socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Torsten Klemm, Josephine Röhrig: Skandalisierung sexuellen Kindesmissbrauchs [...]

Cover Torsten Klemm, Josephine Röhrig: Skandalisierung sexuellen Kindesmissbrauchs im interkulturellen Vergleich. Leipziger Literaturverlag (Leipzig) 2012. 96 Seiten. ISBN 978-3-86660-137-6. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.

Reihe: Leipziger Beiträge zur Sozialwissenschaft - Band 10.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund

Das Buch ist als Band 10 in der Reihe Leipziger Beiträge zur Sozialwissenschaft erschienen.

Neben einer Internetrecherche wurden Experten und Hilfsorganisationen (per mail) befragt.

Aufbau

Im ersten großen Abschnitt werden einige ausgewählte Aspekte zum Thema sexueller Kindesmissbrauch aufgegriffen. Daran schließt sich das Thema Skandale und Skandalisierung an. Der Kindesmissbrauch im internationalen Vergleich wird an Beispielen aus den Ländern China, Brasilien und Ghana diskutiert. Kurze Anmerkungen über die Implikationen für die Soziale Arbeit schließen das Buch ab.

Inhalt

Der erste Teil zum sexuellen Kindesmissbrauch wird durch die sozialwissenschaftliche Perspektive eingeleitet, indem die Frage der Definition aufgegriffen wird. Nach Verweisen auf juristische Aspekte wird ein historischer Überblick des Themas Kindesmissbrauch in Europa aufbereitet. Unter der Überschrift Zahlen und Fakten werden ausgewählte empirische Befunde zu den Aspekten Häufigkeit, Täterstrategien (Faktoren, die sexuellen Kindesmissbrauch begünstigen sowie Faktoren, die vor einer kriminellen Karriere Schützen) und Rückfallquote dargestellt.

Unter dem Begriff Skandale ist der nächste Abschnitt gefasst. Eine Definition und die Funktionen im Rahmen einer Gesellschaft (an einigen Beispielen aus der Politik) leiten diesen Abschnitt ein, um anschließend das Kernthema – sexueller Kindesmissbrauch in Institutionen als Skandal (Stichworte: Wormser Prozesse, Missbrauchsskandale in deutschen Bildungseinrichtungen, Missbrauch in der katholischen Kirche – aufzugreifen. Verschiedene, mediale Einflussfaktoren, die diese Thematik an die Öffentlichkeit bringen, werden anschließend aufgeführt: Literatur und Fachliteratur, Zeitschriften und Zeitungen, Film, Fernsehen, Internet. Einige Hinweise zu auch aktuellen, politischen Reaktionen und Interventionen (z.B. Runder Tisch) runden den Abschnitt zum Thema Skandale ab.

Der Abschnitt zu internationalen Aspekten des sexuellen Kindesmissbrauchs an Beispielen aus den Ländern China, Brasilien und Ghana ist jeweils ähnlich strukturiert: nach einer kurzen Einführung zum jeweiligen Land wird Justiz und Politik mit den Aspekten Kinderschutz, Strafverfolgung und Strafrecht dargestellt, um anschließend unter der Überschrift Akzeptanz und Inakzeptanz sexuellen Missbrauchs vorhandene Studien und die Thematisierung in den Medien dieses Themas an Beispielen darzustellen.

In dem Abschnitt Diskussion wird die Situation in diesen drei Ländern mit der Situation in Deutschland verglichen (mit den Schwerpunkten Justiz, Politik, mediale Skandalisierung, gesellschaftliche Akzeptanz und Inakzeptanz). Einige Anmerkungen für die Praxis der Sozialen Arbeit schließen das Buch ab.

Diskussion

Zwei interessante Grundideen zeichnen dieses Buch aus: in welcher Form (gerade im Hinblick auf die Diskussion in Deutschland) wird das Thema sexueller Kindesmissbrauch medial und öffentlich diskutiert und wie stellt sich die Situation in anderen Ländern dar. Die Beschränktheit des deutschen Blickwinkels, die auch in anderen Fachdiskussionen zu beobachten ist, soll damit verändert werden. Hier gewinnt der Leser interessante Einblicke in andere Kulturen und Länder über den Umgang mit dem Thema sexueller Missbrauch. Eine weitere Grundthese des Buches – in den deutschen Medien aufbereitete Einzelfälle zum Thema sexueller Missbrauch verschleiern den Blick für die wirklichen Problembereiche – scheint mir diskussionswürdig. Belegt werden kann diese sehr pauschale Feststellung nicht. An den Ausführungen zum Thema sexueller Missbrauch ist zu bemängeln, dass vielfach auf veraltete Quellen aus den Anfängen der 90-er Jahre zurückgegriffen wurde, die nicht den Stand der aktuellen Fachdiskussion korrekt wiedergeben. In den letzten Jahren ist im Rahmen des Deutschen Jugendinstitutes eine Vielzahl von qualitativ hochwertigen Veröffentlichungen (auch zu internationalen Aspekten) erschienen, die zu vielen Aspekten dieses Themas Orientierung geben können. Durch die sehr knappen Ausführungen dieses Buches zu ausgewählten Aspekten des Missbrauchs geraten einige Ausführungen sehr pauschal und wendig differenziert. Beispielsweise hätte man sich bei den Anmerkungen zur Häufigkeit des Missbrauchs eine Differenzierung nach Tätergruppen gewünscht, die dann doch ein etwas anderes Bild der Häufigkeitsentwicklung in Deutschland aufgezeigt hätten. Ein Blick in die Praxis und auf die Anzeigebereitschaft bei diesem Thema lässt wohl nicht zu, von einer „Hypersensibilisierung“ von Ärzten, Erziehern etc. zu sprechen. Als einziger Beleg werden hier die Wormser Prozesse aus den 90-ern angeführt. Insgesamt hätte man sich bei Wortwahl und Sprache mehr Sorgfalt gewünscht.

Verdienstvoll ist, dass auch die aktuellen Ereignisse in Deutschland (Runder Tisch, die Reaktionen der Politik, Fernsehsendungen, Internet etc.) in diesem Kontext aufgegriffen werden

Fazit

Sachkundige Kollegen, die Informationen zum Thema sexueller Missbrauch in anderen Ländern suchen, bekommen durch dieses Buch einige Anregungen.


Rezension von
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
E-Mail Mailformular


Alle 39 Rezensionen von Ulrich Paetzold anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ulrich Paetzold. Rezension vom 30.04.2012 zu: Torsten Klemm, Josephine Röhrig: Skandalisierung sexuellen Kindesmissbrauchs im interkulturellen Vergleich. Leipziger Literaturverlag (Leipzig) 2012. ISBN 978-3-86660-137-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12933.php, Datum des Zugriffs 04.04.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Leitung (w/m/d) Kindergarten, Lissabon und Estoril (Portugal)

Sozialpädagoge oder Erzieher (w/m/d) für Mobile Jugendarbeit, Hennigsdorf

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung