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Bettina Rühm: Unbeschwert wohnen im Alter

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 03.02.2004

Cover Bettina Rühm: Unbeschwert wohnen im Alter ISBN 978-3-421-03434-2

Bettina Rühm: Unbeschwert wohnen im Alter. Neue Lebensformen und Architekturkonzepte. Deutsche Verlagsanstalt (München) 2003. 143 Seiten. ISBN 978-3-421-03434-2. 49,90 EUR.

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Zur Thematik des Buches

Wohnen besitzt im Alter einen eminenten Stellenwert, denn nach der Phase der Berufstätigkeit beschränken sich bei den meisten Senioren die Lebensgestaltung und das aktive Handeln überwiegend auf den Bereich der Wohnung oder des Hauses. Die meiste Tageszeit wird also daheim zugebracht.

Da das Alter bezogen auf die Bewältigung des Alltags grob in die drei Phasen Rüstigkeit, Hilfebedürftigkeit und Gebrechlichkeit oder Pflegebedürftigkeit eingeteilt werden kann, werden mittlerweile unterschiedliche Wohn- und Betreuungsangebote je nach dem Kompetenzgrad und auch je nach dem Einkommen offeriert, die es in dieser Vielfalt vor ca. zwei Jahrzehnten noch nicht gab.

Nach übereinstimmenden Untersuchungen nehmen die meisten Senioren einen Wohnungswechsel erst dann vor, wenn das Leistungsvermögen für den vertrauten Wohnbereich nicht mehr ausreicht. Wenn z. B. das Treppensteigen zur Qual wird, ist oft ein Umzug angezeigt. Es sei denn, man ist Eigentümer eines Hauses und kann sich einen Treppenlift einbauen lassen. Auch die Furcht vor einer drohenden Vereinsamung kann Grund für die Aufgabe der Wohnung und den Einzug in eine Senioreneinrichtung darstellen.

Die Autorin, eine Architektin aus München, möchte in diesem weiten Feld der mannigfaltigen Einrichtungen, Dienste und Versorgungskonzepte einen Überblick vermitteln, sowohl hinsichtlich der sozialen Aspekte als auch hinsichtlich der baulichen Gestaltung.

Inhalt

In dem Buch werden acht verschiedene Wohn- und Lebensformen anhand von 21 Projektbeispielen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Spanien vorgestellt. Die einzelnen Projekte werden mit zahlreichen Fotos, Grundrissen, Baudaten und den Kosten, entweder den Baukosten oder den Wohn- und Betreuungskosten, dargestellt. Zusätzlich beschreibt die Autorin in den Einleitungen zu den einzelnen Wohnmodellen die wesentlichen Merkmale und stellt stichpunktartig die Vor- und Nachteile des jeweiligen Modells gegenüber. Im Anhang werden u. a. die Richtlinien des barrierefreien Bauens angeführt.

Zu Beginn werden zwei Seniorenresidenzen vorgestellt: das Wohnstift Augustinum in Hamburg (direkt an der Elbe in Hafennähe) und die "Seeresidenz Seeshaupt" am Starnberger See. Das Wohnstift Augustinum ist in der Baugestaltung einem Kühlhaus (würfelförmiger Baukörper) aus dem Jahr 1926 nachempfunden, das vormals auf diesem Grundstück sich befand. Architektonisch herausragend an dem 13geschossigen Gebäude ist die acht Meter hohe Glaskuppel, unter der sich das für die Bewohner vorbehaltene Restaurant befindet.

Die Seeresidenz, besteht aus zwei Gebäudekomplexen: einem unter Denkmalschutz stehenden alten Hotel, das vollständig renoviert wurde, und einer U-förmigen Wohnanlage (Neubau), die durch einen unterirdischen Verbindungsgang miteinander verbunden sind.

Anschließend werden zwei Seniorenheime - Seniorenwohnhäuser präsentiert:

  • das Seniorenwohnhaus St. Nikolaus (Neumarkt am Wallersee in Österreich)
  • und das Seniorenzentrum Burgbreite (Wernigerode, Sachsen-Anhalt).

Während es sich bei dem Heim St. Nikolaus um einen Neubau handelt, der besondern durch den Einsatz von Glas hervorsticht, handelt es sich bei dem Seniorenzentrum um ein sanierungsbedürftiges Arbeiterwohnheim im Plattenbaustil, das durch Totalrenovierung und die Integration von Neubauteilen sich zu einem modernen Pflegeheim gewandelt hat.

Betreutes Wohnen im Alter wird anhand von fünf Beispielen demonstriert:

  • Zwei Neubauten (Seniorenzentrum Herbertingen, Gradmann Haus in Ostfildern-Ruit bei Stuttgart),
  • der Umbau eines ehemaligen Einödhofes in Oberbayern (Matzenhof in Simbach),
  • der Neubau anstelle eines abgerissenen Vierseithofes in Winhöring (Niederbayern)
  • und der Umbau eines historischen Gebäudes in München (Mathildenstift).

Integriertes und generationenübergreifendes Wohnen wird anhand von vier Modellen (alles Neubauten) exemplifiziert:

  • die Wohnanlage in Kempten u. a. für Köperbehinderte, Senioren, Alleinerziehende und kinderreiche Familien,
  • das Mehrfamilienhaus in Deggendorf für Alte und Junge, Behinderte und Nichtbehinderte,
  • das Generationenhaus West in Stuttgart enthält neben Seniorenwohnen eine Kindertagesstätte und verschiedene öffentliche Einrichtungen (Beratungsbüro u. a.).
  • Der Multavita-Hof in Bremen ist das größte Frauenwohnprojekt Deutschlands, das Frauen aus allen Generationen (u. a. Alleinerziehenden) Lebensraum bieten soll.

Der Wohnraumanpassung sind die folgenden drei Bauvorhaben gewidmet:

  • Der Neubau eines Mehrfamilienhauses in Bonn mit dem Ziel der Bauherrin, eigenständig bis ins hohe Alter in räumlicher Nähe zu ihren Kindern zu leben,
  • das Austraghaus in München, bei dem ein Haus aus den 20er Jahren ein Erweiterungsbau angegliedert wird, der für die Großeltern konzipiert worden ist,
  • der Ausbau einer Wohnung im Dachgeschoss eines industriell genutzten Gebäudes mit 160 Quadratmetern.

In der Rubrik Wohngemeinschaften werden zwei Modelle vorgestellt:

  • Die Wohngemeinschaft in einer alten Villa in Zürich und
  • der Großhaushalt "Karthago" (fünfgeschossiges Haus mit zehn Wohngemeinschaften und einer zentralen Küche mitsamt Esssaal im Erdgeschoss) ebenfalls in Zürich.

Zwei Modelle beschützenden Wohnens für Menschen mit Alzheimer-Demenz werden beschrieben:

  • Eine Wohngemeinschaft in einer ehemaligen Offizierswohnung mit 250 Quadratmeter in der zweiten Etage in München und
  • eine Demenzwohngruppe in einem modernisierten und umgebauten Altenpflegeheim in Würzburg.

Zuletzt wird unter dem Aspekt Wohnen im Ausland die Residencia Costa Tropical in Südspanien (Form des betreuten Wohnens vorgestellt).

Kritische Würdigung

Auf dem Rückumschlag des Buches wird u. a. vermerkt: "Das richtige Buch für alle ab 50, die die nächsten Jahrzehnte unbeschwert wohnen möchten."

Hieraus kann der Schluss gezogen werden, dass bei dieser Publikation der Informationscharakter für rüstige Senioren über künftiges Wohnen im Vordergrund steht.

Im Widerspruch hierzu steht die Tatsache, dass hier eine Reihe von Modellen vorgestellt werden, die entweder Seltenheitswert besitzen (feministisches Wohnprojekt, generationsübergreifende Wohnmodelle, Wohngemeinschaften für rüstige Senioren) oder die für den Durchschnitt der Bevölkerung kaum bezahlbar sind: der Ausbau eines Dachgeschosses für 345 000 Euro oder der Bau eines Zweifamilienhauses für 450 000 Euro.

Kritisch sieht der Rezensent auch die Tatsache, dass Transparenz und damit verbunden die übermäßige Verwendung von Glas gegenwärtig bei den Architekten en vogue zu sein scheint.

Für das Wohnen wichtige Empfindungen wie Gemütlichkeit und Heimeligkeit können bei völlig verglasten Wänden, Decken und auch Laubengängen wohl kaum entstehen. Viele vorgestellte Raummodelle strahlen den kalten Charme eines Konferenzzimmers oder die Anonymität eines Wartesaales aus.

Fazit

Es kann konstatiert werden, dass dieses Buch nur in einem äußerst geringen Ausmaß dem Informationsbedürfnis der Senioren über Wohnformen im Alter entspricht. Eher handelt es sich hierbei um ein Buch, dass Architekten, Städte- und Sozialplanern gelungene und auch misslungene Beispiele für eine seniorenspezifische Raumgestaltung bietet.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Es gibt 220 Rezensionen von Sven Lind.

Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Folgende Replik der Autorin (nähere Angaben s.u.) des rezensierten Buchs wurde am 12. 02.2004 veröffentlicht:

Am 3.2.2004 ist auf der Internet-Plattform Socialnet. eine Rezension meines Buches „Unbeschwert Wohnen im Alter“ von Herrn Dr. Sven Lind erschienen. Erlauben Sie mir hierzu einige Anmerkungen.

In meinem Buch werden unterschiedliche und ganz bewusst auch neuartige Wohnformen vorgestellt, für die verschiedene architektonische Lösungen entwickelt wurden. Dass sich dabei auch Beispiele finden, die dem Geschmack eines Einzelnen nicht entsprechen, liegt in der Natur der Sache. Darauf eine Rezension aufzubauen, wird dem Inhalt des Buches nicht gerecht und zeigt, dass Herr Dr. Lind -­ zweifellos ein anerkannter Fachmann auf seinem Gebie -­ das Konzept des Buches missverstanden hat.

Herr Dr. Lind kritisiert, dass Projekte gezeigt werden, die für den Durchschnitt der Bevölkerung kaum bezahlbar seien. Dabei hat er übersehen, dass auch viele preisgünstige Beispiele gezeigt werden, darunter auch solche, die von der Sozialhilfe finanziert werden.

Herr Dr. Lind findet, dass durch das häufig verwendete Glas in der Architektur Gemütlichkeit und Heimeligkeit kaum entstehen kann. Bei meiner Besichtigung der Projektbeispiele konnte ich in Gesprächen mit den Leitern der jeweiligen Einrichtung und den Bewohnern jedoch feststellen, dass helle und lichtdurchflutete Räume durchaus geschätzt werden.

Herr Dr. Lind spricht dem Buch ab, nützliche Informationen für interessierte Senioren zu liefern. Zahlreiche Buchbesprechungen in Print-Medien -­ auch in solchen, die sich sozialen Themen widmen - heben gerade den reichen Informationsgehalt des Buches hervor. Die Abhandlung von Herrn Dr. Lind empfinde ich nicht als sachliche Kritik. Sie verleidet Menschen, die sich über die verschiedenen Wohnformen unvoreingenommen informieren möchten, eine wichtige Informationsquelle.

Unabhängig davon erlebe ich den Internet-Auftritt von socialnet als sehr informativ und gestalterisch ansprechend. Gerne werde ich bei zukünftigen Recherchen auf Ihre Website zurückgreifen.

Mit freundlichen Grüßen

Bettina Rühm

Dipl.-Ing.(univ), Architektur

e-mail: ruehm@gmx.de

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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 03.02.2004 zu: Bettina Rühm: Unbeschwert wohnen im Alter. Neue Lebensformen und Architekturkonzepte. Deutsche Verlagsanstalt (München) 2003. ISBN 978-3-421-03434-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1291.php, Datum des Zugriffs 03.12.2022.


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