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Eva Bamberg, Gisela Mohr u.a.: Arbeitspsychologie

Cover Eva Bamberg, Gisela Mohr, Christine Busch: Arbeitspsychologie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2012. 301 Seiten. ISBN 978-3-8017-2165-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.

Reihe: Bachelorstudium Psychologie.
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Thema

Der strukturelle und technologische Wandel der Arbeitswelt in den Industrieländern hat zu einer grundlegenden Veränderung der Arbeitsinhalte und des Berufsspektrums geführt, markiert durch die Begriffe der Wissens- bzw. der Dienstleistungsgesellschaft. Neben den Umstrukturierungs- und Automatisierungsprozessen in der Güterproduktion, im kaufmännischen und Dienstleistungsbereich verändern sich parallel auch die Arbeitsbeziehungen. Es findet sich eine Zunahme von Teilzeitbeschäftigungen, von zeitlich befristeten und nicht sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen, von Leiharbeit und „Ein-Euro-Jobs“. Für den Einzelnen stellt sich damit die zunehmende Erfordernis des Selbstmanagements in der beruflichen Karriereentwicklung. Trotz der bereits in den 90 er Jahren diskutierten These vom Ende der Arbeitsgesellschaft kommt der Erwerbsarbeit für den Einzelnen eine zentrale biographische Funktion zu.

Mit Psychologie wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft insbesondere Psychotherapie, Psychodiagnostik, Lernpsychologie und aktuell auch Neuropsychologie verbunden. Die Arbeitspsychologie fristet hier m.E. ein Schattendasein, sehr zu unrecht. Schaut man auf die Themen des vorliegenden Lehrbuches, so wird dies deutlich. Hier geht es um Fragen der Berufswahl von Jugendlichen und von Laufbahnentscheidungen im Erwachsenenalter, Fragen der Gesundheitsrisiken und Arbeitsbelastung im Beruf, das Verhältnis von Arbeit, Freizeit und Familie, die Form von Arbeitsverträgen und der Arbeitsgestaltung in ihrem Einfluss auf das subjektive Erleben (Arbeitszufriedenheit, Arbeitsplatzbindung u.a.), sowie Fragen der Erwerbslosigkeit in seinen Auswirkungen für den Einzelnen. Es geht um Arbeitszeitgestaltung (z.B. in Schicht- und Nachtarbeit) und weitere Einflussfaktoren für eine menschengerechte Arbeitswelt. Die genannten Fragen besitzen punktuell auch eine Nähe zu organisationspsychologischen Fragestellungen, die Arbeitspsychologie leistet mit ihren Themenfeldern jedoch einen eigenständigen wissenschaftlichen Beitrag.

Entstehungshintergrund

Das Lehrbuch, in der Reihe Basiswissen Psychologie des VS Verlags, entstand aus den Vorlesungsunterlagen der Autorinnen. Es will Studierenden Grundlageninhalte der Arbeitspsychologie vermitteln und Dozenten und Dozentinnen eine Unterstützung für die Gestaltung ihrer Vorlesungen geben. Die Autorinnen beziehen in die Publikation 10 weitere Autoren und Autorinnen ein. Arbeit wird in dem Lehrbuch thematisch entsprechend des lebensbiographischen Verlaufs behandelt, wobei die Autorinnen einen Schwerpunkt auf das Thema Arbeit und Gesundheit legen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in dreizehn Kapitel, gibt jeweils am Kapitelende eine Zusammenfassung, weiterführende Literaturhinweise und Fragen zur Selbstkontrolle. Den thematischen Einstieg bildet die alltagsbezogene Auseinandersetzung mit (Erwerbs-)Arbeit, seine Bestimmungsmerkmale und seine Differenz zu anderen Tätigkeitsformen (Spiel, Lernen, Freizeitaktivitäten). Auch wird die Beschäftigung mit dem Thema Arbeit historisch und multidisziplinär hergeleitet. Mit den farblich unterlegten Definitionen zentraler Begriffe, zusammenfassenden Themenkästen, Praxisbeispielen, Reflexions- und Lernaufgaben, zahlreichen Abbildungen und Tabellen weist sich die Publikation als didaktisch vielschichtig gestaltetes Lehrbuch aus. Die Kapitel sind wie folgt überschrieben:

  1. Geschichte der Arbeit und der Arbeitspsychologie,
  2. Entwicklung der Arbeit,
  3. Regulation des Arbeitshandelns,
  4. Berufswahl und Laufbahnentwicklung,
  5. Arbeitssicherheit,
  6. Arbeit und Gesundheit – Wirkung von Arbeit,
  7. Arbeit und Emotion,
  8. Work-Life-Balance,
  9. Flexibilisierung der Arbeit und Psychologischer Vertrag,
  10. Erwerbslosigkeit,
  11. Arbeitsanalyse,
  12. Arbeitsgestaltung,
  13. Demographische Entwicklung, Arbeit und Alter.

Zu den verschiedenen Themen stellen die Autorinnen Alltagserfahrungen und – beobachtungen, gesellschaftliche Bezüge und fachliche Wertefragen her. Es werden Querbezüge zur Entwicklung der Wissenschaft Psychologie und richtungsgebenden Forscherpersönlichkeiten aufgezeigt. Die Praxisprobleme (in Kästen hervorgehoben) laden die Studierenden zum Mitdenken ein und knüpfen an praktischen Problemlöseaufgaben an (z.B. Wie würden Sie Jugendliche bei ihrer Berufswahl beraten?).

Auf der Basis des Handlungs- und Praxisbezugs führen die Autorinnen Modelle und Theorien der Arbeitspsychologie, Arbeitsinstrumente (z.B. diagnostische Fragebögen und betriebliche Programme) und empirische Forschungsergebnisse ein. Neben spezifischen Fragen zu Struktur, Inhalt und formalem Rahmen von Arbeitstätigkeiten für die verschiedenen Qualifikationsniveaus und betrieblichen Hierarchiestufen werden wiederholt genderspezifische Themenstellungen/Blickwinkel aufgegriffen. Als angehender Arbeitspsychologe würde ich mir noch mehr Verbindung zur täglichen Praxis der Arbeitspsychologen in industriellen Fertigungsprozessen und betrieblichen Abläufen von innovativen (Groß-)Unternehmen wünschen. Hier könnten die Praxisbeispiele noch direkter aus Projekten und Fertigungsbereichen von Industriebetrieben genommen werden.

Zielgruppen

Die Publikation wendet sich an Studierende der Psychologie (im Bachelor-Studiengang), sowie an Dozenten und Dozentinnen in der Arbeitspsychologie. Es wird hier ein lesenswertes und keineswegs auf den akademischen Elfenbeinturm zugeschnittenes Lehrbuch vorgelegt. Insofern ist auch nach der Lektüre mit anhaltendem Interesse bei den Studierenden zu rechnen. Auch wäre das Lehrbuch für Studierende angrenzender Fachgebiete (z.B. Industriesoziologie) empfehlenswert. Es gibt eine Einführung in die Struktur arbeitspsychologischer Themenstellungen, Modelle und relevante empirische Befunde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Organisations- und Leitungsverantwortung (diese werden von den Autorinnen nicht explizit als Zielgruppe genannt), können sich für Fragen der Arbeitsgestaltung über vorliegende wissenschaftliche Befunde und Modelle der Arbeitspsychologie informieren und sich in ihren Gestaltungsaufgaben davon anregen lassen. Für spezifische Teilfragen (z.B. Arbeitsplatzanalyse, Arbeitsschutzbestimmungen, Eignungsdiagnostik) ist dann flankierend weitere Literatur heranzuziehen.

Diskussion

Das Lehrbuch Arbeitspsychologie will Studierenden eine Einführung geben. Die übersichtliche Struktur, der Anwendungsbezug, die Konzentration auf zentrale Theorien bzw. Modelle und deren Relevanz für aktuelle arbeitspsychologische Fragen ist positiv hervorzuheben. In seinem didaktischen Konzept liegt hier ein ausgereiftes Lehrbuch vor. Bei anderen Publikationen wird diese Qualität oft erst in weiteren überarbeiteten Auflagen erreicht. Positive Verwendungsgesichtspunkte stellen neben den bereits genannten auch das Glossar und das Schwortregister dar.

Die Autorinnen sind ausgewiesene Spezialistinnen im Lehrgebiet Arbeitspsychologie. Sie integrieren den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion zum Themenfeld und zeigen Querverbindungen zu Fragen der allgemeinen Lebensgestaltung, der Gesundheitsvorsorge und der Bewertung von Teilhabe am Arbeitsprozess in modernen Industriegesellschaften auf.

Fazit

Das vorgelegte Lehrbuch Arbeitspsychologie baut auf ein schlüssiges didaktisches Konzept und eine klare thematische Struktur. Empfehlen würde ich es für Psychologiestudenten, Dozentinnen und Dozenten im Bachelor-Studium und für Studierende angrenzender Fachgebiete. Als Zugang eignet es sich auch betriebliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit arbeitspsychologischen Gestaltungsaufgaben.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 15.06.2012 zu: Eva Bamberg, Gisela Mohr, Christine Busch: Arbeitspsychologie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2012. ISBN 978-3-8017-2165-7. Reihe: Bachelorstudium Psychologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12916.php, Datum des Zugriffs 19.10.2018.


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