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Vera Moser, Barbara Rendtorff (Hrsg.): Riskante Leben? Geschlechterordnungen [...]

Cover Vera Moser, Barbara Rendtorff (Hrsg.): Riskante Leben? Geschlechterordnungen in der Reflexiven Moderne. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 180 Seiten. ISBN 978-3-86649-468-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,90 sFr.

Reihe: Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung - 8.
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Thema

Die Beiträge in diesem Jahrbuch kreisen um die Fragen, wie sich Geschlechterverhältnisse in einer Individualisierungsgesellschaft verändern. Ausgangspunkt ist also die Analyse der Gegenwart als reflexive Moderne, die sich dadurch kennzeichnen lässt, dass die Einzelnen als Freie definiert werden und ihnen die Strukturen, in denen sie leben, undurchschaubar werden. Das gilt auch für die Geschlechterordnung, die als solche einerseits verborgen, andererseits zur Wahl gestellt wird. Wie Hausmänner, Teilnehmerinnen der Frauenstudien, jugendliche Rauschtrinker-innen oder von männlicher Gewalt betroffene Frauen damit umgehen, wird mit empirischen Forschungsergebnissen beleuchtet, ebenso werden Diskursanalysen zu Gesundheit im Alter oder zum Stillen vorgestellt.

Aufbau

Der Band beinhaltet drei Hauptbeiträge und sechs Forschungsberichte, dazu zwei Tagungsberichte und sieben ausführliche und informative Rezensionen.

Inhalt

In ihrem einführenden Essay knüpft Hildegard Maria Nickel an die alte These der Frauen- und Geschlechterforschung an, nach der es einen engen strukturellen Zusammenhang zwischen der Produktions- und der Reproduktionsweise einer Gesellschaft gibt und dieser Zusammenhang die Geschlechterverhältnisse prägt. Sie beschreibt Entwicklungen und Widersprüche, die mit der zunehmenden Erwerbsintegration der Frauen entstehen und wirft die Frage auf, ob es den Frauen gelingen kann, ihre Sorgeverpflichtungen jenseits der individuellen Vereinbarkeitslösungen zu einem unübersehbaren Faktor der Gestaltung von Produktionsbedingungen zu machen. Die in den Modernisierungstheorien verankerten Individualisierungstheoreme hält sie dabei nicht für besonders hilfreich.

Auch Christine Thon kritisiert in ihrem Beitrag die Rede von der Individualisierung als selbst täuschende Metapher, die den realen Verhältnissen in der Geschlechterordnung nicht entspricht. Weil die Abhängigkeit des Menschen und damit auch die Verantwortung und Sorge um Abhängige (Care) aus dem Diskurs ausgeschlossen bleibt, produziert der Diskurs Widersprüche, die bisher vor allem Frauen betreffen und die bislang nur selten zu politisch ausgetragenen Konflikten geführt haben.

Barbara Pichler formuliert ein Plädoyer für die Entwicklung feministischer Perspektiven auf das Alter. Zunächst nimmt sie dazu kritisch den herrschenden Diskurs unter die Lupe und weist auf die dahinter verborgenen naturalistischen und essentialistischen Geschlechterkonzeptionen hin: Frauen und Männer sind in diesem Diskurs auch im Alter ganz anders, Frauen eher kompetent und flexibel, Männer eher schwächer und gebrochen. Sie plädiert für tiefergehende intersektionale Untersuchungen, damit die vermeintliche Stärke der Frauen nicht ablenkt von der oft äußerst prekären Lebenslage alter Frauen und aus der Betonung der männlichen Schwäche nicht die Leugnung der patriarchalen Dividende der Männer wird.

Michèle Amacker analysiert die Lebensführung von Männern und Frauen in vier verschiedenen Haushaltstypen, die allesamt als prekär eingestuft werden können. Dabei wird deutlich, dass es die Nichtbewertung der Care Arbeit ist, die die verschiedensten Formen der Prekarität hervorbringen: diejenigen, die im Leben ausschließlich Care Arbeit leisten, leben im Alter prekär, diejenigen, die sie geschlechtergerecht teilen wollen, leben ebenso prekär, weil diese Lebensform unter den gegeben Bedingungen zu hohen zeitlichen, finanziellen und beruflichen Belastungen führt.

Die anschließenden Beiträge aus der Forschung gehen konkreteren Fragen nach:

  • Carola Iller und Jana Weinberg bieten eine Metaanalyse nationaler sowie internationaler Ergebnisse zu Bildung und Gesundheit im Alter und den dort gefundenen Geschlechterdifferenzen. Sie interpretieren diese Differenzen aber aus den Unterschieden in der Lebensführung, in der Zeit- und Aktivitätsstruktur und der Partizipation an Bildung,- also nicht aus natürlichen Geschlechterunterschieden.
  • Regina Heimann untersucht „Familienfrauen“, die an den Bielefelder FrauenStudien (6 Semester) teilnehmen, bezüglich ihrer Studienmotivation. Mit dem Bourdieus`schen Erkenntnisinstrumentarium kann sie einen gemeinsamen Habitus der Teilnehmerinnen und die Ambivalenz von milieubedingtem Aufstiegswunsch und geschlechtsbezogener Traditionalisierung bestimmen. Als wichtige Konsequenz für die FrauenStudien rät sie, die Aufstiegswünsche der Frauen zu thematisieren und ihnen die Wirkungen der Traditionalisierung als symbolische Gewalt im eigenen Handeln bewusst zu machen.
  • Auch Sandra Glammeier kommt dieser symbolischen Gewalt auf die Spur, wenn sie in den Gruppendiskussionen mit von männlicher Gewalt betroffenen Frauen herausarbeitet, wie eine individualisierte Perspektive die Verantwortung der Frauen betont und damit Scham- und Schuldgefühle erhöht. Auch die Beibehaltung traditioneller Geschlechterstereotypen wie „der Mann ist verletzungsmächtig und die Frau verletzungsoffen“, verhindert, dass Frauen in den Gewaltverhältnissen die notwendigen Widerstände entwickeln. Für die Unterstützungspraxis ergibt sich daraus, dass die Frauen befähigt werden, Geschlechterkonstruktionen zu unterlaufen und sich als Subjekte des Begehrens verstehen lernen. Michael Ley kreist in seiner Fallstudie ebenfalls um die Macht der Stereotypen. Ihm geht es allerdings um Stereotypen über Jungen, die von den Lehrkräften einer Schule bemüht werden, um die Veränderungsprozesse bei der Einführung der Koedukation in ihrer Schule zu bewältigen. Seine These ist, dass die ungelösten Widersprüche in der alten Schulkultur durch die Ankunft der Jungen zum Vorschein kommen, jedoch in einer Projektion auf die „ungebärdigen Jungen“ verschleiert werden.
  • Wie die Stilldiskurse traditionelle Geschlechterarrangements begründen, weisen Marion Ott und Rhea Seehaus in ihrer macht- und diskursanalytischen Studie nach: Wenn das Stillen normativ gefordert wird, wenn das Stillen als natürlicher Akt dargestellt wird und damit die übrige Arbeit für das Kind gleich mit als weiblich naturalisiert wird, aber auch, wenn es nur „um das Beste für das Kind“ geht, immer besteht die Gefahr einer Verfestigung geschlechtsbezogener Arbeitsteilung, ohne dass das explizit wird.
  • In dem Beitrag von John Litau und Barbara Stauber geht es um eine gendertheoretisch sensible Jugendkulturforschung: Das Problem ist die Herstellung von Gender im Kontext des Rauschtrinkens. Ergebnisse der Analysen: (Nicht)Alkoholkonsum wird in sehr verschiedener Weise als genderbezogene Selbstinszenierung genutzt. Das Rauschtrinken selbst kann einerseits als Bestätigung von Heteronormativität gesehen werden, andererseits gibt es aber auch einen spielerischen Umgang mit geschlechtlichen Selbstinszenierungen und damit die Möglichkeit des Abarbeitens von heteronormativen Vorstellungen. Zur Vertiefung dieser Erkenntnisse werden für weitere Forschungen subjektorientierte Forschungsdesigns und longitudinale Studien empfohlen.

Diskussion

Das Jahrbuch ist eine Rundschau durch die Frauen- und Geschlechterforschung in den Erziehungswissenschaften. Es bietet Einblicke in aktuelle theoretische Probleme und viele praxisbezogene Forschungsfragestellungen. Auffallend ist die Vielzahl der methodischen Ansätze: Diskursanalysen, qualitative Studien, analysegestütze Plädoyers und Fallstudien. Es werden Vorschläge für weitere Forschungsdesigns gemacht, Konsequenzen für die Beratungspraxis gezogen, aber auch, im Fall von Lay, pauschale Drohungen an die Geschlechterforschung formuliert. Die Tagungsberichte und ausführlichen Rezensionen runden den Einblick ab.

Fazit

Wer sich über die Bandbreite der Fragestellungen in Theorie und praktischer Forschung in den Erziehungswissenschaften informieren möchte, dem ist die Lektüre zu empfehlen.


Rezensentin
Dr. Barbara Stiegler
Bis zu ihrer Pensionierung Leiterin des Arbeitsbereiches Frauen- und Geschlechterforschung
Friedrich Ebert Stiftung, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik
Homepage www.stiegler-barbara.de
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Zitiervorschlag
Barbara Stiegler. Rezension vom 01.08.2012 zu: Vera Moser, Barbara Rendtorff (Hrsg.): Riskante Leben? Geschlechterordnungen in der Reflexiven Moderne. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-86649-468-8. Reihe: Jahrbuch Frauen- und Geschlechterforschung - 8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12999.php, Datum des Zugriffs 24.07.2017.


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