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Günter Gödde: Takt und Taktlosigkeit

Cover Günter Gödde: Takt und Taktlosigkeit. Über Ordnungen und Unordnungen in Kunst, Kultur und Therapie. transcript (Bielefeld) 2011. 300 Seiten. ISBN 978-3-8376-1855-6. 29,80 EUR, CH: 43,90 sFr.

Reihe: Ästhetik und Bildung - 6.
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„Der Takt ist eine wunderbare menschliche Erfindung…“

Der Ruf nach Ordnungen und Gewissheiten in der sich immer interdependenter, entgrenzender und unsicher werdenden (Einen?) Welt wird lauter. Das Bedürfnis nach Klassifizierung, insbesondere in politischen, gesellschaftlichen und beruflichen Zusammenhängen, ebenfalls (Lucas Neuhaus, Wie der Beruf das Denken formt. Berufliches Handeln und soziales Urteil in professionssoziologischer Perspektive, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12024.php). Zu wissen, wer man selbst ist und der andere, ob in der Nähe oder in der globalen Ferne, fokussiert in deutlichem Maße die Frage nach dem Leben Hier und Heute. Es ist die Frage nach dem humanen Umgang der Menschen miteinander, empathisch und friedlich, oder abweisend und aggressiv. Ist der Mensch des Menschen Freund oder Feind? Ist er anthrôpos oder lupos? Ist es die Gewalt (Byung-Chul Han, Topologie der Gewalt, 2011,www.socialnet.de/rezensionen/12785.php) oder die Liebe (Kerstin Jergus, Liebe ist… Artikulationen der Unbestimmtheit im Sprechen über Liebe, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12661.php), die das Zusammenleben der Menschen bestimmt? Diese uralten Fragen sind aktueller denn je, in einer Zeit, in der sich Empathie (Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9048.php) und Humanität (Jörn Rüsen / Henner Laass, Hrsg., Interkultureller Humanismus. Menschlichkeit in der Vielfalt der Kulturen, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8537.php) zu Überlebensanker der Menschheit darstellen. Wir reden hier nicht von dem steigenden Interesse vor allem junger Menschen, durch Benimm-Kurse ihre wohl vernachlässigten und vergessenen äußeren Formen des Umgangs wieder zu entdecken; vielmehr orientiert sich die Fragestellung an dem Phänomen, dass in der globalen Moderne ein Bewusstsein zu wachsen beginnt (Oliver Kozlarek, Moderne als Weltbewusstsein. Ideen für eine humanistische Sozialtheorie in der globalen Moderne, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12558.php), bei dem die Menschen sensibler werden für Anerkennungsdefizite, Verletzungen und Diskriminierungen: Takt als „Kompensation für die mit der modernen Welt einhergehenden Verlust- und Wandlungserfahrungen von Konventionen und Werten, von moralischen Haltungen und sozialen Anstandsformen“. Dabei ist natürlich nicht unumstritten, dass die sich darstellenden Krisen-, Schädigungs- und Verletzungssituationen, die sich Menschen in der Lokale und Globale zufügen, nicht immer bewusst und geplant, sondern oftmals unbeabsichtigt und unbemerkt erfolgen und die erkennbaren Verluste im Verhalten der Menschen zueinander sich zu ihrem Schaden auswirken, oder ob es einfach die Zeitläufte und gesellschaftlichen Wandlungsprozesse sind, die traditionelle Umgangsformen verschwinden und andere, ungewohnte, entstehen lassen. Um so mehr stellt sich wissenschaftlich und gesellschaftlich die Frage, wie eine „Kunst des Umgangs mit Menschen“ Hier und Heute und Morgen aussehen kann und soll.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Takt, so sagt man, wird besonders dann eingefordert, wo Taktlosigkeit vorherrscht, und zwar sowohl im individuellen wie im gesellschaftlichen Umgang der Menschen, lokal und global. Weil die meisten Gesellschaften, die es auf der Erde gibt, in vermehrtem Maße nicht mehr mono-, sondern multikulturell aufgebaut sind und nur die Anerkennung der gleichberechtigten Vielfalt der Kulturen ein humanes, gerechtes, friedliches und soziales Zusammenleben der Menschen auf der Erde ermöglichen, wie dies in der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen, wie auch in der Magna Charta der internationalen Kulturpolitik (Übereinkommen über Schutz und Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen, 2005) postuliert wird, hat der „gute Ton“, im wörtlichen und übertragenem Sinne, eine große Bedeutung für individuelles und kollektives Verhalten der Menschen.

Die sich 2008 gebildete interdisziplinäre Diskussionsrunde „Psychoanalyse und Lebenskunst“ reflektiert zur Thematik „Takt und Taktlosigkeit“ philosophische, anthropologische, psychologische und pädagogische Überlegungen. Die Herausgeber, der Psychotherapeut und Leiter des Schwerpunkts Tiefenpsychologie an der Berliner Akademie für Psychotherapie, Günter Gödde, und der Erziehungswissenschaftler an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Vorsitzender der Gesellschaft für Historische Anthropologie, Jörg Zirfas, legen Ergebnisse der Gesprächsrunde vor. „Takt“ wird dabei, im Sinne von „reflektierenden Abweichungen in Kunst und Kultur, in sozio-moralischen Sachverhalten und in der Theorie und Praxis von Pädagogik und Psychotherapie“ dargestellt.

Aufbau und Inhalt

Das Herausgeberteam gliedert den Band, neben der Einleitung in drei Kapitel.

Im ersten Teil geht es um „Kunst und Kultur“, im zweiten um „Ethik und Pädagogik“ und im dritten um „Psychotherapie“.

Der Würzburger Musikwissenschaftler und Mitglied der Arbeitsgruppe Musiksoziologie der Gesellschaft für Musikforschung (GfM), Eckhard Roch setzt sich in seinem Beitrag mit „Takt und Taktlosigkeit in der Musik“ auseinander. Es sind die vielfältigen, historischen und aktuellen Auffassungen und Ausprägungen über Takt, Rhythmus und musikalische Ausdrucksformen, die den Zusammenhang von Systematik, Ordnung und freiem Spiel und Gefühl verdeutlicht, Veränderungen aufzeigt und Konstante vermittelt: „Musikalischer Takt und musikalische ‚Taktlosigkeit‘ stehen also in einem nicht ausschließenden, sondern dialektischen Verhältnis“.

Der Erziehungswissenschaftler und Mitarbeiter am Interdisziplinären Zentrum Ästhetische Bildung an der Erlangen-Nürnberger Universität, Leopold Klepacki, unternimmt den phänomenologischen Versuch, über die anthropologische Bedeutung einer tänzerischen Fehlleistung zu reflektieren: „Aus dem Takt kommen“. Es sind die durch Rhythmus und Bewegung vorgegebenen wie auch die aus dem eigenen Selbst entwickelten Tanzschritte und -formen, die den Takt als musikalischen und sozialen Bewegungsrahmen verdeutlichen, aber auch das Aus-dem-Takt-Kommen als einen kulturhistorischen Fauxpas markieren. Tanzen lernen stellt somit eine Form der Kultivierung von Bewegungs- und Umgangsformen dar.

Der Berliner Philosoph und Künstler Johannes Oberthür zeigt am Beispiel von Friedrich Schillers 1795 in der Zeitschrift "„Die Horen“ veröffentlichtem Aufsatz „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ auf, wie der Begriff „Intaktheit“ die Wesenheiten von „gut“ und „schön“ formuliert und die „Intaktheit der menschlichen Lebensbewegung“ bestimmt: „Ohne Schönheit vermag die Güte des Menschen sich nicht durchzusetzen“.

Karin Dannecker, Berliner Kunsttherapeutin, stellt mit ihrem Beitrag „Taktlose Kunst“ die Notwendigkeit heraus, die Kunst zu leisten habe, nämlich Grenzen zu überschreiten. Weil gleichzeitig aber die „Kunst des Umgangs mit Menschen“ (Knigge) es gebietet, taktvoll miteinander umzugehen, entsteht im künstlerischen Schaffen ein Dilemma. An mehreren Beispielen diskutiert die Autorin Fragen, wie sie sich im Dreieck Künstler – Kunstwerk – Rezipient darstellen, als Bestätigung und Irritation.

Im zweiten Teil „Ethik und Pädagogik“ diskutiert der an der University of Cyprus tätige Literaturwissenschaftler und Mitherausgeber des Hölderlin-Jahrbuchs, Martin Vöhler, „Taktlosigkeit in der Antike“, indem er zu den Charakteren von Theophrast Bezug nimmt. Sein Rekurs auf die griechische Polis will zum einen Wurzeln aufzeigen, die bei Takt und Taktlosigkeit erkennbar werden, zum anderen Anlässe verdeutlichen, die auch für die Konfliktforschung heute bedeutsam sind.

Der Baseler Philosoph Andreas Brenner stellt fest, dass es ohne Takt nicht geht: „Der richtige Abstand“ als eine Verhaltensweise, die sich als Moralforderung von der Antike bis in die Jetztzeit zeigt und den „Taktvollen“ als authentisch darstellt: „Werde, der du bist!“

Jörg Zirfas bezieht sich auf den pädagogischen Takt und formuliert zehn Thesen, die er historisch und systematisch aus dem bildungs- und erziehungswissenschaftlichen Diskurs herleitet und in die zeit-, kultur- und ideologiebestimmten Prämissen einordnet. Dabei kommt er zu der Standortbestimmung: „Pädagogischer Takt ist die Resonanz auf die Offenheit, Dynamik, Variabilität und Unergründlichkeit des anderen“.

Die Berliner Ethnografin Bina Elisabeth Mohn bringt ihre Erfahrungen und Forschungsergebnisse ein, um „Blick und Takt“ als Kommunikations- und methodische Mittel für die Arbeit in der Schule, Kita und beim Forschen zu verdeutlichen. Dabei werden sowohl Formen des Umgangs, des Motivierens und Agierens erkennbar, die gewissermaßen einen Paradigmenwechsel bei Kommunikationsformen anzeigen, als auch Strategien sichtbar, die Zugänge zum Erkennen und Bewältigen von Differenzerfahrungen ermöglichen.

Im dritten Teil „Psychotherapie“ stellt Günter Gödde Takt als emotionalen Beziehungsregulator für die Psychoanalyse und -therapie vor. Er zeigt auf, dass der „therapeutische Takt“ einen engen Bezug hat zu „Empathie und Sympathie, dem erkennenden und liebenden Blick, der Anerkennung und Begegnung…, von Diskretheit und Achtung getragen (wird) und ( ) einen rücksichtsvollen und schonenden Umgang mit den Gefühlen des Anderen ((impliziert)“. Er stellt „Stufen der emotionalen Annäherung und Beziehungsgestaltung im therapeutischen Prozess“ dar und vergisst auch nicht, die Polaritäten und Probleme im therapeutischen Prozess zu nennen.

Der Göttinger Psychoanalytiker und Sozialwissenschaftler Michael B. Buchholz diskutiert „Takt in der Konversation“, indem er die Bedeutung von Rücksicht und Respekt, Verletzungen und Rhythmus im Wandlungsprozess der Psychoanalyse von der Trieb- zur Ich- und Selbstpsychologie darstellt und für die Konversationsanalyse an Praxisbeispielen verdeutlicht.

Die Psychotherapeutin, Kantorin und Dozentin der Berliner Akademie für Psychotherapie, Gabriele Dorrer-Karliova, beschließt mit ihrem Beitrag „Der musikalische Takt“ den Sammelband, indem sie Strukturen im Beziehungsgefüge der Musik, ihrer Wirkung und Anwendung in der Musiktherapie deutlich macht. Dabei arbeitet sie Formen und Entwicklungen heraus, die sich an einen eigenen (therapeutischen) Musikbegriff orientieren und dazu führen (können), vom „In-Takt-Sein“ zum „Kon-Takt“ zu kommen.

Fazit

Takt – und der Gegenpart: Taktlosigkeit – sind Eigenschaften und Verhaltensweisen im menschlichen Umgang und in der Kommunikation, die sich mentalitäts- und zeitgemäß zwar geändert und gewandelt haben, die sich aber mit den sozialpsychologischen Aspekten der Diskretion, der Rücksichtnahme und der heute mehr denn je geforderten Perspektivenübernahme des Daseins der Menschen in (Einer) Welt auch heute als wichtige Paradigmen und Herausforderungen erweisen. Die Autorinnen und Autoren haben mit ihrem jeweils spezifischem Blick die historische und kulturelle Variabilität des „Fingerspitzengefühls“ aufgezeigt und in den Zeiten des permanenten Wandels ins Heute gestellt: „Takt und Taktlosigkeit sind nicht vorab subjektiv gegeben, sondern werden in der Situation als solcher von den Beteiligten wahrgenommen“. So zeigt sich taktvolles Verhalten als „Maß des Menschlichen“, das es anzustreben gilt!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.04.2012 zu: Günter Gödde: Takt und Taktlosigkeit. Über Ordnungen und Unordnungen in Kunst, Kultur und Therapie. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1855-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12967.php, Datum des Zugriffs 22.09.2019.


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