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Erwin Böhm: Sprechen Sie limbisch?

Cover Erwin Böhm: Sprechen Sie limbisch? Ein Plädoyer für eine transkulturelle und transgenerationelle Altenpflege. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2012. 286 Seiten. ISBN 978-3-89993-291-1. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 56,90 sFr.

Reihe: Pflege.
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Autor

Der österreichische Autor Erwin Böhm ist durch seine Publikationen u. a. über Geriatrie und Pflege, Pflegediagnosen und das Psychobiografische Pflegemodell bekannt.

Entstehungshintergrund

Über den konkreten Hintergrund der Publikation kann dieser nichts entnommen werden. Vermutlich gehen die Inhalte der Publikation auf ein Pflegeforschungsprojekt zum Thema Transgenerationelle und Transkulturelle Pflege zurück.

Aufbau

Im Einzelnen enthält das Buch die folgenden Kapitel:

Vorwort

  1. Warum Zukunftsforschung eigentlich Vergangenheitsbewältigung ist
  2. Transgenerationell - transkulturell – oder einfach elend?
  3. Das Psychobiografische Pflegemodell nach Böhm
  4. Sozialgeschichtliche Phänomene
  5. Die limbische Pflege
  6. Wo wohnt der Mensch in seiner Seele?
  7. Die Erhebung und Interpretation der Biografie
  8. Wie die Seele arbeitet
  9. Fehldiagnosen: Ursache und Wirkung
  10. Das Umkehrphänomen
  11. Der Turmbau zu Babel
  12. Die transgenerationelle Situation
  13. Die (un)behagliche Kultur
  14. Das heimelige, therapeutisch wirksame Heim oder: die Umsetzung des Böhm-Modells
  15. Die spezifische transkulturelle Pflege
  16. Die Herzprobleme der Zukunft
  17. Die Frage der ICH-ldentität
  18. Alle Metropolen sind Kulturmaschinen
  19. Eine Pflegediagnose nach dem Psychobiografischen Modell

Inhalt

Seinen eigenen Worten zufolge besteht Erwin Böhms Anspruch im Rahmen dieser Publikation in einer „Sammlung von Vermutungen“ über die „Verhaltenseigenartigkeiten der nächsten Seniorengruppen“. Angesichts zunehmender Diversität in Ländern wie Österreich und Deutschland soll ein Zukunftsbild über die Altenpflege entworfen werden, das die damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen in ihrer Konsequenz für den Pflegebedarf alter Menschen mit Migrationshintergrund in die Konzeption fachlicher Pflege aufnimmt. Böhm versteht seine Version einer Transkulturellen und Transgenerationellen Pflege auf der Basis seines Psychobiografischen Pflegemodells als Beitrag zu einem besseren Verständnis der einzelnen Generationen und „Volksgruppen“. Eine derart ausgerichtete Pflege soll die „VerORTung“ von Menschen in einem anderen Raum, einer anderen Zeit und im Hinblick auf fremde Personen verhindern, was dem Prinzip „primum nihil nocere“ folgt, also vor allem nicht zu schaden. So soll das so genannte „VerORTungssyndom“, also nach Böhm beispielsweise die Ausbildung des biomedizinischen Krankheitsbildes der Demenz, durch eine entsprechende klientenorientierte fachliche Pflege im Rahmen einer diese Ausrichtung tragenden Umgebung der Pflegeeinrichtung verhindert werden (S. 20-21). Böhm fordert eine Abkehr von der "passiv-AEDL-bezogenen Warm-Satt- Sauber-Pflege“ hin zu einer „limbisch sprechenden“ Pflege. Im Kern bedeutet dies, die Gefühle eines Klienten bzw. dessen „landesübliche thymopsychische Biografie“ nachzuvollziehen und adäquat (passend) zu beantworten. Dazu ist die Beherrschung der sog. „Gefühlssprache“ erforderlich, also nachzuvollziehen, wie Menschen Gefühle nonverbal zum Ausdruck bringen und somit die Hintergründe der Signalsprache, wie Gesten, Rituale und Copings, eines Menschen zu entschlüsseln (S. 24).

Böhms Entwurf einer Transkulturellen und Transgenerationellen Pflege basiert auf seiner Analyse des sog. „Seelengebäudes“. Böhm verankert sein Verständnis Transkultureller Pflege in einer kulturübergreifenden Betrachtung der „Anatomie und Physiologie der Seele“ (S. 56 ff.). Der sog. „Thymopsyche“ („Sommerresidenz der Seele“ bzw. „belebtes Gedächtnis“ mit den Dimensionen Raum, Zeit, Person) stellt er die sog. „Noopsyche“, den Ort der Gefühle („Winterquartier der Seele“ – „unbelebtes Gedächtnis“), gegenüber. Dies zu unterscheiden sei wichtig, so Böhm, da gerade alte Menschen und Migranten der Gefahr unterliegen, ihre Identität zu verlieren, indem sie in Pflegeinstitutionen im Sinne einer „inszenierten Gemeinschaft“ (S. 93) als Gegenpol zu ihrer „naturwüchsigen Gemeinschaft“ (bzw. ihrer Heimat), durch die Schlüsselreize dieser Umgebung in Form der Pflegepersonen, der Gestaltung der Umgebung und der institutionellen Rahmung vor allem durch die Nicht-Übereinstimmung mit der eigenen Prägung zu negativen Gefühlen und Copings gelangen. Diese reduzierte Fähigkeit zur Anpassung älterer Menschen und Migranten führt Böhm (S. 74) darauf zurück, dass die an sie gestellten Anforderungen nicht aufgenommen werden können, wenn sie ihren Gefühlsprägungen zuwiderlaufen und damit "limbisch ausgeschlossen" seien. Aus diesem „Entwurzelungssyndrom“, bzw. der „Destabilisierung der psychischen Leistung“, resultiert nach Böhm letztlich eine Demenz im biomedizinischem Sinne, welche eine „von der Menschheit anerkannte Somatisierung“ darstelle (S. 74, 93). In Anlehnung an eine sog. „neurobiologische Resonanzphänomenologie“ (S. 65) leitet Böhm daraus die folgende Formel ab:

„SCH (Schlüsselreize aus der Umgebung) + Prägung + Gefühl = Coping“

Der Ansatz zur Vermeidung dieses Prozesses besteht in einer die sog. Thymopsyche reaktivierenden und daher „normalisierenden“ Pflege. Normalisierend deshalb, weil sie mit den gesellschaftlich verankerten Gefühlen der Menschen übereinstimmt, so Böhm weiter. Von Pflegenden fordert Böhm (S. 76) weniger kognitiv, sondern mehr verstehend zu agieren. Transkulturelle und Transgenerationelle Pflege bedeutet Böhm (S. 78) zufolge auch „mehr als die jeweilige Sprache zu verstehen, die Verhaltensarten der Leute begreifen zu lernen.“ Daher ist es wichtig, so folgert Böhm (S. 78), wie man als Pflegender schaut, wenn man etwas sagt und dabei die Informationsebene mit der Bezugsebene harmonisiert, was vom Gegenüber als stimmiges Kommunikationsmuster interpretiert werde. Voraussetzung dafür ist Böhm (S. 79 ff.) zufolge die Erweiterung des limbischen und noopsychischen Sprachschatzes Pflegender um Wissen aus den folgenden Bereichen: Anthropologie, Ethologie, Körpersprache der Kinder, Körpersprache und Kultur, Kinderpsychosomatik, Rituale, Limbische Sprache je „Interaktionshöhe“, Die Sprache/ Linguistik, Aphorismen, Schimpfwörter und über das Prinzip „primum nihil nocere“ (S. 79). Nach Böhm (S. 89) bedeutet Transkulturelle Pflege weiter eine „Pflegediagnose, eine Bedürfnisdiagnose des Hauses, der Bewohner und der Pflegenden zu erstellen.“ Diese wendet sich mittels der Kompetenz Pflegender „limbisch zu sprechen“ und damit die Bedürfnisse der BewohnerInnen auch aus deren thymopsychisch -biografischen Sicht heraus nachvollziehen und entsprechende Pflegeforschung zu deren Erkundung zu unternehmen, gegen die Entstehung des „VerORTungssyndroms“ bei BewohnerInnen allgemein oder „Entwurzelungssyndroms“ bei MigrantInnen im Besonderen (S. 89, 93). Eine weitere Voraussetzung dafür ist, dass in der Altenpflegeausbildung auch historisches Wissen vermittelt wird (S. 162). Böhm befürwortet weiter eine räumliche Trennung von BewohnerInnen verschiedener nationaler Hintergründe, weil angesichts deren jeweiligen thymopsychischen Biografien Konflikte im Zusammenleben drohen. Weitere Fehlentwicklungen sieht er in der möglichen fehlenden Motivation Pflegender zum thymopsychischen Verständnis ihrer Klienten (S. 95 ff.). Damit sei die Gefahr von Fehldiagnosen verbunden, wenn Pflegende das Verhalten der Pflegebedürftigen nur anhand ihrer eigenen „Prägungen“, „Konditionierungen“ und "Gefühlsbiografien" diagnostizieren und damit eigene Probleme auf die Klienten projizieren (S. 95, 100). Demgegenüber fordert Böhm eine „Humanisierung der Nomenklatur“, womit er sich gegen die seiner Ansicht nach Negativität medizinischer Diagnosen wendet. So führen Fehldiagnosen im Sinne negativer medizinischer Diagnosen nach Böhm dazu, die so diagnostizierten Menschen entsprechend diagnosekonform zu behandeln und zu pflegen, unabhängig davon, ob sie die tatsächliche Ursache für die „Verhaltenseigenarten“ abbildet. Die ergeben sich eher aus der „limbischen Biografie“ als Reaktion auf die Umgebung, die nicht mehr mit den eigenen Gefühlen übereinander gebracht wird (S. 113). Ein weiterer Störfaktor ist Böhm (S. 113) zufolge das durch die „ICH-Wichtigkeit“ gesteuerte Verhalten Pflegender wie Gepflegter, welches als Geltungstrieb auf Seiten der Pflegenden für eine abhängigkeitsfördernde Pflege zur Aufrechterhaltung des eigenen Selbstbewusstseins sorgt und den alten Menschen in Ermangelung anderer Alternativen zu Ersatzhandlungen wie Aggressionen verdamme. Entgegen einer Defizitorientierung fordert er die Erhebung der Verhaltensanalyse im Rahmen einer sog. „thymopsychischen Biografieerhebung“ (S. 121) und eine darauf fußende biografische Therapie. Weitere Bedingungen für Fehldiagnosen sind nach Böhm (115 ff.) die Verkennung des Einflusses persönlicher Werte und Prägungen Pflegender, falsche Erwartungen und Vorstellungen, Implikationen aus verschiedenen Angstzuständen, blinden Flecken oder "Seelennahrungsmängeln", die ein Verstehen als Grundlage des Diagnostizierens verhindern. Zur weiteren Klärung des Begriffs transkulturelle Pflege zieht Böhm (S. 133, 137) weiter den Migrationsprozess heran. Hierzu stellt er u. a. fest, dass die dritte Zuwanderergeneration (im noopsychischem Sinne) zwar deutsch zu sprechen, doch die Begriffe „nicht limbisch“ zu deuten vermag. Dementsprechend werden sie sich im „Umkehrphänomen“, also als alte Menschen mit Pflegebedarf, wieder auf ursprüngliche kulturell vermittelte Sozialisationsmuster, wie eine tendenzielle soziozentrierte Werthaltung, zurückbesinnen. Für die Pflege älterer Menschen mit Migrationshintergrund kann das bedeuten, in die ursprünglich „limbischen Elemente“ zurückzugehen. Dies muss von Pflegenden verstanden und entsprechend beantwortet werden (S. 146). Ein Erschwernis dafür liegt in der unterschiedlichen Gefühlswelt junger Pflegender gegenüber den älteren zu Pflegenden begründet. Auch dies erfordert nach Böhm eine limbische Pflege (S. 148).

Böhm (143) zufolge sind alle „transgenerationellen und transkulturellen Probleme rein thymopsychisch, also limbisch, zu sehen.“

So bedeutet "limbisch sprechen" nach Böhm (S. 152) „so zu sprechen, dass der Gesprächspartner auch wirklich emotional verstehen kann“, was die Beachtung nonverbaler Gegebenheiten, wie der Mimik und emotionaler Reaktionen, anbetrifft.

Auch ein Mensch mit Demenz spricht Böhm (S. 156) zufolge rein limbisch, indessen sie sich demnach vor allem emotional mitteilen, da die ohne Gefühl gespeicherten "noopsychischen" Informationen zuerst vergessen würden.

In der Bezugspflege nach Böhm (S. 157) sollen Auslöser bzw. negative Schlüsselreize, wie etwa „angstauslösendes Material“ aus der Kindheit, vermieden werden. Die transgenerationelle Situation sei in Pflegeheimen dadurch geprägt, dass „die heutige Zeit (…) nicht mehr zu den geprägten Gefühlen“ der Bewohner passe (S. 161). Daher sollten Pflegeschüler in Fächern wie Sozialgeschichte unterrichtet werden, um alte Menschen in ihren Verhaltensweisen verstehen zu können.

Transgenerationale und Transkulturelle Pflege bedeutet nach Böhm (S. 162) weiter, die ältere und ausländische Generation „zu begreifen und ihre Copings berechnen zu können, ihre Prägungen zu wissen.“ Um dieses erreichen zu können, lautet die primäre Frage der Transkulturellen-generationellen Pflege:

„WAS war denn für WEN (Geburtsjahrgang plus 25 Lebensjahre) NORMAL und ist es daher (im hohen Alter) auch noch?“ (S. 162) Altenpflege als "Gefühlsnavigator" fordere von den Pflegenden angepasster an ihre Klienten zu (re)agieren, die sich somit verstanden und sicher fühlten, so Böhm (S. 163). So schließe Transkulturelle Pflege Böhm (S. 218) zufolge das wechselseitige Sich-aufeinander-Einlassen zwischen Klient und Pflegeperson ein, wohingegen interkulturelle Pflege eine Monokultur umfasse.

Da bei Zuwanderern nach Böhm (S. 177, 214) das kognitive und thymopsychische Gehirn verlegt sei, frage Transkulturelle Pflege was in einer gegebenen Kultur prägungsphänomenal tragend war und im Alter wieder von Bedeutung sein wird. Das Grundproblem der Transkulturellen Pflege macht Böhm (S. 219) in der „angeprägten (kulturellen) Kindheit“ aus, was bei Menschen mit Migrationshintergrund im Alter zu einer "Entwurzelungssymptomatik" und einem "Heimwehsyndrom" führe, die mit „Intellektueller Entwurzelung“, „veränderter Sozialisation“ und „Gender Problematik“ einhergehe (S. 220). Dies sei deshalb entscheidend, weil Migranten aufgrund ihrer anderskulturellen Prägung nicht gelernt haben, deutsch limbisch zu sprechen, „um Wörter, Sätze und Aussagen mit den jeweiligen körpersprachlichen Äußerungen in Zusammenhang zu bringen.“ (S. 201)

Böhm (S. 191) definiert Kultur als „die ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen, in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt habe. Kultur diene zwei Zwecken, „dem Schutz der Menschen vor der Natur und den Beziehungen der Menschen untereinander.“ Dazu umfasse Kultur nach Böhm (S. 194) „die Summe aller Werte, Überzeugungen, Alltagsgewohnheiten, Verhaltensweisen und Muttersprachen als Normalitäten.“ Als verschiedene „angstmachende Kulturen“ identifiziert er (S. 195) Kulturen durch Altersunterschiede (transgenerationelle Probleme), Bildungsunterschiede, Einkommensunterschiede, Geschlechtsunterschiede, Konsumverhaltensunterschiede und Unterschiede in der sexuellen Orientierung.

In seiner weiteren Betrachtung des Migrationsphänomens widmet er sich historischen Abhandlungen zu Völkerwanderungen (VerOrtungen) und zum Islam (S. 224-228), bis hin zur Situation von ArbeitsmigrantInnen (S. 232) und den Integrationsgraden verschiedener Zuwanderergenerationen (S. 236).

Als Probleme der Zukunft macht Böhm die Sprache bzw. die gesellschaftliche Tendenz, die limbische Körpersprache vergessen zu haben, aus. Folgen dessen sei das geringe Vermögen, andere Menschen zu verstehen, die Tendenz zur geringen Anpassungsfähigkeit insbesondere der 3. Einwanderergeneration, die Religionsvielfalt, die es Pflegenden abverlangt, zumindest die wesentlichen Unterschiede zu kennen (S. 239), die Krankheitsprägung (S. 241), die es erfordert, als Pflegender die Besonderheiten des kulturellen Umfeldes der Migranten zu kennen, um der Gefahr von Fehldiagnosen zu entgehen (S. 243), die Globalisierung im Heim (S. 243), die zu einer Vielfalt von Bedürfnissen führt und bei psychischen Krisen mit fundamentalen „Grundprägungsreaktionen“ verbunden sein kann.

Eine weitere zentrale Frage Böhms richtet sich auf die Identität des Menschen. Bei Migranten sieht Böhm (S. 244, 246) die Gefahr des Ich-Verlusts, die wenn sie sich nicht an die Realität anzupassen vermögen, ihr Ich behaupten müssen und damit tendenziell sich selbst und nicht der Außenwelt verhaftet blieben.

Böhm (S. 253) ordnet seine Überlegungen zur Transkulturellen Pflege in sein Pflegemodell ein und kommt hinsichtlich der sog. Umkehrphänomene zu der folgenden Beobachtung: „Die Türken in Deutschland sind fremd, fühlen sich fremd und therapieren sich im Sinne des Nostalgiesyndroms selbst, indem sie alte Werte neu annehmen, strenge islamische Regeln für ihr eigenes Befinden reak­tivieren. Wenn schon die ICH-Identität nicht mehr funktioniert, soll die kulturelle Identität und später die kollektive Identität (als Symbol) sichtbar werden.“

Weiter fordert Böhm von Pflegenden, ihre eigenen neurotischen Ansprüche nicht auf die Klienten zu übertragen, sondern deren biografische Situation zum Ausgangspunkt ihrer Pflegediagnose zu nehmen (S. 253).

Transkulturelle Pflege als psychogene Pflege verstanden, widme sich aktuellen und potentiellen Problemen der Klienten in der Weise, dass der biografische Hintergrund des Klienten jeweils Impulse zur Problemlösung oder -vermeidung biete und entsprechend systematisch herangezogen werden solle (S. 255). Zur Verdeutlichung der Transkulturellen Pflege im Kontext seines Psychobiografischen Pflegemodells werden Beispiele etwa zur Familie, Geschlechterrollen, Kleidung, Gesundheit und Krankheit angeführt, die bekannte Phänomene der Versorgung und kultureller Prägungsmuster von Menschen mit Migrationshintergrund repräsentieren. Dazu werden Versorgungsprobleme und Impulse zur Zielerreichung in Form der Kompensation oder zur Vermeidung einer VerORTung dargestellt. Diese enthalten reichhaltige Ratschläge zur Praxisgestaltung (S. 256-258). Böhm stellt weiter medizinischen Problembeschreibungen pflegerisch-geriatrische Impulse zur Befindensverbesserung gegenüber. So basiert sein Ansatz auf der Erhebung und Interpretation der sog. thymopsychischen Biografie („Befindens-Diagnosen“), woraus sich die Impulse in Richtung Befindensverbesserung ableiten ließen (S. 275).

Diskussion

Erwin Böhm sieht angesichts zunehmender gesellschaftlicher Diversität die Notwendigkeit einer "Transgenerationellen und -kulturellen Pflege" in der Rückbesinnung alter Menschen auf ihre gefühlsmäßig kulturell geprägte Biografie begründet. Daraus entwickele sich ein entsprechender biografiespezifischer Pflegebedarf. Alte Menschen mit Migrationshintergründen hingegen stellen insofern eine Besonderheit dar, als die Entschlüsselung deren kultureller Prägungen spezifischer Kenntnisse und Erfahrungen Pflegender bedarf, die diese aufgrund ihrer eigenkulturellen Prägung nicht besitzen. Dabei geht es Böhm vor allen Dingen um die hinter den Begriffen und Erfahrungen liegenden Gefühle, die nicht durch das Erlernen von etwa kulturellen Sprachführern in Erfahrung zu bringen sind. Die Kenntnis der hinter den Begriffen liegenden Gefühle und Bedeutungen und deren Berücksichtigung in der fachlichen Pflege mache Transkulturelle Pflege aus. Alte Menschen mit und ohne Migrationshintergrund unterliegen daher seiner Ansicht nach der Gefahr, durch eine fachliche, nicht an ihrer Perspektive ausgerichteten, Pflege den Bezug zu sich und einer für sie stimmigen Umwelt zu verlieren. Ihre daraus resultierenden Verhaltensweisen würden von fachlich Pflegenden als unpassend bis gesundheitsgefährdend wahrgenommen und mit „negativen medizinischen Diagnosen“, wie Demenz, fehlinterpretiert und damit fehltherapiert. Dies durch eine nicht allein an objektiven Befunden, sondern an den Gefühlen ihrer Klienten ansetzenden fachlichen Pflege zu verhindern, ist ein wichtiges Anliegen, welches Erwin Böhm verfolgt.

Dieses Anliegen Böhms ist zu würdigen, auch wenn seine Ausführungen weniger an dem Wissensstand der kultursensiblen oder transkulturellen Pflege in der Pflegewissenschaft anschließt, sondern mehr auf seinen Praxisbeobachtungen zu gründen scheint, die er jedoch als Forschungsbefunde deklariert. Über deren methodischen Hintergründe wird der Leser jedoch im Unklaren gelassen. So ist diese Publikation auch weniger als eine wissenschaftliche in sich konsistente Abhandlung einzustufen, sondern als ein rein theoretisches Gedankengebäude des Autors. So praxisbezogen, mitunter erhellend und spannend zu lesen diese Lektüre auch sein mag, ein schlüssiger Argumentationszusammenhang ist weniger auszumachen. Böhms Charme seiner eigentümlichen, sich häufig von einer sachlichen Wissenschaftssprache distanzierenden, Darstellung liegt in seinen reichhaltigen Praxisbeobachtungen, weniger in der exakten Rezeption der von ihm verwendeten Literatur, einschließlich deren adäquaten Zitation.

Dieses Buch sollte nicht „noopsychisch“ gelesen werden… Bei der Bewertung dieser Publikation muss bedacht werden, dass es sicherlich nicht der Intention des Autors entsprach, nach wissenschaftlichen „noopsychischen“ Kriterien bewertet zu werden. Würde man diese zugrunde legen, so müsste man einen mangelhaften Aufbau, einen häufig fehlenden Argumentationszusammenhang und eine mangelnde Systematik im wissenschaftlichen Arbeiten feststellen. Obige Ausführungen zum Inhalt müssen auch unter diesen Gesichtspunkten eingeordnet werden, denn eine schlüssige Verkleinerung Böhms Botschaft aus dem Text herauszulösen erweist sich aufgrund der benannten Mängel als entsprechend schwierig. Böhm berücksichtigt weder den Wissens- und Diskussionsstand der Kultursensiblen, Trans- oder Interkulturellen Pflege, noch werden pflegetheoretische Entwürfe auf dem neuesten Stand und gemäß ihrer ursprünglichen Bedeutung rezipiert. So werden Lebensaktivitätskonzepte und die ABEDLs aus der fördernden Prozesspflege auf rein körperliche Ausschnitte unsachgemäß reduziert.

Dafür, dass es Böhm um etwas anderes gegangen sein muss, sprechen auch die zahlreichen Rechtschreib- und Interpunktionsfehler.

Inhaltlich ist weiter eine nahezu ausschließlich gefühlsmäßig vorgehende fachliche Pflege zu kritisieren, die angesichts der sich etablierenden Pflegewissenschaft eher als Rückschritt im Sinne von Deprofessionalisierung bezeichnet werden kann.

Böhm ignoriert Definitionen aus der Sozial- wie auch aus der Pflegewissenschaft, indem er etwa Interkulturelle Pflege mit einer monokulturellen Ausrichtung statt mit einer kulturvermittelnden Position in Verbindung bringt. Inhaltliche Fehler zeigen sich in der Rezeption des Begriffs Distanzzone oder der Darstellung des Phasenmodells des Migrationsprozesses. Seine Definition von Kultur lässt aktuelle differenzierte sozialwissenschaftliche Konzeptionen außer Acht. Auch die Reduktion von Personen mit türkischem Migrationshintergrund auf ihre traditionelle Prägung ist angesichts neuerer sozialwissenschaftlicher Studien unhaltbar und stereotypisierend. So zeigt etwa die Sinus-Studie zu den Migrantenmilieus ein weitaus differenzierteres Bild als von Böhm gezeichnet. Mehrere Dimensionen berücksichtigend verspricht dies damit für eine zielgruppenspezifische, an der Lebenswelt und Lebenslage wie auch an Milieus, orientierten transkulturellen Pflege fachlich weitaus angemessenere Anknüpfungspunkte.

Doch abgesehen von diesen Kritikpunkten bietet die Arbeit Böhms auch reichhaltige Anstöße zur weiteren Auseinandersetzung und Positionierung.

Fazit

Bei der Publikation Erwin Böhms handelt sich weniger um einen wissenschaftlichen Text, als mehr um eine Darstellung seiner Gedanken zur gegenwärtigen Situation einer personenorientierte Pflege. In der Beleuchtung und Interpretation deren Irrwege und Zukunftsszenarien werden durchaus bedenkenswerte Schlussfolgerungen gezogen. Von daher ist die Lektüre durchaus interessant, doch mit kritischem Abstand aufzunehmen. Für Leser/innen, die über die aufgeführten offensichtlichen wissenschaftlichen Mängel hinwegsehen können, erschließt sich mit Böhms Ausführungen ein Zugang zur Gestaltung einer Altenpflege, die weniger von Worten als mehr von einem Gefühl für die klientenbezogene stimmige Gestaltung einer Kultursensiblen Pflege getragen ist. Ich empfehle dieses Buch daher weniger für Leser/innen, die sich einen Überblick über die Relevanz und Ausgestaltung einer Transkulturellen Pflege auf wissenschaftlichem Niveau verschaffen möchten.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Schilder
Professor für klinische Pflegewissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt
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Zitiervorschlag
Michael Schilder. Rezension vom 24.10.2012 zu: Erwin Böhm: Sprechen Sie limbisch? Ein Plädoyer für eine transkulturelle und transgenerationelle Altenpflege. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2012. ISBN 978-3-89993-291-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12955.php, Datum des Zugriffs 18.01.2020.


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ISSN 2190-9245

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