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Hans-Jochen Vogel, Sandra Maischberger: Wie wollen wir leben?

Cover Hans-Jochen Vogel, Sandra Maischberger: Wie wollen wir leben? Was unser Land in Zukunft zusammenhält. Siedler Verlag (München) 2011. 252 Seiten. ISBN 978-3-88680-991-2. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 30,90 sFr.
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„Nicht googeln – Vogel fragen“,

diese Konsequenz, die die 46jährige Fernsehjournalistin Sandra Maischberger in ihrem Vorwort zu dem gemeinsamen Buch mit dem 86jährigen Politiker Hans-Jochen Vogel zieht, lässt erst einmal vermuten, dass es sich bei dem gemeinsamen Unternehmen der Ungleichaltrigen um eine Auseinandersetzung um Hype und Eventhaftigkeit in unserer hektischen und schnelllebigen Zeit handelt. Das ist nur zum Teil richtig. Mit der Titelfrage „Wie wollen wir leben?“ wird vielmehr deutlich, dass es sich um eine Gegenwarts- und Zukunftsanalyse, vielleicht sogar Bestandsaufnahme des Zustandes in unserer Gesellschaft in unserer (Einen?) Welt handelt.

Nun, Gedanken zur Situation der jeweiligen Gesellschaft und zur Weltzivilisation lassen sich als Analysen und (Forschungs-)Berichte darstellen, wie dies etwa alljährlich vom New Yorker Worldwatch Institute geschieht (Zur Lage der Welt, siehe dazu die Rezensionen in www.socialnet.de/rezensionen), als Dialoge über „unsere Zukunft“, wie sie Klaus Töpfer und Ranga Yogeshwar geführt haben (Unsere Zukunft. Ein Gespräch über die Welt nach Fukushima, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12442.php), oder auch als Interview wie in diesem Fall.

Entstehungshintergrund

„Gedanken zur Zeit“ werden als Hörbeiträge im Radio gesendet, wie etwa im NDR, immer sonntags nach den 19-Uhr-Nachrichten als Essays, als philosophische, weltliche oder religiöse Beiträge und Reflexionen in Hör- oder Buchform, wie auch als „Zwischenrufe“, wie dies der Rezensent allwöchentlich im Hildesheimer Bürgerradio Tonkuhle als „Themen, die auf der Straße liegen – kulturpolitische Zwischenrufe“ versucht. Die Form des Interviews, die beim vorliegenden Buch gewählt wurde, ist ein journalistischer Akt, der das Alltagsgeschäft unserer medialen Öffentlichkeit bestimmt. Die Nachrichten werden als Gespräch mit Menschen vermittelt, die im Mainstream etwas zu sagen haben, oder auch vorgeben, etwas sagen zu können. Dabei lassen sich die Charaktere unterscheiden in die Kompetenten, die Scheinbaren und die Vordrängler. Ohne Zweifel gehört Hans-Jochen Vogel zu denjenigen, denen es gelingt, sich als taktvolle wissende Unwissende zu erkennen und darzustellen (siehe dazu die auf unterschiedlichen Ebenen reflektierten Eigenschaften, z. B.: Judith Schildt, Konkreter Perspektivismus. Selbstverhältnisse, Beziehungen zum Anderen und die Frage nachdem Verstehen im interkulturellen Kontext, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/12021.php Nora Nebel, Ideen von der Zeit. Zeitvorstellungen aus kulturphilosophischer Perspektive, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12020.php Lukas Neuhaus, Wie der Beruf das Denken formt. Berufliches Handeln und soziales Urteil in professionssoziologischer Perspektive, www.socialnet.de/rezensionen/12024.php sowie: Günter Gödde / Jörg Zirfas, Hg., Takt und Taktlosigkeit. Über Ordnungen und Unordnungen in Kunst, Kultur und Therapie, 2012, 306 S., vgl. www.socialnet.de/rezensionen/12967.php). Mit Sandra Maischberger hat der Verlag einen sensiblen und kompetenten Counterpart zum Interviewten gefunden. Der Sozialdemokrat, Jurist und Politiker Hans-Jochen Vogel gehört zu der (raren) Sorte von Mensch, die Kompetenz vor Koketterie stellen, Ehrlichkeit vor Embrouage setzen, denen es um Gradlinigkeit und nicht um Gaudium geht und die Fakten und nicht das Fata Morgana als Richtwerte ihres Lebens wählen. „Maß und Mitte bewahren“, wie dies in dem 2010 erschienenem Buch getitelt wird, in dem seine Reden als Münchner Oberbürgermeister veröffentlicht werden, lässt sich somit als sein Lebensmotto bezeichnen.

Aufbau und Inhalt

Die Gespräche fanden zwischen März und Juni 2011 in der Seniorenresidenz Augustinum in München-Nord statt, in der Hans-Jochen Vogel mit seiner Frau lebt. Es sind, wie der Autor betont, keine umfassenden Analysen der Verhältnisse, unter den wir leben; es lässt sich auch nicht als ein alles umgreifender Zukunftsentwurf lesen; und schon gar nicht als Biografie. Es sind Gedanken „eines alt gewordenen Zeitzeugen… der sich jahrzehntelang in verschiedenen Funktionen für das Gemeinwesen engagiert und dabei einen beträchtlichen Vorrat an Erfahrungen gesammelt hat“. Es ist ein Glück, dass es nicht allseitig abgesicherte und den Proporz berücksichtigende Aussagen sind, sondern persönliche Analysen zu sich ständig verändernden Herausforderungen in der lokalen und globalen Politik. Es sind Wertmaßstäbe, die nicht dem Mainstream unterliegen, weder euphorisch noch fatalistisch daher kommen, oder dem egoistischen Kalkül unterliegen, sondern die den Menschen Orientierung geben sollen in den Unsicherheiten der eigenen Gesellschaft und der Weltgesellschaft insgesamt.

Hans-Jochen Vogel betont, dass es sich beim Interview weder um ein Verhör, noch um ein Frage-Antwort-Spiel gehandelt habe, sondern um ein Gespräch über die vielen Imponderabilien, die die Menschen in unserer (Welt-) Gesellschaft bewegen – über die Beschleunigung der Welt, Zukunftsängste, Energiepolitik, Revolutionen, Nächstenliebe, Wutbürger, Widerstand, Macht und Toleranz, Demokratie und Menschenwürde, Gier und Irrwege, Zufriedenheit und Menschenpflichten, Gedächtnis und Erinnerung, Auslandseinsätze und Versöhnungsaspekte, Integration und interkulturelles Zusammenleben, Sitten- und Normenverständnis… Es sind Statements, die für den Leser ehrlich und verständlich rüber kommen; und es sind Sätze, die sich sowohl als alltägliche Meinungen, wie auch in Stein gemeißelt ansehen – Auffassungen jedenfalls die Mut machen, als Anschub dienen können, um gegen Larmoyanz und Beckmessertum vorzugehen, wie etwa zur Frage der Globalisierung in der Welt: „Nicht die Entfernung, in der ein Ereignis stattfindet, sondern die Wirkungen, die von ihr ausgehen können, sind entscheidend“; und es sind immer wieder die Werte, wie sie sich im Grundgesetz und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte finden: Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Solidarität und Frieden, die im Leben des Einzelnen wie der Gesellschaft präsent sein angewendet werden müssen, als unverzichtbare, unteilbare und nicht differenzierbare Normen des Zusammenlebens der Menschen.

Fazit

„Aber er hat ja gar nichts an!“, dieser überraschte Ausruf eines unbedarften und unschuldigen Kindes in dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ kann als Menetekel für den unkritischen Umgang mit den negativen Entwicklungen in unserer Einen Welt betrachtet werden; oder auch als Zweckoptimismus, der Veränderungen ohnmächtig hin nimmt, oder auch als Schönrednerei, die nicht redlich Position bezieht. Es gibt zum Glück aber Menschen in unserer Gesellschaft, die den Popanz Paroli bieten (vgl. dazu auch: Norbert Blüm, Ehrliche Arbeit. Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11382.php). Hans-Jochen Vogel gehört dazu!

Im letzten Part der 17teiligen Interviewserie kommen die Gesprächspartner auch zu den persönlichen Befindlichkeiten, die das Ehepaar Vogel in einem (zugegebenermaßen komfortablem) Altersheim betreffen. Die Interviewerin fasst die Äußerungen darüber zusammen, dass man das Buch auch als „Ode an die Freude“ hätte titeln können. Es drückt aus, dass der jetzt 86jährige Hans-Jochen Vogel nicht abgeschaltet hat, sondern mit seinem Geist und seinen Erfahrungen die Entwicklung der Gesellschaft analysiert und uns zuruft: „Engagiert euch, es lohnt!“.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.04.2012 zu: Hans-Jochen Vogel, Sandra Maischberger: Wie wollen wir leben? Was unser Land in Zukunft zusammenhält. Siedler Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-88680-991-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12983.php, Datum des Zugriffs 27.01.2021.


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