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Marianne Gras: Kriminalprävention durch Videoüberwachung

Cover Marianne Gras: Kriminalprävention durch Videoüberwachung. Gegenwart in Großbritannien - Zukunft in Deutschland? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2003. 301 Seiten. ISBN 978-3-8329-0390-9. 52,00 EUR.

Hrsg.: Weißer Ring - Gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten e.V. Reihe: Mainzer Schriften zur Situation von Kriminalitätsopfern, Band 33. ISBN 3-9807624-2-4 (WeisserRing).
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Autorin und Entstehungshintergrund des Buchs

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich zugleich um eine Dissertation, die im Wintersemester 2002/03 von der Juristischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen (Erstgutachter: Prof. Dr. Jörg-Martin Jehle/ Zweitgutachter: Priv. Doz. Dr. Axel Dessecker) angenommen wurde. Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am dortigen Lehrstuhl für Kriminologie (Prof. Jehle). Sie studierte zunächst Rechtswissenschaft und Deutsch an der Universität Bristol (LLB) und erwarb später den "magister iuris" an der Göttinger Fakultät. Zur Bearbeitung ihres Dissertationsthemas erhielt sie eine Förderung durch das Land Niedersachsen und durch die Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung.

Aktualität und kurze Einführung in das Thema

Die Videoüberwachung von öffentlichen Räumen zum Zwecke der Kriminalprävention wird in Großbritannien schon seit vielen Jahren in sehr intensiver und ausgeprägter Art und Weise in zahlreichen Städten und Gemeinden praktiziert. Dagegen kann man die diesbezügliche Situation in Deutschland allgemein als (noch ?) sehr viel zurückhaltender und gebremster bezeichnen. Jedoch gerade nach solchen Terror-Ereignissen wie denen vom 11.März 2004 in Madrid wird auch bei uns in der öffentlichen Diskussion der Ruf nach einem verstärkten und verbreiteten Einsatz der Videoüberwachung merklich lauter. Wie bei anderen kriminal- und sicherheitspolitischen Maßnahmen auch, welche die Grundlagen unseres freiheitlichen Rechtsstaates in Gefahr bringen können, besteht auch hier das Problem, kurzschluss-artige Überreaktionen möglichst zu verhindern und zu einer weitgehend abgewogenen, differenzierten und auf wissenschaftliche Erkenntnisse gestützten Beurteilung zu gelangen. Hierzu kann die vorliegende Arbeit der Göttinger Kriminologin eine gewünschte Hilfestellung liefern.

Aufbau, Inhalt, Gliederung

Die Arbeit ist insgesamt in vier große Teile und elf Kapitel untergliedert:

Im ersten Teil erfolgt eine überblicksartige Einführung in die Thematik der Videoüberwachung als eine mögliche Form von situativer Kriminalprävention (Kapitel I) und ein kurzer Ausblick auf den Gang der bevorstehenden Arbeit (Kapitel II).

Der zweite Teil konzentriert sich dann auf die Situation der Videoüberwachung in Großbritannien und behandelt in ausführlicher Art und Weise sowohl die gesellschaftlichen und politischen Hintergründe (Kapitel III und IV) des Geneseprozesses der Videoüberwachung als auch die rechtlichen und praktischen Gegebenheiten und Ausformungen seiner Anwendung (Kapitel V und VI).

Der umfangreichste und zentrale dritte Teil ist überschrieben mit dem Titel "Bewertung der Videoüberwachung in Großbritannien". Hier findet der Leser zahlreiche sekundäranalytisch ausgewertete Ergebnisse und Erkenntnisse hinsichtlich der kriminalpräventiven Wirkungen der Videoüberwachung (Kapitel VII), welche in ihrer Zusammenfassung und unter Berücksichtigung des gesamtgesellschaftlichen Kontextes (Kapitel VIII) alles andere als ein eindeutiges und überzeugendes Plädoyer für eine verstärkte und unreflektierte Praxis in der Zukunft darstellen. Dies belegen speziell auch die unerwünschten "sozialen Kosten" wie z.B. die Gefahren einer sozialen Ausschluss betreibenden "Festungsgesellschaft", die besonders von kritischen Soziologen (auch in England) beschrieben werden.

Im abschließenden vierten Teil geht die Autorin dann der Frage nach, wie sich im Vergleich zu Großbritannien die Rechtslage (Kapitel IX) und die Praxislage (Kapitel X) in der Bundesrepublik Deutschland darstellt und welche Lehren und Schlussfolgerungen bei uns aus den Erfahrungen und Erkenntnissen in Großbritannien gezogen werden können. (Kapitel XI)

Unter dem Strich gelangt sie zu einer überwiegend kritischen Position der sehr extensiven und dabei teils widersprüchlichen und unklaren, teils wirkungsarmen und teils sogar kontraproduktiven britischen Praxis, welche es ausgesprochen fragwürdig mache, dass sich Deutschland in Sachen "Videoüberwachung im öffentlichen Raum" an Großbritannien ein Beispiel nehmen solle. (S.272) Im Gegenteil, vieles deute darauf hin, dass europaweit eine Konzentration und Beschränkung der Videoüberwachung auf eine möglichst kleine Zahl besonders gefährdeter Orte (als Modell und Leitlinie) angezeigt sei.

Zielgruppe

Die vorliegende Arbeit ist zunächst für die einschlägigen PraktikerInnen im Bereich der Kriminalprävention und vor allem auch für all jene Expertinnen und Experten gedacht, die sich auf der gesellschaftlichen und politischen Ebene mit aktuellen Fragen der Sicherheits- und Kriminalpolitik zu befassen haben. Bevorzugte Adressaten sind selbstverständlich auch juristisch und empirisch orientierte WissenschaftlerInnen und Studierende auf den Gebieten "Jura, Kriminologie, Sozialwissenschaften u.ä." und nicht zuletzt auch alle interessierten Bürgerinnen und Bürger, die sich in ausführlicher und differenzierter Weise über die Thematik und Problematik der Videoüberwachung im öffentlichen Raum informieren wollen.

Einschätzung

Als ausgewiesene Kennerin der britischen Rechts- und Praxislage versteht es die Autorin einerseits ein sehr materialreiches und detailliertes Bild von den Möglichkeiten und Grenzen der Videoüberwachung zum Zwecke der Kriminalprävention in Großbritannien zu zeichnen und dies hinterfragend und kritisch mit der Situation und möglichen Entwicklungen in Deutschland zu kontrastieren. Dabei wird deutlich, dass die normative Rechtslage in der Bundesrepublik mit den verfassungsrechtlich entwickelten Elementen eines Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung und eines die entsprechenden Persönlichkeitsrechte berücksichtigenden Datenschutzrechts eine wirkungsvollere Schranke für ausufernde staatliche Kontroll- und Überwachungspraktiken darstellt als dies offensichtlich in Großbritannien der Fall ist. Die aufgezeigten relativ schwachen und unter dem Strich vielfach diffusen, heterogenen und auch widersprüchlichen kriminalpräventiven Wirkungen (z.B. Verlagerungseffekte, aber auch Ausschlusseffekte von sozial benachteiligten und "störenden" Gruppen) bieten zudem keine Handhabe und Legitimation für eine grundsätzliche Kursänderung in der relativ restriktiven Videoüberwachungspraxis in Deutschland und sie sprechen relativ eindeutig gegen eine größere Anlehnung an das britische Modell. Dies belegen übrigens auch die neuesten Ergebnisse einer systematischen Meta-Evaluation von Forschungsprojekten zur Videoüberwachungspraxis, die nach Abschluss der Dissertation von Marianne Gras von einer Arbeitsgruppe des britischen "Home Office" vorgelegt wurden. Danach kann man eindeutig positive Präventionseffekte der Videoüberwachung allein hinsichtlich der Reduktion von speziellen KfZ-Delikten auf öffentlichen Parkplätzen feststellen.

Fazit

Der Arbeit von Marianne Gras gebührt das Verdienst, in sehr differenzierter, juristischer und empirischer Argumentation die Probleme und Grenzen einer extensiven Videoüberwachungspraxis deutlich gemacht zu haben, ohne allerdings gänzlich von diesem in bestimmten Bereichen möglicherweise sinnvollen Instrument Abschied nehmen zu müssen. Wo genau die Konturen für einen konzentrierten und begrenzten Einsatz liegen, dies kann angesichts der derzeitigen defizitären Forschungslage und angesichts der rasanten gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in diesem Bereich verständlicherweise auch diese Arbeit nicht abschließend aufzeigen und leisten. Hierfür sind in Zukunft weitere empirisch fundierte und reflektierte Arbeiten erforderlich.


Rezensent
Dr. rer.pol. Werner Rüther
Dipl.-Volkswirt sozialwissenschaftlicher Richtung. Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kriminologischen Seminar der Universität Bonn
Zahlreiche Erfahrungen in Lehre und Forschung, in der Kriminologie und speziell auch im Bereich der Kriminalprävention. Mitglied des kriminalpräventiven Rates der Stadt Bonn. Leiter eines Forschungsprojektes zur „Kriminologischen Regionalanalyse“. „Cyber-Crimes“ und technologische Kriminalität und Kriminalitätskontrolle als aktuelles neues Forschungsgebiet
Homepage www.cyber-crime.info
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Zitiervorschlag
Werner Rüther. Rezension vom 20.04.2004 zu: Marianne Gras: Kriminalprävention durch Videoüberwachung. Gegenwart in Großbritannien - Zukunft in Deutschland? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2003. ISBN 978-3-8329-0390-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1296.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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