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Beatriz Preciado: Pornotopia

Cover Beatriz Preciado: Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im ›Playboy‹. Wagenbach Verlag (Berlin) 2012. 168 Seiten. ISBN 978-3-8031-5182-7. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.

Reihe: Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek.
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Thema

Die diesjährige Juli-Ausgabe des ‚Playboy‘ erscheint als Jubiläumsausgabe: Seit 40 Jahren erscheint der ‚Playboy‘ in Deutschland. In diesem Buch untersucht Beatriz Preciado, wie der ‚Playboy‘ Lebensstil und Geschlechtsidentität nach dem zweiten Weltkrieg geprägt hat und kommt dabei zu überraschenden Thesen. In Anlehnung an Foucaults Begriff der ‚Heterotopie‘ untersucht sie die neuartige Verbindung von Sex, Architektur, Konsum und neuer Männlichkeit, die der ‚Playboy‘ darstellte, als ‚Pornotopie‘.

Autorin

Beatriz Preciado, geboren 1970, lehrt als Professorin an der Universität von Paris VIII die Gebiete Geschichte des Körpers, Gender und Theorie and Geschichte der Performanz. In ihren Veröffentlichungen und ihrer Lehre bemüht sie sich um die Dekonstruktion des sozialen Geschlechts und entlarvt die Naturalisierung der Geschlechtskategorien.

Inhalt und Diskussion

Der ‚Playboy‘ hat aus der Sicht von Beatriz Preciado viel beigetragen zu einem „neuen Diskurs über Geschlecht, Sexualität, Pornographie, Häuslichkeit und öffentlichen Raum im Kalten Krieg“ (9). Sie will – so ihre Ausgangsthese – Hugh Hefner als Pop-Architekten sehen, der mit seinem multimedialen Imperium dazu beigetragen hat, dass die moderne Architektur medialisiert wird. Ebenso hat Hugh Hefner mit seinem ‚Playboy‘ zu einer Vermarktung des bisher Privaten beigetragen. Architektur und bisher private Erotik wurden von ihm in beispiellos riesigen medialen Kampagnen verbreitet.

Hier zunächst zu Hugh Hefners Vorreiterrolle in der Architektur und Innenarchitektur, die den einflussreichen Architekturhistoriker Sigfried Giedion 1962 dazu veranlasste den Begriff ‚Playboy-Architektur‘ zu prägen: Der ‚Playboy‘ war stets mehr als ein Erotikblatt. Seit 1953 gab es in fast jeder ‚Playboy‘-Ausgabe eine Fotoreportage über Architektur und Innenarchitektur. Der ‚Playboy‘ und Hugh Hefner schufen gänzlich neue Räume für den urbanen Mann. Diese Räume definierten sich als männliche Räume. In klaren Formen, mit viel Glas und Designermöbeln, standen sie zunächst einmal für den Einzug des männlich Klaren in die häusliche Sphäre. In diesen Räumen hatten Männer das Sagen und waren die alleinigen Bewohner. Frauen erschienen nur als harmlose, auswechselbare Besucherinnen, die möglichst spurenlos am nächsten Morgen wieder verschwanden.

Mit der Eroberung vor allem der Innenarchitektur als neue männliche Domäne brach Hugh Hefner mit tradierten Geschlechts-Sphären: Das Innere von Wohnungen war bis dahin der Bereich, in dem Frauen lebten, den sie beherrschten und dem sie ihren Stil gaben, der in überdekorierten, klar in ihrer Funktion definierten Bereichen (Schlaf-, Wohn-, Kinder-, Esszimmer und Küche) das perfekte Gehäuse für die amerikanische Vorstadtsiedlung und ihre Ehe bot. Der Mann ging morgens aus dem Haus, um Geld zu verdienen, während die Hausfrau das Heim betreute und dort regierte.

Ganz anders die Welt in Hugh Hefners Junggesellen-Apartments. Sie stellten die herkömmlichen Thesen zu Geschlecht, Sex und Architektur infrage. Hier regierte High-Tech mit modernsten Haushaltsgeräten, die das Wirken der Hausfrau überflüssig machen sollten. Hier wurden die Räume in ihrer Funktion gemischt – in offenen Mehrebenen-Wohnungen wurde eine klare und geschmackvolle männliche Innenarchitektur zelebriert. Zusätzlich zu den klaren Formen wurden auch märchenhafte Träume präsentiert: Zunächst im Entwurf, dann in Hugh Hefners Villen und Anwesen gab es gläserne Schwimmbecken, durch die die schwimmenden ‚Playmates‘ zu beobachten waren, märchenhafte Grotten und rotierende Rundbetten.

Damit hatte Hefner den Nachkriegsmann vom Zwang, stets zu kämpfen, zu jagen und als wilder Held mit viel Verantwortung gegenüber Nation und Familie auf den Außenraum beschränkt zu sein, befreit und ihm das Vorbild eines erfolgreichen, aber ungebundenen, nicht durch Verantwortung eingeschränkten freien Junggesellen entgegen gesetzt, der sich gerne zuhause aufhält, der sein Heim schmückt und entwirft – ein Bild, das bis dahin stets mit Homosexualität in Verbindung gebracht wurde.

Diesen Verdacht der Homosexualität entkräftete Hugh Hefner durch seine Verbindung von männlichem Junggesellen-Ideal und Pornographie.

Hugh Hefners Projekt ‚Playboy‘ – so Beatriz Preciados These – konnte deshalb so gut gelingen, weil die beruhigende Präsenz der ‘Playmates‘ dem Mann seine Männlichkeit bestätigt.

Mit den ‘Playmates‘ hatte Hugh Hefner ein perfektes Frauenbild geschaffen, das Männern ein neues Frauenideal bot jenseits der bisherigen kontrapunktischen Frauentypen: der verruchten und gefährlichen Prostituierten auf der einen Seite und der Besitz ergreifenden Hausfrau und Mutter auf der anderen Seite. Die ‘Playmates‘, stets aus einer Perspektive des Voyeurs aufgenommen (nie sind Männer mit im Bild), sind bis heute inszeniert als saubere „Mädchen von nebenan“, die unschuldig von Sex träumen und vom Betrachter belauscht werden. Ihre ständige Verfügbarkeit suggeriert, dass der Junggeselle serienweise Sex mit einer Vielzahl sauberer, hübscher und gut gelaunter Mädchen haben kann, ohne in die Fangstricke von bezahltem Sex oder von Ehe und Familie zu geraten.

Auch da, wo in Hugh Hefners Clubs und Anwesen klar Sexarbeit für Geld verrichtet wurde und Prostitution stattfand, mussten die in karg ausgestatteten Mehrbettzimmern internatsmäßig gehaltenen ‚Playmates‘ den Anschein erwecken, sie handelten aus Freude am Sex und seien lebensfrohe ‚Mädels von nebenan‘ mit bürgerlichen Berufen. Das war aber nur eine Fassade: Während in Hefners Anwesen die unteren Stockwerke einer multimedialen Inszenierung sauberen Junggesellensexes dienten, lebten die ‚Playmates‘ im 4. Stock kasernenartig wie in einem Mädcheninternat mit strengen Regeln. Sie zahlten für ihr Bett im Schlafsaal und ihr Essen in einem Speisesaal und verließen das Anwesen oft lange Zeit nicht.

Damit folgten sie Hefners Vorbild, der sein eigenwilliges Imperium meist vom multimedial vernetzten Bett aus leitete, kaum das Haus verließ und fast nie eine Welt außerhalb seiner eigenen Räume betrat. Hugh Hefners eigenwilliger Lebensstil füllt bis heute die Klatschkolumnen.

War der ‚Playboy‘ je revolutionär? Beatriz Preciado sieht hier ein ‚sowohl als auch‘:

Zum Einen war der ‚Playboy‘ frech. In der Ära McCarthy waren alte Anti-Obszönitätsgesetze wieder aktiviert worden, die der ‚Playboy‘ ständig brach. Als der ‚Playboy‘ erschien, gab es so gut wie keine Gegenkultur in den USA und die Zeitschrift trug bei zu selbstbewusster Unerschrockenheit.

Weiter propagierte der ‚Playboy‘ für den Mann das Recht auf einen häuslichen Raum, der nicht von den Normen der heterosexuellen Ehe bestimmt war. Diese Maskulinisierung des Häuslichen attackierte das McCarthy'ische Vorstadthaus, Sinnbild der Herausdrängung von Frauen aus Arbeitsplätzen zugunsten der männlichen Kriegsveteranen. Der ‚Playboy‘ bildete das Ideal des neuen Junggesellen heraus, der nicht etwa auf eine Ehe hofft, sondern ungebunden als Serienverführer à la James Bond sein bis auf den Sex frauenloses Dasein liebt.

Gleichzeitig war der ‚Playboy‘ stets systemkonform. Er beteiligt sich nie an der Kritik an männlicher Herrschaft und heterosexuellen Institutionen. Sein phantasierter Leser ist weiß, reich und heterosexuell männlich. Passend zur neu auftretenden Konsumentengruppe der reichen, noch ungebundenen Teenager und Twens war der ‚Playboy‘ das Blatt für alle Männer, die sich gerne jung und ungebunden fühlen wollten. Der ‚Playboy‘ markierte und fördert den „Übergang vom Industriekapitalismus zum ‚pharmakopornographischen Kapitalismus‘, der den bislang privaten Körper öffentlich zur Schau stellt und fordert, dass dieser mit Medikamenten, Kosmetik und Chirurgie einförmig gestaltet und attraktiv gehalten wird. Was das Auto in der Ford-Ära war, wurden die Mädchen in der postfordischen Ära: das Serienprodukt eines kapitalistischen Produktionsprozesses, der alles sexualisierte: Durch die Verbindung von Konsumartikeln aus Design und Innenarchitektur mit Masturbationsvorlagen wurden alle diese Artikel quasi sexuell aufgeladen.

Zielgruppe und Fazit

Beatriz Preciados Analyse ist originell und vieldeutig, scharfsinnig und scharfzüngig. Sie lässt die Spannung zwischen dem anarchischen und rollenaufweichenden Potenzial des ‚Playboy‘ und seiner letztlich angepassten gesellschaftlichen Rolle bestehen und löst sie nicht auf.

Ihre geistreiche und unterhaltsame Analyse hilft der Leserin die eigenen Gender-Kategorien infrage zu stellen und hat weit über den ‚Playboy‘ hinausreichende Implikationen.

Das Buch sollte in keiner sozialwissenschaftlichen Bibliothek fehlen. Seine edle und handwerkliche Ausstattung durch den Verlag Wagenbach macht es auch zu einem schönen Geschenk für Andere und sich selbst.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 12.07.2012 zu: Beatriz Preciado: Pornotopia. Architektur, Sexualität und Multimedia im ›Playboy‹. Wagenbach Verlag (Berlin) 2012. ISBN 978-3-8031-5182-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12907.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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