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Nils Greve, Margret Osterfeld et al.: Umgang mit Psychopharmaka

Rezensiert von Matthias Völcker, 16.02.2012

Cover Nils  Greve, Margret Osterfeld et al.: Umgang mit Psychopharmaka ISBN 978-3-86739-068-2

Nils Greve, Margret Osterfeld, Barbara Diekmann: Umgang mit Psychopharmaka. Balance Buch + Medien Verlag - Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2012. 3., überarbeitete Auflage. 272 Seiten. ISBN 978-3-86739-068-2. 17,95 EUR.CH: 24,50 sFr.
Reihe: Balance Ratgeber.

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Thema

Auf den ersten Blick mutet es durchaus befremdend an, wenn ein Sozialwissenschaftler sich auf fachfremdes Terrain begibt und zu einem aktuellen, durchaus heiklen wie komplexen Thema wie etwa dem "Umgang mit Psychopharmaka" (Greve/Osterfeld/Diekmann 2012) in Form einer Buchrezession äußert. Ein solcher Versuch kann schnell als Eingriff in eine fremde Disziplin verstanden werden. Jedoch stellt ein solches Vorhaben zugleich auch Gelegenheiten der kritischen Auseinandersetzung bereit, mit einer sozialwissenschaftlichen Perspektive auf einen psychologischen Gegenstand zu ‚blicken‘. Was zu Beginn befremdlich wirken könnte, ist dann mit erheblichen Potentialen behaftet, da die Themen des therapeutischen Diskurses zugleich auch die Themenfelder der soziologischen Kritik an der (Spät-)Moderne kennzeichnen und somit psychische wie soziale Phänomene charakterisieren, deren Folgen etwa für die Untersuchung individueller Dispositionen wie auch identitärer Formationen in unterschiedlichen Disziplinen von Relevanz sind.

Unter den gegenwärtigen sozialen wie ökonomischen Bedingungen werden die einstigen Stützpfeiler des Modernisierungsprozesses zunehmend in Frage gestellt, so dass die Verheißungen der Moderne – ein durch den Wohlfahrtsstaat gesichertes, gutes und schönes Leben erfahren zu können – für mehr und mehr Menschen nicht länger einlösbar sind. Dabei ist die moderne, von Pluralität und Widersprüchen gezeichnete Existenz, deren Verstrickungen und Gegensätze sich in den narrativen Mustern offenbaren, heute dadurch gekennzeichnet, dass kohärente (Erzähl-)Muster einer zunehmenden Unmöglichkeit der Einflussnahme und direkten Kontrolle weichen. Der Zerfall tradierter Ordnungsvorstellungen steht hierbei im Vordergrund, wie auch die damit einhergehende Fragmentierung und Dekonstruktion klassischer ‚Identitätsanker‘.1 Die Paradoxien gegenwärtiger Kapitalismusformationen resultieren dabei insbesondere auf der Ebene der individuellen Selbstverhältnisse in neuen Leidensformen wobei psychische Erkrankungen und Syndrome als Spiegelbilder sozialer Verhältnisse genutzt und soziologisch dann auch als Modernisierungs- oder Beschleunigungskrankheiten charakterisiert werden.2 Unterschiedliche Therapieformen – ob nun medikamentös, in Form von Psychotherapien oder als Kombination beider Verfahren – gelten als Mittel der Wahl zur Linderung oder Heilung. Die schier unüberschaubare Anzahl an unterschiedlichen Medikamenten, die Angst vor Nebenwirkungen oder gar eine grundsätzliche Ablehnung von Psychopharmaka aufgrund von Vorurteilen gegenüber diesen Medikamenten erschwert es gleichfalls für Betroffene wie Angehörige einen verantwortungsvollen Umgang mit der Erkrankung und den verschriebenen Medikamenten zu gewährleisten und wirft viele Fragen auf.

Aufbau und Inhalt

Das mittlerweile in der dritten Auflage erschienene Buch „Umgang mit Psychopharmaka“ (2012) von Nils Greve, Margret Osterfeld und Barbara Diekmann knüpft an dieser lebensweltlich relevanten Leerstelle an und unternimmt dabei den Versuch eine Zwischenposition zwischen Fachwissen und Ratgeberliteratur für Betroffene einzunehmen. Das Buch versteht sich als eine Gelegenheit zur Aufklärung über Medikamente im psychiatrischen Therapieansatz. Medikamente werden hierbei keineswegs als „der Königsweg oder gar die einzige Methode psychiatrischer Therapie“(S. 11) verstanden, sind aber dennoch ein wichtiger Baustein in der Therapie psychischer Leiden. Inhaltlich beschränken sich die Autoren in ihrer umfassenden Auseinandersetzung mit vier Gruppen von Psychopharmaka. Diese schließen die Gruppe

  1. der Antidepressiva (S. 52ff.),
  2. der Phasenprophylaktika (S. 83ff.),
  3. der Neuroleptika (S. 127ff.),
  4. wie auch der Tranquilizer und Hypnotika (S. 102ff.) ein.

Ergänzend hierzu befassen sich daran anschließende Kapitel mit Medikamenten zur Entgiftung und Entwöhnung (S. 189ff.), Medikamente also, die überwiegend bei Sucht- und Abhängigkeitserkrankungen zum Einsatz kommen, wie auch mit Medikamenten gegen Aufmerksamkeitsstörungen (S. 198ff.). Daneben werden dem Leser auch Informationen zum Umgang mit Psychopharmaka während der Schwangerschaft (S. 200ff.) wie auch dem Einsatz von Psychopharmaka im Alter (S. 216ff.) vermittelt. Jedes dieser Kapitel folgt dabei einer klaren Struktur und ist unterteilt in eine knappe Charaktersierung der ‚Störungsbilder‘ wie auch undifferenzierter Symptomkomplexe. Auf diese knappe Darstellung folgen verständliche Erklärungen der biochemischen Vorgänge, v.a. im Hinblick auf neuronale Prozesse und die Erklärung von Wirkmechanismen von Psychopharmaka im Kontext des Hirnstoffwechsels. Diese Beschreibungen werden durch die Vorstellung gängiger Medikamente ergänzt sowie erwünschte wie auch unerwünschte Nebenwirkungen aufgezeigt und weitere Hinweise zum praktischen Umgang und der Handhabung präsentiert.

Die Grundforderung des Buches untersteht dabei dem Anspruch sowohl vielfältige Informationen über Medikamente im Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen bereitzuhalten, als auch einen selbstbewussten Umgang mit dem behandelnden Arzt und den verordneten Medikamenten zu ermöglichen und somit „das geteilte Expertentum“ (S. 17) zu betonen. Das vordergründige Ziel besteht somit u.a. in der Vermittlung von Wissensaspekten, die einen selbstsicheren wie verantwortungsvollen Umgang der Patienten mit ihrer Erkrankung und einer dementsprechend aktiven Haltung in der Begegnung mit dem behandelnden Arzt ermöglichen können. Dabei wird keineswegs bloß individuellen Umgangs- und Verfahrensweisen Rechnung getragen, sondern vielmehr die Notwendigkeit betont, die durch die ärztliche Diagnose vorgenommene Ordnung in der Vielzahl von Symptomen, die einer psychischen Erkrankung einen Namen geben und dann als Grundlage der Behandlung fungieren, verstehen zu können. Erst aus diesem Verständnis psychischer Erkrankungen heraus ergeben sich subjektive Gelegenheiten für die Patienten verantwortungsvoll und damit aktiv an ihrer Behandlung beteiligt und somit in den komplexen Heilungsprozess integriert zu werden. Explizit wird hierbei mehrfach darauf verwiesen, dass die Behandlung mit Psychopharmaka nur ein Puzzleteil in diesem vielfältigen Kontinuum unterschiedlicher Hilfsangebote darstellt, die von Beratungsangeboten über Psychotherapie bis zur Psychoedukation reichen (S. 41ff.) und auch Selbsthilfegruppen und die vielfältigen Hilfsangebote der Gemeindepsychiatrie umschließen.

Das abschließende Kapitel widmet sich, nachdem die zugrunde liegenden psychischen Erkrankungen vorgestellt und entsprechende Medikationen in ihren gewünschten und unerwünschten Wirkungen diskutiert wurden, dem durchaus spannenden Widerspruchsstrukturen und diesbezüglichen Interessenkonflikten im Kontext von Arzneimittelstudien und der Wirksamkeit von Medikamenten (S. 226ff.). Vor allem die Herausarbeitung des Konflikts zwischen dem Wohl der Patienten einerseits und den Interessen der Pharmaindustrie andererseits wird mit diesem Kapitel Rechnung getragen. Die kritische Auseinandersetzung setzt hierbei an den enormen Finanzvolumina und damit verbundenen Spekulationsmöglichkeiten im Kontext einer prosperierenden Pharmaindustrie an, in der der überwiegende Forschungsanteil in den Händen der Hersteller selbst liegt. Auf daraus resultierende Widersprüche – etwa im Kontext von größeren Finanzvolumina im Marketingbereich im Vergleich zum Forschungsetat wie auch der Verweis auf negative Forschungsergebnisse, die nur in den seltensten Fällen veröffentlicht oder gar vollständig unterdrückt werden, wird in diesem Abschnitt verwiesen und deren individuelle Bedeutung für die Patienten kritisch hinterfragt (S. 230f.). In ihrer Gesamtheit fungieren all diese Informationen als Grundlage für eine solide „Informationsbasis […], um selbst zu beurteilen, wie weit ihnen [den Patienten, M.V.] Psychopharmaka helfen können und wann sie andere Wege zur Genesung beschreiten wollen“ (S. 235).

Diskussion

Auch wenn das Buch „Umgang mit Psychopharmaka“ in seiner Ausrichtung umfangreich ist, bleiben am Ende dennoch viele Fragen unbeantwortet. Zu kritisieren ist dabei u.a., dass das Buch in seiner inhaltlichen Ausrichtung und der damit einhergehenden ‚Reduktion‘ auf medikamentöse Therapieansätze unvollständig bleibt und nur ein Puzzleteil in der Behandlung psychischer Leiden hervorhebt. Diese (beabsichtigte) Komplexitätsreduktion erfolgt auf Kosten der Vielfalt in den Möglichkeitsräumen der Überschneidung von Hilfs- und Therapieangeboten. Hierbei stellt das Buch auch nicht die durchaus entscheidende Frage, warum psychische Leiden, wie Depressionen, Burnout-Syndrome aber auch Angst- und Panikstörungen unter den gegenwärtigen (kapitalistischen) Formationen als psychische Krankheitsbilder den Modernisierungsprozess ‚begleiten‘ und mittlerweile einen bedeutenden Platz in den ‚Ranglisten der Ursachen von Arbeitsunfähigkeit‘ der Versicherungsträger einnehmen. „Das erschöpfte Selbst“ ist in dieser Konstellation, wie Alain Ehrenberg3 dies so eindrucksvoll nachgezeichnet hat, die Reaktion eines überforderten, auf sich selbst zurückgeworfenen Subjekts, welches beständig zu einer authentischen und vor allem eigenverantwortlichen Verwirklichung seiner Selbst aufgefordert ist. Bereits Max Weber verwies auf diese untrennbare konnexionistische Logik, in der „der heutige, zur Herrschaft im Wirtschaftsleben gelangte Kapitalismus […] [sich die Wirtschaftssubjekte, M.V.] erzieht und schafft […] derer er bedarf“ (Weber 2006: 79)4. Die Versprechungen der Moderne und die aus der Entwicklung des Kapitalismus hervorgegangene Befreiung des Subjekts aus Tradition und Stand haben sich dabei auf merkwürdige Weise verkehrt und die aus ihren engen sozialen Fesseln befreiten Subjekte zur alleinigen Produktivkraft von Sinnstrukturen erhoben und dabei die Selbstausbeutung bis zur Erschöpfung gefordert und gefördert. Auch das vorliegende Buch bleibt, wie sein Coverbild, nur ein Puzzleteil in diesem Entwicklungsprozess. Es hält zwar durchaus umfassende Informationen für Patienten wie auch Angehörige bereit, produziert und reproduziert aber auch jene Dimensionen des Modernisierungsprozesses, in der das aktive und aktivierte (erschöpfte) Selbst im Vordergrund steht ohne jedoch die vielfältigen (auch sozialen) Ursachen der psychischen Leidenserfahrungen zu thematisieren.

Fazit

Dessen ungeachtet ist "Umgang mit Psychopharmaka", trotz inhaltlicher Beschränkungen ein durchaus lesenswertes Buch, welches v.a. informieren möchte und diese Aufgabe im Bereich medikamentöser Therapieangebote auch umfassend erfüllt. Darüber hinaus wird auch Kritik geübt an der v.a. von Seiten der Pharmaindustrie einseitig gepriesenen Wirkungen von Psychopharmaka und diesen entgegenstellt, dass eine umfassende Therapie nicht allein auf der Grundlage von Medikamenten erfolgen kann, sondern diese immer nur einen Teilaspekt eines umfassenden Therapiekonzeptes darstellen. Zugleich ist auch die zentrale Forderung nach einer gleichberechtigten Beziehung zwischen Arzt und Patient hervorzuheben, welche als Grundlage für die Bewältigung und dem Umgang mit einer psychischen Erkrankung fungieren kann und sollte. Die eingeforderte aktive Haltung des Patienten (er-)fordert dabei eine Aufklärung über Medikamente, deren vielfältige Wirkungen und den darüber hinausgehenden Möglichkeiten im Zusammenhang mit differenten Therapieformen. Unumgänglich bleibt hierbei auch die Erwähnung unerwünschter Nebenwirkungen medikamentöser Behandlungen, die zwar in den Beipackzetteln erwähnt, aber für viele Patienten doch auch weitere (neue) Einschränkungen mit sich bringen können und damit den einfachen Botschaften und Verheißungen der Werbeindustrie entgegenstehen. Der einfache Griff zur (Glücks-)Pille entpuppt sich dabei als Illusion, wird aber in den Werbeanzeigen und Broschüren der Pharmaindustrie gerne so verkauft. Psychopharmaka sind eine unterstützende Methode in der umfassenden Behandlung psychischer Leiden und auch nur unter fachkundiger Anleitung in einem vertrauensvollen Arzt-Patienten-Verhältnis einzunehmen. Darüber hinaus sollten auch die individuellen wie kollektiven Erfahrungen psychischer Leiden als Ausdrucksformen und Spiegel des Gesellschaftlichen verstanden werden, in der die (Re-)Thematisierung vielfältiger Dimensionen der Verwundbarkeit einen entscheidenden Beitrag im Verstehen von Individuum und Gesellschaft und der vielfältigen Abhängigkeiten zwischen beiden bereithält.

1 Vgl. Keupp, Heiner/Ahbe, Thomas/Gmür, Wolfgang/Höfer, Renate/Mitzscherlich, Beate/Kraus, Wolfgang/Straus, Florian (2008): Identitätskonstruktionen: Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, Reinbeck, Rowohlt Taschenbuch-Verlag.

2 vgl. Rosa, Hartmut (2005): Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main, Suhrkamp-Verlag.

3 Ehrenberg, Alain (2008): Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. Frankfurt am Main, Suhrkamp-Verlag.

4 Weber, Max (2006):Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus: Vollständige Ausgabe. München, Verlag C.H. Beck. Herausgegeben und eingeleitet von Dirk Kaesler

Rezension von
Matthias Völcker
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Arbeitsschwerpunkte: neben sozialisations- und identitätstheoretischen Fragestellungen im Besonderen die empirische Bildungsforschung
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Es gibt 14 Rezensionen von Matthias Völcker.

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ISSN 2190-9245