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Ingrid Kaiser: Gewalt in häuslichen Beziehungen

Cover Ingrid Kaiser: Gewalt in häuslichen Beziehungen. Sozialwissenschaftliche und evolutionsbiologische Positionen im Diskurs. Springer VS (Wiesbaden) 2012. 226 Seiten. ISBN 978-3-531-18341-1. 39,95 EUR.

Reihe: VS research.
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Thema

Entstehungsbedingungen von Gewalt in Paarbeziehungen und Eltern-Kind-Beziehungen wie auch empirische Befunde dazu werden unter den theoretischen Paradigmen sozialwissenschaftlicher und evolutionsbiologischer Orientierung vorgestellt und diskutiert.

Die Autorin ist sich dabei bewusst, dass sich Vertreterinnen und Vertreter beider Disziplinen (Sozialwissenschaften und Biologie) aus historischen Gründen eher skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen. Sie möchte aber die „Theorieofferte der Evolutionsbiologie“ (S.13) für die Bearbeitung sozial- und erziehungswissenschaftlich relevanter Fragestellungen produktiv nutzen. Absicht der Autorin ist es, systematisch Anschlussmöglichkeiten und Anreicherungspotenziale zwischen den Erklärungsansätzen aufzuzeigen und für Intervention und Prävention von Gewalt in häuslichen Beziehungen nutzbar zu machen.

Autorin

Dr. Ingrid Kaiser ist Diplom-Biologin und Erziehungswissenschaftlerin. Sie leitet eine Beratungsstelle für sexuell übergriffige Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und arbeitet in der Fortbildung zur Gewaltprävention.

Entstehungshintergrund

Die hier publizierte Untersuchung ist eine Dissertation der Universität Erlangen-Nürnberg, 2010.

Aufbau

  • Im ersten, einleitenden Kapitel wird neben der Problemstellung ausführlich auf den Forschungsstand eingegangen und die Grundannahmen sozialwissenschaftlicher und evolutionsbiologischer Gewaltforschung werden dargelegt.
  • Das zweite Kapitel stellt sozialwissenschaftliche, das dritte Kapitel evolutionsbiologische Erklärungsansätze zu Gewalt in häuslichen Beziehungen vor.
  • Im vierten Kapitel werden die beiden Ansätze entlang der drei Strukturkategorien Interesse, Ressourcen und Geschlecht aufeinander bezogen und Anschlussmöglichkeiten formuliert. Ebenso werden Anreicherungspotenziale für Intervention und Prävention dargestellt.
  • Das fünfte Kapitel dient der Formulierung von Anregungen an die theoretische und empirische Forschung.
  • Abschliessend erfolgt eine kurze Zusammenfassung.

Zu Kapitel 1

Im einleitenden ersten Kapitel wird die Problemstellung skizziert. Die Autorin stellt dabei fest, dass in den Sozialwissenschaften zwei voneinander abgegrenzte Diskursbereiche auszumachen sind: einerseits körperliche Gewalt und Vernachlässigung in Eltern-Kind-Beziehungen, andererseits körperliche wie sexualisierte Gewalt in Paarbeziehungen sowie sexualisierte Gewalt in Eltern-Kind-Beziehungen. Auch in der Evolutionsbiologie lassen sich gemäss Kaiser zwei Zugangsweisen unterscheiden: einerseits Evolutionspsychologie und andererseits Life History Theory (Muster von Geburt, Maturität, Reproduktion und Tod).

Der Forschungsstand zeigt hinsichtlich interdisziplinärer Bezüge einerseits eine strenge Natur-Kultur-Antinomie Diskussion: aus der Perspektive der einen Disziplin werden Erklärungsansätze der anderen analysiert. Andererseits lassen sich Forschungen finden, die tendenziell evolutionsbiologische Ansätze eher bei massiven Formen von Gewalt (tödliche Beziehungsgewalt und Infantiziden) favorisieren, bei nicht tödlichen Formen (Kindsmisshandlung, sexuelle Gewalt) jedoch eher sozialwissenschaftlichen Ansätzen höhere Erklärungskraft zuschreiben.

Den sozialwissenschaftlichen Ansätzen schreibt die Autorin auf Grund des Forschungsstandes eine intentionale Perspektive zu, den evolutionsbiologischen eine funktionale. Sozialwissenschaftliche Forschungen fokussieren auf die (handlungsleitenden) Intentionen des Subjekts, auf den Einfluss von Rahmenbedingungen (z.B. sozioökonomischer Status, gesellschaftlich verankerte Normen und Werte etc.) und auf die Zuschreibungen an das Objekt der Gewalt (das Opfer) durch die Täterschaft. Evolutionsbiologischen Forschungen ist das Paradigma der genzentrierten Fitnessmaximierung gemeinsam. Anpassung und Angepasstheit sind hier leitende Konzepte ebenso wie das Konzept der genetischen Gesamtfitness (direkte Fitness/eigene Nachkommen und indirekte Fitness/Nachkommen in der Verwandtschaft). Daneben sind Konzepte der konditionalen Strategie (Kosten-Nutzen-Bilanzierung des Investments) im diesem Forschungskontext zu finden.

Für beide Forschungsbereiche ist gemäss Kaiser die Frage der Unterscheidung von Aggression und Gewalt entscheidend. Während die Autorin bei den sozialwissenschaftlichen Ansätzen ein Ringen um die Abgrenzung von Gewalt und Aggression feststellt, welche jedoch normativ und analytisch Theorie immanent bestimmt werden können, sieht sie bei den evolutionsbiologischen Ansätzen Gewalt im Kontext „des nicht zielgerichteten Prozesses der biologischen Evolution“ (S. 25) stehen.

Die Autorin selber betont, dass ihre Arbeit von der normativen Prämisse getragen werde, wonach Gewalt in jeglicher Form zu beenden ist und in keinem Fall toleriert werden kann (vgl. S. 26).

Ihre Untersuchungsfrage richtet sich denn auch auf Anschlussmöglichkeiten und Anreicherungspotenziale der beiden Ansätze für Intervention und Prävention von Gewalt in häuslichen Beziehungen. Sie untersucht mit hermeneutischen Methoden Materialien aus der Gewaltforschung, unter Ausschluss der Aggressionsforschung. Als Strukturkategorien für ihre Untersuchung dienen ihr die Begriffe ‚Interesse‘, ‚Ressourcen‘ und ‚Geschlecht‘.

Zu Kapitel 2

Das zweite Kapitel untersucht die intentionale Perspektive (sozialwissenschaftliche Perspektive) auf Gewalt in häuslichen Beziehungen. Es werden insbesondere psychopathologische, sozialpsychologische, soziostrukturelle und soziokulturelle, feministische bzw. patriarchatskritische und tätertherapeutische Ansätze in die Untersuchung einbezogen.

Liegt die Perspektive auf dem Subjekt der Gewaltausübung, werden Kompensation von psychischer Krankheit oder Überforderung untersucht. Ebenso wird aus dieser Perspektive Gewalt als Ausdruck sozialer Vermittlung im Sinne des Nachahmungsverhaltens und strukturell verankerter Normen und Werte verstanden und analysiert. Eingang in Untersuchungen finden im Weiteren auch Fragen des planvollen Handelns wie z.B. soziale Kontrolle oder Grooming-Prozesse.

Liegt die Perspektive auf den Rahmenbedingungen von Gewalt, so steht der Einfluss von Umweltfaktoren im Zentrum. Es werden zum einen demografische Risikofaktoren wie Alter oder Geschlecht der Täter/innen oder der Opfer untersucht. Zum andern werden sozioökonomische Risikofaktoren wie materieller Status oder Bildungsstatus untersucht. Als dritte Ansätze werden Untersuchungen zu strukturellen Machtgefällen (insbesondere zu patriarchalen Strukturen) vorgestellt.

Liegt die Perspektive auf dem Opfer, so wird das Opfer als Subjekt im Sinne des ‚Provokateurs‘, als Teil einer Konfliktpartei, als Partnerersatz, als Belastungsfaktor oder als (ausgenutztes) Objekt untersucht. Ein anderer Zugang unter dieser Perspektive kombiniert den Subjekt- und Objektstatus des Opfers, zum Beispiel die These der Mit-Täterschaft, welche jedoch nicht auf individueller Ebene sondern eher als ‚Kollektivcharakter‘ (z.B. weibliche Mittäterschaft und Re-Produktion des strukturellen Geschlechter-Machtgefälles) untersucht.

Für die Autorin scheint die den verschiedenen Perspektiven vorgelagerte Frage zentral, in wie weit Gewalt theoretisch verortet wird als eine individuelle (aber nicht zwingend bewusste) Entscheidung oder als Folge äusserer Umstände und damit verbunden als eine Frage der Entlastung. Zudem stellt Kaiser fest, dass die Befunde vielfältig sind und keines der Modelle diese konsistent zu erklären vermag. So kann Ausübung von Gewalt auf Grund materieller Bedingungen der Täterschaft nicht ausreichend vorhergesagt werden oder anders gesagt, können gute materielle Bedingungen nicht grundsätzlich als Risikofaktor ausgeschlossen werden.

Zu Kapitel 3

Das dritte Kapitel untersucht die biologisch-funktionale Perspektive auf Gewalt in häuslichen Beziehungen. Es werden insbesondere Befunde aus den Teildisziplinen Soziobiologie, Evolutionspsychologie und vergleichende Primatologie in die Untersuchung einbezogen.

Liegt die Perspektive auf Gewalt als angepasstem Verhalten wird von Kaiser zunächst die sog. natürliche Selektion (allgemeine Konkurrenz um Ressourcen) als Erklärungsmodell diskutiert. Natürliche Selektion dient hier als Erklärungsrahmen insbesondere für mütterliche Gewalt als Ausdruck der Bilanz von elterlichem Investment und Restreproduktionswert der Mutter (Lack'sches Prinzip: bei welchem Nachkomme wird wie viel an Investment geleistet).
Die sexuelle Selektion (innergeschlechtliche Konkurrenz bei der Partnerwahl) dient als Erklärungsrahmen für sexuelle Gewalt, Nötigung und Vergewaltigung als ‚Nebenprodukt‘ in der Umsetzung männlicher Sexualpräferenzen. Ebenso kann damit männliche Gewalt zur Sicherung der Vaterschaft resp. zur Vermeidung väterlichen Investments in nicht genetische Nachkommen erklärt werden.

Liegt die Perspektive auf Gewalt als Ausdruck von Verwandtenselektion oder Gewalt als Ausdruck elterlicher Manipulation, sowird von Kaiser zunächst der direkte Fitnessgewinn von Eltern und daraus sich ergebende elterliche Gewalt im Kontext von ‚Eltern-Kind-Konflikten‘ diskutiert. Diese Konflikte werden funktional abstrakt gesehen als Ungleichzeitigkeit der Kosten/Nutzen-Bilanzierung (z.B. was das Abstillen oder die reproduktive Karriere der Kinder selber anbelangt).
Der Fitnessgewinn im Verwandtschaftsnetz wird am Beispiel männlicher Gewalt zur Kontrolle weiblichen Reproduktionspotenzials aufgezeigt. Im Weiteren zeigt sich Fitnessgewinn im Verwandtschaftsnetz im gewalttätigen oder anderweitig schädigendem Verhalten als Ausdruck des Einflusses von Alloeltern (z.B. Grosseltern), wobei das Risiko auf Grund der teilweise gegenläufigen reproduktiven Interessen eher auf der väterlichen als auf der mütterlichen Verwandtschaftslinie besteht.

Liegt die Perspektive auf Gewalt als Ausdruck konditionaler Strategien, stehen zunächst demografische Faktoren im Zentrum. Zum Beispiel Geschlecht oder Alter. Männliche Gewalt wird verstanden als Ausdruck eines kosten/nutzen-bilanzierten Risikoverhaltens, das sich auch danach ausrichtet, ob Gewalt vom sozialen Umfeld ‚belohnt‘ oder geächtet wird; in dieser Hinsicht ist weibliche Gewalt noch zu wenig untersucht. Neben Geschlecht sind auch Hinweise bezüglich Alter zu finden. Im Sinne einer erhöhten Reproduktionschance ‚sollte‘ früh Elternschaft angestrebt werden, welche eher kurzfristig ausgerichtet ist, was wiederum Paarbeziehungen eher einem Gewaltrisiko aussetzt. Kinder selber sind im Alter von einem Jahr dem höchsten Risiko ausgesetzt, da sie immer noch über grosse Verletzlichkeit verfügen und gleichzeitig sich das elterliche Investment schon auf das nächste Kind richtet.
Neben den demografischen Faktoren wird auch Vitalität als Gradmesser für das elterliche, kosten/nutzenbilanzierte Investment gegenüber ihren Kindern als Ausdruck konditionaler Strategie erklärt (z.B. Investment bei Kinder mit Behinderung oder Bevorzugung des ‚vitaleren‘ Zwillingskindes usw.).
Schliesslich sind auch sozioökonomische Faktoren unter den Erklärungsansätzen zu konditionalen Strategien zu finden. Hier scheint nicht die absolute Menge an verfügbaren Ressourcen ausschlaggebend für elterliches, schädigendes Verhalten zentral, sondern vielmehr scheinen die Möglichkeiten, wie diese Ressourcen gezielt für (mütterliche) Reproduktion und Fitness eingesetzt werden können, von Bedeutung zu sein.

Zu Kpitel 4

Im vierten Kapitel zeigt die Autorin Anschlussmöglichkeiten zwischen den beiden Perspektiven entlang der Begriffe Interesse, Ressourcen und Geschlecht auf. Ebenso werden Anreicherungspotenziale für Interventions- und Präventionsansätze diskutiert. Vorgängig werden metatheoretische Zugänge zu den beiden Perspektiven aufgezeigt.

Die sozialwissenschaftliche Perspektive auf häusliche Gewalt wird dabei als Handlungstheorie verortet, welche die Intention des handelnden Subjekts als kompensatorisch, als Ausdruck von Prozessen sozialer Vermittlung oder als planvoll erklären. Gemeinsam ist diesen Erklärungsansätzen, dass sie sich als zielgerichtet kennzeichnen lassen und dass sie Verhalten auf proximater Ebene, also als Wirkursache in konkreten Situationen diskutieren.

Im Gegensatz dazu werden evolutionsbiologische Erklärungsansätze als zweckgerichtet gekennzeichnet. Sie stellen „Lösungen für Problemstellungen des Überlebens und der Reproduktion“ (S. 126) dar, welche theoretisch jedoch nicht als absichtsvolles Handeln strukturiert sind. Die evolutionsbiologische Perspektive verortet die Autorin daher als Beobachtungstheorie, deren Erklärungen Verhalten auf ultimater Ebene, also als grundlegende Zweckursachen diskutieren.

Anschlussmöglichkeiten zwischen den beiden Perspektivensieht die Autorin darin, dass ultimate Zweckursachen als Rahmen dienen können für die Beobachtung und Deutung proximater Wirkursachen. Es geht dabei nicht darum, eine Perspektive durch die andere zu ersetzen, sondern sie gegenseitig gewinnbringend zu diskutieren, was im Rahmen verschiedener interdisziplinärer Studien bereits erfolgreich durchgeführt wurde.

In Bezug auf die Strukturkategorie Interesse zeigt sich, dass aus sozialwissenschaftlicher Sicht Gewalt als letzte ‚Lösung‘ angesehen wird, wenn widerstrebende Interessen nicht gewaltfrei zu lösen sind. Genegoistische Konkurrenzsituationen hingegen sind aus evolutionsbiologischer Perspektive bezüglich gewalttätigen Verhaltens moraltheoretisch nicht bewertet. In Bezug auf die Strukturkategorien Ressourcen und Einfluss von Umweltbedingungen erörtert die Autorin, wie im Rahmen ultimater Zweckursachen für die Gewaltprävention erweiterte Indikatoren gefunden werden können, die vertiefte und differenziertere Vorhersagen sowohl für gewaltvolles wie gewaltfreies Verhalten erlauben. In Bezug auf die Strukturkategorie Geschlecht stellt die Autorin fest, dass sozialwissenschaftliche Perspektiven eher Ansätze beschreiben, die männliche Gewaltausübung und weibliche Opferschaft erklären, bei evolutionsbiologischen Perspektiven der Fokus eher darauf liegt, inwiefern sowohl männliche wie weibliche Gewalt ‚erwartbar‘ ist.

Anreicherungspotenziale für Interventionsansätze sieht Kaiser darin, dass lerntheoretisch angelegte Interventionen deutlicher die vernunft- und moralbasierte Einsicht auf Gewaltverzicht in häuslichen Beziehungen an die Folgen eines Verstosses koppeln können. Ein Verstoss gegen die Anforderung muss ‚teurer‘ sein als sie zu befolgen, d.h. das Durchsetzen eigener reproduktiver Interesse muss bei einem Verstoss mit hohen ‚Kosten‘ verbunden sein, wie etwa „Verlust an materiellem und sozialem Status, Verlust an reproduktiven Potenzial infolge fortschreitendem Lebensalter, Verlust der Kontrolle über das reproduktive Potenzial von Lebenspartnerinnen -bzw. -partnern und Kindern“ (S. 162).

Verfolgen Interventionsansätze eher einen therapeutischen Ansatz mit Zugang zu mentalen und emotionalen Prozessen, so sind aus biologisch-funktionaler Perspektive insbesondere Repräsentationen von „Kontrollverlust, Perspektivlosigkeit, fehlender Anerkennung oder Wertlosigkeit“ (S. 165) – bei Eltern-Kind-Beziehungen zusätzlich Repräsentationen „von einem unterschiedlichen Wert einzelner Nachkommen“ (ebd.) – in den Vordergrund zu stellen.

Sind Interventionsansätze auf Strafe ausgerichtet, dann kann aus biologisch-funktionaler Sicht darauf hingewiesen werden, dass sie ihre Wirkung (‚hohe materielle oder immaterielle Kosten‘) nur insoweit entfalten, als dass da etwas wäre, was es tatsächlich zu verlieren gäbe. Die Autorin stellt denn auch fest, dass Strafen geringe Kosten darstellen in einem Lebenskontext, „der aufgrund mangelnder Zukunftsperspektiven als förderlich für ein relativ riskantes Verhalten eingeschätzt wird“ (S. 169). Sind Interventionen allein auf Hilfen ausgerichtet ist zu beachten, dass die Hilfen (z.B. für die Opfer) die ‚Nützlichkeit‘ der Gewalt (für die Täter) nicht noch unterstützen.

Kaiser empfiehlt eine kombinierte Intervention von Strafe, Hilfe und Konsequenzen, welche die opportunistische Nutzenmaximierung von Individuen berücksichtigt. Aus diesem Grund schätzt Kaiser Interventionen, die auf rein freiwilliger Basis in Anspruch genommen werden können, denn auch eher kritisch ein. Ebenso weist sie darauf hin, dass nicht nur viel Sorgfalt der Frage ‚auf wen richtet sich die Massnahme?‘ zukommen sollte, sondern auch der Frage ‚bei wem kommt die Hilfe an?‘. Die Binnenverteilung von zugesprochenen Ressourcen wäre demnach zu beobachten.

Kaiser meint zusammenfassend, dass Interventionen darauf bedacht sein sollten, die Gewalt ausübenden Individuen dazu aufzufordern, „ihr Verhalten mittels ihrer angepassten Kosten/Nutzen-Bilanzierungen quasi neu zu justieren“ (S. 175).

Anreicherungspotenziale für Präventionsansätze sieht die Autorin im Bestreben gewälttätiges Verhalten allgemein zu verteuern zum Beispiel durch rechtliche Bestimmungen und der daraus evt. folgenden Ächtung. Ihre Wirkung auf die Verhinderung massiver Formen von Gewalt ist aber nachweislich nicht ausreichend. Kaiser schlägt daher eine doppelte Strategie vor: sowohl die ‚Kosten‘ von Gewalt für das gewalttätige Individuum zu erhöhen als auch gleichzeitig den ‚Nutzen‘ gewaltfreien Verhaltens zu erhöhen. Präventionsansätze, die Zukunftsperspektiven von jungen Menschen verbessern, zielen in diese Richtung. Damit ist gemeint, dass unabhängig vom konkret erworbenen Bildungsstatus dessen reale Umsetzung in berufliche Perspektiven zentral ist. Dies belegen insbesondere die geschlechtersegregierten Möglichkeiten der Umsetzung des Bildungsstatus in materiellen Status. Ebenso sind präventive Programme nicht allgemein auf ‚Risikofamilien‘ sondern eher auf ‚Risikoszenarien‘ in Familien auszurichten, da Gefährdungen nicht allein in der Abwesenheit materieller Ressourcen liegen, sondern auch in der Binnenverteilung der vorhandenen materiellen Ressourcen. In dieser Perspektive stellt Armut an sich kein Risikofaktor für Gewalt dar und umgekehrt ist die gesetzliche Ächtung von Gewalt per se kein Schutzfaktor.

Neben präventiven Ansätzen, die auf Täter/innen oder Umweltfaktoren zielen, sind auch Ansätze vorhanden, die auf die Stärkung individueller Fähigkeiten potenzieller Opfer ausgerichtet sind. Dazu gehört, dass sie riskante Situationen schneller erkennen und sich besser abgrenzen können. Kritische Vorbehalte gegenüber derartigen Ansätzen aus sozialwissenschaftlicher Perspektive können auch aus biologisch-funktionaler Sicht bestätigt werden. Die Wirksamkeit isolierter Stärkung potenzieller Opfer wird auf Grund ihrer strukturellen Abhängigkeit, insbesondere in Erwachsenen-Kind-Beziehungen als sehr eingeschränkt bewertet. Hingegen sind Kombinationen von individueller Opferstärkung und Einbettung in schützende Netzwerke eher zu empfehlen. So können in modernen Gesellschaften pädagogische Fachkräfte in Kitas oder Schulen die Funktion schützender Alloeltern übernehmen und damit aus biologisch-funktionaler Perspektive die elterliche Gewaltausübung ‚verteuern‘.

Zu Kapitel 5

Im fünften Kapitel stellt die Autorin Desiderate zu theoretischem wie empirischem Forschungsbedarf an. Den theoriebezogenen Forschungsbedarf sieht sie im Allgemeinen in der Weiterentwicklung der Frage, wie paradigmatisch unterschiedliche Ansätze sinnvoll zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Bezüglich der von ihr gewählten Thematik wären nun weitere Formen interpersonaler Gewalt im häuslichen oder stationären Kontext (Geschwister, ältere Menschen etc.) zu untersuchen. Ebenso wären Befunde der Resilienzforschung entsprechend zu erweitern. Den empiriebezogenen Forschungsbedarf macht Kaiser im Bereich von Fragen zu Entstehungsbedingungen von Gewalt und zur Wirksamkeit von Intervention und Prävention fest.

Diskussion

Die Autorin geht reflektiert mit Befunden, Deutungen und Erklärungen wie auch mit der Reichweite der beiden Paradigmen um. Grenzen der evolutionsbiologischen Paradigmen werden vorgestellt: Diese Perspektive dient nicht der Klärung der „auf der Ebene manifesten Verhaltens beobachtbaren Auseinandersetzungen“ (S. 97), sie bietet aber Modelle von Konflikten an, die sich auf ultimater Ebene stellen. „Konfligierende genzentrierte Interessen“ (ebd.) müssen sich nicht zwingend auf individueller Ebene manifestieren. Daher kann diese Perspektive nur implizit konkretes Verhalten erklären. Grenzen der sozialwissenschaftlichen Paradigmen sieht die Autorin darin, dass zum einen Erklärungsansätze den Befunden vorausgehen resp. die Datenerhebung entsprechend strukturieren und zum anderen, dass die Erklärungsansätze die Befunde nur teilweise, z.B. nur für eine Gruppe oder nur für eine Ausprägung erklären können. Dabei bleibt spürbar, dass Kaiser hier als Erziehungswissenschaftlerin für ein – evolutionsbiologischen Ansätzen gegenüber – oft skeptisches Publikum schreibt und es wohl auch zu überzeugen hat. Dies gelingt Kaiser jedoch mit ihrer sorgfältigen Systematisierung vielfältigster Befunde. Diese Systematisierung kann auch für weitere sozialwissenschaftliche Untersuchungen im Bereich interpersonaler Gewalt als Grundraster dienen.

Angeregt durch die Überlegungen von Kaiser könnte im Weiteren auch nach Anschlussmöglichkeiten z.B. zwischen den Diskurssträngen zu gesellschaftlicher Reproduktion (Soziologie) und Genreproduktion gefragt werden. Im Bereich Sozialer Arbeit lassen sich erste Hinweise in einem Beitrag von Bourgett & Brülle (2000) unter dem Titel ‚Überlebenssysteme in Konkurrenz. Start zu einer notwendigen Debatte‘ (In: Müller et.al. Soziale Arbeit. Neuwied: Luchterhand. S. 253-277) finden. Für den Bereich der Psychotherapie wären diesbezügliche Überlegungen von Petzold (2008) im Beitrag ‚Evolutionäres Denken und Entwicklungsdynamiken im Feld der Psychotherapie – integrative Beiträge durch inter- und transtheoretisches Konzeptualisieren‘ (In: Integrative Therapie. 34.Jg., Heft 4, Wien: Krammer, S. 353-395) zu finden.

Für sozialwissenschaftlich Interessierte kommt in dieser Untersuchung eine unterstützende Klärung, welche sozialen Sachverhalte als Gewalt interpretiert werden können, etwas zu kurz. Gewalt erscheint als das, was als Gewalt benannt wird und bleibt in dem Sinne kontingent. Dies in auffälligem Gegensatz zu der ansonsten akribisch geführten Untersuchung.

Fazit

Die Untersuchung kann als hervorragende Fundgrube und wertvolles Zeitdokument für Literatur zu Gewalt in häuslichen Beziehungen sowohl aus sozialwissenschaftlicher als auch aus evolutionsbiologischer Perspektive gewertet werden. Die durch Kaiser vorgenommene Systematisierung kann für weitere Untersuchungen hilfreiche Dienste leisten.

Mögliche Antworten auf die Frage, was denn eine evolutionsbiologische Perspektive einer sozialwissenschaftlichen offerieren könnte, werden Schritt für Schritt nachvollziehbar abgearbeitet und anhand konzeptioneller Überlegungen zu Intervention und Prävention von Gewalt in häuslichen Beziehungen zur Verfügung gestellt.


Rezension von
Prof. Dr. Anna Maria Riedi
Sozialwissenschafterin, BFH Berner Fachhochschule, Departement Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Anna Maria Riedi. Rezension vom 07.09.2012 zu: Ingrid Kaiser: Gewalt in häuslichen Beziehungen. Sozialwissenschaftliche und evolutionsbiologische Positionen im Diskurs. Springer VS (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-18341-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12938.php, Datum des Zugriffs 29.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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