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Ralph-Christian Amthor: Einführung in die Berufsgeschichte der sozialen Arbeit

Cover Ralph-Christian Amthor: Einführung in die Berufsgeschichte der sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 268 Seiten. ISBN 978-3-7799-2214-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

Reihe: Studienmodule soziale Arbeit.
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Autor

Ralph-Christian Amthor (Dr. phil.) ist Diplom-Sozialpädagoge (FH) und Diplom-Pädagoge (Uni), seit 2008 Professor für Grundlagen der Sozialen Arbeit (Geschichte, Theorie und Handlungslehre) an der Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule Würzburg.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist in der Reihe „Studienmodule Soziale Arbeit“ bei Beltz Juventa erschienen. In jedem Band sollen basale Themen für Studienanfängerinnen und -anfänger der Sozialen Arbeit in eigenständigen Lehr- und Lerneinheiten mit Übungsfragen, Vorschlägen für das Selbststudium und weiterführenden Literaturhinweisen aufbereitet werden.

Aufbau und Inhalt

Das Lehrbuch enthält 14 Kapitel, denen jeweils eine kurze Zusammenfassung vorangestellt wird.

Im ersten Kapitel „Jahrhunderte lange Tradition!“ skizziert Amthor Zielsetzung, Charakter und Aufbau seines Buches: Er möchte „in einem weiten Wurf die Geschichte“ (S.13) der Sozialen Arbeit nachzeichnen und einen Überblick über die Geschichte der Ausbildung und Entwicklung der Erwerbstätigkeit ermöglichen. Besonders hervorgehoben wird der Rückgriff auf Beschreibungen des Berufsalltags von Sozialarbeiterinnen in Form von Tagebüchern, Erfahrungs- und Reiseberichten, Beiträgen aus Fachzeitschriften, zum Teil auch historischen Dokumenten. So werden bereits im ersten Kapitel „Auszüge aus dem Tagebuch einer Fürsorgerin von 1925“ von Hedwig Stieve vorgestellt, Außerdem betont der Autor die Bedeutung von gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen für die Berufsgeschichte der Sozialen Arbeit. Im zweiten Kapitel „Streiflichter zur Sozialen Arbeit der Gegenwart“ beschreibt Amthor die gegenwärtige Soziale Arbeit als Sammelbegriff für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Arbeitsfelder und berufliche Tätigkeiten sowie die Hochschulausbildung und die internationale Vernetzung. Das erste und zweite Kapitel bilden mit ihrem Gegenwartsbezug den Ausgangspunkt für die anschließenden Ausführungen zur Berufsgeschichte.

Die Geschichte der Armenpflege wird in zwei Kapiteln präsentiert, vom 14. bis 16. Jahrhundert steht das Mittelalter im Zentrum, daran anschließend die Entwicklungen im 17. bis 19. Jahrhundert. Danach werden drei wichtige Wurzeln der Berufsgeschichte mit einem jeweils eigenen Kapitel nachgezeichnet: der Beginn der Ausbildung für Jugendleiterinnen im Rahmen der Kleinkindererziehung, die Tradition der Wohlfahrtspflegerinnen im Rahmen der Sozialen Frauenschulen sowie die berufliche Qualifizierung von Männern für die Soziale Arbeit. Im Zentrum des Kapitels zur ersten Wurzel – „Die Kleinkindererziehung und Jugendleiterin als erste Entwicklungslinie“ – stehen die Entwicklung der beruflichen Qualifizierung im Kontext von Kleinkinderlehrerinnen-Seminaren der Diakonissen, die Ausbildung zur Kindergärtnerin nach Friedrich Fröbel und die seit 1911 rechtlich geregelte Zusatzausbildung zur Jugendleiterin. Die Entwicklung des Jugendleiterinnenberufs in der Weimarer Republik, in der NS-Zeit bis in die 1960er Jahre in Westdeutschland bildet den Abschluss dieses Kapitels. Die zweite Entwicklungslinie, die Gründung der Sozialen Frauenschulen und die Fundierung des Berufs der Wohlfahrtspflegerin werden anschaulich im 6. Kapitel präsentiert. Auch hier spannt Amthor den Bogen bis in die 1960er Jahre. Während die Ausbildung zur Jugendleiterin bis in die 1960er Jahre den Frauen vorbehalten bleiben, entstehen bereits in der Weimarer Republik neben den Sozialen Frauenschulen Ausbildungsstätten für männliche Wohlfahrtspfleger, mehrheitlich in evangelischer und katholischer Trägerschaft. Amthor zeigt, dass zum Ende der Weimarer Republik der Männeranteil in der Berufsgruppe der Wohlfahrtspflege bereits zehn Prozent betrug.

Vom achten bis zum zwölften Kapitel nimmt Amthor dann wieder eine chronologische Betrachtung der Berufsgeschichte vor: Soziale Berufe im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik, Soziale Berufe im Nationalsozialismus sowie Verfolgung und Widerstand während der NS-Zeit, Soziale Berufsarbeit in der BRD und der DDR nach 1945. Diese Kapitel enthalten alle eine Fülle historischer Details und wichtiger Ereignisse für das Verständnis des Berufs. Der Geschichte der akademischen Hochschulausbildung als vierter Entwicklungslinie der Sozialen Arbeit widmet der Autor sein 13. Kapitel, an das sich dann der letzte Gliederungspunkt „Zusammenfassung und Ausblick“ anschließt.

Jedes Kapitel schließt mit „Übungsfragen“ ab, gefolgt von vier bis fünf Literaturangaben „Zum Weiterlesen“ sowie den Rubriken „Vertiefende Literatur“ und „Filme und Links im Internet“. Die Veröffentlichung enthält 51 Abbildungen, die die Geschichte illustrieren. Es handelt dabei um Plakate, Fotos, Buchdeckel, Grafiken, Stellenangebote aus Fachzeitschriften und vieles mehr.

Diskussion und Fazit

Die Veröffentlichung gibt einen sehr systematischen und anschaulichen Überblick über die Berufsgeschichte der Sozialen Arbeit. Die Verwendung von Quellen, Abbildungen und Dokumenten kann dabei das Verständnis für die jeweilige Zeit fördern. Gleichzeitig setzt der Umgang mit Quellen voraus, diese einordnen und verstehen zu können. So gilt ein kritischer Hinweis dem Umgang mit den Fachtexten von Alice Salomon. Amthor führt zu ihrer Veröffentlichung „Die Ausbildung zum sozialen Beruf“ (1927) aus, das diese einen guten Überblick über die Entwicklung sozialer Frauenschulen und den Beruf der Wohlfahrtspflegerin gebe, sie sei eine erste zusammenfassende Gesamtschau der Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten mit Einbezug der Situation in anderen Ländern. In das Lehrbuch werden aber nur zwei Seiten lang Auszüge einer kritischen Rezension von Hans Scherpner zu dieser Veröffentlichung Salomons als historisches Dokument aufgenommen.

Positiv hervorzuheben ist die ausführliche und differenzierte Auseinandersetzung mit der Sozialen Arbeit während des Nationalsozialismus sowie der Geschichte von Verfolgung, Flucht und Widerstand während der NS-Zeit. Hier irritiert lediglich die mehrfache Verwendung des Terminus „jüdische Mitbürger“. Der Begriff „Mitbürger“ stellt eine Differenz zwischen vollwertig Zugehörigen und anderen her, impliziert einen sprachlichen Ausschluss aus der Mehrheitsgesellschaft. So wird in dem Lehrbuch mit einem Begriff eine Konstruktion von Differenz transportiert, die in einer weiteren Auflage korrigiert werden sollte.

Insgesamt ist die „Einführung in die Berufsgeschichte der Sozialen Arbeit“ von Ralph-Christian Amthor für die entsprechenden Module sehr zu empfehlen. Für an der Geschichte interessierte Leserinnen und Leser ist die Veröffentlichung – auch ohne die Lehre – ein wichtiges Buch.


Rezension von
Prof. Dr. Gudrun Ehlert
Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Mittweida
Homepage www.sw.hs-mittweida.de/professuren/prof-dr-phil-gud ...
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Zitiervorschlag
Gudrun Ehlert. Rezension vom 13.07.2012 zu: Ralph-Christian Amthor: Einführung in die Berufsgeschichte der sozialen Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2214-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12992.php, Datum des Zugriffs 08.05.2021.


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