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Freerk Huisken: Der demokratische Schoß ist fruchtbar

Cover Freerk Huisken: Der demokratische Schoß ist fruchtbar.... Das Elend mit der Kritik am (Neo-)Faschismus. VSA-Verlag (Hamburg) 2012. 229 Seiten. ISBN 978-3-89965-484-4. 14,80 EUR.
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Entstehungshintergrund

Mit seiner jüngsten Publikation hat der emeritierte Bremer Sozialwissenschaftler vor dem Hintergrund der Enthüllungen über das mörderische Treiben der faschistischen Terrororganisation NSU eine höchst aktuelle politische Streitschrift vorgelegt, die das Verhältnis von Demokratie und Faschismus in der Form einer Generalabrechnung mit dem „Antifaschismus“ der politischen Linken zum Thema macht. Eines Antifaschismus, der im Einklang mit dem Selbstverständnis der „offiziellen“ Demokratie auf dem Credo eines prinzipiellen fundamentalen Gegensatzes zwischen diesen beiden „Formen bürgerlicher Herrschaft“ (Reinhard Kühnl) beruht. Huiskens Kritik richtet sich gegen die politische Einheitsfront aus den regierenden demokratischen Parteien, die im Namen des neuen demokratisch geläuterten Deutschlands ihre tiefe Bestürzung über den rechten Terror artikulieren und den Antifa-Gruppen, die mehrheitlich das staatlicherseits in Betracht gezogene Verbot der NPD und die Kriminalisierung ihres Umfeldes befürworten und dabei den demokratischen Staat als Parteigänger bzw. Exekutivorgan ihres linken Antifaschismus begreifen.

Aufbau und Inhalt

Dem im demokratischen Nachkriegs-Deutschland bis in das Spektrum linksradikal-antikapitalistischer Restströmungen hinein flächendeckend durchgesetzten Standpunkt, dass die demokratische Staatsform mit ihrer Selbstverpflichtung auf die Grundwerte von Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde und den politischen Organisations- und Verkehrsformen des rechtsstaatlich verfassten Parlamentarismus das humane Gegenmodell zur faschistischen Barbarei des nationalsozialistischen Führerstaates bilde, konfrontiert Huisken mit der provokant anmutenden Gegenthese einer partiellen programmatischen Übereinstimmung zwischen demokratischem und faschistischen Gedankengut. Diese Feststellung, welche die sorgfältig gepflegte antifaschistische Selbstdarstellung der Demokratie als politisches Kontrastprogramm zum Faschismus in erheblichen Misskredit bringt, ist freilich durchaus anschlussfähig an die empirischen Befunde von Lipset und diverser Shell-Studien über die Bewusstseinslage der deutschen Jugend. Diese zeigen, dass große Teile des demokratischen Staatsvolkes faschistische Parolen teilen, für einen starken Staat und ein härteres Durchgreifen gegen gesellschaftliche Randgruppen plädieren, und insbesondere die Ausländerfeindlichkeit bis in die Mitte der demokratischen Gesellschaft reicht. Eine Affinität für faschistische „Argumentationsmuster“ lässt sich unschwer auch bei den parteipolitischen Repräsentanten der Demokratie beobachten, die ihre Konkurrenz um die Staatsmacht mit Law & Order-Parolen, Leitkultur-Debatten und Kampagnen gegen die spätrömisch-parasitäre Dekadenz des Hartz-IV-Bezugs auszutragen pflegen und miteinander darum wetteifern, welche Kandidaten das Ideal der politischen Führerschaft, der rücksichtslosen Durchsetzung des Allgemeinwohls gegen gesellschaftliche Partikularinteressen am glaubwürdigsten in ihrer Person verkörpern. Weitere begründete Zweifel am behaupteten absoluten Gegensatz zwischen Demokratie und Faschismus regen sich angesichts der Notstandsverfassung der Demokratie, mit welcher der freiheitliche Staat sich ermächtigt hat, mittels der weitgehenden Aufhebung der Grundrechte und der rechtsstaatlichen Gewaltenteilung seine demokratische Form abzustreifen, wenn die Existenz des politischen Gemeinwesens dies erforderlich erscheinen lässt. In dieselbe Richtung weist, dass ebenso wie der Nationalsozialismus im Schoße der Weimarer Demokratie entstanden ist heutzutage voll demokratisch sozialisierte (junge) Menschen als Träger faschistischen Gedankengutes auftreten und sich der historische Übergang von der Demokratie zum Faschismus innerhalb der Institutionen der rechtsstaatlichen Demokratie vollzogen hat. So spricht also bereits im Ausgangspunkt Vieles für die Stichhaltigkeit der These des Buches, dass entgegen dem herrschenden demokratie-idealistischen Konsens das politische System der Demokratie keineswegs in der behaupteten Unbedingtheit faschistoide Elemente oder Tendenzen ausschließt.

Huisken selber liefert mit einer von ihm durchgeführten Studierendenbefragung (S. 13-17) einen weiteren Beleg für die partielle Übereinstimmung demokratischer und faschistischer Politikinhalte. Im Rahmen seiner Lehrveranstaltungen zum Thema „Faschismus“ war sein progressiv-kritisches Studierenden-Publikum mit antifaschistischem Selbstverständnis mit 15 programmatischen Aussagen zu verschiedenen politischen Themenfeldern konfrontiert worden, welche die Studierenden einer politischen Partei zuordnen sollten. Dabei standen CDU/CSU, FDP, SPD, Grüne, Die Linke, NSDAP (bzw. Hitler) zur Auswahl. Bis auf wenige Ausnahmen schrieben die Testpersonen die Aussagen weitaus überwiegend den Parteien des demokratischen Lagers zu. Sämtliche Zitate stammten jedoch aus programmatischen Schriften der NPD, der NSDAP, oder es handelte sich um Originalzitate aus Hitlers „Mein Kampf“. Wobei Huisken das konstatierte Unvermögen einer trennscharfen Unterscheidung zwischen demokratischen und faschistischen Grundsätzen nicht der subjektiven Unfähigkeit der Studierenden anlasten will. Sondern diese auf den objektiven Tatbestand zurückführt, dass tragende Elemente der faschistischen Ideologie dem demokratischen Denken immanent sind und von daher demokratische und faschistische Positionen vielfach ihrem sachlichen Gehalt nach nicht voneinander unterscheidbar sind.

Die von Huisken auch mit seinem Test unter Beweis gestellte Behauptung einer teilweisen inhaltlichen Deckungsgleichheit zwischen demokratischem und faschistischem politischen Denken geht einher mit der theoretischen Zurückweisung eines Faschismusbegriffes, der den Faschismus auf Antisemitismus, Holocaust und Euthanasie, die systematische Liquidierung von politischen Gegnern und anderweitigen „Volksschädlingen“, und die Vorbereitung von imperialistischen Raubkriegen, mithin also auf seine spezifischen nationalsozialistischen Ausprägungen zu reduzieren sucht, die augenscheinlich nicht auf der politischen Tagesordnung der freiheitlichen Demokratie stehen. (S. 16, 140) Einem Faschismusbegriff, der umgekehrt die nationalstaatliche Basis der faschistischen Kritik an der kapitalistischen Demokratie, die demokratische Herkunft des sozialen Ideals der Volksgemeinschaft auf dem Boden der kapitalistischen Klassengesellschaft systematisch ausblendet und somit die Nachkriegsdemokratie als einziges Bollwerk gegenüber der politischen Herrschaftsform des Faschismus präsentiert.

Zum Verhältnis von Demokratie und Faschismus

In Frontstellung gegenüber dieser Auffassung der freiheitlichen Demokratie als Verhinderungsform des Faschismus ist Huiskens Studie der Führung des Gegenbeweises gewidmet, wonach umgekehrt die freiheitlich-kapitalistische Demokratie den sachlichen Entstehungsgrund für jede Erscheinungsform des Faschismus darstelle, sowohl für die historische deutsche Variante des Nationalsozialismus als auch für die modernisierte Existenzweise des Faschismus in Gestalt der Programmatik nationaldemokratischer Parteien. Seine Analyse des Zusammenhanges zwischen Demokratie und Faschismus fasst sich in der Aussage zusammen, dass der demokratisch regierte Kapitalismus, genauer gesagt, „jener Nationalismus, der in demokratischen Gesellschaften nicht nur zu finden ist, sondern der in ihnen als Produktivkraft geschätzt und gepflegt wird,“ als „Nährboden“ für die Entstehung faschistischen Gedankengutes fungiere (S. 30). Dieser demokratische Alltagsnationalismus,

d. h. der geistig-identifikatorische Zusammenschluss des kapitalistischen Staatsvolkes mit seiner politischen Herrschaft, „in der das nationale Volk sich ständig trotz bzw. wegen aller Beschwerden über die Regierungspolitik seiner Zugehörigkeit zum deutschen Nationalstaat versichert, in welchem es sich letztlich und eigentlich und im Prinzip gut aufgehoben fühlen will“, sei der gemeinsame Kern, die Quelle alter wie neuer faschistischer Anschauungen. Pointiert formuliert sei der „Faschist nichts anderes als der aus dem (staatsbürgerlichen) Untertanengeist geborene radikaler Vertreter erfolgreicher starker Staatsmacht.“ Moderne Faschisten seien enttäuschte Nationalisten, welche die aktuellen ökonomischen, politischen und militärischen Erfolgswege der kapitalistischen Nation, d. h. den durch die Konkurrenz mit den USA motivierten ökonomischen und politischen Zusammenschluss der EU-Staaten, die globale militärische Kooperation innerhalb der NATO unter Führung der USA und insbesondere die demokratische Ausländerpolitik, welche die selektive Benutzung ausländischer Arbeitskräfte für nationales Kapitalwachstum und deren sozialstaatliche Betreuung vorsieht, als Vaterlandsverrat, als Ausverkauf nationaler Interessen oder Aufgabe der nationalen Souveränität anprangern (S. 83 ff.). Während die demokratische Variante des bürgerlichen Nationalstaates sich mit ihrer hochdifferenzierten Ausländerpolitik wohlkalkulierte ökonomische Ausnahmen von ihrer völkischen Leitlinie leisten würde, wonach Ausländer als loyalitätspflichtige Diener anderer staatlicher Herrschaften im Prinzip in Deutschland nichts zu suchen haben, also die begrenzte Zulassung von solchen Ausländern gestatten würde, welche deutschen Interessen nutzen und gleichzeitig mit allen zur Verfügung stehenden ausländerpolizeilichen und militärischen Mitteln den weiteren Ausbau der Festung Europa gegen die Flut unerwünschter Asyl suchender Ausländer betreibe, bilde in der (bornierten) Sichtweise der (Neo)faschisten jeder Ausländer auf deutschem Boden ungeachtet seiner ökonomischen Nützlichkeit eine elementare Beeinträchtigung deutscher Interessen und Zersetzung der natürlichen Einheit von Volk und Staat.

Die gemeinsame Sorge um die Durchsetzung des kapitalistischen Nationalstaates im Kampf der Nationen, die praktische per Staatsbürgerschaftsgesetzgebung wahrgemachte Definition des nationalen Volkskörpers als personeller Ressource der politischen, ökonomischen und militärischen Macht der bürgerlichen Staatsgewalt, die aktive Pflege des Patriotismus ihrer Bürger, welche diese den Lauf der Welt mit der parteilichen Brille vaterländischer Interessen betrachten lässt, eine von der demokratischen Obrigkeit inszenierte staatsrassistische Binnensortierung zwischen eingeborenen Deutschen erster und Deutschen zweiter Klasse mit Migrationshintergrund – alle diese Erscheinungen stellen laut Huisken konstitutive Elemente der demokratischen Staatsräson dar. Kein Wunder – so die konsequente Verlängerung der Grundthese des Buches – dass Demokraten Faschisten nicht kritisieren sondern lediglich verbieten könnten. (S. 12) Eben deshalb, weil der Patriotismus: die bekennende Zugehörigkeit der Bürger zum nationalen Zwangskollektiv der kapitalistischen Klassengesellschaft, zu den elementaren gesellschaftlichen Grundlagen der Demokratie gehört, in deren fruchtbaren Schoß sich jene Sprösslinge faschistischen Denkens herausbilden, welche auf der Basis der identischen Erfolgsmaßstäbe einer souveränen kapitalistischen Nation in eine politische Konkurrenz mit der demokratischen Variante des bürgerlichen Nationsstaates treten. An dessen (vermeintlicher) Erfolglosigkeit bzw. unzureichender internationaler Durchsetzungsfähigkeit neue wie alte Faschisten dergestalt leiden, dass sie gegen den demokratischen Staat zur nationalen Revolution aufrufen.

Der Faschismus: ein aus ihrem fruchtbaren Mutterschoß erwachsender rivalisierender radikaler Abkömmling des Nationalismus der kapitalistischen Demokratie – diese im Buchtitel komprimierte Aussage über das Verhältnis zwischen Demokratie und Kapitalismus bildet zugleich auch den inhaltlichen Leitfaden des in 10 Kapiteln gegliederten Durchganges durch die Funktionsprinzipien des demokratischen Kapitalismus, des vergleichenden Blickes auf die politische Ideenwelt und Praxis des historischen Faschismus wie auf die Modernisierung seiner Programmatik im Zeichen des globalisierten Kapitalismus und schließlich der Analyse der theoretischen Fehler der linken Antifa. Während im Rahmen der Kapitel 2, 3, 4 und 6 unter den programmatischen Überschriften „Vom demokratisch angeleiteten `Glückschmied` zum enttäuschten Nationalisten“, „Der Antikapitalismus der Faschisten“, „Demokratische und faschistische Politik – Differenz und Identität“, und „Faschismus heute“, die immanente Logik faschistischen Denkens d.h. der Inhalt der faschistischen Kritik an der bürgerlichen Demokratie systematisch entfaltet wird, steht in den Kapiteln 8 und 9 der Zusammenhang zwischen Nationalismus und demokratischen (Alltags)rassismus auf der Agenda.

Eines Rassismus, der sich darin betätigt, dass hierzulande Menschen mit einer bestimmten Hautfarbe, Sprache und Kultur zur Zielscheibe nicht nur verbaler sondern auch tätlicher Angriffe werden, die in letzter mörderischer Konsequenz auch nicht vor einer systematischen Liquidierung von Personen mit Migrationshintergrund zurückscheuen.

Der demokratische (Alltags)rassismus

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang Huiskens Auseinandersetzung mit den klassischen Definitionen des Rassismus, wie sie sich exemplarisch bei Wikepedia finden:

„Rassismus ist, wenn bestimmte Merkmale von Menschen – Hautfarbe, Haartracht, Lebensart, Sprache – mit Eigenschaften dieser Menschen gekoppelt werden und daraus Diskriminierung entsteht.“

Huiskens Kritik an dieser Rassismus-Definition fasst sich in dem Urteil zusammen, dass sie in der begründungslosen Konstruktion eines „bloßen“, gänzlich unpolitischen Diskriminierungstatbestandes bestehe, aus dem der notwendige sachliche Bezugspunkt, d. h. das Interesse sowohl für die Verkopplung von natürlichen, kulturellen oder gesellschaftlichen Bestimmungen von Menschen oder Menschengruppen mit (negativen) Eigenschaften als auch für die aus dieser Verknüpfung folgende ausgrenzende, benachteiligende oder schädigende Behandlung systematisch ausgeklammert werde. Denn die Ausgrenzung, die Definition der anderen als Nichtdazugehörige, als Fremdkörper oder gar Volksschädlinge setze denknotwendig die Existenz eines eingrenzenden „Wir“ voraus, der als Grund und Maßstab der Ausgrenzung der minderwertigen „Anderen“ fungiert. Dieser Maßstab habe einen rein nationalistischen Charakter. Menschen würden nicht wegen ihrer (schwarzen) Hautfarbe ihrer (muslimischen) Religion oder ihrer (türkischen) Sprache zum Opfer von Diskriminierungsakten, sondern weil diese Merkmale bei den national gesinnten Bürgern als quasi erkennungsdienstliches Merkmal für den Status dieser Personen als Ausländer bzw. von Inländern mit Migrationshintergrund dienen würden, die hierzulande als halbe Ausländer gelten (S. 176 ff.). Die Ausländerfeindlichkeit erkläre sich nicht aus der ethno-psychologischen Erfindung einer quasi-natürlichen menschlichen Abneigung gegenüber dem Fremden. Sondern Grund und Ausgangspunkt der (gewalttätigen) rassistischen Übergriffe von Seiten rechtsextremer Bürger sei vielmehr ausschließlich die minderwertige nichtdeutsche Nationalität der Opfer. Die Täter bezögen sich damit auf eine von der politischen Obrigkeit des demokratischen Nationalstaates bereits vollzogene grundlegende Menschensortierung. Auf der Grundlage der staatsrassistischen Scheidung der Menschheit in In- und Ausländer würden sich die nationalistischen Ausländerfeinde als Fanatiker jener Sorte Menschensortierung aufführen, über die alle demokratischen Nationalstaaten ihr Staatsvolk rekrutieren. In ihrem völkischen Fanatismus der Reinhaltung des nationalen Kollektivs von störenden undeutschen Elementen gerieten sie in Widerspruch zum Entscheidungsmonopol des demokratischen Organisators der nationalistischen Menschensortierung, der durchaus Gründe dafür kennt, sein nützliches Staatsvolk mit sorgfältig geprüften Ausländern anzureichern.

Kritik der Antifa-Bewegung

Die Vertreter der linken Antifa-Gruppen, deren Politik Huisken schwerpunktmäßig in Kapitel 7 einer Generalkritik unterzieht, kommen freilich weder auf die Idee, in der Rekrutierung des Staatsvolkes durch die Staatsgewalt, welche ihnen die Zwangszugehörigkeit zu einem nationalen Kollektiv als Bestimmung ihrer Menschennatur zuschreibt, einen staatsrassistischen Akt zu erblicken. Noch vermögen sie im Alltagsrassismus der demokratischen Staatsbürger eine Betätigungsform des Nationalismus von unten zu erkennen. Sie pflegen vielmehr jenem dem bürgerlichen Nationalstaat eingeschriebenen patriotisch motivierten ausländerfeindlichen Rassismus als „undemokratischen“ Abweichungstatbestand zu klassifizieren, der dem Wesen einer wahren Demokratie widerspreche. Und so sehen sie im real existierenden demokratischen Staat, der seine Definitionshoheit in Sachen Ausländer- und Asylpolitik gegen die störenden eigenmächtigen völkischen „Fehlinterpretationen“ der (Neo)faschisten verteidigt, ihren natürlichen Bündnispartner im Kampf gegen das Aufkommen einer Neuauflage des historischen Faschismus nationalsozialistischer Coleur. Eifrig malen sie die drohende braune Gefahr einer neuen “Diktatur mit der Einrichtung von KZ´s für Muslime, Farbige und Linke mit einer Umstellung auf Kriegswirtschaft wegen der Vorbereitung eines dritten Weltkriegs“ an die Wand (S. 108), deren Etablierung die Parteien des nationalen Spektrums anstreben würden.

Bei der Ausmalung dieses Schreckensbildes entgeht ihnen freilich ganz der „bemühte neue Realismus der NPD“ (S. 108) und ihrer studentischen Tochterorganisation, des Nationaldemokratischen Hochschulbundes (NHB), die unter dem Eindruck der weltmachtpolitischen Erfolge des neuen demokratischen Nachkriegsdeutschlands eine Modernisierung ihrer faschistischen Prinzipien eingeleitet haben. So haben die nationalen Demokraten inzwischen weitgehend Abschied genommen vom Antisemitismus, als dessen Restbestand nur noch das nationalistische Klagelied über einen den Deutschen nach 1945 „verordneten Philosemitismus“ übrigbleibt. Und sie haben darüber hinaus neuerdings sogar den „Judenstaat“ Israel als Bollwerk gegen den Islam entdeckt, den sie aufgrund seines angeblich die deutsche Volksidentität zersetzenden Wirkens im nationalen Volkskörper als ihren neuen Hauptfeind definiert haben. Aus dem Verkehr gezogen werden tendenziell auch die traditionellen rassistischen „Vorbehalte“ gegen „Sozialisten, […] Kirchen, Vertreter der deutsch-jüdischen Symbiose, „entartete Künstler und Homosexuelle“, deren Ausschluss aus der Volksgemeinschaft ex post unter ausdrücklicher Kritik an der Position der NSDAP als Ausdruck „sozialdarwinistischer Übertreibungen“ eingestuft wird. Der intellektuelle Nachwuchs der NDP jedenfalls könne sich – wie Huisken sein Resümee der Analyse der Neufassung der faschistischen Programmatik zieht - „einen modernen Faschismus durchaus mit gemäßigtem Rassismus vorstellen – aufgeschlossen gegenüber der Homosexualität … und voll eingedeutschten Juden.“ (S. 116). Selbst den Sozialisten wird in Anerkennung ihrer Verdienste um die deutsche Nation ein Platz in der neofaschistischen deutschen Volksgemeinschaft freigehalten.

Die Vertreter der Antifa – mit dem programmatischen Wandel der neofaschistischen Parteien konfrontiert – tendieren dazu, diese als reine taktische Kosmetik abzubuchen, geleitet von dem Bestreben der Neonazis, ihre wahren unveränderten Ziele einer faschistischen Machtergreifung nach dem historischen Vorbild der NSDAP zu verschleiern. An die Stelle der kritischen Auseinandersetzung mit dem Inhalt der (neo)faschistischen Programmatik tritt in weiten Teilen der Antifa-Szene ein moralisch verteufelndes Identifikations- und Steckbrief(un)wesen, mit dem die neuen Faschisten anhand ihrer Kleidungsgewohnheiten, ihrer Frisur oder des von ihnen präferierten Musikstiles als Rattenfänger enttarnt und als Feinde der Demokratie aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden sollen. Die Absurdität dieses antifaschistischen Kampfes wird von Huisken zutreffend wie folgt charakterisiert:

„Wer eine begründete Kritik an den politischen Grundsätzen des Neofaschismus hat, für den ist es völlig gleichgültig, wie deren Vertreter aussehen, der muss weder einen bestimmten Phänotyp noch die in der Fascho-Szene gebräuchlichen Codes studieren. Der muss weder wissen, dass die Vertreter dieser Grundsätze politisch in die Schublade „neo-faschistisch“ fallen, noch muss er über Kenntnisse des historischen Faschismus verfügen. Er stört sich weder an der Präsentation der Vertreter dieser Grundsätze noch an deren Rückgriff auf die NS-Vergangenheit, sondern allein an den in den Grundsätzen zum Ausdruck kommenden aktuellen politischen Überzeugungen und Programmatiken.“ (S. 25 f.)

In eine offene Identitätskrise geraten die linken Antifaschisten, wenn völkische politische Kräfte sich mit antikapitalistischen Parolen an Demonstrationen gegen Hartz IV, die Globalisierung oder das Finanzkapital beteiligen, die gemeinhin dem linken Spektrum zugeordnet werden. Statt ihre offenkundige inhaltliche Übereinstimmung etwa mit der genuin faschistischen Unterscheidung zwischen dem „guten“ schaffenden und dem „bösen“ raffenden Kapital einmal zum Anlass zu nehmen, ihren eigenen Antikapitalismus einer kritischen Selbstprüfung zu unterziehen, sehen sie wieder einmal ein Täuschungsmanöver der Faschos am Werke, auf diese Weise Sympathie-Punkte bei der noch ungefestigten Jugend sammeln zu wollen So bestätigt die Antifa ein weiteres Mal die zentrale These Huiskens, dass (auch) linke Demokraten nicht in der Lage sind, die politischen Positionen des Faschismus zu kritisieren (S. 32).

Der weitgehende Verzicht auf die gebotene inhaltliche Auseinandersetzung mit den politischen Standpunkten und Fehlern der völkischen Staats- und Gesellschaftstheorie im Verein mit der Pflege der Fehlvorstellung, dass ein Staat, in dem Rassismus, Ausländerfeindlichkeit und Nationalismus verwurzelt sei, kein demokratischer sein könne, verstellt der Antifa zugleich systematisch den Blick auf die eindrucksvolle imperialistische Leistungsbilanz der real existierenden demokratischen Nationalstaaten. Wer sich einmal unbefangen damit befassen würde, welche „Verheerungen an Mensch und Natur“ sich „mittels erfolgreicher demokratischer Betreuung einer kapitalistischen Ökonomie im In- und Ausland auch ganz ohne Faschismusimitat also ohne Antisemitismus und KZs, ohne Euthanasie und Weltkriegsalleingänge“ anrichten lassen, (S. 142) würde seine Tätigkeit als ideeller Nachlassverwalter eines gründlich missverstandenen antifaschistischen Vermächtnisses des neuen Deutschland mit sofortiger Wirkung einstellen. Eines Vermächtnisses, dessen wahre Bestimmung in der Wiedergewinnung nationaler Reputation der BRD bestanden hatte, die sich mittels der berechnenden Übernahme der Verantwortlichkeit für die „Taten“ ihres Rechtsvorgängers, mit ihrem „neuen sauberen Nationalismus“ die Rückkehr in die kapitalistische Staatengemeinschaft des freien Westens verdient hat. Den vorläufigen Endpunkt der höchst erfolgreichen Reetablierung Deutschlands als allseits anerkannter Weltmacht markiert die aktuelle weltweite Beteiligung des antifaschistisch geläuterten Deutschland an kriegerischen Auseinandersetzungen, die es aus lauter Verantwortung für seine faschistische Vergangenheit im Namen der Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten nicht nur in Serbien führt.

Statt sich weiterhin der Fahndung nach alten und neuen Faschisten auf dem Boden der Demokratie zu widmen, sollten sich die Antifaschisten – so das Plädoyers Huiskens - fortan besser mit der Kritik des Nationalismus demokratischer Untertanen und den politischen und ökonomischen Zwecken eines demokratischen Staatswesens befassen, das „längst erfolgreich dabei ist, Hitlers Visionen von deutscher Größe und Weltgeltung per Weltmarkteroberung (und militärischer Bündnispolitik) überzuerfüllen.“ (S. 142)

Die Botschaft, die Huisken in Fortschreibung und Ergänzung des bekannten Mottos von Max Horkheimer zum Verhältnis von Kapitalismus und Faschismus den linken Antifaschisten ins Stammbuch schreibt, also lautet, dass derjenige, der vom (demokratischen) Nationalismus nicht reden will, auch vom Faschismus schweigen solle.

Fazit

Ein höchst empfehlenswertes Buch für (kapitalismus)kritische Geister, die sich auf das intellektuelle Abenteuer einzulassen bereit sind, bei der Beschäftigung mit dem Thema Faschismus ihre demokratie-idealistische Lesebrille bei Seite zu legen. Sie werden dafür belohnt mit einer im besten Sinne radikalen Aufklärung über die Politische Ökonomie des Kapitalismus sowohl in seiner freiheitlich-demokratischen als auch seiner faschistischen Gestalt und die sorgfältige Widerlegung der staatsbürgerlichen Ideologien, welche in der Welt von freedom & democracy den Ton angeben. Für diejenigen, die ihre neu gewonnenen Erkenntnisse einmal praktisch auf dem Felde der streitbaren Diskussion austesten wollen, erhöht sich der Gebrauchswert des Buches durch die Argumentationshilfen, die Huisken im Rahmen eines kritischen Durchgangs im Schlusskapitel 10 durch die gängigen rechtsextremen Aussagen unter dem Titel „Wie man nationalistische und (neo-)faschistische Urteile und Parolen kritisieren sollte und wie besser nicht“ dem Leser zur Verfügung stellt. Für die antifaschistische Bewegung von Linksautonomen bis hin zur Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes hingegen bildet die Streitschrift gemäß der zutreffenden Einschätzung einer in der Jungen Welt vom 16.04.2012 erschienenen Rezension von Markus Bernhard eine ungeheure Provokation, die schonungslos die Defizite ihres antifaschistischen Weltbildes offenlegt. Man darf gespannt sein, was die Antifa diesen Argumenten entgegenzusetzen hat.


Rezension von
Prof. Dr. Albert Krölls
Jg. 1948, Jurist und Sozialwissenschaftler, emeritierter Professor für Recht und Verwaltung an der Ev. Hochschule für soziale Arbeit Hamburg. Forschungsschwerpunkte: Ökonomisierung der sozialen Arbeit, Sozialstaatsentwicklung. Letzte Buchpublikationen: Kritik der Psychologie, Das moderne Opium des Volkes, 2. Aufl. Hamburg (VSA) 2007; Das Grundgesetz ein Grund zum Feiern? Eine Streitschrift gegen den Verfassungspatriotismus, Hamburg (VSA) 2009.
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Zitiervorschlag
Albert Krölls. Rezension vom 31.07.2012 zu: Freerk Huisken: Der demokratische Schoß ist fruchtbar.... Das Elend mit der Kritik am (Neo-)Faschismus. VSA-Verlag (Hamburg) 2012. ISBN 978-3-89965-484-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12974.php, Datum des Zugriffs 29.09.2020.


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