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Rainer Treptow: Wissen, Kultur, Bildung

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 03.07.2012

Cover Rainer Treptow: Wissen, Kultur, Bildung ISBN 978-3-7799-1293-4

Rainer Treptow: Wissen, Kultur, Bildung. Beiträge zur Sozialen Arbeit und Kulturellen Bildung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 380 Seiten. ISBN 978-3-7799-1293-4. 29,95 EUR.
Reihe: Edition Soziale Arbeit.

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Sozialer Wandel als gesellschaftliche Herausforderung

In der sich interdependent und in vielfältigen alltäglichen und gesellschaftlichen Prozessen sich entgrenzenden (Einen?) Welt wirken befreiende und hemmende Entwicklungen, die die Menschen lokal und global betreffen. Die Fähigkeit zur Veränderung und zum Fortschritt stehen in gleichem Maße als Herausforderung an (Anton Pelinka, Hrsg., Vorurteile. Ursprünge, Formen, Bedeutung, Berlin 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12918.php), wie Tendenzen zur Rückbesinnung auf Traditionen ( Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, Bern 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php). Soziales, als Anforderung für Gerechtigkeit, demokratisches Verständnis, Chancengleichheit, Friedfertigkeit und Umweltkompetenz bilden dabei die Grundlagen des Menschseins und des Strebens nach einem guten Leben. Die Bewältigung dieser lokalen und globalen Ansprüche bedarf der Bildung, Aufklärung und Erziehung, sowohl in den theoretischen Entwürfen, wie in der praktischen, lebensweltlichen Ausübung. Die Erziehungswissenschaft mit ihren vielfältigen Ausprägungen und Theorien ist dabei in besonderer Weise gefordert; und innerhalb der Disziplin die Sozialpädagogik und die kulturelle Bildung.

Autor

Der Erziehungswissenschaftler mit Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Universität Tübingen, Rainer Treptow, hat sich im Laufe des letzten Jahrzehnts in Aufsätzen und Buchbeiträgen in vielfältiger Weise zu den Prozessen des tiefgreifenden Wandels und den Befindlichkeiten der Menschen in den westlichen Gesellschaften zu Wort gemeldet. In einem Sammelband stellt er diese abgeänderten und ergänzten Arbeiten zusammen. Er will damit für die Forschungsaspekte zur Theorie und Geschichte der sozialen Arbeit, zu Fragen der kulturellen Bildung und zur Internationalisierung der Bildung eine Messlatte anlegen, wie sich in diesem Dezennium Anspruch und Wirklichkeit von sozial- und kulturpädagogischer Bildung verhalten.

Aufbau

Der Autor bündelt die Beiträge nach Themenschwerpunkten.

Im ersten Teil fasst er die Texte zu den Bereichen „Wissen, Gesellschaft, Bildung“ zusammen. Im zweiten Teil gliedert er die Arbeiten zu „Kultur, Generation, Kulturelle Bildung“; im dritten Teil zu „Handeln, Erleben, Verstehen“; im vierten Teil thematisiert er „Internationalität und Vergleich“; und die Beiträge im fünften Teil subsummiert er als „Ethik und Ästhetik“. So lässt sich das Buch als Kompendium lesen, um die Erträge von universitären Forschungsarbeiten eines Jahrzehnts eines Wissenschaftlers in den wissenschaftlichen Diskurs für die sozialpädagogische Disziplin zu bringen. Der Autor widmet den Sammelband seinem Kollegen Ludwig Liegle, der an der Universität Tübingen Allgemeine Pädagogik mit dem Schwerpunkt Erziehung in früher Kindheit lehrte.

Wie verändern sich in der vielberufenen, avisierten und perspektivischen Wissensgesellschaft das Wissen und das Selbstverständnis der Sozialen Arbeit? Welche kritischen Herausforderungen ergeben sich für Sozialpädagogik angesichts der vielfältigen Erwartungshaltungen und Zumutungen in der kapitalistischen und neoliberalen Umdeutung des „Humankapitals“?

Dass Soziale Arbeit etwas mit der Durchsetzung des Menschenrechts auf Bildung zu tun hat, ist eine Tautologie; und doch: Es darf nicht die Alternative zwischen Sozial- und Bildungsstaat geben, sondern beides gehört zusammen, pädagogisch und sozial.

Was ist eine „kognitive Gesellschaft“ wert, wenn sie nicht den Wert der Arbeit und der informellen Bildung bildet? Eine interessante Fragestellung angesichts der Tendenzen, Wissen in und mit der Arbeit überwiegend kognitiv zu verstehen.

Und überall durchzieht die Mahnung die vielfältigen Auseinandersetzung um „Wissen, Gesellschaft, Bildung“: Ob im traditionellen Feld der Sozialpädagogik, der Heimerziehung, oder in all den anderen Tätigkeitsbereichen: „Das demokratische Gemeinwesen bedarf gebildeter – nicht nur ausgebildeter – Personen“, die in der Lage sind, auf Augenhöhe mit anderen Bildungs- und Erziehungsinstanzen und Professionen zu kommunizieren und zu kooperieren.

Die Bedeutung von Kultur wird im zweiten Teil in verschiedenen Zusammenhängen dargestellt, an der historischen Entwicklung in der deutschen jugendpädagogischen Diskussion verdeutlicht, am Generationskonzept einer lebenslauf- und lebenslagenbezogenen Sozialarbeit aufgezeigt und Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen zwischen den Disziplinen Sozialpädagogik -Kulturpädagogik – Kulturwissenschaft aufgewiesen.

In den Zeiten, in denen der Ruf nach einer anderen Schule lauter wird, in der die Schule neu gedacht und verändert werden soll hin zu einer demokratischen Schule für alle, lohnt ein Blick in die Geschichte(n) der Schulreform(en); etwa der Nachfrage, was der Schulreformer Siegfried Bernfeld (1892 - 1953) mit „Instituetik“ gemeint hat: Ist es das oder ähnliches, was in der Schulpädagogik mit „Öffnung von Schule“ gemeint ist?

Wäre ein Ausweg aus dem Dilemma zu finden, das sich bei der Chancen(un)gleichheit in der Schule wie in einer multikulturellen Gesellschaft, zwischen Effektivität und sozialer Selektivität (vgl. dazu: Tamara Carigiet Reinhard, Schulleistungen und Heterogenität, Bern 2012) ergibt, wenn es gelänge, im Bildungsprozess der Kunst und kulturellen Bildung eine deutlichere Bedeutung zu geben? Etwa auch in der Museumspädagogik und der Einbeziehung von musealen Orten in einer Ganztagsbildung? In den Bildungsformen, wie sie sich in einer tragfähigen Erinnerungskultur ergeben? Was können Sozial- und Kulturarbeit beitragen, um die zunehmenden gesellschaftlichen und sozialen Ausgrenzungen zu verhindern und eine inklusive Entwicklung zu fördern?

Wenn das eine (logische) Reihenfolge im dritten Teil sein soll, wäre natürlich aufzuzählen: Verstehen – Handeln – Erleben. Es geht um „sozialpädagogisches Handeln“, das sich in meist realen, praktischen, sozialen Situationen verwirklicht und eine ethische, professionelle Realisierung voraussetzt.

Im sozialpädagogischen Feld gewinnt eine Form an Bedeutung, der „Klientennähe“ zugeschrieben wird und das Versprechen beinhaltet, Zugänge zu jungen Menschen zu erlangen: Erlebnispädagogik. Der Erziehungswissenschaftler als Theoretiker und Praktiker ist herausgefordert, die Entwicklungen und Verstrickungen der pädagogischen Methode kritisch aufzuzeigen und von den Sozialpädagogen eine „Reflexionskompetenz“ zu fordern.

Im vierten Teil „Internationalität und Vergleich“ werden die Zielsetzungen, Forschungsmethoden und Praxis einer „vergleichenden Sozialpädagogik/Sozialarbeit“ diskutiert und mögliche Tätigkeitsbereiche in globalen, politischen, sozialen und kulturellen Zusammenhängen aufgezeigt und ein Zwischenruf zu den Initiativen der OECD vorgenommen, Jugendhilfe zu internationalisieren.

Im fünften und letzten Teil des Sammelbandes schließlich geht es um „Ethik und Ästhetik, etwa im Vergleich der beiden philosophischen Vertreter Wilhelm Rein (1847 – 1929) und Paul Natorp (1854 – 1924) und die Suche nach der Bedeutung des „guten Willens“ und der „Logik“ im heutigen Bildungsdiskurs und Erziehungshandeln. Mit dem Schlusstext „Kontexte von Gut und Böse aus sozialpädagogischer Sicht“ wird auf eine historische, pädagogische Auseinandersetzung Bezug genommen, die als Moralitätsanspruch bis in den heutigen, philosophischen, erziehungswissenschaftlichen (Wolfgang Kersting, Macht und Moral. Studien zur praktischen Philosophie der Neuzeit, Paderborn 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11429.php)und populistisch-primitiven Diskurs (siehe: Bernhard Bueb, Lob der Disziplin. Eine Streitschrift, 2006, 174 S., www.socialnet.de/rezensionen/4096.php) reicht. Wenn es gelingt, das „Menschenbild der Sozialpädagogik im Kontext von demokratisch-humanistische(n) Wertorientierungen“ weiter zu entwickeln und die „helfende Hand“ dabei für die Eigenverantwortung des Individuums zu stärken, wird Soziale Arbeit die Herausforderungen des lokalen und globalen sozialen Wandels erfüllen können,

Fazit

Der Tübinger Erziehungswissenschaftler Rainer Treptow zeigt mit ausgewählten, im Laufe des letzten Jahrzehnts entstandenen Arbeiten das Spektrum auf, das den theoretischen Diskurs und die Praxis der Sozialen Arbeit und Kulturellen Bildung bestimmt. Es sind Aspekte, die in der Aus- und Weiterbildung von (Sozial-)Pädagoginnen und Pädagogen bedeutsam sind, neue Herausforderungen aufzeigen und die „Zuwendung zur Ambivalenz“ in der Theorie und Praxis der Disziplinen erforderlich machen.

Es wird empfohlen, das Kompendium für die Ausbildung in Fach- und Hochschulen und den Institutionen der Fort- und Weiterbildung von SozialpädagogInnen zu verwenden.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.07.2012 zu: Rainer Treptow: Wissen, Kultur, Bildung. Beiträge zur Sozialen Arbeit und Kulturellen Bildung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-1293-4. Reihe: Edition Soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12885.php, Datum des Zugriffs 28.01.2023.


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