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Sina Farzin: Die Rhetorik der Exklusion

Rezensiert von Dr. Tobias Peter, 28.03.2012

Cover Sina Farzin: Die Rhetorik der Exklusion ISBN 978-3-942393-07-2

Sina Farzin: Die Rhetorik der Exklusion. Zum Zusammenhang von Exklusionsthematik und Sozialtheorie. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2011. 208 Seiten. ISBN 978-3-942393-07-2. 24,95 EUR.

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Exklusion – theoretische Grenzen und rhetorische Strategien

»Exklusion« ist in den letzten Jahren nicht nur zu einer sozialwissenschaftlichen Leitkategorie avanciert, sondern hat damit verbunden seinen festen Platz innerhalb des tagespolitischen Vokabulars gefunden (vgl. Krasmann/Opitz 2007: 128). Exklusion wird nicht nur in medial dauerpräsenten Unterschichten- und Prekariatsdebatten thematisiert, sondern hat längst Eingang in politische Konzeptionen und sozialtechnologische Lösungsstrategien gefunden. In der sozialwissenschaftlichen Debatte verweist der in diesem Zusammenhang in Anschlag gebrachte Code Inklusion/Exklusion auf die geläufigere und verwandte Unterscheidung von Gleichheit und Ungleichheit (vgl. Fuchs/Schneider 1995: 208). In der Systemtheorie, aber auch in diskurstheoretischen Ansätzen bedingen sich Inklusion und Exklusion gegenseitig; die Exkludierten bilden die Gegenstruktur, über die Inklusionsbedingungen markiert und so soziale Ordnung hergestellt werden kann.1 Das paradoxale Verhältnis: Exklusion findet in der Moderne durch Inklusion – vor allem durch institutionelle Einschließungen statt.2

Trotz dieses in der Forschung durchaus geläufigen und in zahlreichen Studien erörterten Zusammenhangs ist es der Sozialtheorie „bisher nicht gelungen, einen theoretisch konsistenten Begriff der Exklusion zu entwickeln, geschweige denn zu etablieren“ so die These der Bremer Soziologin Sina Farzin. „Die Rhetorik der Exklusion“ kommt demnach, so Farzin, in Sozialtheorien genau dann zum Tragen, wenn die Phänomene der Exklusion nicht mehr theoretisierbar sind. In ihrer gleichnamigen Dissertationsschrift entfaltet Farzin die These, dass mit Niklas Luhmann, Michel Foucault und Pierre Bourdieu die zentralen Stichwortgeber der Exklusionsdebatte an der theoretischen Unzugänglichkeit der Exklusionsphänomene scheitern und deshalb rhetorische Beschreibungen von Exklusion an die Stelle theoretischer Kohärenz setzen.

Aufbau und Inhalt

Kapitel I: Ausgangspunkt von Farzins Analyse ist der Befund, dass eine überzeugende sozialtheoretische Beschreibung von Exklusion bislang aussteht. Eine Ursache mag paradoxerweise dabei darin liegen, dass die gesellschaftliche Debatte um Exklusion so erfolgreich ist, dass sie die Sozialtheorie gleichsam überrumpelt hat. Demnach zeichnet sich Exklusionsliteratur „durch ein hohes Maß an sozialpolitischer Normativität und massenmedialer Dramatisierung und Stereotypisierung aus.“ (Farzin 2011: 7). In diesem Zusammengang weist Farzin auf die außerwissenschaftlichen Ursprünge des Exklusionsbegriffs in Literatur und Politik hin. Erst in den 1990er Jahren findet er zunehmend Eingang in den sozialwissenschaftlichen Diskurs insbesondere Deutschlands und Frankreichs. In einem kursorischen Überblick versucht Farzin zu plausibiliseren, dass in der sozialwissenschaftlichen Exklusionsliteratur immer wieder Beschreibungen von Exklusionsphänomenen auftauchen, die das Problem personalisieren statt theoretisieren. Die Überflüssigen, die Favelas, die Nichtsnutze, die Unsichtbaren und ähnliche Begriffe kennzeichnen demnach die Debatte. Wie die Zeugen ihrer Beobachtung, Nassehi, Kronauer, Hark und Steinert kommt sie zu dem Schluss, dass offenbar massenmediale Beschreibungen in sozialtheoretische Texte kopiert werden, ohne einen theoretischen Zugewinn zu generieren. Ein solcher Exklusionsbegriff trägt freilich zum soziologischen Verständnis des Phänomens nichts bei (Farzin 2011: 17).

Kapitel II: Mit dem für die deutschsprachige Diskussion ungewohnten und innovativen methodischen Zugang der Analyse von Rhetorik und Metaphorik sozialtheoretischer Texte liefert Farzin den mit Abstand größten Gewinn ihrer Arbeit. Anschließend an US-amerikanische Ansätze geht dieser Zugang davon aus, dass wissenschaftliche Texte nicht nur eine eigene Realität erzeugen, sondern selbst auf rhetorische Mittel und den Einsatz von Metaphern setzen, um von der Richtigkeit ihrer Aussagen zu überzeugen (Farzin 2011). Diese Perspektive erweist sich für die Dekonstruktion wissenschaftlicher Objektivität gerade deshalb als so eminent wichtig, weil die „Buchwissenschaften“ im Unterschied zu den Natur- und Technikwissenschaften, deren konstruktive Bedingtheit innerhalb Laborsituationen u.ä. bereits untersucht wurde, eben über den Text wissenschaftliche Erkenntnis produzieren. Angesichts des von Farzin festgestellten Reflexionsstopps ist die Aufnahme dieser Analysestrategie wichtig für die weitere Diskussion um die Erkenntnis- wie Rezeptionsstrategien der Sozialwissenschaften.

Kapitel III: Mit Niklas Luhmann wählt Farzin den wahrscheinlich prominentesten deutschsprachigen Vertreter exklusionstheoretischer Bemühungen. Die Rede von den Favelas und Slums, mit denen die sehr späte Theoretisierung der Exklusion einhergeht, gehört wohl zu einer der bekanntesten Textstellen Luhmanns (vgl. Luhmann 1997: 227, Farzin 2011: 80f). Dabei führt Farzin die in der Tat für Luhmann sehr starke Metaphorizität derjenigen Texte vor, in denen er die Exklusionsproblematik verhandelt. Luhmann situiert Exklusion außerhalb der Theorieanlage, außerhalb von Kommunikation und System. Exklusion markiert dabei zugleich das Scheitern des Modernisierungsprojekts. Er stößt damit zweifellos an die Grenzen der eigenen Theorie, weil Exklusionsphänomene nicht mehr integrierbar werden. Exklusionsphänomene sind durch Luhmann damit nur noch als Phänomene der Körperlichkeit erfassbar, die durch die Systemtheorie eigentlich nicht zu fassen sind. Mit dem Einsatz von rhetorischen Mitteln und griffigen Metaphern, die einen anschaulichen gemeinsamen Erfahrungshorizont zwischen Leser und Autor aufspannen, versucht Luhmann die theoretischen Schwachstellen zu kompensieren (Farzin 2011: 90).

Kapitel IV: Foucault, darauf weist Farzin hin, hat keine explizite Exklusionstheorie vorgelegt, gleichwohl vielfältige und disparate Beschreibungen von Exklusionsphänomenen geliefert, ohne den Begriff der Exklusion explizit zu nennen (Farzin 2011: 94). Farzin analysiert den theoriestrategischen Einsatz der Metaphern der Leprosorien, des Narrenschiffs oder des Panopticons (Foucault 2011: 112ff). Dabei arbeitet sie heraus, dass Foucault mit der Beschreibung der Exklusionsphänomene den eigenen diskurstheoretischen Rahmen verlässt. Farzin macht deutlich, dass die Phänomene der Exklusion bei Foucault immer wieder theoretische Grenzbeschreibungen darstellen, die übliche Unterscheidungen wie zwischen Diskurs/Nichtdiskurs unterlaufen.

Kapitel V: Mit Pierre Bourdieu kommt ein zweiter französischer Denker in den Blick, der ebenfalls, wie Farzin einräumt, kaum als expliziter Exklusionstheoretiker bezeichnet werden kann (Farzin 2011: 143). Nichtsdestotrotz kann Bourdieu insbesondere mit seiner in Frankreich populären Studie „Das Elend der Welt“ als Sozialtheoretiker und -empiriker gelten, der Exklusionsphänomene am dichtesten beschrieben hat. Wie schon bei Foucault fällt auch bei Bourdieu auf, dass die Exklusionsthematik mit literarischen Beschreibungen eingeführt wird, die in Bezug auf sozialen Realismus Flauberts nicht nur illustrativ, sondern stilistisch und sogar heuristisch prägend für Bourdieu sind. Farzins recht knapp geratene Analyse beschränkt sich weitgehend auf die Analyse dieser Literarisierung (Farzin 2011: 161). Dabei fällt auf, dass Bourdieu zwar nicht den ohnehin nicht vorhandenen exklusionstheoretischen, wohl aber den Rahmen seiner eigenen Theorie der sozialen Felder verlässt. Statt soziale Strukturen zu analysieren, verbleibt Bourdieu in der Darstellung subjektiver Dramen. „Das Elend der Welt“ wird so zur „soziologisch abgesicherten Transformation literarischer Elemente.“ (Farzin 2011: 168).

Diskussion

Wiewohl die von Farzin vorgeführten exemplarischen Stellen einer metaphorischen Umschreibung der Exklusionsthematik in sozialwissenschaftlichen Texten ein beredtes Zeugnis von der Ausgangsproblematik ablegen, kommen bei der Lektüre Zweifel an ihrer Grundthese auf. Unklar ist, ob der Einsatz metaphorischer Beschreibungen nicht ein generelles und unverzichtbares Stilmittel gerade der Geistes- und Sozialwissenschaften ist, das keineswegs typisch für die Exklusionsdebatte ist. Diese Einordnung bleibt ebenso aus wie der Verweis auf das Verhältnis zwischen zweifellos vorhandener Exklusionstheorie und Exklusionsrhetorik. In diesem Zusammenhang lässt Farzin offen, an welchem Maßstab sie die „theoretische Kohärenz“ messen will, deren Fehlen sie bemängelt. An dieser Stelle hätte ein Verweis auf Theorieentwürfe vergleichbarer Reichweite geholfen, um das Argument plausibel zu machen. Dieses Grundproblem der Arbeit wiegt umso schwerer, als dass die Auswahl der zweifellos für die deutsche Debatte gewichtigsten Autoren Luhmann, Foucault und Bourdieu zumindest zwei Autoren analysiert, die eine explizite Theorie der Exklusion überhaupt nicht vorlegen wollten.

Bei Luhmann greift Farzins These von der Grenze der Theoretisierung am besten. Auch wenn sich Farzins These an Luhmann schlüssig erweist, muss gleichwohl darauf hingewiesen werden, dass die Systemtheorie insbesondere durch Stichweh zum Teil in Opposition zu Luhmann durchaus eine elaborierte und überaus präzise Exklusionstheorie vorgelegt hat. Inwiefern diese den unausgewiesenen Kohärenzmaßstäben Farzins genügt, muss offen bleiben.Während bei Luhmann die Differenz zwischen Theorie und Rhetorik überzeugend herauspräpariert wird, fällt dies aufgrund des Mangels an theoretischer Absicht bei Michel Foucault deutlich schwerer. Foucault einen rhetorischen und metaphorischen Stil vorzuwerfen, hieße Foucault selbst zu verleugnen. Die Stärke und Wirkmächtigkeit des Foucaultschen Werks liegt von jeher in der Sprachmächtigkeit der Beschreibung und kaum in einer theoretischen Konsistenz, die Foucault innerhalb und zwischen seinen Schriften immer wieder dementierte. Entsprechend problematisch gerät das Ergebnis von Farzins Analyse der Foucaultschen Exklusionsliteratur. Ähnliche Widersprüche sind bei der Analyse von Bourdieu zu beobachten, wenngleich der grundlegende Befund Farzins, dass beim Phänomen der Exklusion der Theoriemodus verlassen wird, bei Bourdieu insbesondere vor dem Hintergrund seines restlichen Werks überzeugt.

Fazit

Unabhängig von den wenigen grundsätzlichen und einigen detaillierten Einwänden empfiehlt sich „Die Rhetorik der Exklusion“ aus zweierlei Gründen. Das Buch bietet zum einen exemplarischen Einstieg in die noch seltene Auseinandersetzung mit der Rhetorik sozialtheoretischer Texte und der Metaphorik sozialwissenschaftlicher Grundbegriffe wie System, Diskurs oder soziales Feld. Zum anderen bietet es indirekt einen kritischen Überblick über die Exklusionsthematik in der Sozialtheorie anhand dreier wesentlicher Autoren der Debatte.

Literatur

  • Farzin, Sina (2011): Die Rhetorik der Exklusion. Zum Zusammenhang von Exklusionsthematik und Sozialtheorie, Weilerswist (Velbrück)
  • Fuchs, Peter/Dietrich Schneider (1995) Das Hauptmann-von-Köpenick-Syndrom, in, Soziale Systeme. Nr. 2, 1995
  • Krasmann, Susanne/Sven Opitz (2007): Regierung und Exklusion. Zur Konzeption des Politischen im Feld der Gouvernementalität, in, Susanne Krasmann, Michael Volkmer, Michel Foucaults „Geschichte der Gouvernementalität“ in den Sozialwissenschaften. Internationale Beiträge, Bielefeld (transcript)
  • Luhmann, Niklas (1997): Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main (Suhrkamp)
  • Stichweh, Rudolf (2000): Systemtheorie der Exklusion. Zum Konflikt von Wohlfahrtsstaatlichkeit und Globalisierung der Funktionssysteme, in ders., Die Weltgesellschaft. Soziologische Analysen, Frankfurt am Main (Suhrkamp)

1 „In dem Maße, in dem die Inklusionsbedingungen als Form sozialer Ordnung spezifiziert werden, lässt sich aber auch der Gegenfall der Ausgeschlossenen benennen. Er trägt dann als Gegenstruktur den Sinn und die Begründung der Form sozialer Ordnung. […Sie] bilden ein symbolisches Korrelat für den Aufbau der Inklusionsordnung über Reinheitsgebote und -rituale […] es genügen Mengen, die sicherstellen, dass die Ausgeschlossenen überall präsent sind, und zeigen, wie notwendig die Reinheitsgebote sind.“ Luhmann 1997: 621

2 An diesem Punkt treffen sich die Verständnisse sozialen Ausschlusses von Foucault und Luhmann, wie Stichweh zu Recht feststellt. Vgl. Stichweh 2000: 87

Rezension von
Dr. Tobias Peter
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
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Es gibt 1 Rezension von Tobias Peter.

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Zitiervorschlag
Tobias Peter. Rezension vom 28.03.2012 zu: Sina Farzin: Die Rhetorik der Exklusion. Zum Zusammenhang von Exklusionsthematik und Sozialtheorie. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2011. ISBN 978-3-942393-07-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12986.php, Datum des Zugriffs 08.12.2022.


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