Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Jessica M. Löser: Der Umgang mit kultureller und sprachlicher Vielfalt [...]

Rezensiert von Prof. Dr. Regine Morys, 12.03.2012

Cover Jessica M. Löser: Der Umgang mit kultureller und sprachlicher Vielfalt [...] ISBN 978-3-86099-686-7

Jessica M. Löser: Der Umgang mit kultureller und sprachlicher Vielfalt an Schulen. Ein Vergleich zwischen Kanada, Schweden und Deutschland. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2010. 320 Seiten. ISBN 978-3-86099-686-7. 29,90 EUR. CH: 49,90 sFr.
Reihe: Bildung in der Weltgesellschaft - 5. Wissen & Praxis - 160.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand
Kaufen beim Verlag

Thema

Das vorliegende Buch stellt die Ergebnisse einer Fallstudie dar, in der der Umgang mit der durch Migrationsprozesse bedingten Heterogenität in Schulen in Kanada, Schweden und Deutschland verglichen wird. Die Analyse erfolgt anhand von sechs Kategorien wie z.B. dem Umgang mit der Herkunftssprache, der Förderung der Zweitsprache oder der Kooperation mit den Eltern. Aufgezeigt wird, wie die gesellschaftliche, die bildungspolitische und die bildungspraktische Ebene zusammenwirken. Die Studie generiert durch das international vergleichende Design wichtige neue Erkenntnisse zur oben genannten Fragestellung und zeigt damit wichtige Bedingungsfaktoren und Hindernisse für gelingende Bildungsprozesse von Kindern mit Migrationshintergrund in Schulen auf.

Autorin

Die Autorin ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sonderpädagogik der Leibniz Universität Hannover tätig.

Aufbau

Das Buch zeichnet sich durch einen sehr übersichtlichen Aufbau aus. Die ersten Kapitel leiten in die Thematik ein, zeigen den theoretischen Rahmen auf und erläutern das Forschungsdesign. Jedes Kapitel wird von Schlussfolgerungen abgerundet, so dass der Gedankengang gut zu verfolgen ist. Im zentralen fünften Kapitel werden die Ergebnisse der Fallstudie dargestellt. Die Ergebnisdarstellung folgt einem klaren und gut strukturierten Aufbau, indem zu jeder der sechs Kategorien jeweils die länderspezifischen Ergebnisse in einzelnen Unterkapiteln vorgestellt und dann in einem Zwischenfazit verglichen werden. Abgerundet wird dieses Kapitel durch ein Gesamtresümee. Die beiden abschließenden Kapitel leisten die Einordnung und Bewertung der Forschungsergebnisse und ihre Rückbindung an den Theorierahmen.

Inhalt

Im ersten Kapitel erfolgt der Problemaufriss. Kurz und prägnant werden bereits bekannte Daten zum Zusammenhang von Herkunft und Schulerfolg dargelegt und davon ausgehend die Fragestellung und Zielsetzung der Studie herausgearbeitet. Es wird deutlich gemacht, dass der neue Erkenntnisgewinn des in dieser Studie verfolgten Zugriffs darin liegt, durch die Ausweitung des international vergleichenden Blicks über Europa hinaus nach Kanada wesentliche Faktoren des Umgangs mit der Vielfalt an Schulen herausstellen zu können. Laut der Autorin liegt der erwartete Ertrag in Folgendem: „Sinnvolle bildungspolitische und bildungspraktische Maßnahmen der drei Staaten können herauskristallisiert und im Vergleich einander gegenübergestellt werden“ (S.21).

Das folgende Kapitel unter der Überschrift Sozio-demographische Situation: Kulturen- und Sprachenvielfalt in Kanada, Schweden und Deutschland widmet sich den länderspezifischen Besonderheiten in der statistischen Erfassung von Migranten und Migrantinnen, in den Immigrationsprozessen und in der gesellschaftlichen Reaktion auf diese. Deutlich wird, wie sich der Umgang mit Migrationsprozessen zwischen den drei Staaten aufgrund unterschiedlicher gesellschaftlicher Selbstverständnisse unterscheidet.

Das dritte Kapitel Theoretischer Rahmen: Interkulturelle Bildung und Vergleichende Erziehungswissenschaft ordnet die Fallstudie in den Theoriediskurs ein und verfolgt dabei einen systemisch-konstruktivistischen Zugriff.

Das vierte Kapitel steht unter der Überschrift Empirisches Vorgehen. Das Design der Fallstudie, die sich methodisch auf je drei Experteninterviews und je drei Gruppendiskussionen pro Land stützt, die Fallauswahl, die Durchführung und die Auswertung des Materials nach dem Verfahren der Inhaltsanalyse nach Mayring werden erläutert und begründet.

Das fünfte Kapitel (Schul-) Fallstudien aus Kanada, Schweden und Deutschland ist der Darstellung der Ergebnisse gewidmet. Zunächst werden Rahmeninformationen zum Schulsystem der drei Länder und die jeweiligen Besonderheiten vorgestellt.

Die vergleichende Sichtweise zum Umgang mit Schülern und Schülerinnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf zeigt deutliche Unterschiede zwischen den drei Schulsystemen dahingehend auf, inwiefern der Umgang mit Heterogenität als Normalität begriffen wird und entsprechende binnendifferenzierende Maßnahmen als Standard angeboten werden (Schweden, Kanada) oder inwiefern eher noch eine leistungshomogene Ausrichtung (Deutschland) leitend ist.

Die Frage nach der Förderung der Zweitsprache bzw. der Verkehrssprache als dritter Analysekategorie ergibt, dass sowohl in Kanada als auch in Schweden die Förderung der Schulsprache als Aufgabe der Schule angesehen und entsprechend professionell unterstützt und durchgeführt wird. Dagegen zeigt sich an der deutschen Untersuchungsgruppe eine uneinheitliche Einstellung: Mehrheitlich werde die Verantwortung für den Erwerb der Schulsprache den Eltern zugeschrieben. Die Schulen betonten die Problemlage, nur wenig oder keine Unterstützung bei der Förderung von Deutsch als Zweitsprache zu erhalten.

Auch im Hinblick auf den Umgang mit den Herkunftssprachen unterscheiden sich die drei Staaten. So werde in Kanada und in Schweden die Herkunftssprache als Ressource angesehen und in der Schule gefördert. Dagegen werde der Herkunftssprache in der deutschen Schule eine deutlich geringere Bedeutung zugemessen; die Förderung erfolge, wenn überhaupt, in separaten Angeboten. Einige – aber nicht alle der befragten Lehrkräfte – erkennen laut der Studie den Nutzen der Erstsprache für das Erlernen weiterer Sprachen.

Der „Umgang mit kultureller Vielfalt“ (S. 168) bildet die fünfte Analysekategorie. Handlungsleitend in Kanada scheint die Orientierung an der Politik des Multikulturalismus zu sein. Anstatt assimilierender Absichten werde die kulturelle Vielfalt wertgeschätzt. Eine ähnliche Haltung zeige sich in Schweden. Allerdings seien dort die Bedingungen für Integration aufgrund segregierender Wohnstrukturen erschwert. In Deutschland zeige sich wiederum ein sehr uneinheitliches Bild: Manche der Lehrkräfte orientierten sich ebenfalls an einem an Wertschätzung von Vielfalt ausgerichteten Leitbild, andere hingegen erwarteten von den Kindern und ihren Familien Assimilation. Einigkeit bestehe wiederum in der Erkenntnis der Problemlage und der als unzureichend eingeschätzten Unterstützung.

Das Thema Zusammenarbeit von Schule und Familie bildet den Abschluss der Analysen. Anknüpfend an die vorangegangenen Analysen ist es nicht überraschend, dass die integrative und wertschätzende Haltung in Kanada der Studie zufolge zu einer respektvollen Zusammenarbeit mit den Familien führt. In Schweden sähe die Schule ihre Aufgabe als Vermittler zwischen den Familien und der Mehrheitsgesellschaft. Die deutsche Haltung sei von unterschiedlichen Einstellungen und Handlungsweisen geprägt. Während ein Teil der Ergebnisse ergibt, dass Schule und Elternhaus getrennt voneinander agieren, setzen andere Lehrpersonen auf eine verstärkte Zusammenarbeit.

Zentral in der zusammenfassenden Schlussfolgerung ist die Interpretation, dass „die national unterschiedlichen Bedingungen, Selbstverständnisse und Integrationspolitiken (…) eine Erklärung dafür zu sein (scheinen), dass viele unterschiedliche Tendenzen in den Fallstudien vorzufinden sind“ (S.213). Anhand einer Übersichtstabelle wird dies verdeutlicht.

Dieses Ergebnis wird im Kapitel Nationalverständnis, Schulsysteme und Lehrpersonen – Bündelung und Interpretation der Ergebnisse vertieft und theoretisch eingeordnet. Zentral ist die Tabelle auf Seite 219, in der die empirisch gewonnenen Ergebnisse in einem Raster mit dem jeweiligen Nationalverständnis in Beziehung gesetzt werden. Demnach folgt Kanada dem Selbstverständnis des Pluralismus, Schweden dem eines kulturessentialistischen Pluralismus und Deutschland dem der ethnisch-kulturellen Homogenität. Die weiteren Ausführungen belegen diese Einordnung und entwickeln für jedes der drei Länder eine zusammenfassende Darstellung, die den Zusammenhang zwischen dem nationalen Selbstverständnis und der Handlungsebene deutlich macht.

Drei Staaten, neun Schulen, ein Fazit – der Umgang mit kultureller und sprachlicher Vielfalt bildet das Abschlusskapitel. Auf einer abstrakteren Ebene wird der Zusammenhang von Gesellschaft, Bildungspolitik und Bildungspraxis herausgearbeitet. Wichtige Schlussfolgerungen werden gezogen, z.B. über die Bedeutung eines an Pluralität orientierten Leitbildes auf allen drei Ebenen (vgl. S.285) sowie über die Bedeutung eines entsprechenden Konsenses zwischen den Lehrkräften (vgl. S.287). Somit zeige sich, dass Veränderungen dann – und nur dann – erzielt werden können, wenn diese Veränderungen auf allen drei Ebenen erfolgen und miteinander Hand in Hand gehen (vgl. S.288). Beispiele für konkrete Einzelmaßnahmen auf den drei Ebenen werden gegeben, wobei an vielen Stellen betont wird, dass im Mittelpunkt „ein verändertes Denken, das von einem ethnisch-kulturell homogenen Nationalverständnis Abstand nimmt und einen konstruktiven Umgang mit der gesellschaftlichen Pluralität“ (S. 296) nach sich zieht, „eine bessere gesellschaftliche und schulische Inklusion von Kindern mit Migrationshintergrund ermöglichen“ (S. 296) kann.

Diskussion

Das vorliegende Buch bietet – gestützt auf neue empirische Ergebnisse – einen wichtigen Beitrag zur Frage nach den möglichen Ursachen von Bildungsbenachteiligung von Kindern mit Migrationsgeschichte in Deutschland. Der Charme des Forschungsdesigns besteht im Vergleich von Fallstudien aus drei Ländern, die eine unterschiedliche Migrationspolitik verfolgen. Durch diesen kontrastierenden Zugriff gelingt die Herausarbeitung der drei Typologien des Umgangs mit Heterogenität an Schulen sowie die Darlegung des Zusammenhangs zwischen den Ebenen Gesellschaft, Bildungspolitik und Bildungspraxis vor Ort. Der Studie generiert somit wichtige neue Erkenntnisse, die nicht nur für den wissenschaftlichen Diskurs, sondern auch für die Gestaltung der Praxis von Bedeutung sind.

Dass die Ergebnisse aufgrund des gewählten Forschungsdesigns nicht repräsentativ sein können, versteht sich von selbst. Darauf weist auch die Autorin an mehreren Stellen hin. Ebenfalls gilt es zu berücksichtigen, dass ein solcher Vergleich – so erkenntnisgenerierend er einerseits ist –, andererseits etwas vergleicht, was nicht vollkommen vergleichbar ist. Als dritte Einschränkung für die Einschätzung der Reichweite der Ergebnisse gilt es zu beachten, dass die Daten aus Experteninterviews stammen und somit die subjektive Sichtweise der Befragten widerspiegeln.

Deshalb ist der Autorin zuzustimmen, wenn sie fordert, die Ergebnisse dieser Studie durch breit angelegte quantitativ-empirische Methoden zu replizieren und zu erweitern.

Von der Sprache und der Art der Aufbereitung her ist die Publikation nicht nur für wissenschaftlich Interessierte geeignet, sondern auch für interessierte PraktikerInnen und für Studierende gut verständlich.

.

Fazit

Die vorliegende Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur Frage nach dem Umgang mit Heterogenität aufgrund von Migrationsprozessen an Schulen in drei unterschiedlichen nationalen Kontexten. Durch den empirisch gelungenen kontrastierenden qualitativen Zugriff lassen sich drei verschiedene Typologien erkennen und sowohl wissenschaftlich als auch praktisch bedeutsame Einsichten gewinnen. Am Beispiel von Kanada wird überzeugend dargelegt, wie eine gesamtgesellschaftlich pluralistische Orientierung in Kombination mit dementsprechenden bildungspolitischen Maßnahmen die Umsetzung von Chancengerechtigkeit und Schulerfolg begünstigt.

Aufgrund des großen Erkenntnisgewinns, der sich aus der in diesem Buch dargestellten Studie und der daran anschließenden Analyse ziehen lässt, ist zu hoffen, dass das Buch sowohl von zahlreichen Lehrkräften und Schulleitungen als auch von Personen, die für die Gestaltung von Bildungspolitik und Bildungsplanung verantwortlich sind, gelesen wird.

Rezension von
Prof. Dr. Regine Morys

Es gibt 7 Rezensionen von Regine Morys.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Regine Morys. Rezension vom 12.03.2012 zu: Jessica M. Löser: Der Umgang mit kultureller und sprachlicher Vielfalt an Schulen. Ein Vergleich zwischen Kanada, Schweden und Deutschland. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2010. ISBN 978-3-86099-686-7. Reihe: Bildung in der Weltgesellschaft - 5. Wissen & Praxis - 160. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12911.php, Datum des Zugriffs 17.07.2024.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht