umsetzen und die letzte Projektphase - Erreichtes abschließen und Grundlagen für die Weiterentwicklung legen.
  • Teil III enthält zwei Fachbeiträge: Volker Fenchel beschäftigt sich in seinem Beitrag mit der Qualifizierung der Mitarbeiter im Hinblick auf die Betreuung demenziell erkrankter Heimbewohner, wobei überwiegend auf inhaltliche und organisatorische Fragen einer entsprechenden Fort- und Weiterbildung im Heimbereich eingegangen wird. Lothar Marx stellt die Planungs- und Raumkonzepte und deren praktische Umsetzung für die Gestaltung von Wohngruppen für Demenzkranke im Heim dar. Anhand der ausführlichen Darstellung einer von ihm realisierten Sanierungs- und Umbaumaßnahme eines Heimes in Würzburg zeigt er die einzelnen Aspekte und Dimensionen der Raum- und Milieustruktur auf. Hierbei verwendet der Autor eine Vielzahl von Grundrissen und Fotos zur Veranschaulichung der einzelnen Strukturelemente.

Den Abschluss des Buches bildet ein umfangreicher Anhang von ca. 80 Seiten mit dem Titel "Praktische Arbeitshilfen für Ihren Projektalltag". Zu verschiedenen Aspekten wie z. B. Pflege- und Betreuungsmanagement, Team und Mitarbeiter, Gestaltung des Alltags und Angehörigenarbeit sind jeweils eine Einführung in die Thematik und ein so genannter Einschätzungsbogen, der stichpunktartig die Erfordernisse oder Standards auflistet, zusammengestellt worden.

Kritische Würdigung

Die Beurteilung der vorliegenden Veröffentlichung fällt zweischneidig aus, denn der Inhalt der Arbeit lässt sich in zwei Dimensionen unterteilen, die vom Rezensenten unterschiedlich beurteilt werden: die Dimension der Ausrichtung an den gängigen Standards und Konzepten der Altenhilfe in Deutschland und die Dimension der Arbeitshilfe für die Entwicklung und Umsetzung von Pflege- und Betreuungskonzepten.

Die Dimension der Standards und Konzepte. Die Autorin fundiert ihre Arbeit auf verschiedene Grundlagen, die nach Einschätzung des Rezensenten weder wissenschaftlich begründet sind, noch den spezifischen Erfordernissen der Pflege und Betreuung Demenzkranker gerecht werden. Zu nennen wäre z. B. das Modell der "Ganzheitlich-fördernden Prozesspflege" nach Monika Krohwinkel mit seinen 13 "Aktivitäten und Existentiellen Erfahrungen des Lebens (AEDL)", handelt es sich doch hierbei um ein für Demenzkranke mit ihren spezifischen Krankheitssymptomen und Verhaltens- und Reaktionsweisen äußerst unspezifisches Erfassungsinstrumentarium. Der Rezensent sieht bei diesem voluminösen und daher Arbeitszeitraubenden Planungs- und Dokumentierungsansatz die Gefahr, dass die Pflegekräfte im Bannkreis dieses Konstruktes vor lauter Planen, Dokumentieren, Evaluieren etc. potentiell ihr Einfühlungsvermögen und ihre Sensibilität für die Demenzkranken verlieren werden, wenn ständig der Heimalltag mit dem "Dokumentations-Blick" betrachtet werden muss.

Wissenschaftlich nicht begründet und in Teilbereichen gar gefährlich für die Demenzkranken sind nach Einschätzung des Rezensenten Ansätze wie Mäeutik, Validation, das Kitwood'sche Konzept, Basale Stimulation und Snoezelen, die für die Autorin ebenfalls zu ihren Grundlagen zählt. Wer auf diesen vorwiegend spekulativen Konstrukten, die bisher auch nicht den Nachweis ihrer Effektivität, Effizienz und Praktikabilität erbracht haben, ein Pflege- und Betreuungsmodell für Demenzkranke aufzubauen versucht, wird kaum zu nachhaltigen Ergebnissen gelangen.

Die Dimension der Arbeitshilfe. Die Hinweise, Tipps und Empfehlungen für die Projektplanung und -durchführung sind hingegen recht praxisnah. Man merkt, dass hier eine Reihe von Projektversuchen und Innovationsbemühungen die Grundlage für diese Arbeitshilfen gebildet hat. Äußerst bedenklich hingegen empfindet der Rezensent in diesem Zusammenhang die Einschätzung, dass die Projektbezogene Mehrarbeit der Mitarbeiter oft nicht ausgeglichen werden kann. Dies hat u. a. zur Folge, dass meist nur "besonders motivierte Mitarbeiter" sich für die diese Tätigkeit zur Verfügung stellen (Seite 64). Dieser Sachverhalt kann nicht nur als ein Verstoß gegen das bestehende Tarif- und Arbeitsrecht verstanden werden, sondern er kann zusätzlich zu einer Spaltung der Belegschaft in "Motivierte" und andere führen. Hierbei entsteht dann leicht der Nährboden für vielerlei Abgrenzungen, Spannungen und Konflikte, die das Betriebsklima und die Arbeitsmotivation gravierend beeinträchtigen können.

Fazit

Es kann das Resümee gezogen werden, dass in Deutschland in der stationären Altenhilfe gegenwärtig ein Wandel in der Pflege und Betreuung Demenzkranker festzustellen ist. Die Orientierung am Homogenitätsmodell auf der Grundlage internationaler Erkenntnisse und Erfahrungen vollzieht sich jedoch auf äußerst schwierigen Wegen, wenn die Pflege durch eine hypertrophe Bürokratisierung in Gestalt der Planungs- und Dokumentierungsverpflichtungen und durch den Einsatz unzureichender Pflege- und Betreuungskonzepte beeinträchtigt wird.

Die vorliegende Veröffentlichung kann als ein Spiegelbild dieser Entwicklung aufgefasst werden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
E-Mail Mailformular


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.2842


Alle 201 Rezensionen von Sven Lind anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 18.05.2004 zu: Marion Bär: Demenzkranke Menschen im Pflegeheim besser begleiten. Arbeitshilfe für die Entwicklung und Umsetzung von Pflege- und Betreuungskonzepten. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2004. ISBN 978-3-87706-897-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1287.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung