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Christian Schubert (Hrsg.): Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie

Cover Christian Schubert (Hrsg.): Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie. Schattauer (Stuttgart) 2011. 423 Seiten. ISBN 978-3-7945-2700-7. D: 69,00 EUR, A: 71,00 EUR.
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Thema

Christian Schubert thematisiert im von ihm herausgegebenem Buch eine wesentliche Verbindung von wegweisender Forschung und deren Umsetzung in die Praxis: welche Belege gibt es zwischenzeitlich über die bi- und multidirektionalen Einflüsse von verschiedenen Körpersystemen (Nervensystem, Immunsystem, Endokrinem System) und psychosozialen Einflüssen und welche Bedingungen nichtchemischer Einflussnahme (Psychotherapie) können zur Gesundung und zur Gesunderhaltung eingesetzt werden.

Herausgeber

Christian Schubert ist Arzt, Psychologe und Psychotherapeut. Er ist Ordinarius und Leiter des Labors für Psychoimmunologie an der Klinik für Medizinische Psychologie der Medizinischen Universität Innsbruck – sein Arbeitsschwerpunkt ist – wie im vorliegenden Buch ausgewiesen – die Entwicklung integrativer Ansätze im ehedem psychosomatisch benannten Kontext. In seinem Buch versammelt er eine Reihe ausgewiesener internationaler Autoren.

Entstehungshintergrund

Der Autor selbst benennt implizit seine Motivation zur Abfassung des Buches, wenn er auf einerseits die Zersplitterung der Medizin in immer kleinere, spezialisierte Fraktionen hinwiest, andererseits auf die Notwendigkeit einer integrativen Sichtweise nicht nur der Funktionen des Organismus, sondern auch unter Einbeziehung der psychosozialen Gegebenheiten des Menschen insgesamt – dass er bei seiner Ausbildungs-Kompetenz bewusst auf die Verbindung von Psychotherapie und Psychoneuroimmunologie (im weiteren PNI) eingeht, ergibt sich quasi selbstverständlich.

Aufbau

Das vorliegende Lehrbuch ist thematisch in 4 Bereiche gegliedert:

  1. Immunologische Grundlagen,
  2. Experimentelle Belege für psychische Einflüsse auf immunologische Prozesse,
  3. Klinische Aspekte ( hierbei insbesondere Studien zur Anwendung i.w.S. des Wortes psychotherapeutischer Verfahren), schließlich
  4. forschungsmethodische Fragen und Perspektiven der Forschung im Bereich der PNI.

Inhalt

In den „Grundlagen“ werden zunächst in einer erfreulich klaren Sprache biologische und immunologischen Bedingungen vermittelt, um dann besser Einblick in die Verbindung von zentraler Nerventätigkeit ( wie sie eben auch durch psychotherapeutische Prozesse ausgelöst wird), neuroendokriner und immunologische Reaktion nehmen zu können. Hierbei gehen verschiedene Autoren auf Ergebnisse u.a. bei diversen psychischen Störungen ein, thematisieren aber gleichzeitig auch ein umfassendes Verständnis für das angeborene und erworbene Immunsystem und seine Offenheit für psychosoziale Bedingungen und Erfahrungen. Vertieft wird die Darstellung der Beziehung zwischen Immunsystem und körperlicher Erkrankung (z.B. Krebs), psychischer Abweichung ( z.B. Depression und Angst) – schließlich aber auch auf die die positiven Ressourcen, die Immunstabilität bedingen können ( z.B. Optimismus und Selbstwirksamkeit), eingegangen.

Im 2. Teil widmen sich die Autoren Belegen für den Einfluss i.w.S. psychischer Bedingungen auf die Immunaktivität; neben der Konditionierbarkeit des Immunsystems werden Ergebnisse vorgestellt, wie etwa das „Expressive Schreiben“ Einfluss hat oder wie Hypnose, Imagination und auch Musik Wirkungen im Organismus objektivierbar erzielen.

Im „klinischen“ Teil des Buches werden Studien vorgestellt, die die Wirkung von Methoden wie Stressmanagement, Gesprächstherapie und Dynamische Therapie auf den Immunstatus belegen.

Mit einem eher forschungsmethodischen Teil beendet Schubert das Buch und öffnet die PNI zukünftigen Entwicklungen; Broom beschäftigt sich mit der Bedeutung von Krankheit und dem sog. „Mind-Body-Arzt“, andere Autoren setzen bspw. sich mit nichtlinearen Ansätzen zum Verständnis vom Komplexität und Selbstorganisation auseinander.

Schubert selbst schließt das Buch ab mit einem Kapitel über die Grenzen des Biomedizinischen Paradigmas und der Notwendigkeit seiner Erweiterung um die psychosoziale Dimension und die Berücksichtigung von Entwicklungs-Dynamik, wie sie bspw. in der Beziehungsforschung thematisiert wird.

Diskussion

Schuberts Buch ist fraglos ein wichtiges und zudem gut entwickeltes Lehrbuch zu einem integrativen Forschungs- und Praxisbereich zwischen den tradierten (Einzel-)Disziplinen Medizin, Psychologie, Soziologie … und über diese hinausgehend. Es ist getragen von der durchgängigen Überzeugung, dass bio-psycho-soziale Prozesse nur im Rahmen eines systemtheoretischen Ansatzes begreifbar und verstehbar werden, in dem die Natur als ein hierarchisch angeordnetes Kontinuum von sich wechselseitig beeinflussenden Systemen einschließlich deren Fähigkeiten zu Selbstorganisation und Emergenz betrachtet wird. Diese Erkenntnis allein ist nicht neu – allerdings steht sie in immer noch währender „Konkurrenz“ zu traditionellen biomedizinischen Sicht- und Handlungsweisen. Verdienstvoll ist es deshalb, wenn in einem derart komplexen Wirksystem der empirische Beweis für Wirkungszusammenhänge erbracht wird und praktische Schlussfolgerungen hieraus für die Behandlung von Krankheiten (gleich ob körperliche oder/und psychische) gezogen werden. Hierbei muss ein solches Buch auch eine Offenheit für Aspekte herstellen, die ggf. im Fortschritt der Disziplin sich als nicht unbedingt weiterführend erweisen werden- auf diese Art wird der Leser „mitgenommen“ und beteiligt, hier eine unabgeschlossene, dynamische sich in Entwicklung befindende Disziplin zu – die Nichtlinearität wird so in gewisser Weise im Lehrbuch selbst praktiziert.

Fazit

Es bleibt zu hoffen, dass gegenwärtige Curricula in der Medizin- und auch Psychologie- Ausbildung Raum lassen, systemisch „über den Rand“ zu schauen – dieses Lehrbuch sei gerade deshalb gerne allen Lehrenden und Lernenden in diesen Bereichen empfohlen. Es kann dazu beitragen, neben der Fülle von Faktenwissen, was den Menschen und sein „inneres und äußeres“ Funktionieren angeht auch etwas bescheiden gegenüber der Vielfalt von Regulationseinflüssen zwischen den Systemen der Natur zu werden. Diese Erkenntnis kann zur Haltung den Klienten von Medizin und Psychologie/Psychotherapie, dem (Mit-)Menschen gegenüber werden und selbst „heilsam“ sein.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 09.05.2012 zu: Christian Schubert (Hrsg.): Psychoneuroimmunologie und Psychotherapie. Schattauer (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-7945-2700-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12982.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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