socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Alexander Brand: Medien - Diskurs - Weltpolitik

Cover Alexander Brand: Medien - Diskurs - Weltpolitik. Wie Massenmedien die internationale Politik beeinflussen. transcript (Bielefeld) 2011. 448 Seiten. ISBN 978-3-8376-1831-0. 37,80 EUR, CH: 53,90 sFr.

Reihe: Edition Politik - 5.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Medienwirkung und -beeinflussung als Ergebnis der Veränderung von realen gesellschaftlichen Wahrnehmungsmustern

Weltbilder und Weltordnungsvorstellungen sind in Bewegung, nicht zuletzt durch die sich immer interdependenter, entgrenzender und unüberschaubarer entwickelnden (Einen?) Welt, in der traditionelle und scheinbare Gewissheiten immer deutlicher und schneller zu Irritationen werden, in der Bedrohungen und Konfliktpotentiale zunehmen (vgl.: Peter Schlotter / Simone Wisotzki, Hrsg., Friedens- und Konfliktforschung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11889.php), sich Szenarien vom „Kampf der Kulturen“ zeigen (Samuel P. Huntington: The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, 1997) und überraschende, geopolitische Veränderungen sich vollziehen ( Shadia Hussini de Araújo, Jenseits vom ‚Kampf der Kulturen‘. Imaginative Geographien des Eigenen und des Anderen in arabischen Printmedien, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12016.php).

Spätestens seit den (demokratischen?) Aufbruchstimmungen, wie sie mit dem „arabischen Frühling“ charakterisiert werden, kommt die Bedeutung von Massenmedien, wie etwa im Internet die so genannten sozialen Netzwerke, stärker in den Fokus der öffentlichen Meinung und Forschung. Für den kritischen Beobachter wird dabei erkennbar, dass das on-dit der Einschätzungen und Meinungen über globale Veränderungsprozesse mit Vorbehalt zu betrachten ist. Um aber von subjektiven Auffassungen weg- und hinzukommen zu objektiven Bewertungen bedarf es der wissenschaftlichen Nachschau.

Entstehungshintergrund und Autor

„Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (bildet) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. Diese allgemeinverbindliche menschliche Ethik steht der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte voran, die von den Völkern der Erde am 10. Dezember 1948 proklamiert wurde. Dieses Ideal ist bis heute nicht verwirklicht; und es gibt nicht wenige Menschen, die bezweifeln, ob es je durchgesetzt werden kann. Das hat mit „Macht und Moral“ zu tun (Wolfgang Kersting, Macht und Moral. Studien zur praktischen Philosophie der Neuzeit, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11429.php ) und mit der Art und Weise, wie sich der homo oeconomicus mit seinem vermeintlichen Mehrwert gibt ( Saral Sarkar, Hrsg., Die Krisen des Kapitalismus, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/12301.php). Die Ursachenforschung für dieses unvernünftige, lokale und globale Verhalten beginnt mit der Gesellschaftskritik und zieht sich hin bis zum Gewohnheitsdenken und -handeln. In diesem Feld ist die Medienkritik angesiedelt, und auch das Nachdenken darüber, wie in den internationalen Beziehungen sich Meinungen bilden, Macht entwickelt, Hegemonien und Abhängigkeiten entstehen (Ian Morris, Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12186.php) und welche Mächte dies bewirken. Die Medienmacht, die gelegentlich auch als „vierte Macht im Staat“ bezeichnet wird (neben den demokratischen, gewaltenteilenden Mächten der Legislative, der Exekutive und der Judikative), unterliegt dabei einer besonderen Aufmerksamkeit. Die Mediatisierung der Politik und des gesellschaftlichen Handelns im Alltag wie in den internationalen Beziehungen und im Welt-Handeln, ist Thematik in den wissenschaftlichen Analysen und Forschungen.

Der Politikwissenschaftler der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, Alexander Brand, hat 2009 am Institut für Politikwissenschaft – Zentrum für internationale Studien (ZIS) – seine Dissertationsschrift „Die diskursive Konstruktion internationaler Beziehungen in und durch Massenmedien“ vorgelegt. Mit dem Band „Medien – Diskurs – Weltpolitik“ gibt er nun die Ergebnisse seiner Forschungsarbeiten in etwas abgewandelter und ergänzter Form heraus.

Aufbau und Inhalt

Wenn sich gesellschaftliche Wahrnehmungsmuster und Meinungen über (scheinbare und tatsächliche) Wirklichkeiten ändern, ist die Ursachenforschung gefordert. Bei der Analyse und Beurteilung darüber, in welcher Weise und Intensität Massenmedien daran Anteil haben, insbesondere im internationalen Zusammen- (und Getrennt-)leben der Menschen, wird ja überwiegend bisher davon ausgegangen, dass in der außenpolitischen Realität sich internationale Politik grundsätzlich an den realen Machtverhältnissen der (potenten) Nationalstaaten und deren Eigeninteressen orientiert (vgl. dazu: Frank R. Pfetsch, Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Von Adenauer bis Merkel, 2011, 286 S.). A. Brand hingegen riskiert einen anderen, konstruktivistischen Blick: Staaten seien in der Lage, ihre Politik, wie sogar ihre nationalen Identitäten zu verändern und miteinander zu kooperieren. Die Anerkennung der „geteilten Ideen“ (Alexander Wendt) könne sowohl dazu führen, egoistisch wie auch kooperativ zu handeln, und zwar auf ökonomischen, gesellschaftspolitischen als auch auf ideologischen Gebieten. Mit dem Theorie- und Methodenmodell der „diskursiven Konstruktion“ legt Brand gleichzeitig Strukturen für eine „Medientheorie der Internationalen Beziehungen“ vor.

Das Forschungsprojekt wird in drei Kapiteln entfaltet: Im ersten Teil „Massenmedien und internationale Beziehungen“ wird ein Überblick über das Forschungsfeld gegeben, und es werden „Vorüberlegungen zu einem Modell der Erfassung massenmedialer Effekte in den internationalen Beziehungen“ angestellt. Die Diskussion der insbesondere aus dem US-amerikanischen Wissenschaftsdiskurs der „International Relations“ etablierten Theorien des Realismus, des neoliberalen Institutionalismus und des liberal-gesellschaftsorientierten Ansatzes, ergibt die Positionierung hin zur Untersuchung „der politischen Qualität massenmedialen Handelns und massenmedialer Effekte primär (auf) ihren Einfluss in Prozesse(n) der Bedeutungsschaffung in und zwischen Gesellschaften“.

Im zweiten Kapitel entwickelt der Autor nun „(s)ein alternatives Modell: Die diskursive Konstruktion der internationalen Beziehungen in und durch Massenmedien“. Es geht dabei um „die Hinterfragung von vermeintlichen Selbstverständlichkeiten sozialer Bedeutungsprägungen“. Aufschlussreich und differenziert setzt sich Brand dabei mit den Argumentationen und Kritiken am Theoriekonzept des Konstruktivismus und – enger geführt – mit dem Sozialkonstruktivismus auseinander. Die Annahmen und (vorläufigen) Antworten führen freilich zu – im guten Sinne der Erkenntnissuche – einer den zentralen Fragen im Forschungsprojekt: Lassen sich bestimmte Wissensbestände als temporär anerkannte Wahrheiten etablieren? Und: Wie können bestimmte Bedeutungsgehalte handlungsleitend werden? Bei der Suche nach der diskursiven Konstruktion diskutiert der Autor ähnliche, aber auch diskursive Theoriebildungen, etwa die von Michel Foucault (siehe auch den ethnologischen Versuch von Barbara Birkhan, Foucaults ethnologischer Blick, 2012. www.socialnet.de/rezensionen/12832.php), sowie von Thomas Diez u. a., um konsequenterweise mit der Metapher der „diskursiven Macht“ nicht in erster Linie die Frage danach zu stellen, wer Macht besitzt, sondern wie Macht funktioniert und auf welche Dimensionen sie sich bezieht. Es ist die Bedeutungsmacht der Massenmedien, die Deutungsangebote (und -diktate) sozialer Wirklichkeit bereitstellen, als „Realitätskonstrukteure“.

Das dritte Kapitel umfasst den empirischen Teil der Forschungsarbeit: „Prozesse diskursiver Konstruktion in den internationalen Beziehungen durch Massenmedien“. Die vier Fallbeispiele werden, auf der Grundlage des Modells der massenmedialen diskursiven Konstruktion, thematisiert, um „jeweils zentrale Mechanismen massenmedialer Konstruktion sichtbar (zu machen)“, den „spezifischen Beitrag von Massenmedien im Hinblick auf einzelne Gesellschaften und politische Systeme übergreifende politische Prozesse (zu verdeutlichen)“ und „jeweils den ‚politischen Kern‘ diskursiver Konstruktionsprozesse… herauszuarbeiten: „Massenmedien in gewalthaltigen internationalen Konflikten“ – „Medialisierte Hegemonie“ – „Medien und die gesellschaftliche Dimension internationaler Beziehungen“.

Fazit

Die umfangreiche Forschungsarbeit zur Frage, wie Massenmedien die internationale Politik beeinflussen, stellt sowohl heraus, dass es für die Politik- und Gesellschaftswissenschaft wichtig ist wahrzunehmen, dass „Massenmedien keineswegs die einzigen Realitätskonstrukteure sind… (jedoch) dass sie am Prozess der Realitätskonstruktion für einzelne Akteure (und Gemeinschaften) entscheidend mitwirken“. Mit der Schwerpunktsetzung der Wissenstheorie des (sozialen und politischen) Konstruktivismus und der Erarbeitung eines Modells der diskursiven Konstruktion der internationalen Beziehungen in und durch Massenmedien stellt Alexander Brand eine Alternative zu bisherigen Medientheorien zur Diskussion. Sie im interdisziplinären Wissenschaftsdiskurs aufzunehmen und sich damit auseinander zu setzen, wird eindringlich empfohlen (z. B. auch unter den Aspekten, welche Beiträge so genannte „Kleine Fächer“ im wissenschaftlichen Theorie- und Praxishandeln leisten können: Stephan Conermann, Hg., Was ist Kulturwissenschaft? Zehn Antworten aus den „Kleinen Fächern“, Bielefeld 2012, 313 S., vgl. www.socialnet.de/rezensionen/12965.php).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1375 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.04.2012 zu: Alexander Brand: Medien - Diskurs - Weltpolitik. Wie Massenmedien die internationale Politik beeinflussen. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1831-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12968.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Vorstand (w/m/d), Aschaffenburg

Kaufmännische Leitung (w/m/d), Kiel

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung