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Sylvia Oehlmann: Kindbilder von pädagogischen Fachkräften

Cover Sylvia Oehlmann: Kindbilder von pädagogischen Fachkräften. Eine Studie zu den Kindbildern von Lehrkräften und Erzieherinnen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 312 Seiten. ISBN 978-3-7799-2257-5. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR.
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Autorin

Sylvia Oehlmann, Dr. phil., ist Verwaltungsprofessorin an der HAWK Hildesheim in den Studiengängen „Soziale Arbeit“ und „Bildung und Erziehung im Kindesalter“. Ihre Schwerpunkte sind frühpädagogische Übergänge, Ganztagsschule, multiprofessionelle Kooperation sowie Mediation.

Entstehungshintergrund

Mit der Publikation veröffentlicht Sylvia Oehlmann ihre Dissertationsschrift mit der sie sich an der Stiftung Universität Hildesheim promoviert hat. Ihrer Forschungsarbeit liegt eine explorative schulbezogene Fallstudie an einer ganztägigen Grundschule in einem sozial benachteiligten Quartier einer deutschen Großstadt zugrunde. Die Autorin untersucht die erziehungswissenschaftlich relevante Frage nach den Bildern vom Kind der pädagogischen Fachkräfte und der Bedeutung der Kindbilder für die schul- und sozialpädagogische Praxis an Ganztagsschulen. Darüber hinaus fragt sie nach der Kooperationspraxis unterschiedlicher Berufsgruppen in der Ganztagsschule vor dem Hintergrund des jeweiligen beruflichen Selbstverständnisses und Kindbildes.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung gliedert sich in acht Kapitel.

Die Autorin beginnt mit einer kurzen Zusammenfassung des Zugangs und des Forschungsinteresses.

Im zweiten Kapitel „Die Ganztagsschule“ wird diese in ihrer Entwicklung gesellschaftlich und bildungspolitisch eingeordnet und die verschiedenen aktuellen Kooperationsmodelle vorgestellt. Die Ganztagsschule wird in Kooperationsmodellen von Lehrkräften und überwiegend sozialpädagogischem Personal entwickelt. Sylvia Oehlmann fasst Ergebnisse aus ausgewählten Studien zusammen, in denen Kooperationsmodelle in Ganztagsschulen untersucht wurden sowie daraus folgende Empfehlungen für gelingende Kooperationsmodelle.

Im dritten Kapitel steht das Bild vom Kind und von Kindheit im sozialwissenschaftlichen Diskurs im Zentrum. Die Autorin begründet, dass sie in ihrer Studie Bilder von Kindern und Kindheit in Abhängigkeit von den Beziehungen des Erwachsenen zum Kind im jeweiligen gesellschaftlich determinierten Kontext zugrunde legt: „Kinder werden in Relation zu den zugrunde liegenden Beziehungsmustern gedacht, die vom Erwachsenen und vom Kind intersubjektiv hervorgebracht werden. (…) Die Konstruktionsmerkmale in gegenwärtigen bildungspolitischen, professionstheoretischen und philosophischen Diskurssträngen stimmen darin überwiegend überein, Kinder als Akteure zu konstruieren und somit der Ebene der kompetenten Person des Kindes in der Gegenwart eine herausgehobene Bedeutung zu verleihen“ (Oehlmann 2012, 55). Sylvia Oehlmann fasst in diesem Kapitel Kindbildkonstruktion unterschiedlicher Disziplinen und theoretischer Zugänge zusammen, sie kritisiert die jeweiligen Unterstellungen, die mit den verschiedenen Diskursen transportiert werden und stellt fest, dass die aktuellen Bilder vom Kind mehrheitlich nicht empirisch gestützt sind.

Für ihre eigene Untersuchung führt sie im vierten Kapitel das „pädagogische Selbstverhältnis“ als Referenzpunkt für pädagogisches Handeln ein.

Daran anschließend macht sie ihr methodisches Vorgehen transparent – Erhebung, Sampling, Auswertung. Aus zwölf durchgeführten und transkribierten Interviews hat die Verfasserin sechs Fälle ausgewählt, die in der Veröffentlichung als ausführliche Fallanalysen vorgestellt werden. Die Interpretationen erfolgen auf der Grundlage von thematischen Kodierungen, orientiert an der Grounded Theory und Sequenzanalyen ausgewählter Passagen in Anlehnung an die Objektive Hermeneutik.

Den im sechsten Kapitel vorgestellten ausgewählten Fallanalysen von Lehrerinnen und Erzieherinnen werden jeweils vier Thesen vorangestellt, die sich auf die Fallstruktur, die Kindbilder, das pädagogische Selbstverhältnis und Kooperationsmuster des Falls beziehen. Daran schließt jeweils eine sehr umfassende und differenzierte Interpretation an.

Im siebten Kapitel nimmt die Verfasserin eine vergleichende Analyse der Kindbilder und der Kooperationsbeschreibungen vor. Dabei werden auch die Interpretationen zu den sechs weiteren Interviews, die nicht bislang nicht vorgestellt wurden, in die Auswertung mit einbezogen. Zusammengestellt werden die Ergebnisse zur Einstiegssequenz in die Interviews, alle Interviewpartnerinnen wurden gebeten, einen ideellen oder materiellen Gegenstand zum Interview mitzubringen, der ihre aktuelle persönliche Beziehung zur Ganztagsschule kennzeichnet. Danach folgt eine Zusammenstellung der jeweiligen Bilder vom Kind und der Perspektiven auf die Kooperation zwischen Erzieherinnen und Lehrkräften. Deutlich wird, dass sich im Vergleich von Lehrerinnen und Erzieherinnen keine berufsgruppenspezifischen Bilder vom Kind zeigen. Vielmehr sind die Kindbilder von den jeweils biographischen Erfahrungen, subjektiven Verarbeitungen und Bedeutungszuschreibungen bestimmt.

In der „Ergebnisdiskussion“ im achten Kapitel fasst Sylvia Oehlmann die Ergebnisse ihrer Dissertation in Thesen zusammen. Die Kooperationen der pädagogischen Fachkräfte sind nicht durch die Bilder vom Kind bestimmt: „Die Kooperation ist auf Kommunikation verwiesen und die Formen und Inhalte der individuellen Kommunikationsstruktur sind in den pädagogischen Selbstverhältnissen eingelassen“ (Oehlmann 2012, 295).

In der gesamten Publikation nimmt die Verfasserin kürzere und längere Exkurse im Umfang von einer halben bis zu drei Seiten vor, beispielsweise zu Freizeitpädagogik, dem Beruf der Erzieherin, Funktionen von Schule, Schulerfolg, dem Bildungsbegriff, Kooperation. Diese Exkurse bündeln den Forschungsstand bzw. aktuelle Debatten zu dem jeweiligen Begriff.

Diskussion und Fazit

Die Publikation stellt ein Verständnis für berufsbiographische Erfahrungen von Lehrkräften und Erzieherinnen und deren Bedeutung für das pädagogische Handeln an einer Ganztagsschule her. Die Leserinnen und Leser erhalten gleichzeitig ein Beispiel für die Durchführung qualitativer Sozialforschung anhand differenzierter Fallanalysen. Durch die systematische Aufbereitung ihres Themas, die vielen Exkurse und die gut nachvollziehbaren Fallschilderungen ist die Lektüre der Dissertation sehr anregend


Rezension von
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-gud ...
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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 20.03.2013 zu: Sylvia Oehlmann: Kindbilder von pädagogischen Fachkräften. Eine Studie zu den Kindbildern von Lehrkräften und Erzieherinnen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2257-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12886.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


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