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Stephanie Pieschl, Torsten Porsch: Schluss mit Cybermobbing!

Cover Stephanie Pieschl, Torsten Porsch: Schluss mit Cybermobbing! Das Trainings- und Präventionsprogramm »Surf-Fair« ; mit Film und Materialien auf DVD. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. 126 Seiten. ISBN 978-3-407-62776-6. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 38,50 sFr.
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Thema

„Der Umgang mit Medien stellt an jede Generation neue Herausforderungen“, so der erste Satz der Einleitung zum Buch. Spätestens ab dem 12. Lebensjahr besitzen die meisten Kinder ein eigenes Handy und/oder einen eigenen Computer. Der Umgang mit den Neuen Medien befriedigt die Neugierde von Kindern und Jugendlichen und macht ihnen Spaß, zumal sich ein Großteil ihrer Beziehungswelten medial gestaltet, so dass ein aktiver Medienumgang mittlerweile zur Teilhabe an der Gesellschaft gehört. Die Möglichkeit des Internets und die Neugierde und Offenheit der Kinder und Jugendlichen birgt jedoch eben auch Gefahren, wie die des Cybermobbings. Deshalb ist es auch für Eltern, LehrerInnen und andere Erwachsene unerlässlich, sich für die Medienwelt ihrer Kinder und SchülerInnen zu interessieren und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Die dazu notwendige Medienkompetenz zu entwickeln, ist ein Ziel des Buches.

Autorin und Autor

Dr. Stephanie Pieschl ist Dipl. Psychologin und arbeitet als Akademische Rätin am Institut für Psychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind kognitive und metakognitive Prozesse des selbstregulierten Lernens, neue Medien, Mediennutzung und Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen.

Dr. Thorsten Porsch ist ebenfalls Dipl. Psychologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Seine Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind kognitive Prozesse insbesondere bei der Auswahl und Bewertung von Wissensquellen im Internet, Umgang von Kindern und Jugendlichen mit modernen Kommunikations- und Interaktionsmedien, Cyberbullying und Prävention von sexueller Belästigung im Internet.

Zielgruppe

„Surf-Fair“ richtet sich primär an LehrerInnen und ihre Klassen der 5. bis 7. Jahrgangsstufe, wo das Programm im Fachunterricht, in Projektwochen oder Arbeitsgemeinschaften eingesetzt werden kann. Zudem können SchulsozialpädagogInnen, SchulpsychologInnen und weitere haupt- und ehrenamtliche Fachkräfte im Jugendhilfebereich oder außerhalb von Schule damit arbeiten. Das Präventionsprogramm ist auch für Eltern informativ und kann dazu genutzt werden, ihre Kinder auf das Problem Cybermobbing vorzubereiten.

Entstehungshintergrund

Beide Autoren forschen schon seit Jahren über das Phänomen Cybermobbing und entwickelten dabei Schutz- und Präventionsstrategien, die sie mit Studierenden durch Übungen für Kinder und Jugendliche ergänzten und über Vorträge an Schulen weiter verbreiten. „Dabei geht es aber nicht nur um pädagogisch wertvolle Hinweise, sondern auch um Tipps in der immer komplexer werdenden Medienwelt“, sagt Torsten Porsch und verweist dabei auf Twitter, facebook und schülerVZ. Der Grundgedanke des Präventionsprogrammes basiert auf der Vermittlung einer kritischen und ethischen Medienkompetenz.

Aufbau und Inhalt

Das Buch mit seinen 126 Seiten beginnt mit der Inhaltsangabe, dann auf Seite 7 mit einem Vorwort von Mustafa Jannan (Leiter des Regionalen Bildungsbüros Olpe und ehemaliger Gymnasial- und Beratungslehrer), um in ein Geleitwort von Prof. Dr. Rainer Bromme (Professor für Pädagogische Psychologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster) überzugehen.

Für den ersten Teil des Buches haben die beiden Autoren einen Überblick über Cybermobbing, dessen Geschichte, Ausprägung und den aktuellen Stand der Forschung zusammengetragen. Der zweite Teil steht im Fokus praktischer Hilfestellungen in Form von Übungen zur Prävention von Cybermobbing.

Neben der Einleitung als erstem Kapitel (S. 9-13) enthält das Buch dann die folgenden beiden Teile:

1. „Cybermobbing in Theorie und Forschung“ (2. Kapitel, S. 14-49) vermittelt ein umfassendes Verständnis des Phänomens „Cybermobbing“, das sich an wissenschaftlicher Forschung orientiert und diese kritisch diskutiert. Das Thema wird im Verlauf für den Leser verständlich aufbereitet.

Themen der Unterkapitel sind z.B. die begriffliche Klärung, Studien zur Beziehung zwischen Mobbing und Cybermobbing (Gemeinsamkeiten und Unterschiede), Rollen im Geschehen, Befragungen, Risikofaktoren, Folgen für Opfer/Täter/Gruppe, Handlungsmöglichkeiten und Strategien bei Cybermobbing, das Präventionsprogramm „Surf-Fair“ und das didaktische Konzept „Anchored Instructions“ (Hineinversetzen in eine bedeutungsvolle Situation über die Darstellung einer komplexen, authentischen Problemsituation – hier über das Medium Film als „Anker“), wie auch Hinweise zu Materialien und Anlaufstellen zur Prävention.

2. Das Präventionsprogramm „Surf-Fair“ (3. Kapitel, S. 50-96) wird hier im Detail vorgestellt. Das pädagogische Konzept sieht die aktive Mitarbeit der SchülerInnen vor, dem gegenüber die LehrerInnen die Arbeit mit Arbeitsmaterialien nur lenken. Der Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung kritischer Medienkompetenz. Die systematische Evaluation des Programms wies positive Verhaltens- und Einstellungsänderungen, wie auch den „Spaß“ der Beteiligten nach.

Einführendes Thema zu den Unterkapiteln bildet hier zunächst einmal die Anleitung zur Nutzung des Manuals, unterstützt durch einen schematischen Überblick über alle in „Surf-Fair“ enthaltenen Übungen. Dabei benutzen die Autoren Piktogramme (Symbole) als Hinweise zu den jeweiligen Übung, wie beispielsweise zum Ziel der Übung, zu Hinweisen für Voraussetzungen und zur Durchführung der Übung, zum Aufwand, zu Materialien, zur Vorbereitung, zum Übungsablauf und zu Leitfragen für die Diskussion, so dass pro Übung immer auch am Rand des Textfeldes das jeweils passende Piktogramm zugeordnet wurde. Einstiegsübungen nennen sich z.B. „Onlinechaos“, „Meine Medienwelt“ oder „Autogrammstunde“.

Der Schwerpunkt der insgesamt 17 Übungen liegt in der Aufarbeitung einer sich auf der DVD befindlichen Filmszene mit dem Titel: „Cybermobbing gegen Max“. Zur Bearbeitung des Gesehenen dienen Übungen über mögliche Tagebucheinträge zu den Rollen des Opfers, Täters und Zuschauers im Film oder zu Gedanken und Gefühlen der jeweiligen Rollenträger. Mit Situations- und Ampelkarten wird zum Verhalten in bestimmten Situationen abgestimmt: GRÜN heisst in Ordnung, GELB meint nicht in Ordnung und ROT heisst, das geht gar nicht in dieser Situation. So geht es weiter mit Übungen wie „Ballast“, „Steckbrief“, „Mini-Theater, „Einfach zuschauen?“, „Cybermobbing und du“ und „Alles nur Spaß?“. Dabei ergänzen Fotos, Bilder, Tabellen und Abbildungen den systematischen Übungsaufbau.

Als Abschluss dienen den LehrerInnen die „Reflexion“ der bereits durchgeführten Übungen über eine thematische Auflistung an der Tafel/Plakat/Whiteboard, die Erstellung eines „Klassenvertrages“, eine „Blitzlichtrunde“ mit positiven und negativen Rückmeldungen oder die Kopiervorlage „Pinwandgezwitscher“ (keine Online-Pinwand!) als Auswertung nach bestimmten Leitfragen.

Das 4. Kapitel (S. 97-119) enthält großflächige Kopiervorlagen zum Programm zzgl. einer im Buch enthaltenen DVD mit allen Kopiervorlagen in Farbe. Zudem stehen diese Vorlagen auch zum Download im Internet bereit.

Kapitel 5 bildet den Anhang (S. 121-122) mit dem Dank an die MitgestalterInnen ab, wie auch die Literaturangaben (S. 123-126).

Diskussion

Die Aufteilung des Buches in einen Theorieteil auf Forschungsbasis und dann in einen Übungsteil als Trainingsprogramm ist sehr gut gelungen. Die kurzen Zusammenfassungen mit Fazit am Ende eines jeden Kapitels im theoretischen Teil sind zudem hilfreich, um sich nochmals fokussiert das zuvor Beschriebene zu vergegenwärtigen.

Die Übungsanleitungen im Trainingsteil sind nach bestimmten sich wiederholenden Schrittabfolgen gut durchstrukturiert und bieten eine sinnvolle Orientierung im Gesamtverlauf. Sehr angenehm für den Praxiseinsatz sind auch die großflächigen Übungsblätter, die sowohl eine Vielzahl an Medienbegrifflichkeiten, individuelle Stellungnahmen der SchülerInnen ohne Bewertung einfordert, trotzdem aktiv Stellung beziehen lassen oder auch mal Jungen- und Mädchen-Meinungen getrennt betrachten. Zusätzlicher Vorteil ist, dass die Materialien auch zum Ausdrucken über DVD, wie auch online downloadbar sind.

Hervorzuheben ist, dass die durch das Autorenteam und die mitwirkenden Studierenden geführten SchülerInnen-Befragungen als Ergebnis deren kompetente Ideen und Erfahrungen im Umgang mit elektronischen Medien bei Cyberangriffen aufgreifen und in den Schwerpunkt des Buches hins. Lösungsorientierung mit einbeziehen.

Gleichzeitig fehlt mir hier jedoch die Position der LehrerInnen, ihre Intervention und Verantwortung im Kontext, ihre Medienkompetenz, ihre klare definierte Schrittabfolge im Tätigwerden. Sie sind zwar die Begleiter des Programms, stehen jedoch mit Ihrer persönlichen Position außen vor und bleiben damit unsichtbar. Hier sehe ich einen Ansatz, um das Konzept auszuweiten, damit das Thema nicht immer und alleine auf den Schultern der Kinder und Jugendlichen ruht und festgemacht wird. LehrerInnen können zudem selbst von Cybermobbing betroffen sein. Wie reagieren Sie dann als Anleitende eines solchen Programms, noch dazu, wenn dies bei SchülerInnen bekannt ist? Wie sieht die Verantwortung im Cybermobbing-Kontext bei LehrerInnen und PädagogInnen aus, wenn sie von einem Fall in ihrer Klasse erfahren haben? Wie reagieren sie ganz konkret Ihren SchülerInnen gegenüber, um Cybermobbing im Rahmen ihrer Garantenpflicht zu stoppen? Werden die Opfer auch gesehen oder die Täter durch Hilflosigkeit oder Nichts-tun von LehrerInnenseite weiter unterstützt? Hier stellen sich für mich Fragen an das Konzept. „Hilfe zur Selbsthilfe“ ist eine wichtige Handlungsgrundlage, kann aber nicht nur als Ansatz für SchülerInnen gelten!

Ein weiterer Vorschlag wäre, die Arbeitsblättervorlagen mit realen Übungen im Netz zu verbinden, damit nicht Offline-Training an einem nur online lösbaren Problem scheitert. Dies ist Teil der elektronischen Medienkompetenz, Medienkunde, -nutzung und -gestaltung und gleichzeitig bei einem Thema wie „Cybermobbing“ pädagogischer Auftrag.

Fazit

Ich stimme Mustafa Jannan zu, dass mit dem Trainings- und Präventionsprogramm „Surf-Fair“ eine kompakte und fundierte Anleitung zur Prävention von Cybermobbing für die angegebenen Klassenstufen gelungen ist.

Insgesamt ist „Surf-Fair“ durchaus empfehlenswert, da es ja für den Einsatz durch Lehrkräfte gedacht ist und ein erstes erprobtes Präventionsprogramm darstellt. Zudem ist es so konzipiert, dass auch diejenigen LehrerInnen/PädagogInnen es anwenden können, die sich dem Thema „Cybermobbing“ zum ersten Mal nähern, was die Hemmschwelle der Beschäftigung mit dem Thema und dessen Umsetzung niedrig hält.


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Monika Hirsch-Sprätz
Supervisorin, Mediatorin und Leiterin der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg. Arbeitsschwerpunkte: Information, Beratung, Training, Moderation, Konfliktmanagement, Mediation, Kooperation mit interdisziplinärem Experten-Netzwerk. Face-to-Face- und Online-Beratung. Bereiche: Schule, Ausbildung und Arbeitswelt.
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Zitiervorschlag
Monika Hirsch-Sprätz. Rezension vom 09.11.2012 zu: Stephanie Pieschl, Torsten Porsch: Schluss mit Cybermobbing! Das Trainings- und Präventionsprogramm »Surf-Fair« ; mit Film und Materialien auf DVD. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. ISBN 978-3-407-62776-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12943.php, Datum des Zugriffs 23.01.2019.


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ISSN 2190-9245

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