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Susanne Gerner: Trennung und Transformation

Cover Susanne Gerner: Trennung und Transformation. Biografische Bildungs- und familiäre Wandlungsprozesse im Kontext von Migration, Scheidung und Adoleszenz. Tectum-Verlag (Marburg) 2011. 367 Seiten. ISBN 978-3-8288-2775-2. D: 29,90 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 37,10 sFr.

Marburger Arbeitsgruppe für Tiefenhermeneutik und Kulturanaylse: Schriftenreihe der Marburger Arbeitsgruppe für Tiefenhermeneutik und Kulturanalyse - Band 4.
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Thema

Die Untersuchung beschäftigt sich mit familiären und psychosozialen Wandlungsprozessen bei Migrantinnen der 2. und 3. Generation, die durch die Erfahrungen von Scheidung und Migration angestoßen werden und das familiale Beziehungsgefüge und seine Geschlechterstereotypen dynamisieren. Susanne Gerner interpretiert lebensgeschichtliche Interviews mit einer Familie (Mutter und zwei Töchtern) tiefenhermeneutisch und arbeitet die Bedeutung von familiärer Migrationsgeschichte als sozialem Erbe, Bildung und Scheidung im Ineinandergreifen von Trennung, Tradierung und Transformation präzise heraus. In einer Mehrgenerationenperspektive werden vor allem die Auswirkungen auf die Generationen- und Geschlechterverhältnisse deutlich und wird die Familie zum gesellschaftlichen Ort, in dem kulturelle Transformationen und sozialer Wandel ausgehandelt und gelebt werden.

Autorin

Susanne Gerner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialpädagogik der Universität Siegen. Sie wurde mit dieser Arbeit an der Universität Marburg promoviert.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit beginnt mit einer theoretischen Perspektive auf ihren komplexen Untersuchungsgegenstand. Sie entschlüsselt Scheidung und Migration als überlagerte und verdoppelte Trennungs- und Transformationsprozesse, die als Subjekterfahrungen und familiengeschichtliche Erfahrungen lebensgeschichtlich bearbeitet und transformiert werden müssen (Kapitel 2). Mit der Zuordnung von Tradierung und Transformation rahmt sie die Mehrgenerationenperspektive ihrer Untersuchung ein, die sie sich theoretisch über das Konzept des sozialen Erbes (Meinrad Ziegler) und die Adoleszenztheorie (Vera King u. a.) erschließt. Dabei bildet die Adoleszenztheorie eine integrierende theoretische Perspektive, deren theoretische Annahmen und Perspektiven jedoch nur rudimentär dargestellt werden (Kapitel 3 und Zusammenfassung der Ergebnisse in Kapitel 6).

Die Autorin interpretiert die narrativ-biografischen Interviews mit der Tiefenhermeneutik als Interpretationsmethode, die sie vorstellt und mit einer Darlegung ihrer neun Auswertungsschritte abschließt. Bereits ihre theoretischen Überlegungen verweisen auf die symbolischen Verstrickungen und Überlagerungen zu denen Migrations- und Scheidungserfahrungen bei ihrer Bewältigung führen können, so dass es einsichtig ist, sich über eine tiefenhermeneutische Analyse auf die latenten Sinnstrukturen zu konzentrieren und diese heraus zu arbeiten. Auch den Beziehungsprozess zwischen Forscherin und Interviewten mit seinen Übertragungen reflektiert die Autorin als ein Spiel von Nähe und Distanz, das die Forscherin zwingt ihre objektive Distanz aufzugeben und die Forschungsbeziehung als einen „Prozess der gemeinsamen Annäherung an lebensgeschichtliche Erfahrungen, in deren Verlauf eine gemeinsame Sprache erst entwickelt werden muss“ (S. 94) zu sehen (Kapitel 4).

Den umfangreichsten Teil der Studie, die insgesamt 358 Seiten umfasst, bildet mit 200 Seiten die Auswertung der biografischen Interviews mit der Mutter Lale (Kapitel 5.2) und den Töchtern Dilara (Kapitel 5.3) und Ebru (Kapitel 5.4). Die Auswertung wird sehr detailliert dargestellt. Das Interview mit der Mutter Lale z. B. ist in 15 Interviewsequenzen unterteilt, die mit der ersten Begegnung (Kapitel 5.2.1) einsetzen. Herausarbeiten kann die Autorin die Bedeutung der Bildung und des Bildungserfolgs als eine Bewältigungsform Lales, die es ihr ermöglicht die Entscheidung zur Scheidung, familiäre Erwartungen und persönliche Autonomie biografisch zu integrieren. Mit der genauen Perspektive auf die Partnerwahl, den Trennungsprozess und die Scheidung können die stummen Tradierungen und familialen Reinszenierungen beschrieben werden, die den Ehemann zum „geduldeten Fremden“ machen und das familiendynamische Muster der Ein- und Ausgrenzung offenlegen. Bereits bei Lale zeigt sich die Bedeutung der Adoleszenz für ihre Autonomiebestrebungen, die sie im Verlauf ihrer Lebensgeschichte modifizieren und erweitern kann. Auch die Interviews mit den Töchtern beziehen sich auf ähnliche Themenkreise. Die Bedeutung der Adoleszenz als Möglichkeitsraum der Individuation findet sich ebenso wie die Bedeutung von Bildung und Beruf für die biografischen Selbstrepräsentationen. Das Thema der Partnerwahl bleibt dabei ein zentraler Punkt der Auseinandersetzung, der die soziale Veränderung in der Familie und ihre soziale Statustransformation aufzeigt. Alle drei Interviews durchziehen nicht nur die innerfamiliären Anerkennungsprozesse zwischen den Generationen und ihre zeitweilige Verweigerung zum Beispiel im Verhältnis von Lale und ihren Eltern, sondern auch die Anerkennung als alleinerziehende Mutter mit zwei Töchtern in der erweiterten Familie und im sozialen türkischen Umfeld. Dabei inszenieren die beiden Töchter ihr soziales Umfeld mit ethnischen Zuschreibungen, die sie mit einem polarisierten Elternbild verknüpfen. Die „moderne“ Mutter und der „türkische“ Vater stehen für eine erfolgreiche bzw. gescheiterte oder weniger erfolgreiche Migrationsgeschichte.

In ihrem letzten (Kapitel 6) fasst die Autorin ihre Forschungsergebnisse zusammen, ordnet sie in die bisherige Scheidungs- und Migrationsforschung ein und nennt weiterführende Forschungsaufgaben. Sie kann als wichtiges Ergebnis die Bedeutung der Frauen für eine soziale Statustransformation der Familie festhalten, die bisher eher den Vätern und Männern zugesprochen wurde. Ebenso kann die Fallstudie klar heraus arbeiten wie die „Fortschreibung des Migrationsprojekts“ als weiblicher Lebensentwurf, der von den tradierten Rollen des sozialen Familienerbes überlagert ist, v. a. durch die adoleszenten Dynamiken der Individuation dynamisiert wird und bearbeitet werden kann. Damit zeigt sich, dass der familiäre Bindungs- und Beziehungsraum ebenso modifiziert und neu gestaltet wird, wie er eine Grenze für die pubertären Möglichkeiten der Töchter bildet.

Diskussion und Fazit

Die Studie gibt einen differenzierten und komplexen Einblick in ein bisher wenig erschlossenes Forschungsgebiet: die Scheidung in türkischen Familien. Durch ihre Verbindung von Scheidung und Migration als Trennungs- und Transformationserfahrungen, die sich überlagern und individuell und familiär bewältigt werden müssen, gelingt es der Studie sehr detailliert die psychosozialen Dynamiken und offenen wie latenten psychosozialen und familiären Konflikte darzulegen. Den Erfahrungsräumen von Trennung und Transformation korrespondiert in der Studie die Generationenperspektive als Erfahrungsraum von Tradition und Transformation, so dass die familiären Weitergaben von der ersten zur dritten Einwanderergeneration in ihrem Wandel erschlossen werden können. Theoretisch versucht die Autorin diese Perspektiven von Tradition und Wandel über die Adoleszenztheorie zu erschließen, die sie als zentrale integrierende Theorieperspektive ihren Überlegungen zugrundelegt. Diese integrierende Theorieperspektive bleibt jedoch als theoretische Perspektive zu vage und in ihrer Darstellung inkonsistent, während die Kategorien der Adoleszenztheorie zu einer differenzierten Auswertung der Interviews deutlich beitragen. Die sehr detaillierte tiefenhermeneutische Auswertung der Interviews, die zwei Drittel der Arbeit umfasst, erschwert leider die Lesbarkeit, weil sich die Linien der Auswertung in den Details verlieren. Hier wäre eine inhaltliche Konzentration sinnvoll gewesen, die diese detaillierte Mikroperspektive mit ihrem Einblick in die komplexen, spezifischen und individuellen adoleszenten Bewältigungsformen klar und vergleichend strukturiert. Die Studie erschließt nicht nur ein bisher eher vernachlässigtes Forschungsthema, die Scheidung in türkischen Familien, sie arbeitet auch heraus, welche große Rolle die Bildungserfahrungen für die Bewältigung der Scheidung spielen, wie sie das familiäre Miteinander dynamisieren und das Migrationsprojekt der Frauen über mehrere Generationen hinweg beeinflussen und voran treiben.


Rezension von
Prof. Dr. Birgit Bender-Junker
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Zitiervorschlag
Birgit Bender-Junker. Rezension vom 01.06.2012 zu: Susanne Gerner: Trennung und Transformation. Biografische Bildungs- und familiäre Wandlungsprozesse im Kontext von Migration, Scheidung und Adoleszenz. Tectum-Verlag (Marburg) 2011. ISBN 978-3-8288-2775-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12954.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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