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Ulrike Borst, Bruno Hildenbrand (Hrsg.): Zeit essen Seele auf. Der Faktor Zeit in Therapie und Beratung

Cover Ulrike Borst, Bruno Hildenbrand (Hrsg.): Zeit essen Seele auf. Der Faktor Zeit in Therapie und Beratung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2012. 256 Seiten. ISBN 978-3-89670-826-7. 24,95 EUR.
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Thema

Beschleunigte Zeitabläufe und -strukturen gelten als Merkmale spätmoderner Gesellschaften und werden als ursächlich für Problem- und Störungsbilder des einzelnen Menschen gesehen. Beratung und Therapie sind davon auf drei Ebenen betroffen: durch KlientInnen, die entsprechende Krankheitsbilder aufweisen, durch Kostenträger, welche auf kurze und effiziente Therapieprozesse drängen und durch die Konkurrenz der Therapieformen, die mit dem Versprechen antreten, rascher als andere zu arbeiten. Der Sammelband greift diese Fragestellungen auf und bietet Antworten darauf, welche Folgen veränderte Zeitstrukturen und verändertes Zeiterleben für Einzelne, Paare, Gruppen und Organisationen haben und welche Konsequenzen sich daraus für Beratung und Therapie ergeben.

Herausgeberteam, Autoren und Autorinnen

Ulrike Borst arbeitete als Fachpsychologin für Psychotherapie und Klinische Psychologie in den Psychiatrischen Diensten Thurgau (Schweiz). Seit 2006 leitet sie das Ausbildungsinstitut für systemische Therapie und Beratung in Meilen/Zürich und arbeitet in eigener Praxis für Einzel-, Paar- und Familientherapie. Sie ist Mitherausgeberin der Zeitschrift „Familiendynamik“. Bruno Hildenbrand lehrt Sozialisationstheorie und Mikrosoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ist Dozent und Supervisor am Ausbildungsinstitut für systemische Therapie und Beratung in Meilen/Zürich. Umfangreiche Veröffentlichungen u. a. zur Genogrammarbeit (vgl. http://www.socialnet.de/rezensionen/2291.php) und zum Resilienzansatz. Neben Beiträgen der Herausgeber versammelt der Band Texte von ExpertInnen aus Beratung, Organisationsentwicklung und Psychotherapie aus dem nordamerikanischen und deutschsprachigen Raum: Silvia Dinkel-Sieber, Luc Ciompi, Peter Fraenkel, Skye Wilson, Peter Heintel, Urs Hepp, Joachim Küchenhoff, Andrea Lanfranchi, Irmgard Plößl und Hans Ritter.

Aufbau

Die vier Abschnitte des Themenbandes greifen die Thematik Zeit aus philosophischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive, bezogen auf Beratung und Therapie (Abschnitt 1: Zeit in der Psychiatrie) auf, diskutieren Konsequenzen veränderter Zeitstrukturen und veränderten Zeiterlebens für die individuelle Lebensführung (Abschnitt 2: Zeit im Lebensverlauf) und erörtern deren Folgen für das beraterische und therapeutische Feld (Abschnitt 3: Zeit in Beratung und Therapie; Abschnitt 4: Zeit in der Organisation). Die Herausgeber führen jeweils in die einzelnen Beiträge mit einem Kommentar ein.

1. Zeit in der Psychiatrie

Abschnitt 1 führt in die Thematik „Zeit in Beratung und Therapie“ mit einem Beitrag Luc Ciompis ein. Sein Text „Zehn Thesen zum Thema – Zeit in der Psychiatrie“ erschien bereits 1990, benennt allerdings grundsätzliche Merkmale beschleunigter Zeitabläufe des gesellschaftlichen Lebens, welche weiterhin hohe Aktualität aufweisen. Diese Beschleunigung, so seine Analyse, steht dem individuellen Zeiterleben entgegen, was besonders Menschen mit psychischer Erkrankung träfe, da jede psychische Erkrankung mit einem veränderten Zeiterleben verbunden sei: „Dem Depressiven … stock die Zeit, sie verlangsamt sich und steht auf der Höhe der Erkrankung scheinbar gänzlich still. … Umgekehrt erlebt der euphorische Maniker die Zeit als beschleunigt und heiter beflügelt. … Und in der akuten Schizophrenie spaltet, verwirrt und labilisiert sich die Zeit; sie kann aber auch … seltsam verschachteln und verwickeln, sodass Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart kunterbunt durcheinanderwirbeln“(14). Für die Behandlung psychisch kranker Menschen ist Ciompi entsprechend diesem veränderten Zeiterleben, das Langsame wichtiger als das Schnelle. Seine Thesen lauten u. a.: Wir können unsere Patienten erst „mit der Zeit“ verstehen“; „Die Psychiatrie ist die Disziplin der Geduld, der Langmut“; „Der therapeutisch günstige Moment ist die Krise“. Ciompi entwirft einen zeitlichen Rahmen für psychiatrisches Arbeiten, der von den Zeitbedürfnissen der Patienten (Individuen, Gruppen, Institutionen) ausgeht, der deren mit der Zeit geworden sein („Eigenzeit“) aufgreift und an deren persönlichen Rhythmen und Tempi und den in diesem Zusammenhang auftretenden Krisen ansetzt. Die Beschleunigung von Behandlungsabläufen kritisiert er als „höhere Geschwindigkeit die keinen Zeitgewinn bringt, sondern „bloß mehr Hektik!“ (20). Mit Verweis auf chaostheoretische Ansätze (Prigogine, Mandelbrot, Feigenbaum) entwickelt Ciompi die Hypothese, dass sich psychische Strukturen, ähnlich wie physische, oder sozio-ökonomische Systeme, nicht-linear entwickeln, sondern scheinbar chaotische Abläufe, die „ihre Zeit“ brauchen, schließlich zu einer neuer Ordnung führen. Ein derartiges Verständnis von Krankheitsentstehung und -bewältigung setzt weniger auf schnelle Interventionen, sondern auf begleitende Behandlung, die den richtigen „Zeitpunkt“ findet, die dem Zeitbedürfnis ihrer Patienten entgegenkommt. Seit der Entstehung der „Thesen zur Zeit in der Psychiatrie“ sind mehr als 20 Jahre vergangen. Der Text hat allerdings eine hohe Aktualität, angesichts manualisierter und standardisierter Behandlungsprogramme, Diagnose abhängiger Fallpauschalen, Kurzzeittherapien etc., steht als argumentativer Gegenpol gegen derartige Beschleunigungsprozesse am Anfang des Themenbandes, der den Rahmen für die weiteren Abschnitte setzt.

2. Zeit im Lebensverlauf

Der Abschnitt geht in drei Beiträgen auf veränderte Zeitstrukturen und verändertes Zeiterlebens und deren Konsequenzen für die individuelle Lebensführung ein. Bruno Hildenbrand analysiert verschiedene soziologische Zeittheorien (Hartmut Rosa, Hanns-Georg Brose, Lévi-Strauss) daraufhin, wie Familien mit knapp gewordener Zeit umgehen können und greift dazu das Konzept der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ (30) auf, womit „familiäre Resistenzpotenziale gegen die alles umfassende Beschleunigung“ (ebd.) gemeint sind. Mit kulturkritischem Ansatz sieht Hildenbrand die Familien als gesellschaftliche Reservate, als „Freischärler ihrer eigenen Zeit“ (31), wo entgegen dem gesellschaftlichen Beschleunigungstrend Muße, ziel- und zweckfreies Spiel, Langsamkeit und Zirkularität ihren Raum, ihre Zeit hätten. Als weiteren Ansatzpunkt benennt er die Umgestaltung von Arbeitsprozessen, mit neuen Arbeitszeitmodellen, Verkürzung der beruflichen Zeiträume, Einführung von Lebensarbeitszeitkonten etc., um mehr Familienzeit zu ermöglichen. Der Beitrag endet mit Hinweisen auf die Grenzen familiären „Freischärlertums“, dort wo konkurrierende „Zeitregime“ ihre Beachtung einfordern und Hinweisen für Beratung und Therapie, wo es darauf ankommt „mit einer Familie (nicht) eine Gegenwelt zur Gesellschaft und ihrer Zeitstrukturierung der Beschleunigung zu zimmern … (sondern) einfach um Integration aus der Distanz heraus“ (54).

Peter Fraenkel und Skye Wilson gehen in ihrem Text auf die Herausforderungen ein, denen sich Paare in einer Zeit gestiegener Beschleunigung stellen müssen. Die Autoren vertreten den Ansatz, dass in Beziehungen eine Synchronisation i. S. einer zeitlichen Organisation der jeweiligen Zeitstrukturen (individuelle Arbeits- und Freizeit etc.) hergestellt werden muss, um in der Beziehung Intimität entstehen lassen zu können. Diese Bewältigung der zeitlichen Organisation wird, bestimmt durch gesellschaftliche „beschleunigte“ Anforderungen, wie Ausdehnung der Arbeitszeit, unterschiedliche Arbeitszeiten, Pendeln, Geschäftsreisen, ständige Verfügbarkeit etc. knapper, die gemeinsamen Zeitressourcen schwinden. Als besondere Herausforderung benennen die Autoren die individuelle Anpassungsleistung beim Umschalten aus hohem Arbeitstempo auf das langsamere Tempo zwischenmenschlicher Begegnung und Beziehung. Konfliktpotential besteht, wenn in Beziehungen völlig unterschiedliche Umgangsweisen mit Zeitanforderungen bestehen, oder die Verteilung von Beziehungs- und Familienaufgaben (Haushalt, Betreuung von Kindern) ungleich verteilt sind. Die Autoren beschreiben in drei Fallbeispielen typische Konfliktsituationen und zeigen Lösungsansätze aus der Paartherapie auf.

Mit Zeitdimensionen bei Migrantenfamilien beschäftigt sich Andrea Lanfranchi im dritten Beitrag des Abschnitts. Der Übergang aus der Herkunftskultur in stark strukturierte gesellschaftliche Abläufe stellt hohe Anforderungen an Familien mit Migrationshintergrund, die sich hohen Erwartungen in Systemen wie Schule, Arbeitswelt, Behörden etc. ausgesetzt sehen. Die Anpassung an diese Systeme soll innerhalb kürzester Zeit erfolgen, was oft eine Überforderung für die Betroffenen darstellt. Der Beitrag greift die individuellen Merkmale (individuelle und familiäre Biografie mit ihren spezifischen Entwicklungspotentialen) und gesellschaftlichen Bedingungen auf, welche durch institutionalisierte Mechanismen (Aufnahmekriterien, Integrationshilfen etc.) den Rahmen für Eingliederung oder Ausschluss setzen. Lanfranchi entwickelt die Skizze eines Therapiemodells, das den besonderen Bedürfnissen von Familien in kulturellen Transformationsprozessen gerecht wird. Dabei geht es zunächst darum, die Denkmodelle und Deutungsmuster der Klienten(gruppe) in ihrer inneren Logik und ihrer historischen Dimension zu erfassen. In einem zweiten Schritt werden die Problemkonstellationen und mögliche Störungen hinterfragt und benannt. Darauf aufbauend werden mögliche Lösungen erarbeitet und bestehende Ressourcen erschlossen. Der praxisorientierte Beitrag endet mit einer Übersichtstafel zu Zeit- und kontextsensiblen Fragen in der interkulturellen Therapie.

3. und 4. Zeit in Beratung/Therapie und in der Organisation

Abschnitte drei und vier gehen auf die Bedeutung von Zeit-Prozessen für das beraterische und therapeutische Feld ein. Joachim Küchenhoff befasst sich in seinem Beitrag „Zeitlichkeit und Narrativität in der Psychotherapie“ mit den Arbeiten Paul Ricoeurs, der Erinnerung und Erzählung als wesentliche Vorgänge der Integration von Erfahrungen und in diesem Zusammenhang der Entstehung von Identität einschätzt. Durch die Versprachlichung individueller Erlebnisse in Kommunikationsprozessen kommt der Intersubjektivität eine große Bedeutung für die Bildung von Identität zu. Der Autor bezieht diesen Ansatz auf die Psychotherapie, deren zentrale Aufgabe er als Herstellung von Zeitlichkeit versteht. Grundlage für diesen psychotherapeutischen Prozess ist die Entwicklung einer Erzählkompetenz des Patienten, welche erst „mit der Zeit“, im Laufe der Therapie entsteht.

In ihrem zweiten Beitrag zum Themenband beschäftigen sich Peter Fraenkel und Skye Wilson mit der „Zeit zu zweit: Problemerkennung und Intervention bei Paaren“. Auch dieser Text geht auf eine frühere Publikation zurück und wurde eigens für die aktuelle Veröffentlichung übersetzt. Der Text geht auf Fragen der Diagnostik und Behandlung von Zeitproblemen und -mustern bei Paaren ein. Ausgehend von Fallvignietten analysieren die Autoren bestimmte Paarkonstellationen, wo z. B. die Gestaltung von Zeitrhythmen in der Beziehung Einblicke in die Machtaspekte, aber auch in die Qualität der Verbundenheit ausdrückt. Anschließend formulieren Fraenkel und Wilson einen Leitfaden zur Problemerkennung, der auf einer Einschätzung von Zeitmerkmalen und -vorstellungen beruht. Der Beitrag bietet darauf aufbauend Interventionshinweise und praktische Übungen zum Einsatz in der Paartherapie.

Ulrike Borst und Silvia Dinkel-Sieber entwerfen in einem weiteren Text „Therapie als Begegnung und ihr zeitlicher Rahmen“. Ausgehend von zehn Praxisbeispielen aus stationärer und ambulanter Behandlung zeigen die Autorinnen, wie Zeit zum Gegenstand von Aushandlung in einem offenen (nicht-linearen) Beratungs- und Therapieprozess wird und als flexibler Gesprächsraum auf die Zeitstrukturen und -bedürfnisse der KlientInnen eingehen kann. Der Beitrag ist ein klarer Gegenentwurf zu manualisierten Therapieformen mit strukturierten und standardisierten Behandlungsabläufen, dessen Grenzen als Verantwortung für die Lebenszeit der KlientInnen und die Arbeitszeit der TherapeutInnen benannt werden.

Mit dem „Druck der Zeit: Notfall- und Krisensituationen“ beschäftigt sich Urs Hepp. Der Autor berichtet von seinen beruflichen Erfahrungen als Notfallpsychiater und seinen Strategien zur Entschleunigung von Krisen- und Drucksituationen, welche durch gezielte Exploration und Einbeziehung des Krisenkontextes, vor allem aber durch die Haltung des Professionellen geprägt ist, welche den „Druck der Situation“ aushält und trägt.

Irmgard Plößl befasst sich mit dem besonderen Zeiterleben chronisch psychisch kranker Menschen. Sie berichtet aus der Praxis einer Rehabilitationseinrichtung und illustriert, anknüpfend an Luc Ciompis Thesen, wie das Zeiterleben durch psychische Störungen verändert werden kann und welche Leidensformen in diesem Zusammenhang entstehen können. Innere psychische Konflikte und Krisen stehen im Zusammenhang mit der Ablösung des Individuums von sozialen Prozessen, mit dem ausklinken aus sozialen Zeitzusammenhängen, wodurch Chronifizierungsprozesse angestoßen und „beschleunigt“ werden können. Die Autorin zeigt, ausgehend von Fallbeispielen aus einem Rehabilitationszentrum, wie solche Entwicklungen langfristig verändert werden können und speziell, wie im Kontext von Arbeit und beruflicher Rehabilitation „die Passung unterschiedlicher Zeitmuster“ wieder hergestellt werden kann.

Zwei abschließende Beiträge befassen sich mit Zeitabläufen und -strukturen in Organisationen. Hans Ritter analysiert in einem knappen Text Zeitprobleme und Zeitabläufe als „Mythos vom Zeitmanagement“. Fehlende Zeit, ungünstige zeitliche Strukturen sind, so der Autor, häufig nur die Oberfläche, der „Deckname“ für andere Problemkonstellationen, die es in der Beratung zu erkennen und zu bearbeiten gilt.

Die „Eigenzeit von Mensch und Organisation – Grenzen der Beschleunigung“ ist Thema des Beitrags von Peter Heintel. Er beschreibt Widerstandsphänomene von Menschen in Organisationen, deren individuelles Zeiterleben und Zeitlogik durch „technomorphe Zeitmodelle“ (208), Vorgaben und Strukturen eingegrenzt und verändert werden. In der Organisationsentwicklung brechen solche Konflikte und Ordnungen auf, deren Bewältigung Zeit erfordert. Als Betrachtungsraster, das Zeitphänomene in der Organisationsberatung berücksichtigt und für die Entwicklung von Organisationen nutzt, schlägt Heintel vier Perspektiven vor, welche die technomorphe, physikalisch zu messende Zeit, die biomorphe Zeit (Alter der Individuen, Tagesschwankungen), die psychomorphe Zeit (individuelles Zeiterleben) und die soziomorphe Zeit (soziale Zeitkonstruktionen, Abläufe, Zeitorganisation) betrachtet.

Zielgruppe

Der Themenband möchte Fachkräfte in Beratung/Therapie für die Thematik Zeit sensibilisieren und wendet sich an ÄrztInnen, PsychologInnen, SozialarbeiterInnen und in der Organisationsberatung Tätige.

Diskussion

Der Themenband greift das Phänomen Zeit, als zentrales und wirksames Element in Beratungs- und Therapieprozessen auf und veranschaulicht, welchen Einfluss Zeitstrukturen und zeitliche Abläufe auf die professionelle Kommunikation haben. Der Band fokussiert auf die Stärken tiefenpsychologisch orientierter Therapieformen und benennt deren weiter gefasste zeitliche Rahmung als Vorteil und Gegenentwurf zu beschleunigten gesellschaftlichen Prozessen. Die Darstellung grundsätzlicher, philosophischer und gesellschaftswissenschaftlicher Überlegungen erfolgt durchgehend mit deutlichem Praxisbezug, wodurch das Werk für Praktiker gut lesbar wird und die entsprechende Praxisrelevanz entwickelt und entfaltet. In den Einzelbeiträgen aus einer Vielzahl ambulanter und stationärer Arbeitsfelder finden sich zahlreiche Hinweise und Anregungen, die eigene Praxis, den eigenen Umgang mit Zeit zu hinterfragen. Als gesellschaftskritisches Werk wenden sich die HerausgeberInnen gegen standardisierte, manualisierte und standardisierte Therapieverfahren und die entsprechende Abrechnungspraxis der Kostenträger. Leider fehlt in dem Buch ein Beitrag, der die zeitlichen Strukturen und Abläufe solcher stärker strukturierter Therapieansätze und die sich daraus möglicherweise ergebenden Vorteile aufgreift und darstellt. Viele Patienten mit chronischen Krankheitsbildern erleben es als Erleichterung, strukturiert an einem Problem, z. B. am eigenen Umgang mit der Erkrankung, an der Handhabung störender Symptome arbeiten zu können und erleben den manualisierten Ablauf solcher Programme als Orientierungshilfe. Beim vorliegenden Themenband handelt es sich um ein therapeutisches Buch, das gesellschaftliche Prozesse und Abläufe hinterfragt und kritisiert. Damit ist das Buch auch ein politisches Werk, das allerdings die politische Dimension von Beratung und Therapie nicht direkt anspricht. So fehlt ein Abschnitt zur gesellschaftlich-politischen Dimension von Beratung und Therapie als Orte alternativer Zeit-Räume in denen individuelle, aber auch gesellschaftliche Lösungsstrategien entwickelt werden können. Insgesamt formuliert das Werk ein wichtiges Statement gegen unreflektierte Kurz-Zeit-Therapien, Fallpauschalen und standardisierte Therapieprozesse, also gegen die aktuelle, weit voran geschrittene Entwicklung im Gesundheitswesen, welche den Eigensinn und die Lebenszeit, also die Bedürfnisse von PatientInnen und KlientInnen außer Acht lassen und individuelle Kontextfaktoren, aber auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen übergehen.

Fazit

Das Buch ist ein wichtiges Statement gegen die Beschleunigung gesellschaftlicher Abläufe und Prozesse, vor allem ihrem Niederschlag im Gesundheitswesen und argumentiert für eine Entschleunigung beraterischer und therapeutischer Arbeit. Spätmoderne Gesellschaften verlangen dem Einzelnen eine Vielzahl rascher und umfassender Anpassungsleistungen ab. Wo das Individuum dabei an seine Grenzen stößt, entstehen Krankheit und Leid, beginnt Ausgrenzung. Beratung und Therapie können auf eine derartige Problemlage nicht „eben mal schnell“ reagieren, sondern müssen Zeit-Räume eröffnen, in denen Überforderungen und ihre Folgen verarbeitet und persönliches Wachstum ermöglicht werden. Ein wichtiges, überfälliges und politisches Buch, das nicht nur für diese Thematik sensibilisiert, sondern auch den Zusammenhang von Gesellschaft und Therapie aufzeigt.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 15.06.2012 zu: Ulrike Borst, Bruno Hildenbrand (Hrsg.): Zeit essen Seele auf. Der Faktor Zeit in Therapie und Beratung. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2012. ISBN 978-3-89670-826-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12952.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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