Fitzgerald Crain: Ich geh ins Heim und komme als Einstein heraus
Rezensiert von Dipl. Sozialarbeiter Christoph Wimmer, 23.08.2012
Fitzgerald Crain: Ich geh ins Heim und komme als Einstein heraus. Zur Wirksamkeit der Heimerziehung. Springer VS (Wiesbaden) 2012. 271 Seiten. ISBN 978-3-531-18442-5. 39,95 EUR.
Thema
In der vorliegenden Publikation geht es um eine Studie, die sich in qualitativer Weise mit der Wirksamkeit von Heimerziehung in einer stationären Einrichtung für männliche Jugendliche in der Schweiz auseinandersetzt.
Autor
Der Autor, Fitzgerald Crain, war Dozent an der Universität Basel und Professor an der pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz mit dem Schwerpunkt psychoanalytische Pädagogik. Zusätzlich war er Praxisberater in Kinder- und Schulheimen und rund 30 Jahre lang, bis 2009 arbeitete er als Heimpsychologe in der von ihm untersuchten stationären Einrichtung. Dort war er für die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen fallberatend tätig.
Entstehungshintergrund
Die Studie wurde von Crain unter der Mitarbeit von vier weiteren Forscherinnen und Forschern, Barbara Sprecher, Nunzio Ballato, Manuel Crain und Sabine Derrer, durchgeführt, die in verschiedener Intensität an der Studiengestaltung beteiligt waren. Aufgrund der persönlichen Nähe des Autors zur untersuchten Institution wurden Teile der Untersuchung von diesen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durchgeführt, um eine wissenschaftliche Distanz gewährleisten zu können. Auf den Umstand, dass es nicht „das Heim“ an sich gibt und daher das System „Heim“ nicht allgemein untersucht werden kann, wird gleich zu Beginn der Ausführungen hingewiesen. Daher wird exemplarisch lediglich eine Einrichtung untersucht. Weiters betont der Autor, dass es wenig Studien zur Wirksamkeit der Heimerziehung in der Schweiz geben würde. Darüber hinaus wird darauf verwiesen, dass der ökonomische Faktor auch in diesem Bereich zunehmend an Bedeutung gewinnt. Heimerziehung muss demnach zusehends auch im ökonomischen Sinne argumentiert werden.
Bei der untersuchten Einrichtung handelt es sich um ein Schweizer Heim für männliche Jugendliche mit einem internen Schulangebot mit jahrzehntelanger Bestehungsgeschichte. Insgesamt gibt es Betreuungsplätze für maximal 31 Jugendliche im Alter von 12 bis 20 Jahren, die in Wohngruppen zu je sechs Jugendlichen (eine Lehrlingsgruppe mit 7 Jugendlichen) von vier Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen werden.
Aufbau
Die Studie geht der Frage nach, welche Einflussfaktoren in der Heimerziehung wirksam sind und ob Heimerziehung im expliziten Fall der untersuchten Einrichtung die Lebenschancen von Jugendlichen verbessern kann und welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit eine positive Entwicklung eintreten kann. Die Ausgangshypothese des Forschungsteams lautet dabei, dass die stationäre Erziehung in einem Schulheim die Bedingungen einer gelingenden Integration verbessern kann. Es geht auch um die Frage, ob die stationäre Erziehungsarbeit entgegen der Meinung vor allem aus dem Bereich der Verhaltensgenetik und der Neuropsychologie, dass die biologischen Anlagen oder die frühkindlichen Erfahrungen für die spätere Entwicklung entscheidend sind, trotzdem zu einem signifikant positiven Einflussfaktor für Jugendliche werden kann. Ziel ist, ohne einen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit zu erheben, zu skizzieren, was in einer stationären Einrichtung unter bestimmten Voraussetzungen in Bezug auf die Entwicklung von Jugendlichen geschehen kann. Die ForscherInnen gehen davon aus, dass Heimerziehung „ein die Integration fördernder Faktor im späteren Leben eines Jugendlichen war, wenn der Heimaufenthalt erfolgreich verlief (Crain, 2012, S. 70). Dabei wird erfolgreiche Heimerziehung anhand folgender vier Punkte definiert:
- Positive Zäsur im Leben eines Jugendlichen z.B. durch die Unterbrechung einer gefährdeten Schullaufbahn oder die Behebung einer familiären Notsituation.
- Wichtige Veränderung in der persönlichen Entwicklung eines Jugendlichen z. B. in Bereich des Selbstvertrauens oder der Selbständigkeit.
- Abschluss der Schule als Voraussetzung der beruflichen Bewährung
- Gemeinsam geplanter Austritt des Jugendlichen aus der Einrichtung
Die Untersuchung besteht zum Großteil aus zwei qualitativen Teilen, mithilfe derer die Forschungsfragen beantwortet werden sollen.
Im ersten Teil werden anhand einer Verlaufsanalyse die biographischen Verlaufsdaten von 78 Jugendlichen vor und während ihrer Zeit in der Einrichtung beforscht. Basis bilden Berichte aus der Zeit vor dem Heimeintritt und während des Heimaufenthaltes. Die Unterlagen der 78 Jugendlichen werden nach einem Raster untersucht, der unter biographischen und psychodynamischen Kriterien erarbeitet wurde. Dabei geht es vor allem um Erkenntnisse bezüglich der Veränderung während des Heimaufenthaltes, die in vier verschiedenen „Figuren der Veränderung“ (Crain, 2012, S. 91 ff.) beschrieben werden. Zur genaueren Darstellung der einzelnen Figuren, werden detaillierte Fallbeispiele von Jugendlichen angeführt.
- 40 von insgesamt 78 untersuchten Jugendlichenbiographien können dieser Gruppe zugeordnet werden, bei der der Heimeintritt eine deutliche Zäsur darstellt, sich die schulische Situation entspannt, eine Beruhigung der familiären Situation eintritt und es zu keinen weiteren Strafdelikten kommt. Die Schulpflicht wird positiv erfüllt und es kommt in allen Fällen zu einem regulären Austritt aus der Einrichtung.
- 17 von 78 Jugendlichen können der zweiten Figur zugeordnet werden, bei welcher der Heimeintritt auch eine positive Zäsur darstellt, sich die familiäre Situation jedoch in den meisten Fällen nicht ändert. Diese Jugendlichen lassen sich aber nicht auf eine emotionale und gedankliche Auseinandersetzung mit ihrem Heimaufenthalt ein. Der Heimaufenthalt kann regulär abgeschlossen werden.
- 5 von 78 Heimbiographien umfasst diese Gruppe von Jugendlichen, bei der ein anfangs positiver Verlauf mit einem nicht regulären Austritt endet.
- 16 von 78 werden dieser Gruppe zugerechnet, bei der die Jugendlichen während ihres Heimaufenthaltes keine oder kaum Ansätze zu einer Entwicklung erkennen lassen. Die Schule wird in nur einem Fall in der internen Schule abgeschlossen und der Austritt ist krisenhaft.
In einem zweiten Teil geht es um eine qualitative Einzelfallstudie, bei welcher ehemals Betreute der Einrichtung mittels problemzentrierter Interviews anhand eines Leitfadens befragt wurden. 74 Personen wurden für die Teilnahme an dem Interview angeschrieben, wobei es sich dabei zum Großteil um die Personengruppe der vollständig untersuchten Jahrgänge 1977 bis 1983 handelte. 35 Personen erklärten sich zu einem Interview bereit, 11 Angefragte erteilten eine Absage, und von 28 ehemals Betreuten konnten trotz intensiver Suche keine Adressen ausgeforscht lassen. Der Leitfaden ist chronologisch in drei Abschnitte aufgeteilt. So wurde nach Erinnerungen an die Zeit vor dem Heimeintritt, während des Aufenthaltes in der Einrichtung sowie nach der sozialen und beruflichen Entwicklung nach dem Austritt gefragt. Fokus dieser Interviews ist es, Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie wirksam die Heimerziehung aus der Sicht von direkt Betroffenen in Bezug auf ihre berufliche Integration, ihre Anpassung an gesellschaftliche Normen und ihre Beziehungsgestaltung zu Partnerinnen und Partnern, Freundinnen und Freunden, eigenen Kindern und ihrer Herkunftsfamilie war.
Aus diesen Aussagen werden von dem Forschungsteam sechs verschiedene „Figuren der Entwicklung“ (Crain, 2012, S. 155 ff.) herausgearbeitet, die, wie bereits die unterschiedlichen Veränderungsformen, anhand exemplarischer Falldarstellungen detailliert ausgeführt werden und den jeweiligen Integrationsgrad der Befragten veranschaulichen sollen.
- Gelingende Integration nach erfolgreichem Heimaufenthalt
- Gelingende Integration nach unmotiviertem Heimaufenthalt
- Gelingende Integration nach krisenhaftem Austritt
- Prekäre Integration nach erfolgreichem Heimaufenthalt
- Prekäre Integration nach unmotiviertem Heimaufenthalt
- Prekäre Integration nach krisenhaftem Austritt
Bei 28 der 35 Befragten kann laut Einschätzung der Forscherinnen und Forscher von einer erfolgreichen Integration gesprochen werden, wobei 24 dieser 28 Personen der ersten Figur der Veränderung während ihres Heimaufenthaltes (Heimaufenthalt wurde in konstruktiver Weise von den Jugendlichen genützt) zugerechnet werden können.
Im Anschluss an die Auswertungen wird die Frage nach Faktoren für eine gelingende oder gescheiterte Integration gestellt. Als entscheidend für eine gelingende Integration, werden eine berufliche Bewährung und ein positiver Kontakt zur Herkunftsfamilie erkannt. Auf die Frage, welche Bedeutung die Heimzeit im Erleben der ehemals Betreuten hat, wird angegeben, dass der Eintritt ins Heim besser im Gedächtnis ist als der Austritt, die anfängliche Integration beim Heimeintritt in die bestehende Gruppe für die wenigsten problemlos verlaufen ist und die Beziehung zu den anderen Jugendlichen in der Einrichtung meist als gut beschrieben wird. Der Kontakt zu den Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen wird als ambivalent beschrieben, wobei viele Details wie Namen oder Ereignisse präsent sind. Der Schulbetrieb ist fast ausnahmslos mit guten Erinnerungen verbunden. Beinahe alle betonen die positive Bedeutung der Heimzeit für ihre schulische und auch berufliche Laufbahn. Zusammenfassend wird von den meisten Befragten behauptet, dass ihnen der Heimaufenthalt viel gebracht habe.
Die Forscherinnen und Forscher kommen daher zu dem Resümee ihrer Untersuchung, dass „die Zeit im Schulheim für den grössten Teil der Interviewten eine für sie wichtige und aufbauende Erfahrung gewesen war“ (Crain, 2012, S. 224) und der „weitaus grösste Teil der Befragten schrieb der Zeit im Schulheim eine wesentliche Mitverantwortung für die aktuelle Bewährung im Alltag zu“ (Crain, 2012, S. 227). Im Besonderen wird am Ende der Untersuchung von dem Forschungsteam nochmals die Wichtigkeit eines positiven Schulabschlusses und die Bedeutung der intensiven Zusammenarbeit der Einrichtung mit den Familienangehörigen der Jugendlichen hervorgehoben aber auch der Umstand, dass die Dauer des Heimaufenthaltes nicht zu kurz sein und mindestens drei Jahre dauern sollte, damit eine höhere Nachhaltigkeit der Entwicklung gegeben sei.
Im letzten Kapitel stellt der Autor die Frage, wohin sich die Heimerziehung entwickeln wird. Dabei setzt er sich kritisch mit Fragen der Ökonomisierung der Heimerziehung auseinander und sieht eine tendenzielle Rückkehr zur Anwendung einer repressiven Pädagogik gegeben. Ausgehend von einer psychodynamischen Sicht auf Entwicklung plädiert der Autor dafür, den fürsorglichen Aspekt in der Betreuung von schwierigen Kindern und Jugendlichen nicht unterzubewerten. Abschließend verweist Crain darauf, dass der momentan aktuell vorherrschende Inklusionsgedanke in der Pädagogik auch nicht des Rätsel Lösung für die sozialpädagogische Unterstützung Kinder und Jugendlicher aus schwierigen Verhältnissen sein kann, sondern professionelle sozialpädagogische Institutionen auch in Zukunft ihre Bedeutung haben sollen. „Ein Heim kann ein lebendiges System sein, in dem Menschen miteinander anerkennend in Beziehung treten.“ (Crain, 2012, S. 264)
Diskussion
Die Repräsentativität der gewonnen Aussagen ist aufgrund der eingeschränkten Stichprobe vor allem im Interviewteil als gering einzuschätzen und kann daher die Wirksamkeit von Heimerziehung im Allgemeinen nicht erfassen, worauf allerdings auch der Autor mehrmals hinweist. So werden bei den Interviews in erster Linie ehemals Betreute befragt, die während ihres Heimaufenthaltes der ersten Figur der Veränderung zugezählt werden und bei denen schon aufgrund ihrer positiven Entwicklung im Schulheim eher von einer erfolgreicheren Bewährung in der Zeit nach dem Heimaustritt ausgegangen werden kann. Dieser Umstand ist allerdings dadurch bedingt, dass mit vielen Personen der anderen Figuren der Veränderung trotz großen Bemühens keine Interviews geführt werden konnten. Positiv hervorzuheben ist der Umstand, dass die verschiedenen Figuren der Veränderung und Entwicklung nicht abstrakt dargestellt, sondern anhand der realen Fallbeispiele sehr anschaulich aufgezeigt werden. Entscheidend ist auch der Hinweis des Autors, dass bei allem Versuch einer Systematisierung nicht vergessen werden darf, dass es sich bei den Untersuchten um Individuen handelt, die alle mit einer einzigartigen Biographie ausgestattet sind. Die im letzten Kapitel angeführte Kritik an Wohngemeinschaften als Form einer kostengünstigeren stationären Unterbringung im Vergleich zur herkömmlichen Heimunterbringung erscheint allerdings zu plakativ. Der Autor bedient sich dabei lediglich einer autobiographischen Schilderung der negativen Erfahrung eines in einer Wiener Wohngemeinschaft ehemals Untergebrachten.
Fazit
Die Studie leistet einen wichtigen Beitrag zu einer wenig beforschten Thematik, die allerdings alleine aufgrund der ökonomischen Relevanz an Bedeutung gewinnen wird. Sie betont in ihren Kernaussagen die Wichtigkeit und den möglichen Erfolg sozialpädagogischer Maßnahmen. Die Untersuchung kann und sollte auch für andere sozialpädagogische Einrichtungen als Anstoß gesehen werden, sich intensiv mit der Frage nach der Wirksamkeit der eigenen pädagogischen Arbeit auseinanderzusetzen. Die in dieser Studie verwendete Forschungsmethodik mit ihrer Typologie der Veränderung und Entwicklung kann anderen Einrichtungen beispielgebend für eigene Forschungsansätze sein. Was aus der Analyse der Interviews auch ersichtlich wird, ist die Tatsache, dass qualitative Forschung, wie sie in dieser Studie angewandt wurde für die Befragten eine Form der Wertschätzung darstellen kann. Darüber hinaus kann die Auseinandersetzung mit den persönlichen Erlebnissen in der Einrichtung in einigen Fällen der eigenen Vergangenheitsbewältigung dienlich sein. Diese Publikation richtet sich vorwiegend an sozialpädagogische Fachkräfte, stellt aber auch für verantwortliche KostenträgerInnen wertvolle qualitative Aussagen zur Verfügung.
Rezension von
Dipl. Sozialarbeiter Christoph Wimmer
Diplomsozialarbeiter und Diplomsozialwirt, Supervisor und Erlebnispädagoge, Lehrender am Lehrgang „Elebnispädagogik/Elebnistherapie“ FH -Linz/Alpenverein Akademie
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