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Horst Rippien: Bildungsdienstleistung und eLearning

Rezensiert von Prof. Dr. Paul Walter, 22.03.2012

Cover Horst Rippien: Bildungsdienstleistung und eLearning ISBN 978-3-531-18704-4

Horst Rippien: Bildungsdienstleistung und eLearning. Didaktisches Handeln in Organisationen der Weiterbildung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-18704-4.
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Thema

Die Publikation beschäftigt sich mit der Klärung zweier Fragenkomplexe: Es wird zum einen untersucht, wie Organisationen der Weiterbildung eLearning nutzen; zum anderen wird geklärt, „welche (Weiter-)Bildungsprobleme aus Sicht der Organisationen mit technologiebasierten Lehr-Lern-Angeboten zu lösen sind“ (S. 18). Mit anderen Worten geht es in der Publikation um die Beschreibung und Analyse didaktischer Leistungen von Weiterbildungsorganisationen, die sich auf dem Markt technologiebasierter „Bildungsdienstleistungen“ bewegen.

Auf einer differenzierten Diskussion von Konzepten der Weiterbildung und des eLearning aufbauend, geht Rippien durch vergleichende Fallstudien von Weiterbildungsorganisationen seinen Fragen nach. Es wurden Experteninterviews mit MitarbeiterInnen, zum Teil mit LeiterInnen von insgesamt sechs Organisationen durchgeführt (und Einschluss einer Fallvignette mit der Beobachtung einer virtuellen Unterrichtssequenz), die auf dem Weiterbildungsmarkt mit unterschiedlichen eLearning-Angeboten präsent sind.

Mit dem gewählten empirischen Zugang begrenzt Rippien sein Thema also institutionell auf Organisationen der Weiterbildung, lehr-lerntheoretisch auf didaktische Leistungen von der Planung bis zur Durchführung von eLearning-Angeboten. Von der Einschätzung von Anbieterseite abgesehen, wird damit die „Lerner“-Perspektive (Einstellungen, Outcome) aus der Untersuchung ausgeklammert.

Autor

Horst Rippien ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen im Studienbereich Lebenslanges Lernen, der in neuen Studiengängen mit thematischen Schwerpunkten im Bildungsmanagement aufgeht. Vor seiner Universitätszugehörigkeit war Rippien viele Jahre in der Erwachsenenbildung tätig.

Entstehungshintergrund

Die besprochene Arbeit wurde 2011 als Dissertation an der Universität Bremen vorgelegt und enthält gewissermaßen eine Fortführung und Teilbilanz von wissenschaftlichen Arbeiten, die der Autor im Rahmen von abgeschlossenen Forschungsprojekten durchgeführt hat.

Aufbau

Die Publikation folgt dem für theoriegeleitete empirische Analysen typischen stringenten Schema: Auf zwei Theoriekapitel („Theoretische Rahmung: Dienstleistung Weiterbildung und didaktisches Handeln“; „eLearning und eLearning-Dienstleister: Gegenstand und Forschungsgegenstand“) folgt ein ausführlicher Abschnitt mit der Beschreibung und Begründung der in der empirischen Studie gewählten Methodologie (im Übrigen eine – unabhängig vom Thema der Studie – lesenswerte Einführung in Grundsätze und Optionen qualitativer Forschung). Die Ergebnisse der empirischen Studie, die auf 2003 sowie 2007/08 durchgeführte Interviews mit mehreren MitarbeiterInnen der sechs untersuchten Organisationen zurückgreift, werden in zwei Schritten dargestellt und diskutiert. Zunächst erfolgen Fallrekonstruktionen der untersuchten Weiterbildungsorganisationen, um deren wesentlichen Eigenheiten und didaktischen Leistungen zu verdeutlichen. Nach den Falldarstellungen unternimmt Rippien einen Fallvergleich, in dem es ihm wie im abschließenden Fazit darum geht, die didaktischen Leistungen der untersuchten eLearning-Anbieter in ihrer Bandbreite aufzuzeigen und einzuschätzen.

Inhalt

Der Studie Rippiens ist sowohl im Theorieteil als auch in den empirischen Abschnitten zu entnehmen, wie ausdifferenziert sich das didaktische Handeln von Organisationen darstellt, die digitale Bildungsmittel im Rahmen von Weiterbildungsaufgaben nutzen. Mit dem der Betriebswirtschaft entlehnten Begriff der „Bildungsdienstleistung“, unter den die vorgestellten eLearning-Angebote subsumiert werden, kommen zugleich die ökonomische Basis und die Begrenzungen für die didaktischen Leistungen der eLearning-Anbieter in den Blick. Die aufgezeigte Überlagerung von ökonomischen und didaktischen Handlungserfordernissen mag ein Grund dafür sein, dass zwar die Nutzung elektronischer Medien für das Lernen heute als selbstverständlich anzusehen, im Weiterbildungsbereich die Zahl der Anbieter von eLearning-Dienstleistungen jedoch überschaubar geblieben und deren Umsatz in den vergangenen Jahren sogar deutlich zurückgegangen ist.

Die ökonomische Grundierung von eLearning-Angeboten im Weiterbildungssektor zeigt sich in weiteren Fakten. So sind die Kunden von eLearning-Anbietern meist größere Unternehmen oder Institutionen (z.B. die Arbeitsagenturen), wohingegen individuelle Nachfrager nach eLearning-Angeboten eine untergeordnete Rolle spielen. Der „Kunde“ der eLearning-Organisation ist im Regelfall also nicht eine einzelne Person, sondern selbst eine Organisation mit entsprechendem Weiterbildungsbedarf ihrer MitarbeiterInnen. Von daher stößt auch die programmatische Individualisierung der Lernprozesse mittels digitaler Bildungsmedien an ihre Grenzen: „Weder findet eine Individualanfertigung im Sinne einer speziellen Produktgestaltung für einzelne Lerner statt, da dies wirtschaftlich unsinnig wäre (…), noch kann von Individualisierung im Sinne hoher Adaptivität der Lernprogramme an Aneignungsprozesse individueller Lernender gesprochen werden. Vielmehr werden mit diesem Begriff der Weg und das Ziel der Spezifizierung von standardisierten Einheiten beschrieben, die zu neuen Kombinationen zusammengeführt oder an die Bedingungen eines speziellen Auftraggebers angepasst werden.“ (S.313) Um die individuellen Lernerbedarfe und -bereitschaften berücksichtigen zu können, verweisen die befragten eLearning-Experten auf ergänzenden oder vorbereitenden Präsenzunterricht, befürworten sämtlich Formen des Blended Learning.

Die Analyse Rippiens aus didaktischer Perspektive ergibt, dass durch die eLearning-Angebote einerseits neue Berufsgruppen wie etwa sog. TutorInnen oder WebdesignerInnen in die didaktische Leistungserbringung involviert werden und dass sich andererseits aus den unterscheidbaren Weiterbildungsaktivitäten eine differenzierte „didaktische Leistungskette“ (S.314) rekonstruieren lässt: Diese Leistungskette umfasst unter anderem die Zielgruppenanalyse, die Bereitstellung geeigneter technischer Lernumgebungen, die Erstellung oder Auswahl (Zukauf) didaktischer Güter, die Lernberatung und die sich aus Programmevaluationen ergebende Weiterentwicklung der didaktischen Angebote. Welche Leistungen aus dieser Kette in den von Rippien untersuchten eLearning-Organisationen erbracht werden, variiert von Fall zu Fall, so dass eine Unterscheidung klar abgegrenzter Typen von eLearning-Organisationen wenig ergiebig erscheint. Zwar gibt es in der Stichprobe einen sog. Full-Service-Anbieter, in der Regel wird jedoch das eingeschränkte Leistungsangebot der eLearning-Organisationen durch Zukauf von externen Produkten oder durch Kooperation mit spezialisierten Experten etwa der Auftraggeber erweitert.

Diskussion

Die Publikation liefert eine gründliche und nüchterne Analyse der Lernerunterstützung durch digitale Medien. Es werden die verschiedenartigen Elemente der didaktischen Wertschöpfungskette herausgearbeitet, die sich in den Angeboten der untersuchten eLearning-Organisationen auffinden und nachzeichnen lassen. Die Beachtung dieser didaktischen Leistungen sollte von jedem bedacht werden, der mit der Analyse oder der Entwicklung von eLearning-Vorhaben befasst ist.

Kritische Anmerkungen zur Publikation Rippiens ergeben sich gewissermaßen aus den Eigenheiten des gewählten Untersuchungsgegenstands. Die erforderliche Anonymisierung der untersuchten Organisationen und der befragten MitarbeiterInnen bedeutet auch einen Verzicht auf die Präsentation von dem Autor verfügbaren Dokumenten der Organisationen, was jedoch die Lektüre erschwert.

Vor allem aber die rasante Entwicklung auf dem Markt digitaler (Lern-)Medien seit der Durchführung der empirischen Studie Rippiens bringt es mit sich, dass sich künftige Folgen dieser Veränderungen für Bildungsorganisationen heute nur schwer prognostizieren lassen. Rippien selbst weist beispielsweise auf zum Untersuchungszeitraum von den Organisationen kaum genutzte Potenziale von Personal Learning Environments hin. Allerdings dürften die grundlegenden Analysen der Publikation durch solche Weiterentwicklungen nicht an Wert verlieren, verlangten allenfalls nach einer ebenso kompetenten Fortsetzung bzw. Ergänzung.

Fazit

Sich mit den differenzierten Analysen Rippiens auseinanderzusetzen, ist für alle PädagogInnen lohnenswert, die sich – nicht nur auf dem Gebiet des Weiterbildungssektors – mit didaktischen Anforderungen an eLearning-Angebote und mit deren Implementierung (bzw. mit damit verbundenen Implementierungshemmnissen) befassen. Implizit macht die Publikation auf die Notwendigkeit aufmerksam, in pädagogischen Studiengängen stärker als bisher Aufgaben des Bildungsmanagements zu berücksichtigen, also sich der Integration von didaktischen Leistungen zu widmen, die von technischen und pädagogischen Professionen nur noch in (virtueller) Kooperation erbracht werden können. Von daher ist die Publikation auch für Studierende mit diesem inhaltlichen Interesse geeignet – trotz der manchmal für eine Qualifikationsarbeit typischen akademischen Diktion.

Rezension von
Prof. Dr. Paul Walter
Universität Bremen. Bildungsforscher
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Es gibt 2 Rezensionen von Paul Walter.

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Zitiervorschlag
Paul Walter. Rezension vom 22.03.2012 zu: Horst Rippien: Bildungsdienstleistung und eLearning. Didaktisches Handeln in Organisationen der Weiterbildung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-18704-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12872.php, Datum des Zugriffs 28.05.2022.


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