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Dieter E. Zimmer: Ist Intelligenz erblich?

Cover Dieter E. Zimmer: Ist Intelligenz erblich? Eine Klarstellung. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2012. 316 Seiten. ISBN 978-3-498-07667-2. 19,95 EUR.
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Thema

Dieter E. Zimmer greift ein Thema auf, was – immer wieder- diskutiert wird und aus dem -zumindest implizit- auch sozialpolitische Schlussfolgerungen gezogen werden: die Frage der Erblichkeit von Intelligenz und -erweiternd- die Variation von Intelligenz in Abhängigkeit von Umweltbedingungen.

Autorin

Dieter E. Zimmer kann als einer der führenden Wissenschaftsjournalisten in der BRD gelten; besonders in den Bereichen Medizin und Psychologie ist er durch vielfältige Publikationen gut ausgewiesen.

Entstehungshintergrund

Der Autor selbst (er-)klärt die Motivation, 2012 dieses Buch zu veröffentlichen: er sei verärgert über einen Aspekt der Debatte über das hinlänglich bekannte Buch von Sarrazin; die Rezeption der Rolle der Gene bei der Entwicklung des Menschen in der Politik (zitiert wird die A. Nahles von der SPD “ „Die Entwicklung … einer Gruppe von Menschen … sind nicht durch ein bestimmtes Erbgut vorgezeichnet.“) mache eine „Klarstellung“ (so der Untertitel des Buches) notwendig.

Aufbau

Der Autor stellt nach einer Einführung zunächst die sog. Jensen- Debatte dar, klärt den Begriff der „Erblichkeit“ und demonstriert ausführlich, warum und mit welchen Ergebnissen Zwillingsstudien für die Frage der Erblichkeit insgesamt, der Erblichkeit der Intelligenz im Besonderen so wichtig sind. Er stellt hierzu die aktuellen Ergebnisse ausführlich dar und kommt im Rahmen der zitierten Studien zum Schluss, dass Intelligenz (gemessen durch traditionelle IQ-Teste) zum allergrößten Teil (bei Erwachsenen zu 60 bis 75 %, bei Kindern zu 40 %,. vgl. S. 250) durch den Genotyp bestimmt ist. Umweltbedingungen bestimmen, in wieweit das genetische festgelegt Potential ausgenutzt wird, der Spielraum hierbei liegt bei 10-20 IQ- Punkten (vgl. S. 251). Was die gesellschaftlichen Schlussfolgerungen angeht, plädiert der Autor u.a. für politisch- pädagogische Bedingungen, die jenseits von Bildungsutopien vorhandene Potentiale differenziert auszuschöpfen helfen.

Inhalt

Ausführlich setzt der Autor sich -wie schon gesagt- mit den Zwillingsstudien auseinander, klärt den Unterschied zwischen ein- und zweieiigen Zwillingen, und die forschungsmethodisch wichtige Frage des Aufwachsens in gleichen bzw. unterschiedlichen Lebenswelten- über die prinzipiell der sog. Umwelteinfluss auf die Intelligenzentwicklung abgeschätzt werden kann. Hier spielt z.B. die Minneapolis- Studie von 1990 eine wesentliche Rolle (S. 30 ff).

Dargestellt wird auch die Art und Weise wie Intelligenz definiert und gemessen wird. Der Autor setzt sich auch mit verschiedenen Intelligenz-Konzeptionen auseinander und weist begründet darauf hin, dass nach heutigem Erkenntnisstand von einem allgemeinen Begabungsfaktor „g“ ausgegangen werden muss -gerade dieser habe einen erheblichen Erblichkeitsanteil. Dabei macht er deutlich, dass Erblichkeit immer eine Aussage über ein Kollektiv ist und meint, dass die in einer Gruppe gemessenen – z.B. - Intelligenzunterschiede zu 75% auf unterschiedliche Gene zurückgehen (vgl. S. 124). Innerhalb des Kollektivs gibt es für die Individuen (Entwicklungs-)Spielräume und klar ist auch, dass es eine Entwicklung jenseits und unabhängig von Umweltbedingungen nicht geben kann.

Diskussion

Fraglos ist Zimmers Buch eine gründliche und auch sprachlich gut ausgearbeitete Zusammenschau der Uralt- Diskussion zur Erbe-Umwelt-Frage – wenn dabei aber (s.u.) neuere Erkenntnisse zu kurz kommen. Es darf gefragt werden, für wen warum hier Klarstellungen notwendig sind und was der Autor aufklärerisch dafür tut, Missverständnissen in der Rezeption (von denen die Debatte voll ist) vorzubeugen. Wenn der Autor in seiner Einleitung durch politische Aussagen motiviert ist (s.o.), dann verwechselt er auf fatale Weise politische Aussagen mit einer wissenschaftlich falschen Darstellung: im Kontext von Politik geht es gerade darum, gegebene (nicht ausschließlich Natur-gegebene!) Benachteiligungen im Sinne einer „Chancengleichheit in biologischer Ungleichheit“ zu mildern und auszugleichen und eben nicht gegebene genetische Unterschiede (schön, dass es sie gibt!) als Begründung für eine Zementierung von Ungleichheit durch sozialpolitische Entscheidungen zu nehmen- so zumindest kann man ja auch Argumentationsteile von Sarrazin verstehen. Hier ist m.E. das Buch in der Positionierung nicht deutlich genug und gerät so in die Gefahr, politisch instrumentalisiert zu werden. Im Kontext der Debatte ist schon das Cover fragwürdig: der aufrechte Pfeil beantwortet quasi martialisch die Frage des Buch-Titels, schade! Inhaltlich schade ist auch, dass so wesentlichen Erkenntnissen wie bspw. der Frage der Gen-Umwelt-Transaktion (es gibt eben keine einseitige Wirkungsrichtung ausgehend vom Gen!), der Gen-Expression (Gene „schalten“ sich an und aus in Wechselwirkung mit Umgebungsbedingungen) und der Epigenetik kaum Raum gegeben wird … Lehrbücher wie z. B. Petermann et al „Entwicklungswissenschaft“ leisten hier durchaus lesbar mehr.

Fazit

Es bleibt nach der Lektüre des Buches die Sorge, dass Zimmer etwas aufgreift, was wissenschaftlich längst ad acta gelegt ist: die (falsche) Frage nach dem „Erbe ODER Umwelt“ Einfluss auf Entwicklung insgesamt und in seinen Aussagen und endlosen Bezügen auf Zwillingsstudien letztlich falsch verstanden wird – empfohlen sei deshalb nach der Gesamt-Lektüre nochmals die Seiten 124-130 zu lesen und dazu das Fazit (S. 249 ff): hier wird m.E. Deutlich, dass die Erbe-Umwelt-Debatte nicht politisch – so oder so – instrumentalisiert werden darf. Der Rest des Buches erscheint dann fast entbehrlich.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 26.03.2012 zu: Dieter E. Zimmer: Ist Intelligenz erblich? Eine Klarstellung. Rowohlt Verlag (Reinbek) 2012. ISBN 978-3-498-07667-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12906.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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