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Paul K. Kaller: Lexikon Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sozialrecht

Rezensiert von Prof. Dr. Utz Krahmer, 18.01.2002

Cover Paul K. Kaller: Lexikon Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sozialrecht ISBN 978-3-494-02255-0

Paul K. Kaller: Lexikon Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sozialrecht. UTB (Stuttgart) 2001. 580 Seiten. ISBN 978-3-494-02255-0. 22,00 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Entstehungshintergrund

Die Neuauflage des alten Wörterbuchs der Sozialarbeit und Sozialpädagogik von

A. Schwendtke aus dem Jahre 1995 (vierte Auflage) ist nun auch dem Titel nach ausdrücklich auf die relevanten Gebiete des Sozialrechts ausgeweitet worden. Im Vorwort aus dem Frühjahr 2001 betont Kaller die Notwendigkeit, in folge der zunehmenden Einbindung von Sozialarbeit und Sozialpädagogik "in den juristischen Bereich (...) die juristischen, hauptsächlich sozialrechtlichen Aspekte stärker in den Vordergrund zu stellen. Schließlich geht es bei der Sozialarbeit und bei der Sozialpädagogik auch um juristische Verhaltensweisen und Ansprüche sowohl der Angehörigen dieser Berufsgruppen als auch deren Klientel. (...) diese juristische Verflechtung ist auch der Hauptunterschied zu vergleichbarem Lexika."

Ausgewählte sozialrechtliche Artikel des Lexikons - Überblick und Kritik

Geht man die sozialrechtlichen Lexikon-Artikel durch, wird man fast durchweg enttäuscht: Unter dem Stichwort Arbeitsförderungsgesetz (AFG) wird immer noch der Stand von vor 1997 referiert, obwohl seitdem das AFG durch ein neues Sozialgesetzbuch drittes Buch (SGB III - Arbeitsförderung -) abgelöst worden ist. Der selbe Einwand betrifft das Stichwort Arbeitslosenversicherung, das ebenfalls nicht mehr im AFG sondern im SGB III - eben schon seit 1997 - geregelt ist.

Im Artikel Bundessozialhilfegesetz (BSHG) wird eine für die einschlägige Klientel der Sozialarbeit / Sozialpädagogik hochbedeutsame Leistung des Sozialrechts auf einer Seite völlig unzureichend abgehandelt. Auf die privilegierenden Einkommensgrenzen bei Hilfen in besonderen Lebenslagen (insbesondere für Behinderte und Pflegebedürftige) wird überhaupt nicht eingegangen, ebenso wenig auf den Vermögensschutz sowie auf die Freibeträge für Unterhaltsverpflichtete, obwohl diese Informationen so wichtig sind, um den Zugang zur Sozialhilfe zu erleichtern und damit der Dunkelziffer der Armut entgegenzuwirken. Über die vorrangigen Leistungen der Pflegeversicherung nach dem SGB XI, die es immerhin seit 1995 gibt findet sich hier kein Wort. Die Hilfe zur Arbeit kommt zwar als Stichwort, die Fragen der Zumutbarkeit von Arbeit sowie die Verpflichtung der Sozialhilfeträger, einen Hilfeplan für den Betroffenen zu erstellen (immerhin seit 1993 im Gesetz), werden ebenfalls nicht behandelt. Ein Stichwort Datenschutz (oder Sozialdatenschutz) sucht man in diesem Lexikon vergeblich obwohl es dem Anspruch nach den Schwerpunkt auch auf das Sozialrecht legen will. Beim "Drogen- und Gesundheitsrecht" fehlt der Hinweis auf das wichtige Buch von Böllinger im Frankfurter Fachhochschulverlag.

Dass die Vormundschaft durch das Rechtsinstitut der Betreuung für Erwachsene abgelöst worden ist, wird im Artikel über die "Entmündigung" (die es ebenfalls nicht mehr gibt), völlig unterschlagen. Schaut man nicht von selbst in den Artikel über Betreuung bzw. Bereuungsrecht, erhält man hier nur Fehlinformationen. So wird unter dem Stichwort Vormundschaft kein Wort darüber verloren, dass nach dem § 1908 ff. BGB für Erwachsene nur noch Betreuungen möglich sind. Es wird also der Rechtszustand vor 1992 referiert. Noch älterer Gesetzesstand wird für die Stichworte "Freiwillige Erziehungshilfe" sowie "Fürsorgeerziehung", weiterhin "Heimaufsicht" über Jugendheime, "Jugendhilfepolitik", "Jugendrecht", "Kindergarten" zugrunde gelegt, denn seit 1990 ist das vom Autor und Herausgeber in allen genannten Stichworten in Bezug genommene Jugendwohlfahrtsgesetz (JWG) durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG/SGB VIII) abgelöst. Das "Kinder- und Jugendhilfegesetz" ist zwar in einem eigenen Stichwort behandelt, jedoch fehlt jede Erwähnung in den vorgenannten Stichworten. Dasselbe gilt für die "Hilfen zur Erziehung".

Die "Krankenversicherung" wird auf dem Stand der Regelungen in der alten Reichsversicherungsordnung (RVO) vorgestellt, obwohl seit 1989 das Sozialgesetzbuch Fünftes Buch (SGB V) in Kraft ist.

Beim Stichwort "Pflegeversicherung" werden die immer noch praktisch bedeutsamen ergänzenden Leistungen der Sozialhilfe nach §§ 68 ff. BSHG nicht erwähnt.

Unter dem Stichwort "Soziale Sicherheit, Soziale Sicherung" wird vom Autor und Herausgeber immer noch behauptet, dass eine Zusammenfassung der einschlägigen rechtlichen Regelungen in einem Sozialgesetzbuch vorgenommen werden soll - dies ist seit 1986 für die wichtigsten Bereiche im Sozialgesetzbuch und seinen einzelnen Büchern längst geschehen. (Das "Sozialgesetzbuch" wird zwar in einem eigenen Stichwort behandelt , jedoch nicht in den anderen Stichworten in Bezug genommen - dies gilt auch für das Stichwort "Sozialversicherung", in dem immer noch auf die AVO bzw. auf das AFG abgestellt wird). Insgesamt ein unerfreuliches Buch, das den Nutzer zumindest in seinen sozialrechtlichen Artikeln völlig in die Irre leitet. Dass bei "Beratung, soziale" die Beratungspflicht nach § 14 SGB I nicht erwähnt wird - geschweige denn das von der Rechtsprechung entwickelte ungeschriebene Tatbestandsmerkmal des sozialrechtlichen Herstellungsanspruchs - nimmt insoweit nicht mehr wunder.

Fazit

Die um den Zusatz "Sozialrecht" vorgelegte Neuauflage des Lexikons wird dem damit angemeldeten Anspruch nicht gerecht.

Ende der Rezension von Prof. Dr. Utz Krahmer (Angaben zur Person siehe unten)

Ergänzende Ausführungen zu dieser Rezension durch Prof. Dr. Hans Pfaffenberger (veröffentlicht am 13. 01. 2004)

Prof. Dr. Utz Krahmer (FH Düsseldorf) bezieht sich in seiner obigen Rezension auf sein Spezialgebiet Sozialrecht und deshalb auf "Ausgewählte sozialrechtliche Artikel des Lexikons - Überblick und Kritik" als Hauptteil seiner Rezension. Da das Sozialrecht als Fortschreibung des "Wörterbuch der Sozialarbeit und Sozialpädagogik" von Arnold Schwendtke (4. Aufl. 1995) der wesentliche Teil der "Neukonzeption", die das Vorwort verspricht, ausmacht und die Erweiterung des Titels "Lexikon... Sozialrecht" rechtfertigen soll, ist das darauf bezogene vernichtend negative Urteil voll und ganz berechtigt: "Insgesamt ein unerfreuliches Buch, das den Nutzer zumindest in seinen sozialrechtlichen Artikeln völlig in die Irre leitet".

Tatsächlich ist das Urteil des Sozialrechtlers, das er in Betonung seiner spezifischen Kompetenz auf die sozialrechtlichen Artikel bezieht, für viele Stichwörter der Sozialarbeit/Sozialpädagogik ebenso zutreffend: "Nach neueren Begriffen... sucht man vergebens"; die weiterführende Literatur endet bei einzelnen Artikeln, z.B. 1963, 1969, 1974 usw. "Die Mehrzahl der Stichwörter (befindet sich) - entgegen der Behauptung des Klappentextes - gerade nicht auf der Höhe der wissenschaftlichen Erkenntnis" (wie ein sachkundiger Rezensent des Bereiches Sozialarbeit/Sozialpädagogik feststellt, s. Unsere Jugend 9/01 S. 405f.).

Die Feststellung des Rezensenten, daß das Lexikon "den Nutzer... völlig in die Irre leitet", trifft aber noch in ganz anderer Weise zu: Vergleicht man einzelne Artikel des Lexikons mit denen des Wörterbuches, dessen "Neukonzeption" es doch laut Vorwort sein soll, so stellt man zu seiner Überraschung fest, daß Stichwortartikel nicht nur aus der 4., sondern auch aus früheren Auflagen wortgleich übernommen oder geringfügig "überarbeitet" sind, neu daran aber nur ein anderer als der ursprüngliche Autorname ist.

Mit Versehen bei der Endredaktion, Datenverwechslung bei der Computerisierung o.ä. ist dies nicht zu erklären, wenn man Umfang und Eigenart dieser Irrtümer analysiert: "Alles ein Irrtum? Nein, hierher gehört das Stichwort "Plagiat"", wie ein Betroffener, bzw. betrogener Autor feststellt, der an allen Auflagen des Wörterbuchs beteiligt war und seine Beiträge im Lexikon zwar wiederfindet, nicht aber sich selbst als Autor!

Nachdem ich den Austausch des Autornamens unter sonst mehr oder weniger unveränderten Stichwortartikeln entdeckt hatte, überprüfte ich den Plagiatverdacht und -umfang anhand einer Stichprobe von 20 Artikeln und fand den Plagiatverdacht vielfach bestätigt. Nach Mitteilung an den Verlag kam dieser "nach der genauen Überprüfung von 124 Stichworten... zu folgendem Ergebnis": 81 Stichworte tragen die Autorenangabe Kaller oder Nakad; davon sind 63 Beiträge, also 50% aller überprüften (und rund 80% der mit Kaller oder Nakad unterzeichneten Artikel) mehr oder weniger wortwörtlich aus der 4. Auflage des Wörterbuchs übernommen, aber dort mit dem Namen eines von 12 anderen Autoren gezeichnet. "Bei diesem Ausmaß der Rechtsverletzung bleibt uns sicher nichts anderes übrig, als das Buch vom Markt zu nehmen" (Mitteilung des Verlages vom 25.10.01).

Tatsächlich aber wurde das Lexikon nicht vom Markt genommen, sondern durch Verramschung (Mitteilung des Verlages vom 11.09.02) verbilligt auf den Markt geworfen und so die Täuschung und Irreführung des Nutzers nach Feststellung des Plagiatsachverhaltes und -umfangs fortgesetzt; außerdem ist das Buch noch in mindestens einem Buchversand (lt. Internetangebot) und wahrscheinlich einer ganzen Anzahl von Buchhandlungen zum Originalpreis von 22.- Euro erhältlich! Nachgetragen sei, daß der Herausgeber Kaller Jurist mit dem Lehrgebiet Sozialrecht u.a. an der Universität Mainz war.

Prof. Dr. Hans Pfaffenberger, Emeritus der Universität Trier, Lehr- und Arbeitsgebiet Sozialarbeit/Sozialpädagogik

hans.pfaffenberger@web.de

Rezension von
Prof. Dr. Utz Krahmer
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften, Lehre, Fortbildung, Autoren- und Herausgeberschaft im Bereich des Sozialrechts
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Es gibt 4 Rezensionen von Utz Krahmer.


Zitiervorschlag
Utz Krahmer. Rezension vom 18.01.2002 zu: Paul K. Kaller: Lexikon Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Sozialrecht. UTB (Stuttgart) 2001. ISBN 978-3-494-02255-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/130.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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